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04/05/2018 16:42 CEST | Aktualisiert 04/05/2018 16:42 CEST

Warum wir unserer Nase und der Natur wieder mehr vertrauen sollten

Es heißt zwar „Immer der Nase nach“, doch mit zunehmender audiovisueller Reizüberflutung scheinen viele Menschen ihrem ureigenen Navigationssystem weniger zu vertrauen als ihrem Smartphone. Sie geben einen Teil der analogen Welt auf, indem der Geruchssinn für sie kaum eine Rolle spielt. Dabei ist er der älteste aller Sinne und ein unverzichtbares „Navigationsinstrument“, das uns dabei hilft, Entscheidungen zu treffen. Wenn wir verstehen wollen, wie wir wahrnehmen, sollten wir uns wieder auf das Riechen besinnen. Schreibt Robert Müller-Grünow in seinem Buch „Die geheime Macht der Düfte“, in dem er erklärt, warum wir der eigenen Nase wieder mehr vertrauen sollten und wozu sie fähig ist. Denn wer bewusst riecht, ist nicht manipulierbar.

Dr. Alexandra Hildebrandt

Robert Müller-Grünow gehört zu den Pionieren im Bereich Duft und Dufttechnologien. 2003 gründete er Scentcommunication, einen der weltweit führenden Anbieter für Dufttechnologien und Duftkonzepte. Mit seinem Buch möchte er die Menschen für das Thema Düfte weiter sensibilisieren und beleuchtet die medizinischen, historischen und kulturellen Aspekte von Gerüchen. Dabei stehen folgende Fragen im Fokus: Was macht das komplexe Wunderwerk Nase aus? Wie erklärt sich die Verknüpfung von Düften und Emotionen? Inwieweit beeinflusst der Geruch unsere Partnerwahl? Können sich die individuellen Duftvorlieben eines Menschen im Laufe der Jahre verändern, oder bevorzugen wir ein Leben lang immer die gleichen Essenzen? Verfälscht Parfüm den natürlichen Körpergeruch eines Menschen oder kann es ihn sogar unterstützen? Warum versetzt der Geruch von Bäumen einige Menschen in ihre Kindheit zurück? Was hat Muttermilch mit unserer Vorliebe für Vanille-Duft zu tun? Inwieweit beeinflusst der Geruch unser Temperaturempfinden? Lässt sich aus dem Geruch des Atems auf mögliche Beschwerden schließen?

Der Begriff „Geruch“ (mhd. von „Ruch“, lat. „olfactus“) beschreibt die Ausströmungen unserer Umwelt, die wir mit unserer Nase wahrnehmen. Der Neurobiologe Leslie Vosshall und sein Team an der New Yorker Rockefeller University schätzen, dass wir Menschen mindestens eine Billion unterschiedliche Gerüche wahrnehmen können und nicht (wie lange in der Wissenschaft angenommen) nur 10 000 Gerüche. Wir riechen immer und überall – allerdings meistens unbewusst. Leider wird die Wirkung von Duft heute noch häufig unterschätzt. Müller-Grunow verweist zwar darauf, dass es viele Studien dazu gibt, doch deren Ergebnisse kaum ins öffentliche Bewusstsein gelangen.

Duft ist der einzige Sinnesreiz, der sofort emotionale Reaktionen auslöst und nicht rational gefiltert werden kann. Seine unmittelbare Wirkung auf unsere Emotionen und damit auch auf unser Verhalten wird häufig unterschätzt, denn das Riechen ist – im Gegensatz zu früheren Zeiten, als die Menschen z.B. Gefahren wittern mussten – nicht überlebensnotwendig. Das ist nach Müller-Grunow einer der Gründe, warum wir verlernt haben, „bewusst“ zu riechen, Düfte zu erkennen, einzuordnen und zu beschreiben. Bewusst riechend durchs Leben zu gehen, bedeutet für ihn, besser zu leben. Das kann gelingen, wenn wir lernen, unseren Geruchssinn wieder zu schärfen. Empfohlen werden beispielsweise Riech-Übungen, bei denen versucht werden sollte, in unterschiedlichen Situationen Düfte zu erkennen und sie (mit geschlossenen Augen) zu beschreiben. Bei der Auswahl eines passenden Parfüms sollte nicht Marke und Flakons im Fokus stehen, sondern die reine Konzentrieren auf den Duft.

Gegen das Vergessen

Düfte stehen für Erinnerungen, Lebendigkeit, Dynamik, Glück und Wohlergehen. Im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung nimmt ihre Bedeutung immer mehr zu, weil sie uns in eine überschaubare Welt hüllen, die rundum angenehm ist. Auch wenn es uns im Großen oft stinkt. Claudia Silber, die beim Öko-Pionier memo AG die Unternehmenskommunikation leitet, ist ein sehr geruchsempfindlicher Mensch. Schlechte bzw. angenehme Gerüche fallen ihr sofort auf. Mit Gerüchen verbindet sie aber auch gute Erfahrungen an einem bestimmten Ort oder Menschen. „Gerüche wirken meiner Erfahrung nach sehr viel stärker als das, was wir mit unseren Augen sehen, aber trotzdem nicht immer ganz erfassen. Sie beeinflussen Stimmung, Aktivität und Erinnerungen“, so die Kommunikationsexpertin. Aus Marketingsicht kann sie den Trend zum Duft-Marketing sehr gut nachvollziehen.

So ist ihr als gute Erfahrung in einem Abercrombie & Fitch-Store der dortige Geruch in Erinnerung geblieben, der nahezu perfekt das Image als sportive, lebenslustige Marke für kalifornische Surfer transportiert hat: „Da waren die Enge, die Lautstärke und der restriktive Einlass an der Eingangstür fast vergessen.“ Da viele Menschen oft nicht mehr wissen, wie es im Wald oder wie frisch gemähtes Gras riecht, oder wie es riecht, kurz bevor der erste Schnee fällt, begeben sich ihrer Ansicht nach immer mehr Menschen auf den Pfad der Achtsamkeit. Doch sollten sie dabei auch ihren Geruchssinn nicht vernachlässigen: „Denn die eine Nase ist ein viel besserer Wegweiser als es die zwei Augen jemals sein können.“

Archive der Träume

Die Duft-Branche lässt sich in drei Bereiche unterteilen: Haushaltsparfümerie (Waschpulver, Spülmittel, Reinigungsmittel etc.), Toiletries (Körperpflegeprodukte wie Bodylotion, Shampoo, Duschgel oder Deodorant), Feinparfümerie für alkoholische Lotionen (Eau de Toilette, Parfüm etc.). Die Feinparfümerie ist der prestigeträchtigste Bereich, in dem jedoch nur die wenigsten Parfümeure arbeiten (ca. 80 oder 90 weltweit). Parfümerien sind heute in vielen Städten Archive der Träume: hier werden Düfte als Emotionen verpackt und als Parfüms verkauft. 1921 sorgte der Duft No. 5 von Coco Chanel, die bis heute eine Parfümikone ist, für Aufsehen. Gleichzeitig läutete sie mit dieser Lancierung die Verbindung zwischen Designern und Düften ein.

Das Wort „Parfüm“ stammt vom lateinischen Ausdruck „per fumum“ ab, was so viel bedeutet wie „mit Hilfe des Rauchs“. Parfüm unterstreicht die Persönlichkeit eines Menschen, der den richtigen Duft und die richtige Dosierung für sich finden muss. Der erste Geruchseindruck, die so genannte Kopfnote, ist nicht die, die am Ende einen Duft charakterisiert. Die Herznote beschreibt den tieferen Charakter eines Parfüms. Die Basisnote ist Fundament des Duftes, auch Fond genannt, und bildet den Ausklang des Parfüms.

Duftnoten der Wirtschaft

Das Bedürfnis, uns in Duftwolken zu begeben, hängt mit unserer Sehnsucht nach Ganzheit und Geborgenheit zusammen. Das machen sich auch Automobilkonzerne, Arztpraxen, Museen oder Kinoproduktionen Düfte gezielt und erfolgreich zunutze. Die Automobilhersteller sehen beispielsweise in der Beduftung von Pkw ein potenzielles Mittel der Markenkommunikation. Wer sich in ein Auto setzt, soll die Marke am Geruch erkennen. Eine Bank sollte nach Ansicht von Müller-Grünow seriös und vertrauenserweckend riechen, ein Technologiekonzern innovativ, nach hoher Qualität und Zuverlässigkeit, eine Sportmarke nach Dynamik und Frische. Neuerdings duften sogar Telefonleitungen und IT-Unternehmen. Die Farbe Magenta riecht nach „Bergamotte und rosa Pfeffer, nach Holznoten und einem Hauch von Kaschmir“ (Silke Wettach).

Aber auch Bücher sind mit einem unverwechselbaren Duft verbunden. Den typischen Geruch älterer Bücher hat Professor Matija Strlič vom University College London, wo er das „Institut für Nachhaltiges Kulturerbe“ (Institute for Sustainable Heritage) leitet, genauer untersucht. Ältere Bücher riechen häufig nach einem Hauch Vanille: Während das Papier heute stärker bearbeitet und gebleicht wird, enthielt es früher noch den organischen Stoff Lignin (lat. „lignum“ / Holz), der heute u.a. dafür verwendet wird, um den Duft und Geschmack von Vanille synthetisch herzustellen. In Zeiten der Digitalisierung „geht dem klassischen Druckhandwerk auch etwas von dessen Sinnlichkeit verloren“, sagt Müller-Grünow.

Das von Geza Schön entwickelte und vom Verleger Gerhard Steidl in Auftrag gegebene erste Parfüm mit Papiergeruch „Paper Passion“ ist in einem Buch verpackt, in dem die Seiten so ausgestanzt sind, dass der Flakon darin aufbewahrt werden kann. Entworfen wurde die Verpackung von Karl Lagerfeld. Literaturnobelpreisträger Günter Grass veredelte sie mit einem Gesicht. Die geheime Macht der Düfte ist hier mit Inhalten verbunden, die nicht für den schnellen Konsum bestimmt sind und nicht in den unendlichen Weiten des Internet versichern sollten. Das zeigt auch das Buch von Robert Müller-Grünow in besonderer Weise.

Weiterführende Informationen:

Robert Müller-Grünow: Die geheime Macht der Düfte. Warum wir unserem Geruchssinn mehr vertrauen sollten. Verlag der Edel Germany GmbH, Hamburg 2018.

Verlag der Edel Germany GmbH

Silke Wettach: Es riecht nach Marketing. In: WirtschaftsWoche 20 (12.5.2017), S. 101 f.