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13/04/2018 17:07 CEST | Aktualisiert 16/04/2018 14:57 CEST

Die Japaner haben eine Formel für Glück – das können wir dank ihr lernen

生き甲斐.

In einer Welt, in der finanzieller Erfolg oder materieller Besitz oft der Maßstab für Erfolg sind, wirkt jemand wie Ken Idehara wie eine Anomalie. Sein kleiner, unabhängiger Schuhladen “König der Meister”, befindet sich in dem geschäftigen, bunten Stadtteil Shibuya in Tokio.

Ideharas Laden ist anders als die zahllosen Läden für Schuhreparaturen, die es in der ganzen Stadt gibt. Sein Geheimnis des Ladens liegt darin, dass sich der Besitzer viel Zeit nimmt. Für seine Arbeit und für seine Kunden. 

Kunden bringen ihm oft Schuhe, an denen sie besonders hängen. Es kann bis zu einer Stunde dauern, bis Idehara ihnen den Reparaturvorgang erläutert und mit ihnen über die Kosten gesprochen hat.

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Er hat sich diesen Beruf ausgesucht und bleibt auch dabei, obwohl das Schuhereparieren nicht gerade zu den lukrativsten Geschäften zählt. Für Idehara ist es erfüllend, mit den Händen zu arbeiten und direkten Kundenkontakt zu haben.

Wenn ein Kunde beim Anblick seiner fertigen Schuhe nicht aufhören kann zu lächeln – obwohl er es sich eigentlich nicht anmerken lassen will – dann macht mich das glücklich und gibt mir Genugtuung.”

Juergen Sack via Getty Images
Der Shibuya-Bezirk in Tokio

Im Japanischen gibt es einen Namen dafür, wenn man etwas findet, das einen erfüllt: Ikigai.

Es setzt sich aus zwei Wörtern zusamen: iki, was “Leben” bedeutet und gai, was “Wert” bedeutet. Frei übersetzt bedeutet es “das, wofür es sich zu leben lohnt” oder “das Gefühl, etwas zu haben, für das es sich lohnt, morgens aufzustehen.”

Auf der Suche nach Lebensfreude und innerer Zufriedenheit

Ikigai ist fest in der japanischen Kultur verankert. Was genau der Begriff für jeden einzelnen bedeutet, erschließt sich oft nur durch eine ausführliche und langwierige Beschäftigung mit sich selbst. Jeder findet dabei eine etwas andere Bedeutung von Ikigai. 

Das Ikigai einer Person – und man kann mehr als eines haben – kann die Arbeit sein, die Familie oder alles, was einem Freude und Glück im Leben gibt. Das Ikigai soll das sein, was einem ein Gefühl von Lebensfreude und innerer Zufriedenheit gibt.

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Eng verwandt mit der Idee von Ikigai ist yarigai, was “wert, etwas zu tun” bedeutet und hatarakigai, was den “Wert zu arbeiten” beschreibt. Alle drei Konzepte helfen uns dabei zu hinterfragen, warum wir tun, was wir tun – ohne, dass wir dabei lediglich unseren Pflichten nachkommen.

Die Bedeutung von Ikigai und dem, was wir im Westen als Freude bezeichnen, mag ähnlich erscheinen. Aber es gibt einen wichtigen Unterschied. Ikigai richtet sich stark auf die Zukunft.

Ikigai ist die Schnittmenge aus verschiedenen Lebensbereichen:

1.) Leidenschaft: Wofür brennst du? Was machst du am liebsten?
2.) Beruf: Worin bist du gut? Für was hast du ein Talent?
3.) Berufung: Wofür kannst du Geld verlangen?
4.) Mission: Was braucht die Welt, das du ihr geben kannst?

Wer all diese Fragen beantworten kann und sie in Einklang bringt, soll so Sinn, Zufriedenheit und Ziele im eigenen Leben finden und damit auch Glück.

Einen Sinn im Leben finden, der zielgerichtet und zukunftsorientiert ist

Michiko Kumano ist Professorin an der Osaka Ohtani Universität. Sie hat 2011 untersucht, wie glücklich die Japaner sind und die Ergebnisse mit einer US-Studie über die Zufriedenheit der Amerikaner verglichen. Kumano fand heraus, dass in den USA ein “positives Gefühl” als Indikator für das Glücklichsein gewertet wird, während für die Japaner dazu auch gehört, schwierigen Zeiten mit einer hoffnungsvollen Einstellung entgegenzutreten.

Für eine weitere Studie aus dem Jahr 2017 hat Kumano Japaner im Alter zwischen 30 und 40 Jahren befragt. Dabei fand sie heraus, dass sie Ikigai mit Gefühlen wie Zielerreichung und Erfüllung verbinden. Dazu zählt auch, einen Sinn im Leben zu sehen, der zukunftsorientiert und zielgerichtet ist.

Ein Beispiel: die Psychiaterin und Autorin Mieko Kamiya arbeitete eng mit Menschen zusammen, die an schweren Krankheiten, wie beispielsweise Lepra, litten. Dabei fand sie heraus, dass Ikigai Hoffnung spenden kann und einem etwas gibt, auf das man sich freut. Selbst in den schwersten Zeiten.

In ihrem Buch “Ikigai-ni-tsuite” aus dem Jahr 1966 hat sie über einen 30-jährigen Patienten geschrieben, der angeblich dank Ikigai wieder vollkommen gesund wurde. Der Patient schaffte es, jeden Tag als kleinen Schritt vorwärts zu sehen.

Ikigai kann positive Auswirkungen auf die Gesundheit haben 

Die Lebenseinstellung kann also Einfluss auf die persönliche Gesundheit haben. Studien zeigen, dass ein langes Leben damit zusammenhängen kann, einen Ikigai und somit einen Sinn im Leben zu haben.

Japaner haben mit 83,7 Jahren die höchste durchschnittliche Lebenserwartung weltweit – fünf Jahre mehr als der durchschnittliche US-Amerikaner mit 78,7 Jahren. 

Aber bei Ikigai geht es nicht nur darum, seine Lebenszeit zu verlängern. Es ist vielmehr der Versuch, ein besseres, erfüllteres Leben haben.  

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Bei den Recherchen zu meinem Buch über Ikigai habe ich erkannt, dass Ikigai für jeden Japaner relevant ist. Ich habe viele unterschiedliche Menschen interviewt, darunter ein Unternehmer und ein ehemaliger Sportler. Ich wollte herausfinden, was ihnen Ikigai gibt, wie es ihnen in schweren Zeiten hilft und wie sie ihr eigenes gefunden haben. 

Emotionen sind die Basis

Egal wie ihr Ikigai aussah, eines hatten die Ikigais aller meiner Gesprächspartner gemeinsam: Sie hatten mit Gefühlen zu tun, weniger mit Logik.

Als es darum ging, wie sie ihr Ikigai gefunden haben, erzählten viele von aufregenden Erlebnissen.  

 

Für den Herausgeber einer großen Nachrichtenseite, mit dem ich sprach, bedeutete das zum Beispiel, zwei unterschiedliche Welten miteinander zu verbinden: die traditionellen und die digitalen Medien oder die jüngere und die ältere Generation.

Man kann also sein Ikigai finden, wenn man sich an einen Augenblick erinnert – egal ob aus der Gegenwart oder der Vergangenheit – in dem man eine starke, positive Emotion gespürt hat.

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In ihrem Buch schreibt die schon erwähnte Psychiaterin Mieko Kamiya, dass die eigenen Emotionen am reinsten sind, wenn es darum geht, was Ikigai für einen ist. Man kann vielleicht seine Logik manipulieren, aber Emotionen lügen nicht.

Ikigai hilft herauszufinden, ob man glücklich ist 

Das Konzept von Ikigai ist wertvoll, weil es dem Leben Sinn verleiht. Aber vielleicht noch wichtiger: Es zeigt einem den persönlichen Weg, sein Glück zu bemessen.

“Ob jemand glücklich ist oder nicht, ist eine subjektive Angelegenheit”, sagt Glücksforscherin Midori Kotani, vom Daiichi Life Research Institute.

Für ihre Studie untersuchte sie 800 Frauen und Männer, im Alter zwischen 30 und 89 Jahren. Sie fand heraus, dass Leute dazu tendieren, unglücklich zu sein, wenn sie ihr eigenes Glücksempfinden mit dem von anderen vergleichen. 

Der Schlüssel für die eigene Zufriedenheit liege darin, sich auf subjektive Werte zu fokussieren, statt auf objektive Erfolgs-Kriterien, wie Geld oder den sozialen Status.

Ein anderer, wichtiger Aspekt von Ikigai: oft ist es etwas Äußerliches und nicht etwas Innerliches. Es geht um das Gefühl, am Leben zu sein. Und das erfordert Reaktionen und Rückmeldungen von der Außenwelt.

Motivation von außen

Wenn Hobbies wie die Fotografie oder das Wandern dir Ikigai bescheren, dann wirst du deine Erfahrungen vermutlich mit anderen teilen wollen.

Eine dreifache Mutter mit der ich gesprochen habe, bezeichnete ihre Familie als ihr Ikigai. Sie sagte, dass es ihr große Freude bereite, wenn sie etwas für ihre Familie tun könne und dann das Lächeln auf ihren Gesichtern sehe.

Wenn die Arbeit dein Ikigai ist, dann benötigst du die Wertschätzung deiner Kollegen, damit es wirklich an Bedeutung gewinnt.

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2015 führte das Recruiting-Unternehmen “En-Japan” eine Studie durch, um herauszufinden, was Japaner an ihrem Arbeitsplatz motiviert. Ein Dankeschön zu bekommen stand dabei ganz oben.

Ikigai könne ein Zusammenspiel aus dem inneren Geist und der äußeren Welt sein, sagt Akihiro Hasegawa, ein Klinik-Psychologe und Dozent an der Toyo Eiwa Universität in Yokohama. 

“Wenn jemand Ikigai empfindet, indem er anderen hilft, würde positive Zustimmung helfen, wie zum Beispiel ein Dankeschön. Das motiviert ihn dann, sich noch weiter zu verbessern, um ein noch stärkeres Gefühl von Ikigai zu empfinden”, sagt er.

Ein Barometer fürs Glücklichsein 

Bhutan war in den 1970er-Jahren das erste Land, in dem ein Index für das Bruttonationalglück entwickelt wurde. Seitdem haben Länder immer wieder eine Alternative zu wirtschaftlichen Kennzahlen gesucht, um das kollektive Glücksgefühl und Wohlempfinden seiner Einwohner zu messen.

Im Falle von Bhutan half es, ein einheitliches Glücksbarometer festzulegen, um ein hohes Glücksempfinden im ganzen Land zu schaffen.

Kann Ikigai als nationaler Maßstab für das Glücksempfinden fungieren? Kotani ist davon überzeugt. Werte wie Ikigai und Yarigai seien subjektive Maßeinheiten und könnten deswegen nicht miteinander verglichen werden, sagt sie.

“Aber wenn man untersucht, wie oft einer dieses Gefühl am Tag hat, dann kann es als Maßstab für Glück funktionieren”, sagt sie.

Der Artikel erschien zuerst in der US-Ausgabe der HuffPost und wurde von Patrick Steinke aus dem Englischen übersetzt und von Uschi Jonas zum besseren Verständnis angepasst und erweitert.