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22/09/2018 15:44 CEST | Aktualisiert 22/09/2018 15:44 CEST

Die Hirnforscherin, die den Verstand verlor

Getty Images/Flickr RF

Was wir denken, fühlen, träumen, wie wir uns bewegen und ob wir uns bewegen, all das hat seinen Ursprung im Gehirn. Unser Gehirn ist rund um die Uhr aktiv, funktioniert ohne unser Dazutun meist einwandfrei und steht im Dienst unseres Überlebens. Doch was passiert, wenn es nicht tut, was es soll, wenn es streikt?

Die Hirnforscherin Barbara K. Lipska hat das erlebt und zusammen mit der Autorin Elaine McArdle ein spannendes Buch darüber geschrieben: Die Hirnforscherin, die den Verstand verlor (Ludwig Verlag, München 2018). „Wegen eines Melanoms, das in mein Gehirn gestreut hatte, litt ich zunehmend an geistiger Verwirrung – eine zweimonatige Abwärtsspirale, die ich zu dem Zeitpunkt allerdings überhaupt nicht wahrnahm. Dank einer Mischung aus Glück, bahnbrechendem wissenschaftlichem Fortschritt und der aufmerksamen Fürsorge meiner Familie konnte ich dieses finstere Tal wieder verlassen.“

Die Hirnforscherin, die den Verstand verlor beginnt mir einer Einführung ins Gehirn und in die Arbeit von Barbara K. Lipska. Dabei erfährt man, dass sie keine Ärztin, sondern Molekularbiologin ist und sich ihre Arbeit im Labor abspielt, wo „wir heute nach vererbten Genen und falsch strukturierten Proteinen oder nach dysfunktionalen Leitungsbahnen suchen, die mit einem erhöhten Risiko für psychische Erkrankungen einhergehen.“

Ende Januar 2015, sie trainiert für den Ironman-Triathlon und ist in bester Form, fühlt sie sich eines Morgens plötzlich schwindelig. Bestimmt übertrainiert oder unterzuckert, beruhigt sie sich, doch als sie später am Computer sitzt, merkt sie, dass sie das untere rechte Gesichtsfeld nicht sehen kann. Als Expertin fürs Gehirn befürchtet sie, dass das nicht mit den Augen, sondern mit dem Hinterhauptlappen, wo die visuellen Informationen verarbeitet werden, zu tun hat. Sie will es nicht wahrhaben, hofft auf das Unwahrscheinliche, muss sich dann jedoch mit der Tatsache abfinden, dass ihr Krebstumor ins Gehirn gestreut hat.

Sie wird operiert, der Tumor entfernt. „Ich war wie auf Drogen, völlig getrieben.“ Um gegen das ins Gehirn gestreute Melanom vorzugehen, entscheidet sie sich für die Immuntherapie, welche die Abwehrmechanismen des Körpers nutzt, um den Krebs zu bekämpfen. Sie wird eingeladen an einer klinischen Studie teilzunehmen, unter der Voraussetzung, dass keine aktiven Tumoren vorhanden sind. Dann erhält sie in letzter Minute die Nachricht, dass bei ihr kleine Tumoren aktiv sind. Es ist eine emotionale Berg- und Talfahrt, die Barbara K. Lipska erlebt.

Sie entschliesst sich trotzdem für die Immuntherapie und am Anfang geht alles bestens, doch dann entgleist sie, wendet sich ihr Körper gegen sie. Sie leidet unter einem Ganzkörperausschlag und Kopfschmerzen, zudem sind ihre Persönlichkeitsveränderungen dramatisch. Ihre emotionalen Überreaktionen (heftige Wut, ständiges Misstrauen, grosse Ungeduld) können ein Indiz dafür sein, dass der Stirnlappen seine Kontrollfunktion nicht mehr richtig wahrnehmen kann. „In gewisser Weise ist diese wichtige Hirnregion in einen früheren Zustand zurückgekehrt und mit dem Gehirn eines Kleinkindes vergleichbar, das über keinerlei Impulskontrolle verfügt und noch nicht gelernt hat, schwierige soziale Situationen zu entschärfen.“

Sie selber merkt es nicht, dass sie sich sonderbar benimmt. Sie kann es nicht, denn die sechs Tumoren und die sie umgebenden Schwellungen haben ihren Stirnlappen, der die Selbstreflexion ermöglicht, ausser Kraft gesetzt. Die mangelnde Krankheitseinsicht ist übrigens auch bei Schizophrenie oder einer bipolaren Störung anzutreffen und „eher ein Krankheitssymptom und weniger ein bewusstes Leugnen oder eine Bewältigungsstrategie, wie man vielleicht anfangs glauben könnte.“ Niemand denkt zu diesem Zeitpunkt daran, ein MRT (eine Magnetresonanztomographie) von ihrem Gehirn zu machen. Auch, weil sie niemandem davon erzählt, mit was für Problemen sie sich herumschlägt.

Als dann schliesslich doch ein MRT gemacht wird, stellt man fest, dass aus den ursprünglich drei Tumoren achtzehn geworden sind. Sie unterzieht sich einem CyberKnife-Eingriff, fühlt sich anschliessend bestens, doch der frontale Cortex funktioniert nach wir vor nicht wie er sollte.

Schliesslich bringt die Kombination neuer Wirkstoffe die Tumoren zum Schrumpfen, einige verschwinden sogar. Barbara K. Lipskas Odyssee in den Wahnsinn ist zu einem guten Ende gekommen. Sie staune immer wieder darüber, wie wenig wir Menschen uns ändern, schreibt sie. „Ich war sogar noch ich selbst – beziehungsweise eine Version meiner selbst – , als ein Drittel meines Gehirns dramatisch geschwollen war.“ Doch in einer Hinsicht habe sie sich geändert, stellt sie fest: sie lebe heute deutlich bewusster.

Die Hirnforscherin, die den Verstand verlor ist nicht nur allerbeste Aufklärung über die Funktionsweise des Gehirns, sondern auch die bewegende Geschichte darüber, was ihr eigener Hirntumor Barbara K. Lipska über die menschliche Persönlichkeit lehrte.