POLITIK
14/03/2018 16:36 CET | Aktualisiert 16/03/2018 07:49 CET

Die Geschichte hinter der Merkel-Wahl, über die heute keiner spricht

Hinter den Kulissen ging es turbulent zu.

  • Es war ein turbulenter Tag im Deutschen Bundestag
  • Bei der Kanzlerwahl lief nicht alles so glatt, wie es vielleicht schien
  • Im Video oben seht ihr, wie Angela Merkel zum vierten Mal zur Bundeskanzlerin gewählt wird

Die ganze Welt schaute auf den Deutschen Bundestag.

Darauf, wie die 63-jährige Angela Merkel zum vierten Mal in Folge als deutsche Bundeskanzlerin vereidigt wurde. Nur selten haben so viele internationale Journalisten im Bundestag ihre Kameras aufgebaut.

Doch so reibungslos und unaufgeregt der Amtseid der CDU-Chefin über die Bühne ging – hinter den Kulissen war dieser Mittwoch für alle Beteiligten im deutschen Parlament ein besonderer, ein hektischer Tag.

Und einiges lief so gar nicht nach Plan.

Die HuffPost hat die spannenden Geschichten hinter der Merkel-Wahl gesammelt.

Der SPD Zähl-Appell geht schief

Tage wichtiger Abstimmungen im Bundestag beginnen üblicherweise mit einem Zählappell der Fraktionen. Dort überprüfen die Parlamentarischen Geschäftsführer, ob alle Abgeordneten ihrer Partei anwesend sind – und führen bei brisanten Fragen eine Probeabstimmung durch.

► Auch heute machen Union und SPD einen Zählappell. Bei den Sozialdemokraten, so berichtet es ARD-Korrespondent Moritz Rödle, meldet sich niemand, der gegen Merkel stimmen will.

Kurz sorgt Martin Schulz für Aufregung. Denn er ist nicht rechtzeitig da. Mit Verspätung trifft der ehemalige Parteichef aber doch noch ein.

Am Ende stimmen trotzdem mindestens 35 GroKo-Abgeordnete gegen Merkel. Nicht alle davon aus der Union.

Als erster SPD-Mann tritt später der Parteilinke Marco Bülow vor und sagt: Ich habe gegen die Kanzlerin gestimmt.

Bei der Union sind alle da

Auch bei der Union erscheinen alle beim Zählappell.

Und – das behauptet zumindest ein ranghoher CDU-Politiker – alle stimmen geschlossen für die Kanzlerin.

Der Chef der Werteunion Alexander Mitsch glaubt nicht daran. Er ist sicher, auch aus der Unionsfraktion haben einige Unzufriedene gegen ihre Chefin gestimmt. 

Was macht Merkel-Ehemann Sauer?

Doch zurück in der Zeit: Es ist etwa 8:30 Uhr. 

Während die Abgeordneten langsam in den Plenarsaal strömen, CSU-Mann Hans-Peter Friedrich AfD-Chef Alexander Gauland mit einem Schulterklopfen begrüßt, finden sich auch die Zuschauer auf der Tribüne ein.

► Darunter Merkel-Ehemann Joachim Sauer. Der trägt eine grüne Krawatte zum schwarzen Anzug: eine Andeutung, welche Koalition dem First-Gentleman lieber gewesen wäre?

Auch sonst sorgt Sauer für Irritation. Denn er hat einen Laptop auf dem Schoß, tippt fleißig, auch als Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble die Sitzung schon lange eröffnet hat.

Was Sauer tut? Für einen Moment ist zumindest das Foto eines Bergpanoramas auf seinem Notebook zu erkennen. Ob er schon den nächsten Südtirol-Urlaub mit der Kanzlerin plant?

Wann geht es eigentlich weiter?

Nach der Abstimmung gibt es eine längere Pause.

Eigentlich soll der Kanzlerin um 11:25 Uhr der Amtseid abgenommen werden. So steht es zumindest noch am Morgen auf der Webseite des Bundestags.

Doch der Tagesordnungspunkt verschiebt sich auf 12:00 Uhr. Auch FDP-Chef Christian Lindner scheint das kurz zu irritieren. In der Kantine fragt er den Parlamentarischen Geschäftsführer Michael Grosse-Brömer nach dem Zeitplan.

Auch der muss kurz nachschauen: Ja, um 12 Uhr geht es weiter.

Schrecksekunde, als Merkel den Bundestag verlässt

Merkel muss in der Pause ins Schloss Bellevue, wo Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ihr die Ernennungsurkunde überreicht. Wie immer verlässt sie das Gebäude in der Begleitung ihres Sicherheitsteams.

Vor dem Nordeingang des Bundestages, den üblicherweise Journalisten nutzen, geht ein Mann verbal auf die alte und neue Kanzlerin los. Zivilpolizisten greifen sofort ein und ringen den Mann vor laufenden Fernsehkameras zu Boden.

Laut einem Bericht der “Welt” hatte er Merkel auf einer “nichtdeutschen Sprache” angefeindet. 

So meldet sich die Kanzlerin am Telefon

Die Kanzlerin kommt wohl mit einem Schrecken davon.

Sie betritt den Bundestag durch denselben Eingang – an der Seite ihrer sonst öffentlichkeitsscheuen Büroleiterin Beate Baumann, der langjährigen rechten Hand Merkels.

Wenige Minuten später ist Merkel schon wieder auf der Plenarsaalabene des Bundestags unterwegs, gratuliert dem PR-Unternehmer Axel Wallrabenstein händeschüttelnd zum Geburtstag.

► Dann klingelt ihr Handy. Etwas verwundert schaut Merkel auf die Nummer auf dem Display, die sie nicht zu kennen scheint. “Merkel, Hallo?”, sagt die CDU-Chefin beim Abnehmen.

So meldet sich die Bundeskanzlerin also am Telefon. Die Kanzlerin verschwindet in einem Raum, vor dem auch Regierungssprecher Steffen Seibert am Telefon hängt.

Weidel schüttelt beim Amtseid den Kopf

Seibert telefoniert auf flüssigem Französisch. Ob die Regierung in Paris Grüße und Glückwünsche sendet?

Dann geht es im Plenarsaal weiter. Der Moment der Wahrheit.

Merkel spricht den Amtseid mit fester Stimme. Es ist bereits das vierte Mal, dass Merkel die berühmten Worte vorliest. Heute zum ersten Mal in einem weißen Sakko, die letzten Male trug Merkel stets ein festliches Schwarz.

► Während die CDU-Chefin schwört, jeden Schaden vom deutschen Volke abzuwenden, schüttelt AfD-Fraktionschefin Alice Weidel in der ersten Reihe ihrer Fraktion energisch den Kopf.

In AfD-Kreisen gilt Merkel als Eidbrecherin, weil sie in der Flüchtlingspolitik gegen den Willen des Volkes gehandelt habe. Schon zuvor hatten sich AfD-Politiker mit lauten Zwischenrufen beschwert, als Parlaments-Präsident Wolfgang Schäble Merkel “im Namen des gesamten Hauses” gratuliert hatte.

Schäuble muss die Saaldiener rufen

Auf der Tribüne wird es kurz hitzig.

► Einige Zuschauer bekunden laut ihren Unmut über Merkel. Für den Bruchteil einer Sekunde hält ein Mann ein Plakat in die Luft. Darauf zu lesen: “Merkel muss weg.”

Schäuble unterbricht die Sitzung, ermahnt den Mann, ruft die Saaldiener. Eine Mitarbeiterin des Bundestags fordert den Mann auf, die Tribüne zu verlassen.

Er zieht davon. 

Bundestagsmitarbeiter ächzen

Dann: Wieder Pause.

Hinter den Kulissen ächzen die Mitarbeiter des Bundestages, die den Ablauf der Veranstaltng regeln, das Essen in den Kantinen ausgeben.

“Heute gehen ständig alle raus und wieder rein. Wirklich schlimm”, sagt eine Kantinenkraft.

Ein solches Hin und Her sind sie nicht gewohnt – in einem Haus, in dem seit mehr als zwölf Jahren die selbe Frau den Ton angibt.

(jg)