POLITIK
13/07/2018 13:58 CEST

Die Fußballweltmeisterschaft ist ein 6:3-Sieg Putins

Warum der Kreml-Chef schon vor dem Finale als Gewinner des Turniers feststeht.

Reuters
Russland Präsident Wladimir Putin (linkes Foto, rechts) profitiert von der Begeisterung der Russen für die Fußball-WM.

Es waren ungewohnte Töne, die da plötzlich aus der Opposition in Russland zu hören waren: “Das ist eine Nationalmannschaft, auf die das ganze Land stolz ist. Danke, Jungs, dafür, dass Millionen gleichzeitig das Wort ‘Russland’ skandiert haben“.

Es war ausgerechnet Alexej Nawalny, der populärste Gegner Putins und bis vor kurzem ein lautstarker Kritiker der Fußball-Weltmeisterschaft, der diese Zeilen twitterte – mit drei Russland-Fahnen im Anhang.

Nawalnys Stabschef Leonid Wolkow lehnte sich noch weiter aus dem Fenster: “Eine tolle Nationalmannschaft! Ganze Kerle und Prachtexemplare! Die Verschwörungstheoretiker sind blamiert“, twitterte Wolkow in Anspielung auf Gesinnungsgenossen, die vor Betrug bei der WM gewarnt hatten, etwa in Form von Doping.

“Viele Oppositionelle zeigen eine regelrecht WM-Euphorie”

“Viele, die sich für Oppositionelle halten, zeigen eine regelrechte WM-Euphorie, mit dem kaum verdeckten Tenor, man könne endlich wieder stolz sein auf Russland“, klagt Ayder Muschdabajew, ein russischer Journalist und Regimegegner im ukrainischen Exil.

“Es ist eine Schande, dass sich so viele Kreml-Kritiker begeistern lassen von einer WM, von der jeder, der sich informiert, weiß, dass sie gekauft wurde, dass der Putin-Clan gewaltige Bestechungsgeldern abzweigte.“

“Der wahre Gewinner steht schon fest”

“Der wahre Gewinner dieser Weltmeisterschaft steht schon vor dem Finale fest“, meint Muschdabajew: “Es ist Putin.“

Das Turnier habe nicht nur im Ausland das Ansehen von Putins Russland erheblich gesteigert: Es habe auch die ohnehin chronisch zerstrittene russische Opposition noch weiter gespalten.

“Die Weltmeisterschaft hat Putins Macht im Inland zu einer absoluten Macht gemacht, und im Ausland wirke sie wie eine Art Ablass, also Sündenerlass für ihn und sein System“, sagt Muschdabajew, der in Kiew Tag und Nacht unter Polizeischutz steht, weil er auf einer Moskauer Todesliste für Kreml-Kritiker in der Ukraine stehen soll.

“Selbst schwedische Fans sind in Putin-T-Shirts gesichtet worden”

“Selbst schwedische Fans sind in Putin-T-Shirts gesichtet worden“, ärgert sich Muschdabajew: “Der niederländische Star Marco van Basten posierte im Kreml mit Putin – der für den Abschuss einer Boeing über der Ostukraine verantwortlich ist, bei dem 298 Menschen ums Leben kamen, davon 193 Landsleute van Bastens.“

“Die Moral der Geschichte ist, dass Putin alles kaufen kann, selbst eine WM“, sagt der Kreml-Kritiker bitter: “Und genauso wie er die Fifa-Funktionäre einkaufte, besticht er Politiker im Westen, auch in Deutschland; das Prinzip ist das gleiche, und es ist sehr erfolgreich.“

“Putins sechs WM-Tore”

Entscheidend sei, dass die WM Putin im Inland stärke, meint der Kreml-Kritiker Andrej Okara. Er hat sechs Erfolgs-Faktoren ausgemacht – und nennt sie “Putins sechs WM-Tore“:

1. Rentenreform

“Die Karnevals-Atmosphäre und die Begeisterung, die durch die WM in Russland entfacht wurden, haben geholfen, abzulenken von der parallel angekündigten und höchst umstrittenen Erhöhung des Rentenalters um fünf Jahre für Männer und acht Jahre für Frauen. Die negativen Reaktionen auf diese Reform wären ohne die WM viel heftiger ausgefallen.“

2. Weltmachtgefühl

“Die WM hat im Bewusstsein der Menschen in Russland nochmal den Eindruck verstärkt, dass Putin ein sehr durchsetzungsfähiger Politiker ist, ein Staatsmann von internationalem Format, der die Blockade des Westens gegen Russland durchbrochen hat, der das Land von den Knien erhoben und in den Kreis der Weltmächte zurückgeführt hat.“

3. Boykott-Vermeidung

“Obwohl es im Vorfeld des Turniers viele Rufe nach einem Boykott durch westliche Staaten gegeben hatte, konnte Putin eine Situation wie bei der Olympiade 1980 in Moskau abwenden. Damals nahmen wichtige westliche Staaten wegen des Afghanistan-Einmarsches der Sowjetunion nicht teil.

Dass der Westen mitspielt, verleiht Putin und seinem System in den Augen vieler Russen zusätzliche Legitimität. Die Klagen der Opposition über die Diktatur dagegen werden dadurch für viele Russen unglaubwürdiger.“

4. Nationalstolz

“Mit dem Turnier wurde nochmals der ganzen Welt das alte Lied von der Offenheit und Emotionalität der Russen vorgespielt, das auf Dostojewski zurückgeht. Von der großherzigen russischen Seele.

Jetzt tönt die TV-Propaganda, dass Millionen Fußball-Fans aus aller Welt Russland lieben gelernt haben und einsehen mussten, entgegen allen westlichen Vorurteilen bei uns keine Nashörner oder Bären mit Balalaikas über die Straßen laufen.”

4. Friedensmacht

“Das Turnier belebte die Idee der ‘Volksdiplomatie’ wieder – dass alles gut ist, wenn sich die einfachen Menschen miteinander unterhalten und dabei entdecken, dass alle Menschen Brüder sind.

Damit wird abgelenkt von der aggressiven Politik des Kremls, dem Angriff auf die Ukraine, wo Moskau bis heute Krieg führt, der Bombardierungen in Syrien.“

5. Freiheitsgefühl

“Für einen beschränkten Zeitraum hat die WM auch den kritisch eingestellten Russinnen und Russen ein Gefühl von Freiheit vermitteln – bis hin zu Kleinigkeiten. Etwa, dass anders als sonst das Trinken von Bier in der Öffentlichkeit erlaubt ist.“

Die Tore, die Putin kassiert hat

Im Gegenzug hat Okara nur drei „Gegentore“ für Putin ausgemacht, also WM-Aspekte, die ihm schaden:

1. Salz in der Suppe

“Obwohl die westlichen Staaten sich nicht zu einem offiziellen Boykott der WM entschlossen haben, meiden westliche Politiker die WM weitgehend – und kommen allenfalls zu den Spielen der eigenen Mannschaft, ohne Treffen mit russischen Staatsmännern.“

2. Oleh Senzow

“Der Hungerstreik des wegen angeblichen Terrorismus zu 20 Jahren verurteilten ukrainischen Regisseurs in einem Showprozess sorgt weiter weltweit für Schlagzeilen. Dem politischen Häftling droht nach Ansicht seiner Unterstützer der Tod in russischer Haft. Der Kreml zeigt sich hier von seiner harten Seite.“

3. Fifa geißelt Ukraine-Aussage

“Die pro-ukrainischen Aussagen eines kroatischen Spielers und eines Funktionärs nach dem Viertelfinal-Sieg über Russland wären wohl kaum einem größeren Publikum bekannt geworden, hätte sich nicht die Fifa auf Druck Russlands zu einer Bestrafung hinreißen lassen.

Putin machte die Sache zum Politikum, das jetzt weltweit Beachtung fand. Insbesondere weil die Verurteilung der per se harmlosen Aussage der Kroaten nur dann Sinn macht, wenn man eine Aggression Russlands gegen die Ukraine anerkennt. Ein klassisches Eigentor, das die Milliarden Euro teure Image-Aktion ‘Weltmeisterschaft’ massiv beschädigt.“  

Nach Okaras Zählweise ergibt sich damit ein politischer 6:3-Sieg Putins bei der WM.

Stolz wie bei Gagarins Flug ins Weltall

Dabei spielen auch die sportlichen Faktoren eine entscheidende Rolle, glaubt der im Berliner Exil lebende Soziologe Igor Eidman: “Seit dem Anschluss der Krim gab es in Russland kein derartiges nationales Triumphgefühl mehr, von ihrer historischen Bedeutung her sind beide Ereignisse gleichwertig.“

Seit vielen Jahren leide Russland an einem “Unbehagen von nationalem Ausmaß – einer Art von Minderwertigkeitskomplex“, konstatiert Eidman: Da Fußball inzwischen eine Art “internationale Religion“ geworden sei, habe viele Russen der Misserfolg des eigenen Landes in dieser Sportart sehr bedrückt.

Der unerwartete Einzug der “Sbornaja“, wie die Nationalmannschaft auf Russisch heißt, ins Viertelfinale und ihr Achtungserfolg gegen Kroatien seien deshalb “eine Art Revolution“, so der Soziologe: Sie lösten so viel Stolz aus wie einst der Flug des Russen Juri Gagarin als erster Mensch ins Weltall.

Wer nicht jubelt, steht im Abseits

Wer sich der Fußball-Euphorie entziehe, so Eidman, der gelte heute als “Russophob“ – also Russlandhasser; so werden in der Kreml-Sprache Regimegegner genannt.

Als solcher will keiner gerne dastehen. Und so begeisterte sich selbst Oppositionsführer Nawalny für Torwart Igor Akinfejew, der bei der Wahl Putins im März einer von 16 offiziellen “Vertrauenspersonen“ von Staatschef Putin war – also einer der wichtigsten Repräsentanten des Systems, gegen das der Hoffnungsträger der Opposition so erbittert kämpft, und das ihn immer wieder ins Gefängnis steckt.

Nawalnys Stabschef Leonid Wolkow sieht in solchen Gegensätzen kein Problem: “Wer glaubt, dass die Machthaber die Erfolge im Fußball kapitalisieren, und dass diese ihre Machtposition stärken werden, möge sich daran erinnern, dass 1988 das erfolgreichste Jahr in der Geschichte des sowjetischen Sports war“, twitterte er. 

Seine Widersacher entgegnen darauf, dass zum einen die “Sbornaja“ in den 1960er Jahren erfolgreicher gewesen sei, also zur Hochzeit der Sowjet-Diktatur – und dass diese 1988 bereits in Auflösung und die Perestroika in vollem Gange gewesen sei.

“Die Menschen haben gesehen, wie das Leben sein kann”

Abseits vom Bruder-Zwist in der Opposition kann die Witwe des 2006 in London mit radioaktivem Polonium ermordeten Ex-KGB-Offiziers und Putin-Kritiker Alexander Litwinenko, Marina Litwinenko, der WM auch viel Positives abgewinnen. 

Einerseits beklagt sie zwar, dass viele westliche Medien, vor allem das Fernsehen, zur WM ein beschönigendes Bild von Putins Russland vermittelten und damit das Regime im Kreml “weichzeichneten“.

Dennoch sieht die Litwinenko dank der WM einen Hoffnungsschimmer für einen langsamen Wandel – eine Perestroika von unten: “Die Menschen in Russland haben jetzt gesehen, wie schön das Leben sein kann, wie friedlich die Ausländer sind, wie freundlich und zuvorkommend ihr eigener Staat sein kann, etwa die Polizei“, sagt die Frau, die eine Symbolfigur der russischen Opposition ist, mit leuchtenden Augen.

 “Warum muss das sein?”

“Und viele Russen werden sich nach der WM, wenn das Regime wieder seine hässliche Fratze zeigt, fragen: Warum muss das sein? Müssen wir das ertragen?“, glaubt Litwinenko.

Die WM habe den Russen einen Monat lang einen Eindruck von westlicher Lebensweise vermittelt: “Ich bin sicher – sehr viele sind auf den Geschmack gekommen. Und Putins ganze WM-Rechnung kann deshalb längerfristig nach hinten losgehen.“

 

(sk)