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16/07/2018 11:54 CEST | Aktualisiert 19/10/2018 09:38 CEST

Die Fußball-WM ist verdorben – diese 3 Dinge müssten sich ändern

Wir und Millionen anderer Fans wollen den Fußball zurückhaben, den wir lieben. Ohne Gewalt, Gier und Korruption!

Fred Lee via Getty Images
Während der 90 Minuten eines Fußball-WM-Spiels wird fast alles andere zur Nebensache.

Schon seit unserer Kindheit lieben wir diesen Sport. Den Traum, selbst als Fußballprofi gegen Zinédine Zidane oder Roberto Carlos auf dem Platz zu stehen, haben wir zwar schon vor längerer Zeit aufgegeben, aber wenn die besten Fußballspieler um den Weltmeistertitel kämpfen, verfällt das Kind in uns wieder in Ekstase.

Offensichtlich sind wir damit nicht allein. Jeder siebte Mensch hat im Jahr 2014 das Finale der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft der Männer gesehen. Das Drama von Maracanã sorgte in Deutschland für die unglaubliche Rekord-Einschaltquote von 86,3 Prozent.

Selbstverständlich waren auch wir mit von der Partie. Und auch am gestrigen Sonntag haben wir wieder – zusammen mit einer Milliarde anderer Menschen – das Finalspiel eingeschaltet.

Während der 90 Minuten wird fast alles andere zur Nebensache. Selbst das Wissen darum, dass die WM in Russland ein Riesengeschäft ist, an dem nur die Wenigsten verdienen und unter dem viele Menschen leiden müssen. Skandale um Menschenrechtsverletzungen während der Vorbereitungen zur WM werden nicht nur von Amnesty International kritisiert.

Boykott ist keine Option

Ausbeutung und Arbeitssklaven, Ressourcenverschwendung und Zerstörung von Biotopen, Verschwendung von Steuergeldern und korrupte Strukturen,an denen sich Großkonzerne und Einzelpersonen bereichern, die eigentlich schon genug Geld haben sollten – vieles von dem, was man nicht erst seit diesem Jahr in der Berichterstattung rund um die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft lesen kann, verdirbt einem geradezu die Freude an diesem sportlichen Highlight.

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Aber neben Milliarden Euro Einnahmen bringt ein Event wie die Fußball-Weltmeisterschaft vor allem Millionen fußballbegeisterter Menschen zusammen und Chancen zur positiven Veränderung mit sich, die sich sonst nur selten bieten.

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Deshalb ist ein Boykott für uns keine Option. Um die Chance, die eine Fußball-WM noch immer ist, sinnvoll zu nutzen, brauchen wir etwas Neues: Eine Weltmeisterschaft, die auf der ganzen Welt stattfindet – eine Welt-WM!

Jedes Spiel findet dabei in einer der beiden spielenden Nationen statt. Was das ändern soll?

Gegen Nationalismen!

Regierungen rund um den Globus nutzen die Großveranstaltung als Bühne, um sich vor internationalem Publikum als die perfekten Gastgeber zu präsentieren und ihr Image aufzupolieren. Egal ob Diktatur oder Demokratie: Die Führungsriege eines Landes kurbelt mit einer WM nicht nur den Tourismus, sondern auch die Beliebtheitswerte in der eigenen Bevölkerung und im Ausland an.

Selbst die schlimmsten Regime können sich plötzlich weltoffen zeigen, was in der Geschichtsforschung spätestens seit den Olympischen Spielen der Nazis im Jahr 1936 in Berlin bekannt ist, wohl aber auch schon über Sportveranstaltungen im alten Rom oder Griechenland gesagt werden kann.

Noch nie haben wir die WM eingeschaltet, weil wir deutsche Staatsbürger sind, sondern immer, weil wir Fußball sehen wollen. Die Sportler besitzen nur zufälligerweise den gleichen Pass. In ihren Vereinen spielen sie meist mit internationalen Stars zusammen, ohne dass nationale oder kulturelle Unterschiede sie behindern würden.

Charles Platiau / Reuters
Aus der Weltmeisterschaft könnte ein riesiges Welt-Fußball-Fest werden.

Ob wir uns von Regierungen instrumentalisieren lassen oder durch den Sport die Erkenntnis gewinnen, dass wir Gemeinsamkeiten mit Menschen auf der ganzen Welt teilen, hängt von uns Zuschauern ab.

Wir entscheiden, ob wir über die Leistung einer Mannschaft, die Regierung einer Nation oder die Kultur eines Landes diskutieren und wie wir uns von der Debatte beeinflussen lassen.

Der leidenschaftliche Einsatz der Iraner, die taktische Disziplin der Südkoreaner oder das geniale Umschaltspiel der Belgier sind sportliche Höchstleistungen, die Menschen auf dem Rasen erbringen.

Hier können die Sportler stellvertretend für ein ganzes Land Sympathien erspielen und potenzielle Besucher aus dem Ausland für andere Kulturen faszinieren. Die Weltmeisterschaft bringt nicht nur Sportler, sondern auch uns Zuschauer zusammen.

Eine Welt-WM könnte mithilfe des Sports den kulturellen Austausch fördern, ohne einer selbstgefälligen Gastgeber-Regierung das Rampenlicht zu überlassen.

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Stattdessen besuchen die Fußballfans im Turnierverlauf unterschiedliche Länder, je nachdem, wer ihnen als Gegner zugelost wird und wer das Heimrecht bekommt. Aus der Weltmeisterschaft könnte ein riesiges Welt-Fußball-Fest werden.

So rückt auch wieder der Fußball in den Fokus. Fußball, der sich nicht von nationalen Grenzen aufhalten lässt.

Gegen die Umweltzerstörung!

Millionen Fans aus aller Welt in nur einem Land zu beherbergen, ist ein riesiger logistischer Aufwand. Häufig werden zu diesem Zweck neue Hotels für Milliardenbeträge gebaut, in denen nach dem Großevent viele Betten leer bleiben.

Bei einer Welt-WM könnten die Fußballtouristen durch die bereits vorhandene Infrastruktur aufgefangen werden, statt riesige Flächen für Neubauprojekte zu betonieren.

Was zunächst nach Gigantomanie und noch mehr unnötigen Flugmeilen klingt, könnte sich als Zugewinn für die Umwelt erweisen: Da pro Spiel nur die Hälfte der Fans ihr Heimatland verlassen müsste, könnte auch der damit einhergehende Flugverkehr verringert werden.

Und bedenkt man, dass in den riesigen Gastgeberländern (diesmal Russland, in 8 Jahren Kanada, Mexiko und die USA) teilweise ebenfalls Tausende Kilometer zwischen 2 Spielstätten liegen, könnten auch die Distanzen schrumpfen. Das Halbfinale zwischen Frankreich und Belgien jedenfalls hätte bei einer Welt-WM für die meisten Fans in Auto-Reichweite gelegen.

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Das wohl größte Umwelt-Desaster vieler Weltmeisterschaften ist aber der Bau der Fußballstadien. Sowohl im brasilianischen Dschungel als auch in der Wüste Katars leiden Mensch und Natur unter diesem Wahnsinn. Biotope werden unter Spielstätten, Parkplätzen und Zugangswegen begraben. Nicht zu vergessen die Regionen, in denen die notwendigen Rohstoffe abgebaut werden und die häufig an den Folgen des Raubbaus leiden.

Eine Welt-WM macht diesen Unsinn komplett unnötig. Stattdessen könnten Städte die riesigen Summen in den langfristig sinnvollen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs oder nachhaltige Formen der Energieerzeugung investieren, um die Austragungsorte für die Zukunft zu gestalten.

Gegen Verschwendung und Korruption!

Rund 30 Milliarden Euro investiert der russische Staat rund um die WM 2018. Das ist fast doppelt so viel wie dem deutschen Bundesministerium für Gesundheit in einem Jahr zur Verfügung stehen.

Statt das Geld jedoch für fundamentale Interessen der eigenen Bevölkerung auszugeben, verpuffen Unsummen durch den Bau viel zu teurer Prestigeobjekte. 

ALEXANDER NEMENOV via Getty Images
Rund 30 Milliarden hat der russische Staat in die WM gesteckt.

Schätzungen zufolge sind allein durch Korruption in Verbindung mit dem Bau von Stadien in Russland für die bis dato teuerste WM aller Zeiten über 1 Milliarde Euro verschwunden.

Der Emir von Katar will für die WM 2022 sogar 50 Milliarden Euro ausgeben. Einen Großteil davon wird mit Sicherheit das deutsche Bauunternehmen Hochtief einstreichen, in das der Staatsfonds von Katar nach der WM-Vergabe mit einem Anteil von 9,1 Prozent eingestiegen ist.

Wirtschaftliche Interessen scheinen bei der Weltmeisterschaft eine immer größere Rolle zu spielen. Für offizielle Sponsoren der WM werden sogar Gesetze in den Gastgeberländern geändert.

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Dass bei diesen Mega-Deals zur WM-Vergabe nach wie vor der eine oder andere Geldkoffer für Funktionäre und Politiker unter dem Tisch den Besitzer wechselt, ist belegt und stößt sogar FBI-Ermittlungen an.

Mit einer Welt-WM ohne neue Stadien bekämpft man nicht nur die Verschwendung von Steuergeldern, sondern die damit zusammenhängende Korruption gleich mit. Getreu dem Motto: Wenn Gelegenheit Diebe macht – streichen wir die Gelegenheiten!

Endlich wieder Fußball

In diesem Zug könnte man auch über eine weitere Änderung des Turnierverlaufs nachdenken, wie es die FIFA zur WM 2026 bereits plant. Würde die WM auf 64 Teams erweitert, könnte es statt mit einer Gruppenphase direkt im K.-o.-System losgehen.

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Viele Spiele gewinnen dadurch an Spannung und auch für Underdogs vergrößern sich die Chancen, in die nächste Runde einzuziehen. Maximal müsste eine Mannschaft dann 6 Spiele bestreiten, um den Pokal zu gewinnen.

Das Team, das in der FIFA-Weltrangliste die niedrigere Position besetzt, könnte das Heimrecht erhalten. Das Finale könnte dann im Land der Gewinnermannschaft der letzten WM stattfinden.

Bislang ist die FIFA die Erfüllung ihres Versprechens schuldig geblieben, mit der unabhängigen Ethikkommission hart gegen Korruption vorzugehen.

Einzelne Personen, die verschiedener Vergehen überführt wurden, hat die Ethikkommission gesperrt. Doch damit die Fußball-Weltmeisterschaft den Idealen von gegenseitigem Respekt und Fairplay, die sie so gern in die Höhe hält, auch selbst gerecht wird, muss sie sich verändern.

Eine Welt-WM kann ein guter Schritt in diese Richtung sein. Wenn die Skandale neben dem Platz aufhören, kann sich der Blick wieder auf das sportliche Drama fokussieren, das sich zwischen 22 Menschen auf dem Grün abspielt.

Wir und Millionen anderer Fans wollen den Fußball zurückhaben, den wir lieben. Ohne Gewalt, Gier und Korruption!

Dieser Artikel ist zuerst bei Perspective Daily erschienen.

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(ujo)