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12/03/2018 15:54 CET | Aktualisiert 12/03/2018 15:54 CET

Die Euphoriebremser - 8 Hemmnisse der Digitalisierung

Um eine vernünftige Einschätzung zukünftiger Entwicklungen treffen zu können, ist es auch notwendig, die Verzögerungen und Bremsen zu sehen. Bei aller Euphorie über die wunderbare digitale Welt der nächsten Generationen, gibt es doch auch Gegenströmungen, die einen verlangsamenden und verzerrenden Einfluss haben.

Als erstes sind hier regulative Mechanismen zu sehen. Die juristischen Hindernisse für eine neue Technologie sind oft größer, als die technischen Herausforderungen.

Alleine im Bereich des autonomen Fahrens ist es gut vorstellbar, dass die Zulassung der ersten echten autonom fahrenden Autos, Taxis zum Beispiel, deutlich länger dauern wird, als ihre Herstellung und Marktreife.

Bei der Entwicklung eines juritischen Unterbaus für herausfordernde Themen wie Genetik oder Robotik wird ebenfalls sicher viel Zeit benötigt, um hier eine passende gangbare Lösung zu finden.

Andere Regulative wie zum Beispiel der Datenschutz werden eine weitere bremsende Wirkung haben. Das wird den digitalen Tsunami nicht aufhalten, aber vermutlich eine Wirkung auf den Verlauf haben.

Alleine die lokalen Bedingungen können sich hier für einzelne Länder ungünstig auswirken. Wenn wir hier in Deutschland unsere Webseiten-Betreiber mit einer Flut von Datenschutzgesetzen überziehen, gefolgt von einer Armee von Abmahnanwälten, die nichts Besseres zu tun haben, als internetbasierten Unternehmen fertig zu machen, dann freut das die Konkurrenz im Rest der Welt, die sich damit nicht rumschlagen müssen.

Es kommt zu Verschiebungen, die den Fortschritt in andere Länder verschiebt. Alleine schon die Einführung der Datenschutzgrundverordnung in 2018 verlangt tausende von Arbeitsstunden von deutschen Unternehmern. Wertvolle Zeit, in der andere Unternehmen weltweit weiter an ihrem Geschäftsmodell arbeiten.

Das soll nun nicht unbedingt bedeuten, dass Regulative generell schlecht sind, aber sie haben eine nicht zu leugnende Wirkung. Obendrauf kommt noch die typisch deutsche (vielleicht auch europäische) Obsession, grundsätzlich notwendige Regelungen heillos zu überziehen.

Das beobachten wir in vielen Bereichen, wie zum Beispiel dem AGG. Niemand widerspricht, dass es hier ein Ungleichgewicht gab, aber die völlig überzogenen Forderungen des AGG machen daraus nun ein Ungetüm, welches mehr neue Probleme schafft, als alte Probleme damit gelöst wurden. Wenn wir hier in Deutschland restriktive Umweltregeln für Unternehmen definieren, welche 500 km weiter in unseren Nachbarländern, nicht gelten, dann verschiebt das Umsätze und Arbeitsplätze dort hin.

Wie gesagt, gut gemeint, aber nicht ohne Nebenwirkung. Ähnliches werden wir auch in den Regulativen beobachten, welche die digitalen Schlüsseltechnologien betreffen. Lokale Bestimmungen, Gesetze und Vorgaben verschieben die Entwicklung und beeinflussen die Geschwindigkeit und Ausbreitung.

Die Arbeit von Lobbyisten und Interessensverbänden ist ein weiterer Punkt der hier Wirkung zeigen wird. Nicht jede Gruppierung steht dem Fortschritt positiv gegenüber, erst Recht nicht, wenn er die eigene Branche betrifft.

Das war gut zu beobachten, als Uber begann der deutsche Taxizunft Konkurrenz zu machen. So sehr ich verstehe, wie bedroht sich die Taxifahrer fühlen, ist es doch ein normaler Vorgang, dass sich Geschäftsfelder verändern.

Nachdem AirBnB den Markt der kurzfristig gemieteten Wohnräume wie Hotels, Ferienwohnungen und sonstige Gästeunterbringungs-Systeme gehörig aufgemischt hatte, war es nur eine Frage der Zeit, bis das auch in der Fahrgastbeförderung passieren würde.

Während die Taxifahrer-Vereinigungen um den Bestand ihrer Geschäfte kämpfen, denkt Uber bereits über autonom fahrende Mietwagen nach, in den gar kein Fahrer mehr sitzt. Das wird früher oder später auch kommen, trotzdem werden die rechtlichen Schwierigkeiten für autonomes Fahren generell und der Widerstand der herkömmlichen Taxi-Betreiber auch diese Entwicklung bremsen.

Dieser Mechanismus wird auch in anderen Bereichen wirksam sein und zu lokalen und branchenspezifischen Verschiebungen führen.

Es klingt vielleicht ein bisschen nach Verschwörungstheorie, aber möglicherweise hat die Lobbyarbeit der Erd-Ölindustrie die Entwicklung elektrisch fahrender Autos wirklich behindert. Es ist zumindest vorstellbar. Immerhin geht es hier um Milliarden.

Während eMobilität bisher eher ein Betätigungsfeld für Freizeiterfinder war, ist es plötzlich in aller Munde. Kaum startet Tesla die Produktion, zaubern plötzlich alle großen Autohersteller e-Konzepte aus dem Hut. Interessant oder? Wenn man sich nun ansieht, welche Branchen in welchen Ländern stark sind, lässt sich daraus durchaus ableiten, welche Lobby-Gruppierungen hier wirksam sind.

Kulturelle Unterschiede sind ein weiterer, großer Einflussbereich. Um beispielhaft ein ungewöhnliches (aber sehr lukratives) Geschäftsfeld zu betrachten: In asiatischen Ländern sind nicht menschliche Hilfen für sexuelle Gefälligkeiten weitaus akzeptierter als in unseren Breitengraden.

Die erste Welle von voll funktionsfähigen Sexualpartnern aus der Fabrik wird wohl eher in Asien für Umsatz sorgen, bevor sich hier in Europa ein (Schwarz-)Markt entwickelt. Ein heikles Thema, ich weiß, trotzdem ein gutes Beispiel für kulturelle Unterschiede und deren Auswirkungen.

Diese kulturellen Unterschiede werden aber auch andere Entwicklungen wie Unternehmenskooperationen und globale Außenposten der einzelnen Firmen beeinflussen. Jedes größere Unternehmen beschäftigt eine Abteilung, welche die Differenzen ausräumen soll, die entstehen, wenn Menschen verschiedener Kulturkreise aufeinander treffen. Viele Abläufe lassen sich nicht einfach von Land A nach Land B übertragen und dieser Umstand beeinflusst die Ausbreitung der damit verbundenen Technologien.

Schon seit den drei bzw. vier Direktiven bei „RoboCop“ ist Forderung nach einer festgeschriebenen Ethik für zukünftige Entwicklungen eine weitere, sinnvolle Überlegung.

Wie setzen wir Grenzen für Maschinen, welche diese nicht überschreiten dürfen? Müssen wir alles was machbar ist auch wirklich tun? In Genetik und Medizin beispielsweise?

So nötig diese Diskussion auch ist, was immer wir danach an Regeln für nötig halten, es wird auch hier eine bremsende Wirkung erzeugt, die natürlich nur dort eintritt, wo diese Regeln auch eingehalten werden. Wenn wir uns Entwicklungen, wie globale Vereinbarungen zum Klimaschutz, Waffenhandel oder Walfang ansehen, können wir wohl auch bei den erwähnten Ethikregeln davon ausgehen, dass sich nicht alle daran orientieren werden.

Religiöse Widerstände gehören ebenfalls in diese Gruppe. Mit erstaunlicher Regelmäßigkeit versuchen Religionen Weiterentwicklung zu stoppen. Vom heliozentrischen Weltbild, über Widerstand gegen Fluggeräte („Der Mensch soll nicht fliegen“), bis hin zur modernen Geburtenkontrolle wurden die Pioniere der Forschung und Entwicklung verfolgt, verbrannt, gebrandmarkt und bekämpft.

Nun mag man in den einzelnen Forschungsgebieten durchaus unterschiedlicher Meinung sein, Tatsache ist, das alles was gemacht werden kann auch irgendwo gemacht werden wird.

Im Kontext dieses Kapitels wollen wir das neutral und emotionslos betrachten und nur die Auswirkung auf die Entwicklung an sich sehen. Auch hier gelten wieder die lokalen Unterschiede, wo immer eine bestimmte religiöse oder weltanschauliche Gruppierung besonders stark vertreten ist, wird das auch eine Auswirkung auf diverse Bereiche der technischen, digitalen Entwicklung haben.

Nun sollten wir auch noch berücksichtigen, dass manchmal eben auch Moores Law und die zugehörige exponentielle Entwicklung nicht greifen, weil unvorhersehbare Schwierigkeiten aufgetreten sind.

Neue Rohstoffe, die erst produziert werden müssen, Kriege, Handelsembargos, Umwelteinflüsse, Naturkatastrophen usw. Genauso oft, wie die Experten bei der Einschätzung bestimmter Entwicklungen falsch lagen (wie z.B. Watson von IBM bei seiner Einschätzung der benötigten Computer (5) weltweit), lagen sie auch falsch, wenn sie zu schnelle technologische Entwicklungen in manchen Bereichen vorhergesagt haben. Das Hooverboard aus „Zurück in die Zukunft“ gibt es aktuell genauso wenig, wie serienmäßige, fliegende Autos.

Zwar stehen wir aktuell wirklich am Scheidepunkt zwischen linearer und exponentieller Entwicklung, was bedeutet, dass deutlich mehr Vorhersagen jetzt wirklich eintreffen werden, aber eben doch nicht alle.

The human factor “Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.” Einstein soll das einst gesagt haben. Bei all den Betrachtungen zur Zukunft, denen wir uns bisher hingegeben haben, dürfen wir den begrenzenden Faktor nicht vergessen: Der Menschen an sich.

Bisher haben wir es oft ganz gut geschafft, sinnvollen Entwicklungen, die allen Menschen zugutegekommen wären, aus dem Weg zu gehen und weniger intelligente Wege zu gehen. Wir lernen in der Schule die Daten der großen Kriege und ihre Protagonisten, aber wir vermitteln deutlich weniger intensiv die Einsicht, dass Kriege keine gute Idee sind.

Noch weniger setzen wir diese Einsicht dann auch um. Ich möchte hier nicht nur schwarzmalen, die absolute Zahl der Kriegsopfer geht ständig weiter zurück, trotzdem wird diese Tendenz offensichtlich hilfreiche Strategien zu bekämpfen bestehen bleiben.

Es gibt historische eine Fülle von Beispiel dafür, wo segensreiche Entwicklungen unterdrückt wurden. Der bekannte Spruch: „Zuerst ignorieren sie dich. Dann machen sie dich lächerlich. Dann greifen sie dich an und wollen dich verbrennen. Und dann errichten sie dir Denkmäler“ stammt von dem US-Gewerkschafter Nicholas Klein (nicht von Ghandi).

Er hat Recht, auch heute noch. (er sagte das bereits 1918) Aus vielerlei Gründen ist es uns wohl oft wichtiger Bestehendes und Bekanntes zu bewahren und dafür Neues zu unterdrücken.

Als Semmelweis die Ursachen für das tödliche Kindbettfieber bei seinen Kollegen fand und sie anhielt sich die Hände zu waschen und zu desinfizieren um nicht länger als Überträger der Krankheit zu fungieren, wurde er angegriffen, diffamiert und belächelt. Wir wissen alle, wer hier im Recht war.

Gerade in der Medizin gibt es seitenlang Beispiele für das selbstherrliche Verhalten der jeweils regierenden Medizin-Päpste. Frühmobilisation, Transplantation, minimal invasive Chirurgie usw. usw. Die Liste ist lang. Wer in der Medizin oder Pharmakologie etwas Neues etablieren will braucht nicht nur einen brillanten Geist, sondern auch eine gesunde Psyche um die Phase der Anfeindungen durch zu stehen.

Dabei zieht sich das von Nicholas Klein beschriebene Verhalten durch alle Bereiche unseres Lebens. Als FBI Agent James R. Fitzgerald eine Verhaltensanalyse Einheit (BAU) innerhalb des FBI aufbauen wollte, (unter anderem durch Einführung der forensischen Linguistik) wurde er nicht gerade unterstützt.

Die US Serie „Manhunt: Unabomber“ erzählt die wahre Geschichte seines Kampfes gegen Dummheit, Ignoranz und Kleingeistigkeit bevor ein „Profiler“ zu dem wurde, was wir heute kennen und bewundern.

Der historische Stoff zu Ignoranz und Unterdrückung reicht aus um ein eigenes Buch darüber zu schreiben. In unserem Zusammenhang ist „the human fator“ einfach nur ein weiterer Bremsmechanismus, den wir berücksichtigen sollten.

Einige Entwicklungen in den Schlüssel-Technologien werden vermutlich hiervon gebremst werden. Schwer zu sagen welche genau, aber es ist ziemlich sicher vorherzusagen, dass es passieren wird.

In diesem Beitrag ging es in erster Linie darum, die Auswirkungen bremsender Einflüsse auf die Schlüsseltechnologien zu berücksichtigen.

Allen Bremsen und Einflüssen zum Trotz wird es aber auf jeden Fall eine Weiterentwicklung geben und diese Weiterentwicklung wird immer noch sehr viel schneller sein, als die meisten Menschen heute glauben wollen. Genau hierin steckt natürlich auch die Chance. Mit einer durchdachten Einschätzung der Beschleuniger und der Hemmnisse hat hier jeder eine Chance auf eine großartige Zukunft.