POLITIK
28/06/2018 08:57 CEST | Aktualisiert 28/06/2018 16:18 CEST

"Die Entwicklung der künstlichen Intelligenz ist ein echter Game-Changer"

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier spricht zum 40. Geburtstag von "Chip" über die Digitalisierung.

Thomas Koehler via Getty Images

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat seinen ersten privaten PC im Jahr 1985 erworben. Er selbst ist bei der Digitalisierung früh eingestiegen und seither mit wachsender Leidenschaft dabei. Wie aber ist es um das Land insgesamt bestellt? Und: Was will der Minister tun, damit Deutschland bei der rasanten Entwicklung den Anschluss behält?

Zum 40. Bestehen von “Chip” sprachen wir mit dem CDU-Politiker über analoge und digitale Welten, Wagniskapital für Start-ups, eine Automobilindustrie, die sich nicht alle Fortschrittsbereiche erschließt und – die riesigen Chancen der digitalen Transformation.

HuffPost Chip

Sie sind dafür bekannt, dass Sie eine beachtliche Bibliothek mit historischen Wälzern zu Hause haben. Sie profilieren sich aber zugleich als einer der fleißigsten Twitterer der Bundesregierung. Sind Sie nun eher der analoge oder eher der digitale Typ?

Für mich gehört beides untrennbar zusammen: Mit Smartphone, Computer und Internet habe ich das Wissen der Welt in Westentasche, kann ich sekundenschnell  auf fast alles zugreifen, was an Infos brauche. Ich kann meine Arbeit und mein Leben von jedem Ort der Welt aus organisieren und über Soziale Medien mit unendlich vielen Menschen kommunizieren.

Das kann aber niemals die analoge Beschäftigung mit realen Dingen ersetzen – seien es Menschen in meiner Umgebung, Blumen in meinem Garten oder eben die Bücher in meiner Bibliothek. Das gedruckte Buch zum Beispiel von 1890, das wie ein Screenshot aus einer anderen Zeit vor mir liegt, ist eine unendlich wertvolle Ergänzung zur Flüchtigkeit des Netzes; es erlaubt mir Abstand zu gewinnen, nachzudenken, mich zu erden.

Genauso ist es mit der gedruckten Zeitung. Wenn ich analog lese, liegt das Smartphone übrigens meistens neben mir, weil ich über die Internetrecherche noch einmal ein viel besseres Verständnis des analogen Textes haben kann.

Mehr zum Thema: Alle Informationen zu 40 Jahre Chip und der Hackerschool bekommt ihr im Liveticker unter diesem Link

Vor Kurzem haben Sie erklärt, ein lückenloses Handynetz und schnelles Internet seien so wichtig wie Strom, Wasser, Essen und Trinken. Demnach fehlt es ja in Deutschland mancherorts am Lebensnotwendigen ...

Das Internet ist inzwischen die zentrale Grundlage fast aller wirtschafts- und gesellschaftspolitischer Prozesse. Es ermöglicht Unabhängigkeit, Teilhabe und Selbstbestimmung, gerade auch für Ältere oder ganz junge, Menschen mit Behinderung oder im ländlichen Raum.

Der Markt entwickelt sich außerdem so dynamisch, dass ein schneller Zugang über Wohl und Wehe einer Idee und eines Geschäftsmodells entscheiden kann....

… ja, aber …

… deshalb haben wir im Koalitionsvertrag ein Versprechen abgegeben: jeder hat bis 2025 das Recht auf schnelles Internet. Das heißt: Glasfaser in jeder Region und in jeder Gemeinde.

Wir brauchen eine gewaltige Kraftanstrengung.

Sie haben versprochen, dass Sie Deutschland “zum Leitmarkt für 5G” machen. Ähnliche Versprechungen gibt es seit Jahren. Macht die Bundesregierung diesmal ernst?

Ja. Auch diese Technologie ist für unseren künftigen Wohlstand essentiell: wir haben das erkannt und uns als Koalition deshalb auch entsprechende Ziele gesetzt. Die Umsetzung verlangt aber eine gewaltige Kraftanstrengung, der sich viele noch gar nicht bewusst sind.

Der neue Bericht “Wirtschaft Digital” belegt, dass es bei Dienstleistungen und in der Industrie vorangeht. Aber: Mehr als ein Viertel der Unternehmen tut sich noch immer schwer, 19 Prozent sind “digitale Anfänger”. Das kann ja wohl nicht wahr sein, oder?

Es kann zu einem ernsten Problem werden, wenn Unternehmen die Zeichen der Zeit nicht erkennen und sich nicht anpassen, vor allem dann, wenn sie für den Weltmarkt produzieren Wir werden ihnen eng zur Seite stehen.

Mehr zum Thema:  Deutsche Unternehmen verstehen die Digitalisierung falsch

Mit der digitalen Transformation sind enorme Chancen verbunden. Die Vernetzung von Produkten und Dienstleistungen gibt deutschen Unternehmen die Möglichkeit, sich von der internationalen Konkurrenz abzusetzen und ihre Wettbewerbsposition zu sichern.

Allzu oft ist in Deutschland die Angst vor dem Scheitern noch zu groß.

Was tun Sie konkret?

Hier setzen wir an: Wir sensibilisieren und beraten kleine und mittlere Unternehmen in insgesamt 23 Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren. In der ganzen Republik gibt es damit für Mittelständler “Digitalisierung zum Anfassen”.

Zuletzt haben Sie eine “neue, breite Gründungsoffensive – von der Bäckerei bis hin zum digitalen Start-up” eingefordert.  Start-ups haben es bei uns im Vergleich zu den USA noch immer schwer – oft aufgrund fehlender finanzieller Mittel und starrer arbeitsrechtlicher Vorgaben. Wie wollen sie junge innovative Unternehmen pushen?

Allem voran müssen wir einen neuen Gründergeist erschaffen: In jeder meiner Reden und Interviews unterstreiche ich die Bedeutung von Start-ups als Innovationstreiber und Motor des digitalen Wandels. Allzu oft ist in Deutschland die Angst vor dem Scheitern noch zu groß. Das ist in den USA anders.

Man muss den Gründerinnen und Gründern sagen: Versucht es, setzt eure Idee um – und wenn’s schiefgeht, lernt daraus und versucht es nochmal. Als Ministerium packen wir das ganz konkret an. Deshalb fördern wir mit der Digital Hub Initiative die Vernetzung zwischen Start-ups und etablierten Unternehmen.

Daneben wollen wir auch die Finanzierungsbedingungen für Start-ups verbessern. Hier fehlt in Deutschland gerade in der zweiten und dritten Wachstumsphase noch Zugang zu Kapital. Und bürokratische Hürden abzubauen ist äußerst wichtig, um Gründergeist konkret werden zu lassen.

Wie wollen Sie sicherstellen, dass Deutschland bei der Entwicklung von Zukunftstechnologien wie künstlicher Intelligenz, Robotik, Machine-to-machine-Communication und E-Learning nicht den Anschluss verliert?

Wir haben schon bisher viel erreicht, und Deutschland ist dabei gar nicht so schlecht. Die Entwicklung der künstlichen Intelligenz ist aber ein echter Game-Changer: Mit ihr wird fast alles anders, sie ist eine Basisinnovation, mit der enorme Wertschöpfung verbunden ist.

Deshalb muss Europa, muss Deutschland hier um die Führung kämpfen. In den nächsten Wochen wird die Bundesregierung eine KI-Strategie beschließen. Wirtschafts- und Forschungsministerium sind dabei federführend. Mit der High-Tech Strategie setzen wir klare Schwerpunkte in der Forschung, mit der Transferinitiative machen wir gleichzeitig Forschungsergebnisse reif für den Markt.

Wir müssen unsere PS besser auf die Straße bringen. Deshalb müssen wir den Ehrgeiz haben, dass autonomes Fahren vermittels KI in Deutschland zur Markt- und Serienreife kommt. 

Daten sind der neue Rohstoff unserer Volkswirtschaft.

Vertreter der Internetwirtschaft warnen, Deutschland könne durch seine starren Ordnungssysteme und seine üppige Bürokratie im weltweiten digitalen Wettbewerb womöglich nicht mithalten. Sie haben schon angedeutet, dass Sie verstärkt auf Selbstregulierung setzen wollen. Können Sie schon Konkreteres sagen?

Wir brauchen rechtliche Rahmenbedingungen, die einen fairen Wettbewerb sicherstellen. Das ist Aufgabe des Staates. Regulierung hat immer einen fairen Ausgleich zwischen berechtigten Verbraucher- und Datenschutzinteressen einerseits und Wirtschaftsinteressen andererseits zum Ziel.

Aber sie darf nicht übers Ziel hinausschießen und zur Erstarrung führen. In Estland zum Beispiel sind Daten besser und schneller verfügbar und gleichzeitig viel besser geschützt. Deshalb brauchen wir dringend ein Bürgerportal, mit dem alle staatlichen Dienstleistungen online-verfügbar sind.

Worin besteht die Erleichterung?

Wenn der Bürger dem Staat einmal eine Info gegeben hat – wie das Geburtsdatum, der Wohnort, die Zahl der Kinder – darf der Staat ihn nie wieder danach fragen. Riesige Mengen an Daten, die beim Internet der Dinge, etwa, beim autonomen Fahren und so weiter anfallen, sind der neue Rohstoff unserer Volkswirtschaft.

Wenn sie ausschließlich außerhalb Europas genutzt werden können, fallen wir bei Innovation und Wertschöpfung zurück. Und nur wenn zum Beispiel auch junge Startups Zugang zu diesen anonymisierten Daten haben, können sie ihr Geschäftsmodell entwickeln.

Die klügsten Digital-Köpfe, die an den Elite-Unis in Europas ausgebildet sind, werden oft direkt von US-Firmen rekrutiert. Andere gründen hier eigene Unternehmen. Die erfolgversprechendsten unter ihnen werden dann gern schnell von amerikanischen Firmen aufgekauft. Wie kann Europa, wie kann Deutschland diesen Brain-Drain stoppen?

Jungen Unternehmen in Deutschland fehlt häufig gerade in der Wachstumsphase wichtiges Wagniskapital. Das ist aber ein entscheidender Erfolgsfaktor! Den Unternehmen bleibt dann oft nur der Verkauf ins Ausland, wenn sie weiter wachsen möchten.

Viele erfolgreiche Plattformen sind in Europa entstanden und wurden dann von US-Investoren übernommen. Der deutsche Wagniskapitalmarkt ist im internationalen Vergleich noch immer sehr klein – gerade auch mit Blick auf die USA. Deshalb werde ich darauf drängen, die Rahmenbedingungen für einen attraktiven Wagniskapitalstandort zu verbessern.

Ich begrüße natürlich auch sehr das zunehmende Engagement ausländischer Investoren in junge deutsche Unternehmen. Ein Ausverkauf wäre aber katastrophal für den Standort Deutschland.

In Deutschland haben risikofreudige Investoren Seltenheitswert. Woran liegt es, dass es so wenig potente Geldgeber gibt.

Deutschland mangelt es nicht an Investoren. Der deutsche Beteiligungsmarkt ist einfach noch sehr klein.

Wie wollen Sie gegensteuern?

Wir setzen hier mit einer Reihe von Förderinstrumenten an und wollen wichtige Impulse für den Wagniskapitalmarkt setzen. Ich nenne hier zum Beispiel den High Tech Gründerfonds, der sich gemeinsam mit privaten Investoren an jungen Start-ups beteiligt oder den Invest-Zuschuss, mit dem wir Business Angels bei ihren Investments in junge Unternehmen unterstützen.

Auch mit der KfW und dem Europäischen Investitionsfonds EIF haben wir weitere gemeinsame Instrumente, mit denen wir zusammen mit Privaten in junge Unternehmen investieren.

Und wir wollen noch mehr tun: So wird die KfW eine eigene Tochtergesellschaft gründen, um ihr Beteiligungsgeschäft noch effizienter auszugestalten. Auch gibt uns der Koalitionsvertrag den Auftrag zu einem Nationalen Digitalfonds, der gemeinsam mit privatem Geld aus der deutschen Wirtschaft an dieser Stelle ansetzt.

Denn klar ist auch, dass wir den Risiko-Kapitalbedarf junger Unternehmen nicht allein von staatlicher Seite decken. Stattdessen sind unsere Instrumente darauf ausgerichtet, privaten Finanzierungen den nötigen Schub zu verleihen.

Ein Motor der Wirtschaft könnte die Elektrifizierung der Automobil-Industrie werden. Was tun Sie, um Autohersteller zu nötigen Investitionen, nicht nur in Forschung und Entwicklung, sondern auch beim Ausbau der E-Infrastruktur zu bewegen?

Die Automobilindustrie ist eine starke und tragende Säule der deutschen Wirtschaft. Aber beim Thema Elektromobilität könnte sie längst wichtige Schritte weiter sein.

Die Industrie muss jetzt wettbewerbsfähige Modelle anbieten, die die Kunden überzeugen. Die Elektrifizierung der individuellen und der öffentlichen Mobilität wird zu einer ganz erheblichen Entlastung der Umwelt beitragen. Es ist äußerst wichtig, dass alle Elemente dieser neuen Wertschöpfungskette in Deutschland und Europa entwickelt und hergestellt werden.

Alternative Antriebe, Digitalisierung und Automatisierung sind die Treiber für eine nachhaltige, vernetzte, sichere und langfristig klimaneutrale Mobilität. Die neuen Technologien, die Software, die Motoren, die Batteriezellfertigung und die umweltschonende Herstellung von Materialien sind nur ein paar Bereiche, in denen Deutschland führend werden muss, damit die zukünftige Wertschöpfung nicht ganz woanders stattfindet.

Bezüglich der Ladeinfrastruktur gibt es neben der Industrie auch zahlreiche mittelständische Unternehmen unterschiedlichster Branchen, die Ladeinfrastruktur anbieten und ausbauen wollen. Wir unterstützen das mit zielgerichteter Förderung.

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