BLOG
11/10/2018 17:18 CEST | Aktualisiert 12/10/2018 09:06 CEST

Die Deutschen kennen nur die toten Juden. Das will ich ändern.

Mascha Schmerling ist Mitgründerin von "Rent a Jew".

Rent a Jew
Gesprächsrunde mit "Rent a Jew"

Junge Muslime haben zuletzt in der HuffPost berichtet, wie sehr sich ihr Bild von Juden durch die persönliche Begegnungen gewandelt hat. Wie sehr ein Treffen hilft, Antisemitismus zu bekämpfen. 

Mascha Schmeling macht genau das: Die 38-Jährige aus Hamburg ist jüdischen Glaubens und Mitglied bei “Rent a Jew”. Sie geht auf Anfrage in Schulen und wenn es sein muss sogar in den Knast, damit sie Menschen dazu befragen können, was es eigentlich bedeutet Jude zu sein. Hier erzählt sie von ihren Erfahrungen: 

Die Deutschen kennen die toten Juden. Aber nicht die lebenden.
Sie lernen viel über den Holocaust, aber selten einen Juden kennen.

2014 habe ich mit anderen Juden über dieses Vakuum diskutiert. Wir nahmen Teil an einem Seminar der Europäischen Janusz Korczak Akademie mit jüdischer Zielgruppe teil und dachten uns, dass wir auch etwas machen müssten, um den Austausch mit Nicht-Juden zu fördern.

Wir wollen nicht abstrakt bleiben

Deswegen haben wir “Rent a Jew” gegründet. Wir hätten uns auch politisch korrekt “Projekt zum Austausch zwischen Juden und Nicht-Juden” nennen können, aber wir wollten einen Namen, der aufmerksam macht. Jeder, der in der Lage ist, mehr als die Überschrift zu lesen, versteht sofort, worum es uns geht:

Wir wollen nicht abstrakte Typen aus dem Religions- oder Geschichtsunterricht bleiben. Wir sind sozusagen Juden zum Anfassen. 

Rent a Jew
"Rent a Jew" setzt auf Werbung mit Humor 

Es gibt nicht den Juden

Bei “Rent a Jew” sind wir mittlerweile über 80 aktive Ehrenamtliche und repräsentieren die Vielfalt des Judentums. Wir sind liberale, säkulare, orthodoxe Juden. Viele Menschen wissen gar nicht, dass es nicht den Juden oder die Jüdin gibt.

Oft melden sich Lehrer und fragen, ob wir in ihre Klasse kommen könnten. Wir stellen uns vor, erzählen aus unserem Alltag. Wie wir unsere Feste feiern, ob wir streng religiös sind, ob wir koscher essen oder nicht. Dann kommen automatisch ganz viele Fragen. Das ist uns besonders wichtig. So kommt man ins Gespräch.

Wir versuchen, wenn möglich immer zwei Personen zu schicken, die möglichst unterschiedlich sind. Das kann zum Beispiel jemand aus der ehemaligen Sowjetunion sein, der nicht streng religiös lebt, und ein modern orthodoxer Kollege mit Wurzeln im Iran.

Meine Mutter dachte, die Geschichte sei überwunden

Ich bin mit meiner Mutter 1992 aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen, als sogenannter jüdischer Kontingentflüchtling.

Meine Mutter, die Deutsch studiert hatte, hatte in ihrer Heimat zu viele schlechte Erfahrungen gemacht: Man bekam bestimmte Jobs nicht, wenn im Pass stand, dass man jüdisch ist. Es gab eine Quote für Juden an einigen Hochschulen und so weiter.

Manche fragen erstaunt, warum meine Mutter dann ausgerechnet nach Deutschland auswandern wollte. Die einfache Antwort: Sie hatte über die Sprache schon eine Bindung zum Land – und dachte, die Geschichte sei überwunden.

Gottesdienst fand ich wahnsinnig unattraktiv

Ich war damals zwölf. Wie für die meisten Teenager hat Religion für mich keine große Rolle gespielt. Jüdisch zu sein, das hatte ich in der Sowjetunion gelernt, war ein Label, das negativ besetzt war und von dem man anderen eben besser nicht erzählte.

Für mich war Jüdischsein eine leere Hülle. Ich habe in Deutschland eine katholische Schule besucht und saß freitags in der Synagoge – wahnsinnig unattraktiv fand ich das, zwei Stunden Gottesdienst in Hebräisch, das ich nicht verstanden habe.

Mit Mitte 20 ging es mir dann wie vielen anderen: Ich habe mich für meine Wurzeln interessiert, ich musste mein Jüdischsein für mich definieren. Inzwischen gab es viele tolle Angebote, dazuzulernen. Und so habe ich dann auch die Leute kennengelernt, mit denen ich später “Rent a Jew” gegründet habe.

Einer der schönsten Momente bei “Rent a Jew”

Mascha Schmerling
Mascha Schmerling ist seit 2014 bei "Rent a Jew" aktiv.

Eines der schönsten Erlebnisse bei “Rent a Jew” war für mich der Moment gleich nach meinem ersten Einsatz in einer Schule. Ein muslimischer Schüler kam auf mich zu und sagte: “Jetzt weiß ich, dass ganz viel, was ich vorher über Juden gehört habe, falsch ist.” Ich war so dankbar.

Das Interesse muslimischer Schüler am Judentum ist oft ganz stark. Da kann man gut über Parallelen reden: Über koscher und halal, über das Verbot, Schweinefleisch zu essen. Über Beschneidung. Über Fasten. Da gibt es viele Aha-Effekte. Wir sind wie Cousins und Cousinen.

Mehr zum Thema: Dürfen Juden Muslime heiraten? Was das Judentum über den Islam sagt

Letztes Jahr haben sich die Anfragen bei “Rent a Jew” verdoppelt, auf fast 200 insgesamt. Im Oktober dieses Jahres sind wir fast an jedem Schultag im Einsatz.

Es gibt keine Tabu-Themen bei unseren Treffen

Antisemitismus ist wieder ein Thema geworden in Deutschland, in den Medien kommt es immer wieder hoch. Lehrer, die antisemitische Bemerkungen mitbekommen, fragen, ob wir nicht kommen können. Dabei sind wir primär kein Projekt gegen Antisemitismus. Wir stellen einfach aktuelles jüdisches Leben in Deutschland vor.

Dabei gibt es natürlich auch immer wieder Klassen, die schwieriger sind. Aber es gibt keine Tabu-Themen. Wir sind sehr froh, wenn man mit uns redet statt über uns. Trotzdem macht es manchmal traurig, was man erlebt:

► Ein Kollege traf zum Beispiel einen Jungen, der sich weigerte, eine Kippa und die anderen jüdischen Gegenstände anzufassen, die wir üblicherweise zum Zeigen mitnehmen.

► Und wir waren einmal in einem Gefängnis und einer der Insassen sagte: “Mit einem Juden rede ich nicht.” Da kann man dann nichts machen. Gegen so ein geschlossenes Weltbild kommt man selten an.

Oft werden wir auch auf den israelisch-palästinesischen Konflikt angesprochen.

Man muss das runterbrechen und aufklären: “Warum fragst du mich das? Ich bin deutscher Staatsbürger, keine Repräsentantin Israels.”

Viele wissen auch nicht, dass zwanzig Prozent der israelischen Bevölkerung Araber sind. Eine Doppelstunde in der Schule reicht für das Thema sicher nicht aus, aber wir versuchen, Brücken zu bauen.

Mehr zu Thema: Islam und Judentum haben vielmehr gemeinsam, als viele denken

Wir sollten zeigen, was klappt

Wenn die Kinder jünger sind, ist es leichter, an sie heranzukommen, ihr Weltbild ist nicht so gefestigt – die sechste Klasse, das ist ein wunderbarer Zeitpunkt. Es wäre toll, wenn man auch die Lehrer mehr unterstützen könnte, denn sie müssen die Zeit für die Treffen mit uns ja irgendwie freischaufeln.

Ich finde es wichtig, nicht immer nur auf den Problemen herumzureiten und zu diskutieren, ob es nun schlimmer ist, wenn Antisemitismus von einem Rechten oder einem Muslim kommt. Es ist schlimm, dass es ihn überhaupt gibt.

Wir sollten uns vielmehr die Zeit nehmen, zu zeigen, was klappt. Denn unser Projekt zeigt: Es kann klappen.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

(ben)