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04/06/2018 16:23 CEST | Aktualisiert 04/06/2018 16:23 CEST

Die Blockchain-Revolution

Rick_Jo via Getty Images

Sie ist zu groß geworden, um ignoriert zu werden: Die Blockchain. Gerade legte das Start-up Block.One einen der größten Börsengänge des Jahres hin. In einer mehr als einjährigen Auktion sammelte das Unternehmen 4,2 Mrd. Dollar ein, berichtet die Financial Times. Damit lag der Krypto-Börsengang, in Fachkreisen ICO genannt (Initial Coin Offering), fast gleichauf mit dem klassischen Börsengang der Siemens Medizintechnik-Tochter, die 2018 auf dem Parkett 4,2 Mrd. Euro eingenommen hat.

Seit Januar 2018 wird jeden Tag ein neues Blockchain-Business ins Leben gerufen

Die Blockchain-Gemeinschaft spricht davon, dass sie die Welt verändern, Hyperinflation, Korruption und finanzielle Ausgrenzung bekämpfen will. Gegner vermuten eine Blase, die platzen wird. Höchste Zeit, sich mit der neuen Technologie auseinanderzusetzen.

Ich besuche kurzentschlossen die BlockShow. Fastest Growing Blockchain Event Series 2018. Was mir begegnet, ist eine inspirierende 3000-Mann-Show, bei der ich auf das Who-is-Who der Branche treffe – FinTech-Vorstände, Stanford-Professoren, Technologie-Experten aus den Laboren der Welt, von Telekom bis Oracle, Blockchain-Youtuber, internationale Steueranwälte, Investoren, Unternehmer.

The next big thing

Kaum ist der Vormittag des ersten Konferenztages um, habe ich, ähnlich wie beim Weltwirtschaftsforum in Davos gehört, dass die Vierte Industrielle Revolution von der inklusiven Technologie angetrieben wird - ihrer Technologie, der Blockchain-Technologie. Der Begriff Freiheit fällt häufig, man wolle Herr und nicht Gefangener seiner eigenen Daten sein. Nicht nur Multimillionen-Dollar/Euro-Unternehmen werden auf der Blockchain entwickelt, mit Liberlandentstand gleich ein digitales Land. Zug in der Schweiz gilt als Blockchain-Mekka, gefolgt von Malta oder Gibraltar.

Soviel Unternehmergeist und Energie, noch mehr große Ideen. Die Blockchain-Gemeinschaft denkt global, arbeitet global. Alle sprechen eine Sprache: Englisch.

Die Teilnehmer kommen aus allen Zweigen der Industrie – und aus allen Ländern: Singapur, Schweden, China, Deutschland, Russland, Schweiz, Frankreich, Mexiko, Rumänien, USA, Kanada, Ukraine. Wie Musikbands, Tennis- oder Golfspieler sind sie ständig auf Tour; gerade noch in Paris oder Barcelona, geht’s weiter nach Schanghai; oder wie die BlockShow, nach Las Vegas. Enthusiastisch, hoch professionell verkünden alle ihre Message: “Wir gestalten die Zukunft neu.” Hier trifft sich nicht nur die Technologie- oder Finanz-Szene, hier treffen sich alle, die große Ideen hegen, die etwas bewegen wollen. Egal, ob sie in der Energiesparte oder in der Bildung verankert sind.

Gesucht werden: Investoren, die eigene Identität, Integrität, feste Regeln. Eine Niche befindet sich auf dem Weg zum Big Player.

Wo fängt man, wie tastet man sich heran an dieses Thema?

Wenn es sich um gesellschaftsverändernde Entwicklungen handelt, kann man vertrauen, auf derartigen Events alte Bekannte zu treffen. Auf die, die immer Neues lernen, die nach vorn schauen, die sich auf Möglichkeiten fokussieren, die Neugierigen, die Weltveränderer. Ich halte mich zunächst an Barack Obama's frühere Director Press Advance Johanna Maska, die heute ihren eigenen Global Situation Room in L.A. und Washington führt. Sie spricht über die Zusammenarbeit von Politik und Technologie, die nötig ist, um sich zu verstehen. Sie plädiert für ein Miteinander; für Gesetzesentwürfe, Regeln, wenn man etwas erreichen will.

Die Blockchain-Gemeinschaft baut neue Lebensräume auf und füllt sie

Das Pariser Unternehmen Electrify Network stellt ein Afrika-Projekt vor, welches erneuerbare Energien sicher vom Produzenten zum Endverbraucher bringen will – ohne Mittelsmänner. COBINHOOD möchte das Finanzzentrum für die Blockchain-Gemeinschaft werden. UTRUST ist eine innovative Krypto-Bezahl-Plattform, die es für Verbraucher leichter und sicherer macht, mit Kryptowährungen wie Bitcoin online einzukaufen.

Am zweiten Tag des Blockchain-Festivals wieder eine vertraute Person:Wikipedia-GründerJimmy Wales, der sein neues ProjektWikiTribunevorstellt.

Ohnehin ist Jimmy Wales ein Mann für jede Zeit. Einer, der immer nach Verbesserung und Weiterentwicklung sucht. Er redet über Versagen, über Erfolge und warum es höchste Zeit ist für die Blockchain -und- für guten Journalismus, den er neu erwecken will, weil er weiß, dass das Anzeigen-finanzierte Geschäftsmodell für Printhäuser vorbei ist. “Wir brauchen neue Business-Modelle.”

Was ist es, dass diese Technologie leistet?

Wenn Sie, wie ich, sich völlig neu und neugierig diesem Thema widmen, beginnen wir bei Punkt Eins: Was ist eine Blockchain?

Blockchain, zu deutsch Block-Kette, steht grob für eine sichere Datenbank. Ging es bei den vorherigen Generationen der Digitaltechnologie mehr um Daten und Informationen und wie man diese schneller und sicherer austauscht, geht es bei der Blockchain um den sofortigen und dezentralisierten Austausch von Werten.

Sofortiger und dezentralisierter Austausch von Werten

Detailliert: Blockchain ist ein Konzept für de-zentrale Buchführung. Man ist Herr über seine Daten, die als fälschungssicher gelten. Vorstellen kann man sich diesen Prozess wie eine kontinuierlich erweiterbare Liste von Blöcken, Datensätzen, die miteinander verkettet sind. Etwa wie einen Notizblock, der Seite für Seite mit neuen Transaktionen gefüllt und gesichert wird. Nur eben im Netz, fälschungssicher, dezentral.

Die Blockchainer gestalten unsere nahe Zukunft in fast allen Industriezweigen: In der Medizin, im Kunsthandel, im Finanzwesen, in der Landwirtschaft, bis hin zur Nationalen Sicherheit oder der öffentlichen Verwaltung.

Die Technologie entledigt sich der Mittelsmänner, macht sie unnötig: Notare, Immobilienmakler, Banker, auch Politiker, Beamte. In der Blockchain wird direkt gehandelt: Anbieter und Kunde, Verkäufer und Verbraucher.

“Zehn Prozent des globalen Bruttoinlandsproduktes werden bis 2025 in der Blockkette gesichert sein”, sagt das Weltwirtschaftsforum. Im Handelsblatt heißt es: “Die Blockchain könnte eines Tages zentrale Handelsplattformen ebenso ersetzen wie Grundbuchämter, Handelsregister, Notare – und Banken.” Demnach bliebe den Geldhäusern dann nur noch, die Kunden zu beraten und deren elektronische Schlüssel für die Guthaben zu verwalten, zitiert das Blatt Christoph Jentzsch, Gründer der Blockchain-Firma Slock.it.

Die Europäische Kommission unterschrieb an ihrem Digital Day 2018, eine Deklaration zur Gründung einer Europäischen Blockchain Partnerschaft, bei der sich bisher 22 Ländern beteiligen, inklusive Deutschland. Die Kommission hat nach eigenen Angaben mehr als 80 Millionen Euro in Blockchain-Projekte investiert und will weitere 300 Millionen bis 2020 zur Verfügung stellen.

Mutig von der der EU, die Auflösung der eigenen Jobs zu finanzieren.

„In Zukunft wird die gesamte öffentliche Verwaltung diese Technolgie nutzen“, sagt Mariya Gabriel, EU-Digital-Kommissarin. „Blockchain ist eine großartige Möglichkeit Informationssysteme neu zu denken, um das Vertrauen der Nutzer zu gewinnen und den Schutz persönlicher Daten zu sichern.“

Bitcoin ist der bekannteste Vertreter der Technologie

Das Bitcoin-Netzwerk entstand bereits im Januar 2009 mit der Berechnung der ersten 50 Bitcoin-Blöcke. Und das ist der erste signifikante Unterschied zu herkömmlichen Währungen. Bitcoin ist keine Währung mit Münzen oder Scheinen, sie besteht aus berechneten, verschlüsselten Datenblöcken. Entstehen können neue Bitcoins durch sogenanntes Mining, also das Berechnen eben dieser Datenblöcke.

Seit 2015 sind Bitcoin vom Europäischen Gerichtshof als Währung anerkannt. Steuerrechtlich wird das digitale Zahlungsmittel wie eine Fremdwährung behandelt. Auf Gewinne fällt Einkommenssteuer an, keine Umsatzsteuer.

Jeder dritte Deutsche denkt über Investitionen in Kryptowährungen nach

Eine Studie der Postbank hat ergeben, dass etwa jeder dritte Deutsche darüber nachdenkt, in Bitcoin oder andere Kryptowährungen zu investieren. Bei den unter 35-Jährigen sei es fast jeder Zweite.

Es gibt tausende Beispiele, wo die Blockchain-Technologie bereits Einzug gehalten hat: in der Diamanten-Firma DeBeers, in den Bereichen Gesundheit und Medizin, der Sicherheit, in der Musikbranche oder in Regierungsprojekten. Als erster US-Bundesstaat, berichtet das Brookings-Institut, hat West Virginia die Blockchain-Technologie bei Wahlen eingesetzt.

Mehr Beispiele: „50+ Examples of How Blockchains are Taking Over the World“

Die Blockchain-Gemeinschaft ist eine sehr mitreißende. Man trifft auf kluge Köpfe aus allen Branchen und Ländern (kaum aus Südamerika und Afrika), die etwas bewegen wollen. Die Gemeinschaft inspiriert zu großen Ideen, zum Aufbruch. Das System Blockchain hat sich vom anfänglichen Bitcoin-Rausch, in dem alle in Gier vereint waren, weiterentwickelt. Natürlich wollen alle ordentlich Geld verdienen, wie auch in der analogen Welt, zudem soll gleichzeitig ein ausgewogenes Ecosystem für die Gesellschaft erschaffen werden. Ein neuer Lebensraum, der alle Aspekte des Miteinanders erfassen soll. Fair, sicher, mit festen Regeln und Gesetzen.

Die Autorin veröffentlicht im Sommer 2018 ihr gesellschaftspolitisches Buch „Wie wollen wir leben?“ und im Winter 2018/19 ihren globalen Finanzthriller.