WIRTSCHAFT
12/11/2018 11:32 CET | Aktualisiert 12/11/2018 13:53 CET

Die Bahn hat Zukunft: Gebt endlich mehr Geld für den Schienenverkehr in Deutschland aus

Der Ausbau des öffentlichen Personenverkehrs könnte auch zu Deutschlands Klimazielen beitragen.

ullstein bild via Getty Images
Ein Intercity-Express.

Die Reaktivierung einer Bahnstrecke? Eine, die mehr als 30 Jahre lang nicht mehr regelmäßig befahren wurde? Und dann noch auf dem platten Land?

In Nordhessen gab es vor einigen Jahren noch wütende Proteste gegen den Plan, die Bahnstrecke von Frankenberg nach Korbach wieder in Betrieb zu nehmen.

Die örtliche CDU hielt das Projekt für Geldverschwendung. Wer würde schon die Strecke nutzen? Wo doch ohnehin so viele Menschen in der strukturschwachen Provinz auf ein eigenes Auto angewiesen sind?

Es war ein gigantischer Irrtum. Seit 2015 fahren wieder Züge auf dem Streckenabschnitt, der Nordwesten Hessens hat jetzt wieder eine durchgehende Verbindung ins Ruhrgebiet und nach Kassel.

Die Fahrgastzahlen übertreffen die Erwartungen bei weitem: Mehr als 150.000 Menschen nutzen das Angebot im Jahr. Mittlerweile denkt das Land Hessen darüber nach, bis zu acht weiterer Strecken zu reaktiveren.

Der Bahnverkehr hat Zukunft

Der Bahnverkehr, lange als Auslaufmodell verrufen, hat wieder Zukunft in Deutschland. Und das hat durchaus Gründe. Die Bevölkerungsstruktur verändert sich: Ältere Menschen trauen sich seltener zu, mit dem eigenen Auto lange Strecken zu fahren.

Auch das Verhältnis der Deutschen zum Auto hat in den vergangenen Jahren Schaden genommen. Schon lange vor dem Dieselskandal beobachteten Politiker in Deutschlands Großstädten, dass besonders junge Menschen immer häufiger aufs eigene Auto verzichten.

Doch vor allem sind da die gesellschaftlichen Gegensätze. Die Grundversorgung mit öffentlichen Verkehrsmitteln wird in Deutschland immer mehr zur sozialen Frage.

Das gilt einerseits natürlich für das Strukturgefälle zwischen Stadt und Land. Auch in den Klein- und Mittelstädten in der deutschen Provinz steigen mittlerweile die Immobilienpreise. Die alte Rechnung, wonach niedrige Lebenshaltungskosten die Zusatzausgaben für Individualmobilität ausgleichen, gilt nicht mehr.

Sinkender Stellenwert von Autos für jüngere Menschen

Deswegen ist es umso wichtiger, dass auch im Sauerland, in der Lüneburger Heide oder auf der Schwäbischen Alb der letzte Bus nicht um 18 Uhr fährt – und dass der nächste Bahnhof nicht 25 Kilometer entfernt ist. Ansonsten gerate ganze Regionen ins Hintertreffen.

Andererseits wäre da der offenbar sinkende Stellenwert von Autos für jüngere
Menschen. Eine Vielzahl von Studien hat ergeben, dass selbst im ländlichen Raum die Zahl jener zurückgeht, die einen Führerschein machen.

Der grüne Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel hatte das bereits im Jahr 2014 erhoben. Da es in Deutschland keine zentralen Statistiken für Führerscheine gibt, fragte er selbst in Baden-Württemberg bei den
Landratsämtern nach. In manchen Landkreisen ging die Zahl junger Führerscheinnutzer binnen zehn Jahren um etwa ein Viertel zurück.

Der Gesamtverband der deutschen Versicherer bestreitet diese Entwicklung in einer neuen, im Oktober 2018 veröffentlichten Studie zwar. Aus den Daten der Versicherungswirtschaft ließe sich errechnen, dass etwa 80 Prozent der 18- bis 24-jährigen Deutschen einen PKW-Führerschein haben. Doch regional weist auch diese Studie große Unterschiede auf.

Laut Versicherungsverband haben im wohlhabenden Süddeutschland mehr als 90 Prozent der jungen Erwachsenen einen Führerschein. In Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen sind es schon deutlich weniger.

Drei der fünf Bundesländer mit der niedrigsten Führerscheinquote haben gleichzeitig auch eine verhältnismäßig hohe Arbeitslosenquote: Bremen, Hamburg und Mecklenburg Vorpommern. Das kann ein Zufall sein. Oder ein Hinweis darauf, dass Autofahren für manche Deutschen zum Luxus geworden ist.

Mehr Geld für den öffentlichen Personenverkehr

Gerade vor diesem Hintergrund wäre es fahrlässig, weiter den Individualverkehr einseitig zu bevorzugen. Wenn wir gleichwertige Lebensverhältnisse in ganz Deutschland wollen, dann müssen wir in Zukunft mehr Geld in den öffentlichen Personenverkehr investieren.

Ganz abgesehen davon sind Züge, Busse und andere öffentliche Verkehrsmittel viel umweltfreundlicher als der massenhafte Autoverkehr. Der Transport von Waren und Personen war im Jahr 2016 für insgesamt 18 Prozent aller Klimagasemissionen in Deutschland verantwortlich.

Der Ausbau des öffentlichen Personenverkehrs könnte also einen Beitrag dazu leisten, dass Deutschland die selbst gesteckten Klimaziele erreicht.

Statt also weiterhin jedes Jahr Milliarden von Euro in den Bau neuer Verkehrswege zu investieren, sollten wir umdenken: Neben dem Erhalt bestehender Straßen muss dringend mehr Geld in den Schienenverkehr investiert werden.

(vw)