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28/04/2018 22:11 CEST | Aktualisiert 28/04/2018 22:12 CEST

Hutterer leben in Isolation – was wir von ihnen über Glück lernen können

Ihr Glaube hält sie dazu an, ihr Leben gemeinsam zu verbringen und alles zu teilen.

Jill Brody
Die Fotografin Jill Brody hat einen seltenen Einblick in das Leben der Hutterer bekommen, die zurückgezogen in Montana leben

Nach nur einem Tag bei den Hutterern in Liberty County im US-Bundesstaat Montana war Jill Brody “süchtig”.

Die Pädagogin und Fotografin stieß auf die zurückgezogen lebende ethnisch-religiöse Gruppe, als sie an einem Buch über das Ranch-Leben im Herzen von Montana arbeitete. Einheimische rieten ihr, wenn sie sehen wolle, wie gute Landwirtschaft funktioniere, solle sie die Hutterer besuchen.

Jill Brody
Die Hutterer bestreiten ihren Lebensunterhalt vor allem aus Landwirtschaft

Die Reise sollte Brodys Einstellung zum Leben für immer verändern und sie zu einer Fotoserie mit dem Titel “Hidden in Plain Sight“ inspirieren.

Es ist ein mehrdeutiger Titel. Er kann bedeuten, dass da jemand in aller Öffentlichkeit, aber doch zurückgezogen lebt. Oder dass da jemand nahezu versteckt lebt, aber eine breite Sicht hat.

Schon bevor sie zu den Hutterern kam, war Brody Menschen aus abgelegenen ländlichen Gegenden begegnet.

“Das waren beeindruckende Menschen”

In jungen Jahren hatte die New Yorkerin in North Carolina an einem Sommercamp teilgenommen. “Da waren all diese netten jüdischen Kinder aus New York“, erinnert sie sich.

“Die meisten Betreuer kamen aus dem tiefen Süden.“ Viele von ihnen hatten keine gute Ausbildung, weshalb sie und ihre jugendlichen Freunde ihnen mangelnde Intelligenz unterstellten.

Mit zunehmendem Alter und Erfahrung erkannte Brody, dass sie die Menschen mit ihrer Lebenserfahrung und Findigkeit, die das Landleben forderte, falsch eingeschätzt hatte. “Das waren beeindruckende Menschen”, sagte sie.

Jahrzehnte später lebte und arbeitete sie mit anderen erstaunlichen Menschen in einer der abgelegensten Gegenden Amerikas.

Jill Brody
Die Hutterer stammen aus Österreich und Mähren

Die Hutterer sind eine sogenannte täuferische Kirche. Es sind Christen, die glauben, dass Menschen nicht als Säuglinge getauft werden sollten, sondern erst, wenn sie alt genug sind, um ihre Sünden zu bekennen, und sich bewusst für die Taufe entscheiden.

40.000 Hutterer leben in den USA und Kanada

Sie wurden während der Reformation in Österreich verfolgt und flohen.

Schließlich landeten sie in den Great Plains in Nordamerika. Nach Angaben von “National Geographic“ lebten 2012 in den USA und Kanada rund 40.000 Hutterer in 480 Kolonien.

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Die religiöse Gemeinschaft ist nach dem Anführer des Tiroler Täufertums, Jakob Hutter, benannt. Er predigte im 16. Jahrhundert die Grundsätze des Pazifismus und des Zusammenlebens.

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Mitglieder einer Hutterer-Kolonie nehmen ein gemeinsames Essen nach Geschlechtern getrennt ein

Fast alles Eigentum in einer hutterschen Kolonie gehört der Gemeinschaft – das unterscheidet sie von anderen ländlichen Religionsgemeinschaften wie den Amish und den Mennoniten.

Ihr zentraler Glaubenssatz leitet sich aus einem Vers im Neuen Testament ab. In Apostelgeschichte 2,44 heißt es: “Alle Gläubigen aber waren beisammen und hatten alles gemeinsam.”

Fast alles gehört der Gemeinschaft

Im Gegensatz zu den Amish nutzen die Hutterer moderne Technologien.

Sie betreiben industrielle Landwirtschaft und verkaufen Tiefkühlfleisch, Hühnerfleisch, Eier, Milch und Gemüse an große Lebensmittelketten vor Ort. Der Gewinn kommt der Gemeinschaft zugute.

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Die Hutterite nutzen moderne Technik

Einige arbeiten auch im Baugewerbe oder als Mechaniker. Ein Hutterer könnte dir einen Mercedes bauen, sagt Brody.

Und weil jede Hutterer Frau zur Hochzeit eine Nähmaschine bekommt – den einzigen Gegenstand, den sie je besitzen wird – “könnte jede von ihnen als Näherin in Hollywood anheuern”. 

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Hutterer-Frauen suchen Stoffe für Kleidung aus

Menschen, wie aus der Zeit gefallen 

Als Brody für ihr Viehzüchter-Buch recherchierte, schenkte sie den Hutterern zunächst wenig Beachtung. “Sie waren für mich schlicht anachronistische Menschen, die bunte Kleidung trugen und mit einem komischen deutschen Akzent sprachen”, sagte sie. “Sie waren freundlich, aber distanziert.”

Trotzdem nahm sie das Angebot an, die Hutterer einmal zu besuchen. Sie wusste, dass die Gemeinden sehr isoliert leben, patriarchalisch strukturiert sind und von strengen religiösen Grundsätzen geleitet werden.

Brody selbst ist nicht religiös. Sie hat daher nicht erwartet, sich wohl zu fühlen, sagt sie.

Schließlich wurden aus dem ersten Treffen vier Jahre, in denen sie die Gemeinschaft fotografierte und ihr Leben kennenlernte.

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Ein Leben in Gemeinschaft – die Hutterer teilen fast alles

Brody weiß nicht, warum, aber die Hutterer boten ihr die Möglichkeit, etwas zu tun, was sie normalerweise ablehnen: Brody durfte sie fotografieren und zusammen mit ihnen leben.

Brody fotografierte drei verschiedene Hutterer-Kolonien im Liberty County, in denen jeweils rund 150 Menschen leben. In ihrer Arbeit würdigt sie die vielen technischen Fähigkeiten, die es den Gemeinden erlauben zu bestehen.

Sie besitzen ein Juwel – die Fähigkeit, mit anderen zusammenzuleben

Vor allem aber führt sie die mannigfachen Beziehungen vor Augen, die entstehen, wenn eine Gemeinschaft schlicht zu klein ist, um sich nochmal zu spalten.

“Ich dachte, ich hätte ein Gespür dafür, wie die Hutterer ticken”, sagte Brody. “Dann lernte ich sie besser kennen und merkte, dass sie etwas ganz Besonderes besitzen: ein kleines Juwel, das sie einander weitergeben, und das wir nicht mehr haben.”

Brody beschreibt dieses “Juwel” als “die Fähigkeit, mit anderen zusammenzuleben”

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Die Frauenkleider müssen von der Machart her gleich sein, aber Muster und Farben dürfen variieren

Diese Beobachtung machte sie während ihrer Zeit mit den Frauen in den Kolonien. Egal, ob sie sich persönlich mochten oder nicht, ihr Glaube habe sie stets angehalten, “ihr Leben gemeinsam zu verbringen und alles zu teilen”.

Diesem Prinzip sind die Hutterer verpflichtet. Egal wie schwierig eine Situation ist oder die Person, der sie begegnen.

Du lernst, dich auf die Person einzustellen und ihr Raum zu geben

“In jeder Gemeinschaft findest du mindestens einen Menschen, der destruktiv ist”, sagt Brody. “Wie gehst du mit so jemandem um? Ächtest du ihn? Kannst du dir das in einer so kleinen Gemeinde leisten? Nein. Also lernst du, dich auf die Person einzustellen und ihr Raum zu geben.”

Die Hutterer Frauen versuchen, unterschiedliche Persönlichkeiten zum Wohle der gesamten Gemeinschaft zusammenzubringen. Wenn ein Mitglied negativ, unausstehlich oder frech ist – es mag sein Wesen sein oder einen anderen Grund haben – dann schraubt die Gruppe ihre Erwartungen an die Person herunter.

Das gibt der Person den Freiraum und die Möglichkeit, innerhalb der Gemeinschaft zu funktionieren. Vielleicht ist es sogar ein Weg für sie, zufriedener zu werden.

Was sie verstanden haben, ist, dass du nicht alle Menschen lieben musst. Du musst sie nicht einmal mögen. Aber du musst mit ihnen auskommen und hilfsbereit sein.”

“Als die Leute anfingen, mich zu fragen, was ich dort mache, merkte ich, dass ich im Grunde genau danach suchte: Nach einem Puzzleteil in mir oder generell in uns, das abhanden gekommen war“, sagt Brody.

Toleranz erwartet man nicht unbedingt in einer Gemeinschaft, die fast alles abseits der eigenen Lebensweise ablehnt. Aber wenn sie nichts erlauben, das von außen kommt, haben die Mitglieder keine andere Wahl als einander zu wertschätzen und zu beschützen.

Du musst nicht alle Menschen lieben – aber mit ihnen auskommen

“Was sie verstanden haben, ist, dass du nicht alle Menschen lieben musst. Du musst sie nicht einmal mögen”, erklärt Brody. “Aber du musst mit ihnen auskommen und hilfsbereit sein.”

Sie fügt hinzu: “Das ist eine wichtige Lektion, die dieses Land völlig vergessen hat.”

Jill Brody
Hutterer Frauen tragen gemusterte Kopftücher

Brody beschreibt, wie grundlegend sich das Leben in den Städten und den abgeschotteten Gemeinden unterscheidet:

Die Gemeinschaft in großen Städten, in denen wir leben, klappt nur in einem Schneesturm. Wir sind so leicht auseinander zu bringen. Washington führt uns das derzeit auf erschreckende Weise vor Augen. Wir haben offenbar jeglichen Sinn dafür verloren, wie wichtig die Gemeinschaft für die Gestaltung unseres Lebens ist.”

Für jeden ein paar Minuten Zeit nehmen

Über die Hutterer sagt Brody: “Sie haben mir so viel beigebracht, wenn es darum geht, einfach nur achtsam zu sein.”

Wenn du auf eine fremde Person triffst, magst du viel mit ihr gemeinsam haben oder auch nicht. In jedem Fall kannst du dir ein paar Minuten Zeit nehmen, innehalten. Und nicht gleich befürchten, dass sie dir etwas wegnehmen könnte. Oder dass du verlierst, wenn sie gewinnt.

Alles, was zurzeit in diesem Land passiert, ist so unglaublich spaltend. Die Hutterer gehen nicht wählen. Aber einer von ihnen sagte zu mir: ‘Es wird Zeit, dass wir es tun.’”

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Die Hutterer machen alles selbst, was sie tragen, außer Unterwäsche und Schuhe

“Sie machen alles selbst, was sie tragen, außer Unterwäsche und Schuhe”, sagt Brody. 

“Wenn man sich die Bilder ansieht, sieht es so aus, als trügen sie unterschiedliche Kleidung. Bis man genau hinsieht und merkt, dass jede Schürze den gleichen Schnitt hat, ebenso jeder Dirndl-Rock, jedes Hemd, jede Jacke und jede Kopfbedeckung. Sie drücken ihre Persönlichkeit im Stoffmuster aus.”

Unterschiede im Kleinen, Gemeinsamkeiten im Großen

Das sei wie eine Metapher für ihr Leben: “Dass sie kleine Dinge haben, in denen sie sich unterscheiden, in den großen Belangen aber passen sie sich an. Wenn eine Hutterer Frau nach Hollywood ginge, um als Näherin zu arbeiten, könnte sie richtig viel verdienen.“

Was Brody am meisten überraschte: Wie sehr die Hutterer die Außenwelt fürchten.” Sie haben keinen Grund, so ängstlich zu sein, aber sie sind es.”

Die härtesten Arbeiten verrichten die Männer. Aber am meisten arbeiten die Frauen. Sie schlachten nicht das Vieh, aber sobald es getötet ist, übernehmen sie den Rest.

Sie schlachten Enten, Hühner und Gänse selbst. “Vielleicht fragen Sie sich, was an Arbeit übrig bleibt? Wenn alle Frauen aus einer Kolonie verschwänden, wäre sie wahrscheinlich nach fünf Tagen am Ende”, sagt Brody.

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Hutterer-Kinder spielen im Laden

Wie groß der Einfluss der Frauen ist, beschreibt Brody mit diesem Dialog:

Die Frauen sagen etwa zu mir: “Wir stimmen darüber ab, wer neuer Küchenchef wird.“

Ich frage: “Wer wählt?” Sie sagen: “Oh, die Männer.”

Ich frage, woher die Männer wissen, wen sie wählen sollen.

Und sie antworten: “Wir sagen ihnen, wen sie wählen sollen.”

“Die Frauen stehen um vier Uhr morgens auf, um ihre Häuser auf Vordermann zu bringen. Sie putzen ständig ihre Häuser. Ich weiß nicht, was sie reinigen. Man könnte buchstäblich überall vom Boden essen.”

Eines Tages fragte eine der Frauen Brody, ob sie gerne wüsste, worüber sie reden. Es sind Frauen im Alter zwischen 20 und 80 Jahren, die ihr gesamtes Leben zusammen verbracht haben.

“Sie sprachen darüber, welchen Duft sie lieber mögen, Meister Proper oder Pinesol – oder etwas mit Lavendel drin.”

Wenn Alltägliches wichtig wird

Brody sagt: “Mir wurde bewusst, dass man solche Beziehungen mit jemandem hat, wenn man in einem College-Wohnheim lebt – wo Alltägliches wichtig wird.” 

 “Sie sind Pazifisten, sie sind Kommunitaristen... Es gibt eine Unmenge Leute, die sich um dich und deine Kinder kümmern. Es gibt siebenjährige Mädchen, die fünf Monate alten Babys zugeteilt werden.

Und es gibt Au-Pair-Mädchen, die erst sechs oder sieben Jahre alt sind. Du kannst dort ankommen und denken: ‘Oh, das könnte ich nicht ertragen, das ist zu viel für mich.’

Doch am Ende des Tages schaffst du es nicht zu gehen, weil sie diese eine Sache haben, die schwer zu beschreiben ist und die du nicht hast.”  

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Einer der Pastoren sagte zu Brody: “Wissen Sie, früher lehnten wir Telefone ab und haben überlebt. Dann lehnten wir Handys ab und überlebten. Aber mit dem Internet ist es etwas anderes.”

Brody sagte: “Sie haben völlig recht. Mit dem Internet ist es etwas völlig anderes.” Er sagte: “Das macht mir wirklich Sorgen. Es können schlimme Dinge passieren.” 

Der Text erschien zunächst auf HuffPost USA und wurde von Sandra Tjong aus dem Englischen übersetzt.

(sk/amr)