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23/01/2018 14:48 CET | Aktualisiert 23/01/2018 15:59 CET

CDU-Politiker klagt an: "Wir müssen die Arbeitswelt reformieren"

Wir müssen als Gesellschaft das Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit neu definieren.

Cecilie_Arcurs via Getty Images
Sinnvoll wäre zum Beispiel eine Wochenarbeitszeit, die der Arbeitnehmer (in Absprache mit dem Arbeitgeber) flexibel einteilen kann.

Meine Söhne sind 8 und 10 Jahre alt. Da wird über den zukünftigen Beruf noch nicht viel nachgedacht. Aber wenn mein Großer etwas sagt wie “Papa, ich will später mal Erfinder werden, so wie du“, dann macht mich das schon stolz.

Natürlich mache ich mir Gedanken, wie es für meine Jungs später weiter geht. Das geht sicher allen Vätern so. Welchen Weg werden sie gehen? Welchen Beruf werden sie ergreifen? Und gibt es diesen Job überhaupt schon?

Die Frage ist nicht allzu weit hergeholt, die Arbeitswelt ist im Wandel. Während meine Schulkameraden früher noch Bauzeichner, Autoschlosser oder Schmied lernten, sind beliebte Ausbildungsberufe heute Mechatroniker, Industriemechaniker und Fachinformatiker. Und morgen?

Mir ist wichtig, neue Möglichkeiten als Chancen zu begreifen

Der “Megatrend Digitalisierung“ ist es, der unsere Berufswelt in Aufruhr versetzt. Unser (beruflicher) Erfolg wird stark davon abhängen, wie sehr wir in der Lage sind, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Gleiches gilt für Gesellschaft, Unternehmen und Politik.

Kernelement ist dabei häufig die Flexibilität. In vielen Jobs ist es uns heute schon möglich, unsere Arbeit unabhängig von einem bestimmten Ort und einer bestimmten Zeit zu tun.

In einigen Berufen unterstützen Maschinen und Roboter die Arbeiter –beispielsweise bei besonders gefährlichen oder gesundheitsschädlichen Arbeitsschritten.

Mehr zum Thema: Ende des Acht-Stunden-Tages? Chef der Wirtschaftsweisen fordert Gesetzeslockerung

Zum Teil werden Arbeitskräfte dadurch ersetzt, anderswo entstehen Stellen neu. Ich bin Ingenieur – das Positive an neuen Entwicklungen zu sehen, liegt mir im Blut.

Mir ist wichtig, neue Möglichkeiten als Chancen zu begreifen. In der Politik haben wir noch eine besondere Verantwortung: Wir müssen darauf achten, dass möglichst alle von neuen Entwicklungen profitieren – wir müssen alle mitnehmen. Dafür ist eines elementar: Jeder sollte Zugang zum schnellen Internet haben – in der Stadt wie auf dem Land.

Das gehört zur Daseinsvorsorge und ist wichtige Grundvoraussetzung für gleichwertige Lebens- und Arbeitsbedingungen.

Ebenso wichtig sind Reformen am Arbeitsmarkt

Fangen wir doch am besten in der Schule damit an. Die Lust am Gestalten, am
Recherchieren und am Entdecken ist allen Kindern angeboren. Wir müssen sie fördern und dazu animieren, selbst etwas zu schaffen. Das heißt: Programmieren, digitale Fähigkeiten und Medienkompetenz gehören auf die Lehrpläne – am besten ab der ersten Klasse.

Und danach? Mit dem Schulabschluss hört die Neugier doch nicht auf! Im Gegenteil: lebenslanges Lernen und berufliche Fortentwicklung gehören viel stärker in den Fokus.

Ebenso wichtig sind Reformen am Arbeitsmarkt. Wenn wir von neuen beruflichen Modellen profitieren und unsere Unternehmen im Wettbewerb attraktiv halten wollen, müssen wir starre Regelungen an die Bedürfnisse der Menschen in unserem Land anpassen.

Aktuell darf die tägliche Arbeitszeit in der Regel acht Stunden nicht überschreiten. Sinnvoll wäre zum Beispiel eine Wochenarbeitszeit, die der Arbeitnehmer (in Absprache mit dem Arbeitgeber) flexibel einteilen kann.

Auch gilt aktuell die Regel, dass zwischen Arbeitsende am Abend und Arbeitsbeginn am Morgen 11 Stunden liegen müssen. Diese Zeit müssen
wir verkürzen, um für alle passenden Bedingungen schaffen zu können.

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Viele werden jetzt vielleicht sagen: Ich habe in meinem Betrieb doch schon die Option, flexibel zu arbeiten. Das ist möglich, jedoch: Dort, wo flexible Arbeitszeitmodelle heute schon gelebt werden, findet das häufig unter Umgehung solcher Regelungen statt.

Ein Beispiel aus meinem Bekanntenkreis: Ein junger Vater, Büroangestellter, möchte sein Kind nachmittags von der Schule abholen und abends ins Bett bringen. Dafür würde er nach 20 Uhr nochmal die Mails durchgehen.

Für die Familie funktioniert es so am besten, technisch und von der Aufgabe her wäre es kein Problem. Er spricht mit dem Chef, beide einigen sich.

Eigentlich eine Win-win-Situation für alle Beteiligten. Doch der Betriebsrat stimmt dagegen. Der Kollege soll doch bitteschön die 8,5 Stunden im Büro absitzen. Ob es passt oder nicht, sei egal.

Die Folge: ein demotivierter Mitarbeiter, ein schlechteres Familienleben und am
Ende ein Gewerkschaftsmitglied weniger.

Wir müssen als Gesellschaft das Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit neu definieren

Warum liegt mir das Thema so am Herzen? Als ich in den USA gearbeitet habe, habe ich die Erfahrung gemacht, wie einfach Dinge durch Flexibilisierung laufen.

Dadurch war es mir möglich, meine Arbeit und mein Familienleben viel besser zu vereinbaren und öfter bei meinen Kindern zu sein. Ich konnte abends noch problemlos Informationen und Aufträge an die Kollegen in Luxemburg weitergeben.

Am nächsten Morgen hatte ich, begünstigt durch die Zeitverschiebung, schon die benötigten Ergebnisse. Auch hier – im Bereich der Arbeitsteilung in einer globalisierten Arbeitswelt – hätte ein striktes Festhalten am 8-Stunden-Tag Prozesse extrem verzögert und mich als Arbeitnehmer viel länger im Betrieb
festgehalten als nötig.

Hier gibt es eindeutig Synergieeffekte durch Flexibilisierung. Ich möchte, dass wir dafür sorgen, dass noch viel mehr Arbeitnehmer und Branchen davon
profitieren – sofern es ins individuelle Lebens- und Arbeitsmodell passt.

Wir müssen als Gesellschaft das Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit neu definieren.

Starten wir den gesellschaftlichen Dialog!

Die alten Zeiten des Klassenkampfs sind vorbei, wir haben in Deutschland glücklicherweise die Möglichkeit, uns individuell zu entfalten. Und das sollten auch Gewerkschaften und Betriebsräte akzeptieren und hier umdenken. Was für den einen gut passt, muss nicht für alle gelten.

Mitarbeiter und Firmen brauchen die Option, die Arbeit gut an die eigenen
Lebensentwürfe anpassen zu können. Die alleinerziehende Mutter hat da möglicherweise einen ganz anderen Bedarf als der Familienvater, der noch das “klassische“ Ernährermodell lebt.

Eine solche Reform muss eben alle berücksichtigen – auch diejenigen, die weniger flexibel arbeiten können oder wollen. Dabei ist völlig klar: Es geht um eine Anpassung von Arbeitszeit- und Arbeitsort, nicht um Mehrarbeit.

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Unternehmen brauchen dafür klare Regeln, die Betriebsräte könnten die Arbeitnehmer dabei unterstützen, gute Regelungen zu vereinbaren – beispielsweise das Recht auf Nicht-Erreichbarkeit.

Mitarbeiter müssen sich auch selbst Grenzen setzen und Unternehmen haben natürlich weiterhin eine hohe Verantwortung gegenüber ihren Arbeitnehmern.

Flexibilität heißt nicht Rund-um-die-Uhr verfügbar sein – das schadet am Ende den Arbeitnehmern und damit den Familien.

Das alte Spiel links gegen rechts, Gewerkschaft gegen Unternehmer, hat ausgedient. Starten wir den gesellschaftlichen Dialog!