POLITIK
05/09/2018 17:29 CEST | Aktualisiert 05/09/2018 18:31 CEST

Deutschlands erster schwuler Imam: "Die Reaktion meiner Mitgläubigen war überraschend"

Ein Treffen mit einem AfD-Politiker bezeichnet er als "gruselig".

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Christian Awhan Hermann.

Christian Awhan Hermann ist der erste offen schwule Imam Deutschlands, Seelsorger und ehemals “German Mr. Leather”.

Mit 19 Jahren trat er aus der evangelischen Kirche aus, vor einem Jahr konvertierte der heute 47-Jährige zum Islam.

Ein Gespräch über Homosexualität, Religion und die AfD.

HuffPost: Wie soll ich Sie eigentlich ansprechen? Herr Imam oder Mr. Leather?

Christian Awhan Hermann: Wir können uns gerne duzen. Mein Vorname ist Christian. Als zweiten Namen habe ich den Namen Awhan angenommen. Dass ich den Titel “German Mr. Leather“ hatte, ist schon 18 Jahre her.

Wie wird man German Mr. Leather?

Indem man an einer schwulen Lederwahl teilnimmt und die Jury in Lederklamotten überzeugt.

Und wie wird man vom German Mr. Leather zu einem Imam?

Eigentlich ist der Islam zu mir gekommen. Ich bin als LGBT-Aktivist in die Ibn Rushd-Goethe Moschee gegangen, eine Moschee, in die auch Homosexuelle gehen dürfen. Dort habe ich gemerkt, wie schön, wie offen diese Religion sein kann. Mir war klar: Ich werde Muslim.

Konvertiert bin ich erst im vergangenen Jahr. Ich habe eine Ausbildung zum Imam am Institut CALEM in Frankreich gemacht. 

Jetzt bist du der erste offen schwule Imam Deutschlands.

Ja, aber ich will nicht die große Sensation sein. Natürlich bin ich das irgendwie, aber ich fühle mich nicht so und überhaupt nicht politisch.

Wenn ich Leuten etwas mitgeben will, ist das nicht politisch. Ich hab eher Bock über Gott zu sprechen und darüber, wie Menschen miteinander umgehen. Früher war ich Protestant.

Wieso bist du es jetzt nicht mehr?

Mit 19 hatte ich mein Coming-Out als schwuler Mann. Da ist eine Religion, in der genau das als sündhaft gilt, natürlich nicht besonders verlockend.

Außerdem ist mir bewusst geworden, dass ich überhaupt keinen Zugang zu meiner Gemeinde habe und dass es gar keine Jugendangebote für mich gibt. Boah nee, hab ich gedacht. Ich fühl mich nicht abgeholt. 

In vielen islamischen Ländern werden Homosexuelle gehasst und verfolgt. Die meisten interpretieren den Koran so, dass Homosexualität eine Sünde ist. Macht dir das keine Angst?

Ich finde das natürlich bedrohlich. In meiner Arbeit als Seelsorger kommen viele Klienten aus Ägypten zu mir. Ich bekomme am eigenen Leib mit, wie sie bedroht werden.

Homosexuelle werden dort verfolgt, gefoltert, manchmal auch getötet. Es ist angeblich ein Verstoß gegen die guten Sitten. Ich höre solche Geschichten jeden Tag. Und sie machen mich jeden Tag betroffen. Das ist aber auch meine Motivation, etwas zu verändern.

Was magst du so sehr am Islam?

Der Islam ist, wenn man ihn richtig deutet, eine sehr friedliche Religion. Die Schlüsselbegriffe des Korans sind Barmherzigkeit, Liebe und Gerechtigkeit. Die spirituelle Weiterentwicklung des Einzelnen und der Gemeinschaft stehen im Mittelpunkt des Korans. 

Viele Muslime sagen, dass die Homosexualität ihrer Religion widerspricht.

Da wird Religion missbraucht, um Minderheiten zu verfolgen. Die Verfolgung von Minderheiten, egal ob es Schwule sind oder etwa Atheisten, ist nach der Deutung des Korans aber nicht in Ordnung.

Du hättest wahrscheinlich gerne einen moderneren Islam.

Ich hätte gerne einen inklusiven Islam, der alle Menschen miteinander verbindet. Und an dem alle Menschen gleichberechtigt teilhaben können. Auch Frauen und speziell natürlich auch LGBT-Menschen.

Awhan Hermann
Christian Awhan Hermann: "Die meisten reagieren gar nicht feindselig."

Wie reagieren die Menschen, wenn sie hören, dass du ein schwuler Imam
bist?

Interessanterweise reagieren die meisten gar nicht feindselig. Ich scheine da irgendeinen Punkt zu treffen bei den Menschen. Natürlich gibt es auch Leute, die sagen, das sei nicht in Ordnung. Viele sagen mir: ‘Du bekommst bestimmt viele Morddrohungen’, aber ich habe keine einzige bekommen.

Ich glaube, dass es mir gelingt, die Menschen zu berühren. Und wer Menschen berührt, den schätzen sie. Auch als ich konvertiert bin, gab es innerhalb meines Freundeskreises keine Probleme. Denn nur weil ich jetzt eine andere Religion habe, bin ich nicht anders geworden. Ich bin immer derselbe geblieben.

Wie schaffst du es, dass es dir egal ist, was andere von dir denken? Oder
wirkt das nur so?

Mir ist nicht egal, was andere von mir denken. Ich bin hochsensibel. Das heißt unter anderem, dass ich viel Zeit zum Nachdenken brauche, dafür aber auch den Vorteil auf eine gewisse höhere Empathie habe.

Ich kann mich gut in Menschen hineinversetzen, mache mir viele Gedanken über andere, aber eben auch über mich selbst.

Du sollst auch als Dragqueen arbeiten.

Na ja, ich sehe dann eigentlich eher aus wie eine katholische Nonne. Ich bin eine Schwester der Perpetuellen Indulgenz. Das ist eine Art der unreligiösen Seelsorge für LGBT-Leute. Wir laufen in bunter Kleidung durch Clubs und verteilen Kondome, machen aber auch viel Streetwork.

Mir macht das Spaß, ich spreche einfach gerne mit den unterschiedlichsten Menschen und merke, dass es ihnen hilft und auch ich mich dadurch weiterentwickle.

Mehr zum Thema: Imam: “Ich bin sicher, Prophet Mohammed würde Schwule verheiraten”

Würdest du dich gerne mal mit jemandem von der AfD unterhalten?

Klar, ich habe sogar schon mal mit einem AfD-Politiker gesprochen. Ein Mitglied des Bundestags aus Nürnberg ist zu Besuch in die Moschee gekommen. Der war so ein bisschen, wie soll ich sagen...gruselig.

Warum gruselig?

Seine Positionen waren eingeübt, er war genauso, wie man es sich
dachte. Ich wusste immer, was er als nächstes sagen würde. Leider hat sein Besuch meine Ansichten über die AfD eher bestätigt, als widerlegt.

Trotzdem würde ich immer wieder mit AfD-Politikern sprechen. Ob die Gespräche bei der AfD etwas bewirken würden, ist eine andere Frage.

Auch mit Pierre Vogel, dem umstrittenen Islam-Prediger würde ich gerne reden. Das hätte sicher einen hohen Unterhaltungswert, weil wir beide charmante Spaßbolzen sind.

Geht es dir als schwuler Imam manchmal auch einfach nur um Provokation?

Nein, ich denke mir immer: Entweder kann ich jetzt jemanden provozieren oder ich kann die Provokation einfach weglassen und mit dem Menschen sprechen. Dadurch respektieren mich auch andere Muslime, die nicht homosexuell sind. Sie unterhalten sich mit mir und denken: ‘Na gut, er liebt vielleicht Männer, aber abgesehen davon ist er eigentlich ein ganz normaler Muslim, genau wie wir.’

Auch wenn ein Muslim meine Homosexualität nicht versteht, sage ich immer: Das ist ok, das ist deine Meinung . Ich habe eine andere Meinung. Aber wir können trotzdem Glaubensgeschwister sein.

Dein Leben scheint immer für eine Überraschung gut zu sein. Oder wirkt
das nur so und du planst in Wahrheit alles akribisch?

Ich glaube, dass Planung das halbe Leben ist. Mein Tag würde ohne einen Plan nicht funktionieren. Das Spannende aber ist, dass es immer wieder Situationen gibt, die ich eben nicht planen kann und die sich einfach so ergeben, anscheinend zufällig. Aber ich bin der Meinung, dass vieles nur zufällig erscheint.

Du glaubst also an einen höheren Plan?

Ja. Ich weiß, es klingt abgefahren und esoterisch, aber ich glaube, dass es für mich einen Plan gibt.

Wenn dieser Plan aufgehen sollte... Was wäre dein größter Traum?

Mein allergrößter Traum wäre es, als offen schwuler Imam nach Mekk auf Pilgerfahrt gehen zu können. Das ist aktuell völlig unmöglich.

Ob es nächstes oder übernächstes Jahr in der Zukunft möglich ist, wer weiß. Wenn es für mich möglich wäre, hieße es, dass es auch für andere offen LGBT- lebende Menschen möglich wäre. Und das wäre wunderschön.

Ein weiterer Traum geht derzeit in kleinen Schritten in Erfüllung: Eine Gemeinde aus hauptsächlich LGBT-Muslimen formiert sich gerade in Berlin.

Und einen anderen Wunsch habe ich auch noch. Ich bin jetzt schon sehr lange Single. Ich hätte gerne eine Beziehung, die in eine Ehe mündet. Mit einer islamischen Hochzeit. Das wäre toll.

(lp)