POLITIK
28/02/2018 11:57 CET | Aktualisiert 28/02/2018 12:57 CET

Deutschland diskutiert Diesel-Verbote – und übersieht das viel größere Problem

Die HuffPost-These.

Westend61 via Getty Images
Berlin-Mitte: Verstopfte Straßen gehören hier zum Stadtbild.

Das oberste Verwaltungsgericht zieht die Handbremse. Bei 180 Kilometern die Stunde.

Schmutzige Diesel-Fahrzeuge sollen in Zukunft zum Stehen kommen: Kommunen und Städte dürfen in Zukunft bestimmte Straßen und Stadtabschnitte für besonders schlimme Stickoxid-Schleudern sperren.

Verständlicherweise sorgt das Urteil bei Diesel-Fahrern für Empörung. Sie müssen ausbaden, was Industrie und Politik in den vergangenen Jahren sehenden Auges verbockt haben.

Doch ein Umdenken zeichnet sich in Berlin nicht ab. Die Bundesregierung versucht das Urteil kleinzureden. Und geht der viel wichtigeren Diskussion aus dem Weg: Wie kann die Luftverschmutzung in Städten wirklich nachhaltig reduziert werden?

Eine Antwort läge auf der Hand:

Der Pendler-Wahnsinn muss beendet werden. Denn es sind nicht vornehmlich die Dieselfahrer, die in Städten für Verkehrschaos und schlechte Luft sorgen, sondern die Millionen Angestellten und Beamten, die es jeden Tag mit dem Auto aus dem Umland in die Großstädte zieht.

Wie sieht die Pendler-Situation aus?

► Die Zahl der Pendler in Deutschland nimmt immer weiter zu. Im vergangenen Jahr vermeldete das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung eine Rekord-Zahl.

► Der Anteil der Beschäftigten, die zum Teil lange Wege zum Arbeitsplatz und zurück in Kauf nehmen liegt demnach bei rund 60 Prozent.

Im Schnitt sind Pendler täglich 34 Kilometer unterwegs.

► In München etwa gab es 2016 365.000 Pendler. Das ist bundesweit Rekord.

Kaum verwunderlich, dass die Stadt auch bei einer anderen unrühmlichen Statistik vorne liegt: München ist Stadt mit der höchsten Stickstoffdioxidbelastung in Deutschland.

Und gleichzeitig...

... wird das öffentliche Nahverkehrsnetz nicht besser, sondern vielerorts schlechter. Dabei wäre die einfachste Möglichkeit, den Pendler-Irrsinn zu beenden, eine bessere Anbindung zu den Stadtzentren zu schaffen.

► “Die Anbindung mit Bus- und Bahn auf dem Land ist in Deutschland vielerorts extrem schlecht oder de facto nicht vorhanden”, sagte Thomas Mager, Vorstandsmitglied des ökologisch orientierten Verkehrsclub Deutschland (VCD), zuletzt der HuffPost.

Conrad Knig / EyeEm via Getty Images
Nix geht: In vielen deutschen Regionen ist der Schienenverkehr ein Trauerspiel.

► Auf 30 Milliarden Euro schätzte die Deutsche Bahn bereits 2014 den Investitionsstau im deutschen Bahnnetz - etwa für neue Gleise, Weichen, Signale oder Rangierbahnhöfe.

► Zudem werden die Öffentlichen teurer. Zuletzt im Dezember kündigten die Deutsche-Bahn-TochterDB Regio und ihre privaten Konkurrenten eine Preissteigerung von mehr als 2 Prozent an.

Wie sähen Lösungen aus?

► Die Nahverkehrsnetze müssen besser werden, das steht außer Frage. Viele europäische Ländern können hier als Vorbild dienen.

► Zudem muss die Debatte um den kostenlosen Nahverkehr neu geführt werden: Zuletzt hatte es geheißen, mehrere Kommunen sollten Modellprojekte starten, dann war die Idee wieder begraben worden.

► Ein Beispiel, dass es funktionieren kann: In Estlands Hauptstadt Tallinn ist der Nahverkehr seit Anfang 2013 für Anwohner kostenlos. 

► Dort finanziert die Stadt den Vorstoß durch die Steuereinnahmen jener Menschen, die wegen des kostenlosen Nahverkehrs aus dem Umland nach Talinn umgezogen sind.

Westend61 via Getty Images
Talinn gilt immer wieder als Beispiel.

► Und: Das Modell refinanziert sich. Die Hauptstadt wächst.

► Dass schon ein sehr günstiger Nahverkehr viele Menschen überzeugt, zeigt die Stadt Wien. Dort kostet das Jahresticket nur einen Euro pro Tag - das führte dazu, dass mittlerweile deutlich mehr Wiener die Öffentlichen als das Auto nutzen

► Eine andere Möglichkeit: Die “City Maut”. Eine Abgabe, die Pendler im innenstädtischen Bereich zahlen und die genutzt wird, um den Ausbau des Nahverkehrsnetzes zu finanzieren. London hat mit dieser Maut gute Erfahrungen gemacht. 

► Oder: Ein flächendeckendes Konzept aus zeitweise kostenlosen Fahrten, Projekten zur E-Mobilität und für Fahrradreisende, wie es Paris derzeit umsetzt.

Angebote, die Menschen dazu bewegen könnten, endlich auf ein eigenes Auto zu verzichten.

Doch der Blick auf die Straße reicht nicht...

► Auch die Wohnungs- und Mietpreissituation in Großstädten muss verbessert werden, damit Pendeln für weniger Menschen zur lästigen Notwendigkeit wird.

Noch immer sind innovative Wohnkonzepte in Deutschland an massenweise Regularien geknüpft. Stattdessen entstehen vor allem Luxus-Apartments, die für die meisten Pendler keine Option sind.

► Und noch eine andere Idee könnte die Umwelt-Belastung massiv senken: Das Home-Office. Wer zuhause arbeitet, muss nicht kilometerlange Strecken auf sich nehmen, um zum Arbeitsplatz zu kommen.

Dafür bräuchte es aber nicht nur eine steigende Akzeptanz bei den Arbeitgebern, sondern auch ein besseres Internet. Hier ist Deutschland weiter höchstens Mittelmaß. 

(ben)