POLITIK
22/08/2018 19:04 CEST | Aktualisiert 23/08/2018 11:45 CEST

In Essener Kita-Gruppe spricht kaum ein Kind Deutsch: Experten erklären die Situation

"Die Gruppenzusammensetzung in der Kita-Gruppe ist momentan sehr unglücklich."

  • Eine deutsche Mutter hat in einem viralen Facebook-Video beklagt, dass sich ihr Sohn im Kindergarten nicht mit den anderen Kindern auf Deutsch verständigen kann.
  • Eine Kita-Expertin erklärt in der HuffPost, wie es zu dieser Situation kam – und wie Integration in der Kita funktioniert.
  • Im Video oben packt ein Kita-Leiter aus: So chaotisch sind die Zustände in deutschen Kindergärten.

Die junge Mutter Leen Kroetsch aus Essen ist verzweifelt. So verzweifelt, dass sie ihrem Unmut in einem Facebook-Video Luft macht, das in der vergangenen Woche 1,7 Millionen Mal aufgerufen wurde.

“Mein Sohn fühlt sich hier wie ein Ausländer”, erzählt sie und fragt: “Darf das, liebe Politiker?”

Nur zwei Kinder sollen gut Deutsch sprechen

In der Kita-Gruppe ihres Sohnes seien 25 Kinder. Von denen hätten nur zwei keinen Migrationshintergrund und könnten Deutsch, sagte sie. Untereinander verständen sich die 23 Kinder mit Migrationshintergrund sehr gut. Doch da ihr Sohn Deutsch spräche, fände er keinen Anschluss in Gruppe. 

Mehr zum Thema: Warum wir Flüchtlingskindern so viele Kitaplätze wie möglich geben sollten

 

monkeybusinessimages via Getty Images
“In Essen allein fehlen 2.000 Kitaplätze”, sagte der Essener SPD-Mann Karl-Heinz Endruschat.

Die Kita-Leitung sieht es anders

Kroetschs Sohn besucht eine katholische Kita in Essen. Der Träger ist ein Kita-Zweckverband des Bistums. Dort sieht man die Situation gelassener. Es sei richtig, dass nur zwei der 25 Kindergarten-Kinder in der Gruppe die deutsche Staatsbürgerschaft hätten, sagte Petra Struck, Leiterin der zuständigen Geschäftsstelle des Kita-Zweckverbands zur “Westdeutschen Allgemeinen Zeitung” (“WAZ”). 

Doch die Hälfte der Gruppe spräche Deutsch, sagte Struck zur “WAZ”. Das sei “ihre einzige gemeinsame Sprache”. Außerdem seien die Kinder erst seit einigen Wochen in der Kita. “Denen muss man Zeit geben.” 

Kroetsch sieht das anders. “Ich habe Frau Struck noch nicht im Kindergarten gesehen. Ich frage mich, woher sie ihre Zahlen nimmt”, sagte sie. “Mir hat die Kindergarten-Leitung gesagt, dass nur sieben Kinder in der Gruppe meines Sohnes einigermaßen Deutsch verstehen. Frau Struck hat nie versucht, mit mir zu sprechen”, sagt Kroetsch der HuffPost.

“Die Kitaplätze in reicheren Gegenden sind schnell weg”

Laut Erzieherin Ilona Böhnke sind Kita-Gruppen, in denen nur wenige Deutsch sprechen, mittlerweile kein Einzelfall mehr. Böhnke arbeitet seit 40 Jahren im Ruhrgebiet als Erzieherin – meistens in Brennpunktvierteln mit hohem Ausländeranteil.

“Die Kitaplätze in reicheren Gegenden sind schnell weg”, sagt sie im Hinblick auf Kroetschs Situation. “Da muss man sich ja schon bewerben, bevor man schwanger wird.”

Generell schlecht seien Kitas mit hohem Ausländer-Anteil aber nicht.

“In einem Dortmunder Multi-Kulti-Kindergarten klappt das sehr gut”, sagt Böhnke. Kinder aus vielen verschiedenen Nationen seien dort in der gleichen Gruppe. “Da ist alles sehr gut durchgemischt und die Eltern haben wirklich Interesse daran, dass ihre Kinder Deutsch lernen und andere Kulturen erleben.”

“Die Politik muss verhindern, dass es erst zu so einer Konstellation kommt”

Doch es gäbe auch noch problematischere Fälle. In einem Brennpunkt-Kindergarten in Herne etwa sprächen die meisten Kinder nur Türkisch – daheim und untereinander im Kindergarten. Die Eltern möchten unter sich bleiben und seien an einer Integration kaum interessiert, sagte Böhnke. Eine Gruppenbildung nach Sprache sei dann fast nicht mehr zu vermeiden. 

“Die Kinder und Eltern können da gar nichts dafür”, sagt Kroetsch. “Die Politik muss verhindern, dass es überhaupt zu so einer Konstellation kommt”, fordert sie. “Und die Kindergarten-Leiter müssen Kinder mit Migrationshintergrund besser aufteilen. Nur so kann man sie integrieren.”

“Integration ist ja so wichtig”, sagt sie. Umso härter treffe es sie, dass sie nun “in die rechte Ecke gestellt” würde für ihre Aussagen über die Situation in der Kita. Auch Gewaltdrohungen habe sie schon erhalten. Sie erwäge, die Täter anzuzeigen. 

Trotzdem bereue sie ihre emotionale Online-Anklage nicht. “Ich finde es immer noch richtig, den Mund aufgemacht zu haben”, sagte Kroetsch.

Ilona Böhnke rät Kroetsch indes, wenn möglich, die Kita zu wechseln oder sich im Elternrat zu engagieren. “Man kann sich da immer engagieren und Vorschläge machen.”

“Ich glaube nicht, dass ich da alleine viel verändern kann”, meint Kroetsch dagegen. Sie sieht die Kindergartenleitung und die Politik in der Pflicht und forderte einen Ausbau der Kita-Stellen.

Sonderfall Notgruppen

“In Essen allein fehlen 2.000 Kitaplätze”, sagt der Essener SPD-Mann Karl-Heinz Endruschat der HuffPost. Er hat Kroetsch getroffen.

“Die Gruppenzusammensetzung in der Kita-Gruppe von Frau Kroetschs Sohn ist momentan sehr unglücklich”, betont er. Kita-Gruppen, in denen die meisten Kinder kein Deutsch sprächen, seien aber gerade im Essener Norden nicht ungewöhnlich, sagt Endruschat.

Trotzdem sei Kroetschs Situation besonders.

Kroetschs Sohn besuche nämlich eine städtisch finanzierte Notgruppe. Diese wurden für Familien geschaffen, die einen Rechtsanspruch auf den Kitaplatz geltend gemacht oder ihn wie Kroetsch eingeklagt haben. Die Vergabe erfolge dabei nach dem Wartelistenprinzip, erklärt Endruschat. “Das ist unglücklich.”

“Deshalb ist da auch kein Austausch zwischen den Gruppen möglich – rechtlich und finanziell nicht”, sagt der SPDler. “Die Notgruppe wird von der Stadt finanziert. Die anderen Gruppen sind in der Trägerschaft des Bistums.” 

Die SPD will das Integrations-Problem auf breiter Front bekämpfen. “Ich bin ein Freund von Durchmischung”, sagt Endruschat. Deshalb brauche es einen Stadtteilausgleich, der verhindere, dass eine bestimmte Gruppe von Migranten die überwiegende Mehrheit in einer Kita stellt.

Kinder aus verschiedenen Stadtvierteln und mit unterschiedlichen sozialen und kulturellen Hintergründen sollten die gleiche Kita-Gruppe besuchen. “Davon profitieren letztlich alle Kinder.”