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02/03/2018 13:51 CET | Aktualisiert 02/03/2018 22:23 CET

Hebamme: Ich bringe Babys in Krisengebieten zur Welt

Die Geburten führen wir meistens in Flüchtlingslagern durch.

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Eine Mutter füttert ihr Baby in einem Flüchtlingslager. 

Ein menschenleeres Krankenhaus in einem Krisengebiet im Nahen Osten. Aus Sicherheitsgründen darf ich den genauen Ort nicht nennen.

Ich befinde mich im Kreißsaal einer Geburtshilfestation, die wir wieder aufgebaut haben. Unser Team besteht aus einem Gynäkologe, zwei Krankenschwestern, einem Anästhesisten und zwei Hebammen – eine davon bin ich.

Vor mir auf der Trage liegt eine syrische Mutter in den Wehen, sie bekommt Vierlinge. Ich streichele ihren Kopf, rede beruhigend auf sie ein. Neben mir steht eine Übersetzerin, nur so können wir kommunizieren.

Das Leben der vier Babys ist in Gefahr. Denn das Equipment ist auf das Nötigste beschränkt. Außer uns steht das komplette Gebäude leer.

Eine natürliche Geburt hätte sie nicht überlebt

Es ist gespenstisch. Die Frontlinie, an der in diesem Moment geschossen wird, ist nicht weit weg.

Wir leiten einen Kaiserschnitt ein. Eine natürliche Geburt von Vierlingen hätte sie unter den gegebenen Umständen von Haus aus nicht überlebt. Zwei Stunden schlagen wir uns durch, jeder von uns gibt sein Bestes.

Seit Beginn ihrer Schwangerschaft habe ich diese Frau begleitet, also habe ich einen Draht zu ihr aufgebaut.

Mir läuft der Schweiß die Stirn herunter, die Übersetzerin überträgt meine Worte:

►“Halte durch, wir schaffen das.”  

Und dann, nach viel Mühen, geschieht ein Wunder: Die Mutter und ihre vier Babys überleben.

Im Kreißsaal geht ein erleichtertes Raunen um. Das Schreien der Babys erfüllt die Station. Wir alle hätten das nicht erwartet. Das war die schönste Geburt, die ich miterleben durfte.

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Ich bin ohne Hebamme in einem Auto zur Welt gekommen

Ich habe als Hebamme für Ärzte ohne Grenzen im Nahen Osten gearbeitet. Vor elf Jahren begann ich den Beruf in der Nähe von Hamburg und arbeite seit 2010 in Berlin.

Meine Mutter meinte schon immer, das sei meine Berufung gewesen. Denn ich selbst bin ganz ohne Hebamme in einem Auto auf die Welt gekommen. Ich musste quasi fast Hebamme werden.

Durch die Organisation “Ärzte ohne Grenzen” war ich vor vier Jahren das erste Mal in einem Kriegsgebiet im Irak.

Insgesamt sieben Monate verbrachte ich dort – und nach dieser Zeit wusste ich, dass ich genau in diesen Regionen weiterarbeiten will.

2014 war ich in einem weiteren Land, in dem Krieg herrscht. Die Projekte der ÄOG, in denen ich mitwirkte, konzentrieren sich auf die Geburtshilfe in Flüchtlingslagern und Krankenhäusern.

Ja, ich könnte in Deutschland bleiben. Es gäbe dort genügend Mütter, die ich begleiten könnte.

Und natürlich: Es kann durchaus gefährlich sein, in Krisengebieten zu arbeiten.

Doch wir bekommen so viel von den politischen Umständen in diesen Regionen mit.

Wir wissen nicht, wie sich der Krieg auf das Leben der Menschen auswirkt. Besonders wissen wir nicht, wie es ist, im Krieg Mutter zu werden.

Die Geburten finden in Flüchtlingslagern statt

Ich habe mit eigenen Augen gesehen und miterlebt, wie sehr diese Mütter auf Hilfe angewiesen sind, wenn die Welt um sie herum zerrüttet ist. Dieses Gefühl zieht mich immer wieder zurück an diese Orte.

Die Geburten führen wir meistens in Flüchtlingslagern durch. Zwar sind diese mit stabilen Metallwänden ausgestattet, doch im Vergleich zu Deutschland sind das nicht mehr als improvisierte Häuschen. 

Die einzige Voraussetzung, die mit Deutschland zu vergleichen ist: Die Hygiene.

Es ist essentiell und lebensrettend, dass alles steril ist. Da muss immer alles auf neustem und bestem Stand sein. 

Bei allem anderen waren wir auf das Nötigste beschränkt. Teilweise kamen die Patientinnen mit Matsch an den Füßen in den Kreißsaal gestolpert.

In den improvisierten Geburtshilfestationen stand uns ein Reanimationsapparat für die Babys und sonst nur die grundlegendste medizinische Ausstattung zur Verfügung.

Doch für eine erfolgreiche Geburt reichen schon simple Schritte. Unumgängliche Grundvoraussetzung: Ein gut ausgebildetes Team.

Die Schwierigkeit in Krisengebieten ist, dass die Mütter oft zuhause gebären wollen. Das ist durchaus verständlich, denn um in ein Krankenhaus zu gelangen

► müssen sie an den Checkpoints vorbei

► ist der Transport oft nicht möglich

► oder das nächstgelegene Krankenhaus zu weit weg.

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In Deutschland macht sich eine werdende Mutter über diese Dinge keinerlei Gedanken. Die Geburt selbst ist ja bereits belastend genug.

In den Krisengebieten sieht das ganz anders aus. Der Gesundheitszustand der Menschen vor Ort ist schlechter, und auch emotional sind die Mütter enormen Belastungen ausgesetzt.

Auf der Flucht, unterernährt oder ohne Kleidung

Sie befinden sich auf der Flucht, haben zu wenig zu essen oder keine Kleidung. All das sind maßgebende Einflüsse – für sie selbst sowie für ihre Babys.

Zwar haben wir durch unsere Einsätze in den improvisierten Geburtshilfestationen die Anzahl der geglückten Geburten teilweise von null auf 200 pro Monat steigern können.

Trotzdem ist die Sterblichkeitsrate in den Gebieten um einiges höher als in Deutschland. Armut, Konflikte, gesundheitliche Unterversorgung und traumatische Erfahrungen in der Schwangerschaft – ich erlebe hier viel mehr Totgeburten mit. Das ist sehr traurig.

Ich habe in meinen elf Jahren als Hebamme in einigen Flüchtlingslagern und zertrümmerten Krankenhäusern gearbeitet. Und viele Jahre davon in Deutschland.

Und klar: Die Unterschiede dieser zwei Welten sind enorm. Und doch sehe ich am Ende des Tages, wenn ich im Kreißsaal stehe und den Müttern bei der Geburt Beistand leiste, eine Gemeinsamkeit.

Egal, wo auf der Welt, ob zwischen Trümmern, oder in einem hochsterilen deutschen Krankenhaus:

Eine werdende Mutter sehnt sich nach Geborgenheit.

Aus dem Grund liebe ich meinen Beruf. Denn als Hebamme kann ich ihr diese Geborgenheit schenken. Und dann verschwimmt die Umgebung und es ist egal, wo die Frau ihr Kind auf die Welt bringt.

Wie wichtig und besonders dieses Gefühl ist, habe ich kürzlich selbst miterlebt. Ich habe mein erstes Kind auf die Welt gebracht – mit einer Hebamme an meiner Seite natürlich.

Dieser Text wurde von Meltem Yurt aufgezeichnet.

(kap)