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29/04/2018 18:59 CEST | Aktualisiert 29/04/2018 18:59 CEST

Wie deutsche Behörden blinde Menschen schikanieren

Manche Mitarbeiter glauben an Spontanheilungen.

ullstein bild via Getty Images
In den meisten Bundesländern bekommen blinde Menschen Blindengeld. 

Blindengeld ist eine Leistung, die in den meisten Bundesländern an blinde Personen gezahlt wird. Dieses Geld ist als Nachteilsausgleich und für blindheitsbedingte Mehraufwendungen vorgesehen.

Damit kann man sich also eine Begleitung zum Einkaufen, eine Vorlesekraft oder ein Hilfsmittel bezahlen. Die Bedürfnisse und Verwendungen sind so vielfältig wie die Menschen selbst, die Blindengeld beziehen.

Hier in Hessen wird dieses Geld durch den Landeswohlfahrtsverband Hessen (LWV) ausgezahlt. Dieser will alle zwei Jahre eine Lebensbescheinigung haben, die man beispielsweise beim Hausarzt, der Bank oder dem Einwohnermeldeamt bekommt.

Unter anderem wird einem auch die Frage gestellt, ob man sich während der letzten 18 Monate einer Augenoperation unterzogen habe. Wenn ja, dann wird es so richtig schön bürokratisch. 

Ich bekam eine Hornhauttransplantation am Auge

Im Frühjahr 2013 wurde bei mir eine Hornhauttransplantation am Auge durchgeführt. Circa sechs Wochen später wurde ich, wie alle zwei Jahre, aufgefordert nachzuweisen, dass ich noch am Leben bin. Und da während der letzten 18 Monate eine Augenoperation stattgefunden hatte, sollte ein entsprechendes Formular ausgefüllt werden.

Mein Augenarzt bestätigte, dass meine Sehschärfe noch immer klein genug ist, um die Voraussetzungen für das Blindsein zu erfüllen. Dabei erwähnte er, dass nach sechs Monaten, und noch mal nach 18 Monaten, nochmals Fäden am operierten Auge entfernt werden müssen.

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Daraufhin bekam ich ein richtig schön dickes Formular, welches der Augenarzt ausfüllen sollte.

Grund dafür, so die Sachbearbeiterin des Landeswohlfahrtsverbands, sei, dass bescheinigt werden müsse, dass ich nach dem Entfernen der Fäden noch immer blind bin. Schließlich könne sie als Nicht-Augenärztin keineswegs beurteilen, ob sich mein Sehen dadurch erheblich verbessert.

Das Blindengeld wurde eingestellt

Mein Arzt hat dieses Formular sofort ausgefüllt und auch hingeschickt.

Dennoch ist es komischerweise nie bei der Sachbearbeiterin angekommen. Diese hatte mir mit sofortiger Wirkung das Blindengeld eingestellt. Und zwar so lange, bis sie das entsprechende Formular, welches mein Arzt noch mal in Kopie hingeschickt hat, in ihren Händen hielt.

Die Bearbeitung würde nach ihrem Urlaub, den sie am nächsten Tag antreten würde, erfolgen. 

Sechs Monate später bekam ich erneut Post vom LWV. Die Mitarbeiterin verlangte, dass mein Augenarzt wieder ein dickes Formular ausfüllte. Denn es könnte ja eine Sehverbesserung durch die Operation erfolgt sein.

Zur Erklärung: Ich habe Nystagmus. Der sorgt dafür, dass meine Augen unkontrolliert zittern. Daher entscheiden die Augenärzte sich dafür, dass Eingriffe wie das Entfernen von Fäden unter Vollnarkose stattfinden. Alles andere ist zu riskant.

Manche Behörden-Mitarbeiter glauben an Spontanheilungen

Inzwischen habe auch ich begriffen, dass die Mitarbeiter dieser Behörde noch immer an Spontanheilung glauben.

Jedenfalls ist mir und meinem Augenarzt kein einziger Fall bekannt, bei dem allein durch das Entfernen von Fäden ein blinder Patient wieder so viel gesehen hat, dass der den Status blind verliert. Den Status erhält man, wenn man auf dem besser sehenden Auge ein Sehvermögen von unter zwei Prozent hat.

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Aber auch Augenärzte können sich schon mal irren.

Eine blinde Freundin erzählte mir von einem Besuch in einer Augenklinik. Nach längerem Warten sollte sie einem Sehtest unterzogen werden. Und das nicht nur auf dem Auge, auf dem sie noch grobe Umrisse wahrnehmen konnte, sondern auch auf dem, welches eine Prothese war.

Als der Arzt ihr nicht glauben wollte, ließ sie ihn gewähren, bis er es irgendwann selbst herausfand. Der Blick war bestimmt unbezahlbar. Für diesen Augenarzt hoffe ich sehr, dass er durch dieses Lerngeschenk erkannt hat, dass man seinem Patienten besser zuhört.

Infos rund um Blindheit und Sehbehinderung aus erster Hand:

Blog: http://www.lydiaswelt.com