POLITIK
06/01/2018 12:08 CET | Aktualisiert 06/01/2018 15:30 CET

So gefährlich geht es an deutschen Bahnhöfen zu

Die Polizei sei am Limit, sagt ein Beamter.

dpa
Die Kriminalität an deutschen Bahnhöfen hat rasant zugenommen. (Archivbilder)
  • An den meisten großen deutschen Hauptbahnhöfen gibt es einen massiven Anstieg an Straftaten, wie eine Recherche zeigt
  • Ein Teil des Kriminalitätszuwachses geht auf Flüchtlinge zurück – aber vor allem der Stellenabbau der Polizei wird als hauptsächliche Ursache für den Anstieg der Straftaten angesehen

Es war dem schnellen Eingreifen der Münchner Polizei zu verdanken, dass es nur einzelne Verletzte gab: Mit Schlagstöcken beendeten die Beamten Anfang Dezember eine Massenschlägerei von bis zu 60 teils vermummter Fußballfans am Münchner Hauptbahnhof.

Es war nicht die erste brutale Auseinandersetzung am drittgrößten deutschen Bahnhof, die 2017 mit Verletzten endete.

Im April vergangenen Jahres etwa hatte dort eine Rumänin auf einen Polen eingeschlagen. Als dieser bereits am Boden lag, traten zwei ihrer Begleiter auf den Kopf des Opfers ein. Der schwerverletzte Autospengler musste wegen Frakturen des Gesichts- und Schädelskeletts ins Krankenhaus – gegen die
Rumänen ermittelte daraufhin die Mordkommission.

Die Ermittler interessieren sich zwar nach wie vor nur selten für die Geschehnisse am Münchner Hauptbahnhof, doch ihre Kollegen in Uniform mussten dort in den vergangenen Jahren immer öfter ausrücken.

Die Zahlen zeigen das Problem

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Die Haupthalle des Münchner Hauptbahnhofs.

► Die Zahl der bei der Münchner Polizei angezeigten einfachen Körperverletzungen in der Umgebung von Bayerns wichtigster Zugstation stieg 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 86 Prozent, die der schweren Fälle um 49 Prozent.

► Seit 2012 hat sich die Zahl aller Straftaten in Bahnhofsnähe mehr als
verdoppelt.

► Im Bahnhofsgebäude selbst registrierte die Bundespolizei laut Polizeilicher
Kriminalstatistik im Jahr 2016 rund 46 Prozent mehr Straftaten als noch 2011.

Auch an anderen großen deutschen Hauptbahnhöfen gab es in den vergangenen Jahren immer mehr Probleme mit der Sicherheit.

“Der Bürger fühlt sich nicht mehr sicher”

Die fünf Bahnhöfe, die laut DB 2016 die meisten Fahrgäste verzeichneten waren die Hauptbahnhöfe Hamburg, Frankfurt, München, Stuttgart und Köln – an allen fünf nahm die Zahl der Straftaten zwischen 2011 und 2016 unisono zu, zum Teil sogar massiv. Das geht aus entsprechenden Statistiken der Bundes- und jeweiligen Landespolizeibehörden hervor.

Die Zahl der Gewalt-, Eigentums- und Drogendelikte legte mancherorts massiv zu.

► Registrierte die eigentlich für die Sicherheit im Bahnbereich zuständige Bundespolizei 2011 am Stuttgarter Hauptbahnhof noch 1581 Straftaten, waren es fünf Jahre später mit 3060 bereits fast doppelt so viele.

Von jeher einen schlechten Ruf hat der Hamburger Hauptbahnhof.

► An der mit 520.000 Reisenden und Besuchern pro Tag meist genutzten deutschen Station belief sich das Plus an Straftaten in nur fünf Jahren auf ein gutes Drittel.

► Die Zahl der Einsätze der Landespolizei war dort bis 2016 ebenfalls gestiegen.

Und auch anderswo muss immer öfter die örtliche Polizei mithelfen, um die öffentliche Ordnung aufrecht zu halten.

“An manchen Bahnhöfen ist ein Zustand erreicht, an dem sich der Bürger nicht mehr sicher fühlen kann”, warnt Ernst Walter, Vorsitzender der DPolG-Bundespolizeigewerkschaft.

Frankfurter Bahnhof - das “Tor zur Hölle”?

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Der Eingang des Frankfurter Hauptbahnhofs.

Am Frankfurter Hauptbahnhof klagen Ladenbetreiber und Reisende seit längerem über eine offene Drogenszene.

Die Polizei habe die Kontrolle über den Bahnhof verloren, kommentierte die sonst eher nüchterne “Frankfurter Allgemeine” im vergangenen Jahr und
nannte den Bahnhof der Main-Metropole gar das “Tor zur Hölle”.

► 2016 registrierte die Frankfurter Polizei am Hauptbahnhof beinahe dreimal so viele Straftaten wie noch 2011.

► Die Rauschgiftdelikte legten im gleichen Zeitraum um 235 Prozent zu.

► Auch sämtliche bei der Bundespolizei bearbeiteten Straftaten nahmen in nur
fünf Jahren um 57 Prozent zu.

► 7839 Straftaten registrierten Bundes- und Landespolizei im Jahr 2016 am Tatort Frankfurt Hauptbahnhof.

► Gewaltstraftaten wie Raub oder gefährliche Körperverletzung legten am nach Fahrgastzahl zweitwichtigsten deutschen Bahnhof in nur fünf Jahren um 73,3 Prozent zu.

Jörg Radek, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), warnt: “Die zunehmende Verrohung der Gesellschaft ist an den Hauptbahnhöfen ganz besonders zu spüren.”

Die Stellenstreichung bei der Polizei rächt sich jetzt offenbar

Pawel Kopczynski / Reuters
Polizisten am Hamburger Hauptbahnhof während des G20-Gipfels im Juli.

Manche Teile der Bahnhöfe meiden Normalbürger regelrecht. Vor den Eingängen zum Münchner Hauptbahnhof, den eine Zeitung gerade “Münchens heftigste Ecke” nannte, müssen sich Reisende immer wieder den Weg durch einen Pulk betrunkener Männer bahnen.

Da ist etwa die Mutter mit dem Kinderwagen, die verängstigt zurückschreckt, als ein Mann mit Muskel-Shirt und Wodka-Flasche plötzlich nach hinten kracht.

Klar ist: Deutsche Bahnhöfe hatten nie viel mit Lummerland gemein. Doch an den Großbahnhöfen rächten sich nun frühere Stellenstreichungen bei der Bundespolizei, sagt der GdP-Vorsitzende Radek. Die Regierung Merkel habe zudem Personal von Bahnhöfen zu Gunsten von Flughäfen und der Grenzsicherung abgezogen.

Derzeit gibt es rund 5000 Bahnpolizisten und damit dem GDP-Mann zufolge etwa 2350 Beamte zu wenig: “Die Kollegen sind längst am Limit.”

Sie könnten nicht mehr “die abschreckende Präsenz an den Bahnhöfen zeigen
wie früher”.

Der Kriminalbeamte Ernst Walter kritisiert zudem, Großereignisse hätten das Personal weiter ausgedünnt. Er geht wegen fehlender Streifenbeamte von einer “hohen Dunkelziffer an nicht angezeigten Straftaten an deutschen Bahnhöfen aus”.

Ein Teil des Zuwachses geht auf Flüchtlinge zurück

Laut Radek gibt es auch andere Ursachen für den Kriminalitätsanstieg: “Ein Teil der Straftaten geht auf eine kleine Minderheit unter den Flüchtlingen zurück.” Da gebe es “nichts schön zu reden”.

Tatsächlich war 2011 nur jeder zwanzigste von der Landespolizei wegen Delikten am Frankfurter Hauptbahnhof registrierte Verdächtige ein Zuwanderer, fünf Jahre später war es bereits mehr als jeder vierte.

Auch die Bundespolizei hat an manchen Bahnhöfen immer öfter mit Geflüchteten zu tun. Die Polizei führt unter dem Begriff Zuwanderer sowohl Asylbewerber, Geduldete, illegal Eingereiste als auch Bürgerkriegsflüchtlinge – anerkannte Asylbewerber oder andere Migranten sind darin nicht enthalten.

Unter den Zuwanderern, die in Großstädten leben, sind viele junge Männer – und Heranwachsende sind überproportional kriminell.

Dem Kriminologen Christian Pfeiffer zufolge ist zudem die Anzeigebereitschaft bei Straftaten von Migranten höher ist als bei Deutschen.

Und an einzelnen Bahnhöfen ging ein kleinerer Teil des von der Polizei dokumentierten Anstiegs an Anzeigen zudem auf Verstöße gegen das Aufenthaltsrecht zurück.

Doch unbestritten ist: Eine kleine Minderheit unter den Zuwanderern ist bei bestimmten Straftaten an manchen Großbahnhöfen wie etwa Drogendelikten deutlich überrepräsentiert.

In München etwa klagte die Polizei bereits 2016, dass Gangster minderjährige Flüchtlinge am Hauptbahnhof als Dealer einsetzten.

Mehr zum Thema: Steigende Gewalt durch Flüchtlinge? Diese eine Sache solltet ihr wissen

Erster Erfolg in Köln

Wolfgang Rattay / Reuters
Polizei am Kölner Hauptbahnhof.

Zu einem Synonym für einen Bahnhof, an dem das staatliche Gewaltmonopol nicht mehr gilt, war in der Silvesternacht 2015 der Kölner Hauptbahnhof geworden.

► Tatsächlich verdoppelten sich die im und im Umkreis von 300 Metern um den viertgrößten Bahnhof Deutschlands begangenen Gewalttaten in nur fünf Jahren beinahe auf gut 640 im Jahr 2016 – zum Teil geht dies auf die Silvesterereignisse 2015/2016 zurück.

► Die Zahl aller bei Bundes- und Landespolizei registrierten Straftaten stieg am Bahnhof der Domstadt von 2011 bis 2015 um gut 63 Prozent auf rund 13.250 im Jahr 2015 – im Jahr darauf sank sie jedoch wieder auf gut 10.000.

Eine Sprecherin der Bundespolizei führt diesen ersten Erfolg auf “die erhöhte anlassbezogene Polizeipräsenz sowie dem intensiven Informationsaustausch mit unseren Sicherheitspartnern in NRW zurück“.

Auch bei mittelgroßen Bahnhöfen zeigt sich dasselbe Bild

Am Hauptbahnhof Hannover, der bei der Zahl der Reisenden siebtgrößten Station hierzulande, zählte die Bundespolizei im Jahr 2016 gut 61 Prozent mehr Straftaten als noch 2011.

Die Zahl der Rohheitsdelikte stieg allein 2016 um 60 Prozent auf 370.

Auch an mittelgroßen Bahnhöfen wie in Nürnberg oder Freiburg gibt es Probleme. Die im Bereich des Freiburger Hauptbahnhofs verübten Straftaten haben sich zwischen 2010 und 2016 von 648 auf 1267 erhöht und damit nahezu verdoppelt.

Klar ist zwar: Die Kriminalstatistik gibt nicht zwangsläufig die tatsächlich begangenen Verbrechen wieder - so kann sich etwa auch das Anzeigeverhalten der Bevölkerung verändert haben.

Doch, dass es an zahlreichen Bahnhöfen ein Sicherheitsproblem gibt,
hat mittlerweile auch die Politik erkannt.

Politiker fordert mehr Polizeistellen

“Der zum Teil deutliche Anstieg der Kriminalität an großen Hauptbahnhöfen ist ein Grund dafür, warum die SPD in den kommenden Jahren weitere 15.000 neue Stellen bei der Bundespolizei fordert“, sagt Burkhard Lischka, innenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, der HuffPost. 

Das CDU-geführte Bundesinnenministerium will bis 2020 gut 6800 zusätzliche Polizisten einstellen. In welchen Bereichen sie anfangen, ist jedoch noch offen.

Klar ist aber: Die ersten neuen Beamten werden erst 2019 “zum Einsatz kommen”, wie eine Sprecherin auf Anfrage sagt. Sie verweist jedoch auf die deutlich ausgebaute Videoüberwachung an Bahnhöfen.

Aus Sicht von Jan Korte, erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Linken-Bundestagsfraktion, zeige die gestiegene Kriminalität an Großbahnhöfen jedoch, “dass Personalabbau bei der Polizei nicht durch massiv ausgeweitete Videoüberwachung aufgefangen werden kann“.

Korte gibt dem Bund eine erhebliche Mitschuld: “Hier sieht man die negativen Folgen des neoliberalen Kurses der letzten Bundesregierungen.“

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“Die meisten Politiker nehmen ja das Flugzeug statt der Bahn”

Die DB stellt derzeit 500 zusätzliche Sicherheitsmitarbeiter ein – Kritikern ist das jedoch zu wenig.

Der Fahrgastverband Pro Bahn fordert zudem eine andere Bahnhofsgestaltung. Wer Erotik-Shops oder Raucherkneipen statt Drogeriemärkte und gut bürgerlichen Restaurants ansiedle, ziehe “natürlich ein ganz anderes Publikum an”, sagte ein Sprecher bereits 2017 “Spiegel Online”.

Allerdings leiden auch schicke Zentral-Stationen wie der Berliner Hauptbahnhof unter einem deutlichen Kriminalitätszuwachs – einer Statistik der Berliner Bundespolizei zufolge hat sich dort die Zahl der Taschendiebstähle von 2013 bis 2016 mehr als verdoppelt.

Auch wenn Bahn und Sicherheitsbehörden gegensteuern. Ein hochrangiger Polizist sagt hinter vorgehaltener Hand, er glaube nicht, dass sich die Lage dauerhaft bessert: “Die meisten Politiker nehmen ja das Flugzeug statt der Bahn.”

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