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05/11/2018 14:15 CET | Aktualisiert 06/11/2018 10:10 CET

Ich fahre gern mit der Bahn

Bahnfahren ist die gemütlichste Art sich fortzubewegen

urbazon via Getty Images
Ich selbst bin Extrembahnfahrer, und meine Nerven sind immer nur dann stark strapaziert, wenn mal wieder über die Deutsche Bahn geschimpft wird.

“Ich komme mit der Bahn”, sage ich.

Klassische Reaktion: “Ha ha ha… die kommt doch immer zu spät!”

Und wenn man dann tatsächlich zwölf Minuten zu spät ankommt, wird man mit den Worten begrüßt: “Typisch Bahn!”

► Auch die Medien berichten gern über das vermeintliche Bahnchaos.

Gerade hieß es in einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung (Ausgabe 227, 2018): “Die Nerven der Bahnkunden sind derzeit … stark strapaziert!”

Gründe seien die Unpünktlichkeit und der Service, außerdem stehe noch eine Sanierung wichtiger Strecken bevor.

Mehr zum Thema: Grünen-Politiker sitzt auf Zugtoilette fest – und ruft mit Tweet um Hilfe

Ich habe selbst alle möglichen “Katastrophen” erlebt

Ich selbst bin Extrembahnfahrer, und meine Nerven sind immer nur dann stark strapaziert, wenn mal wieder über die Deutsche Bahn geschimpft wird. Das sage ich, obwohl ich in den zurückliegenden zwanzig Jahren alle möglichen “Katastrophen” erlebt habe. (Am Ende des Textes: meine aktuellste Bahnkatastrophe!)

► Wenn man viel Bahn fährt, dann weiß man aber auch: Meistens klappt alles! 20 Prozent aller Fernzüge sind zwar in der Tat verspätet. Aber im Umkehrschluss heißt das, dass knapp 80 Prozent der Züge pünktlich sind.

Besonders ärgerlich ist, dass in all den Motztiraden das wichtigste Pro-Bahn-Argument unterschlagen wird, und dieses Argument lautet: Bahnfahren ist die gemütlichste Art sich fortzubewegen.

Die entspannteste Art zu Reisen

Ich zum Beispiel lasse mich, kaum habe ich meinen Platz gefunden, in den Sitz fallen und beginne zu lesen oder zu arbeiten. Hunderte Bücher habe ich auf unzähligen Fahrten verschlungen und Tausende (ja: Tausende!) Seiten korrigiert.

► Man bewegt sich in Hochgeschwindigkeit und gleichzeitig schafft man unglaublich viel. Eine entspanntere Art der Zweitzeitverwertung gibt es nicht.

Manchmal schaue ich aber auch aus dem Fenster, beobachte die Autos, an denen der ICE vorbeirast, genieße auf schönen Strecken die Aussicht und döse ein.

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Kinder werden durch alleine Zugfahren selbstständiger

Wenn wir als Familie unterwegs sind, sitzen wir oft am Vierer, picknicken und spielen. Wie viele Partien Uno wir im Zug gespielt haben, habe ich nicht mitgezählt. Und wie oft ich mit den Kindern den Zug erkundet habe, als sie noch kleiner waren, auch nicht.

► Übrigens können die Kinder mit zehn, spätestens elf Jahren allein Zug fahren. Wenn meine Tochter ihre Cousine besucht und von Wuppertal nach Kaiserslautern fährt, setzen wir sie in den ICE nach Mannheim, wo sie einmal umsteigen muss.

Und das fast immer freundliche Personal hat uns noch nie Anlass gegeben uns Sorgen zu machen, sollte doch mal etwas schiefgehen.

Für Kinder ist das Bahnfahren ein großer Schritt in die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit.

Mehr zum Thema: Warum es so wichtig ist, dass Kinder selbstständig lernen

Plötzlich unterhalte ich mich mit unbekannten Menschen

Am Freitag, den 12. Oktober war ich übrigens auf der Strecke Köln-Frankfurt unterwegs. Zur Buchmesse. Ein ICE war am frühen Morgen ausgebrannt, und es herrschte am Kölner Hauptbahnhof das ultimative Chaos.

Ich habe mich mit einer Dame, die auch zur Messe wollte, zusammengetan, und ich war nicht der Einzige, der sich plötzlich angeregt mit ihm vorher unbekannten Menschen unterhalten hat. Als ich abends wieder nach Hause wollte, fuhren einige Züge gar nicht.

► Mit fast drei Stunden Verspätung kam ich in Wuppertal an. Ich habe den neuen Roman von Maxim Biller gelesen. Wann habe ich das letzte Mal einen ganzen Roman an einem Tag geschafft?

Bahnfahren ist einfach… geil!

Deshalb: Danke liebe Bahn!

Arne Ulbricht, 46, hat neben seinem Roman “Nicht von dieser Welt” (KLAK 2016) über einen Amok laufenden Lehrer auch einen höchst unterhaltsamen, heiteren Bericht über seine Zeit als Vollzeitvater geschrieben: “Mama ist auf Dienstreise”. (Vandenhoeck&Ruprecht 2017). Soeben ist sein Erzählband “Vatertag” erschienen. Mehr über den Autor und seine Bücher: www.arneulbricht.de