JACQUIE RAY
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01/01/2019 13:40 CET

Dessous, nackte Haut und Tränen: Hinter den Kulissen der "größten" Stripshow

"Seht uns an, wir sind nackt, wir lieben es, nackt zu sein."

Alison Stevensons Auftritte in den sozialen Medien sind das, was viele Unternehmensmarken gerne wären: Sie vermitteln “Body Positivity”, also ein positives Körpergefühl, egal in welcher Gewichtsklasse. Und das authentisch. 

Die Komikerin und Performerin, die auf Fotos regelmäßig in Unterwäsche zu sehen ist, begann vor etwa zwei Jahren, sexy Fotos von sich selbst zu veröffentlichen. Es sei ein ziemlicher Aufwand, “mich dabei nicht fetischartig zum Sexobjekt zu stilisieren, sondern zu sagen, ‘hier bin ich mit meinem dicken Bauch, trotzdem versuche ich, sexuell ansprechend zu sein‘“, sagt sie im Gespräch mit HuffPost.

Body Positivity ― wahre Zufriedenheit mit dem eigenen Körper ― wie die von Stevenson hat ihre Heimat in Online-Communities wie Instagram and Tumblr gefunden.

Diese Plattformen dienen Menschen als Zufluchtsorte, in denen sie sich mündig und weniger allein fühlen. Stevenson aber fragte sich, wie ihre Haltung in der realen Welt aussehen könnte.

Wie  würde eine Stripshow mit Frauen aussehen, deren Körper sehr unterschiedlich ist?

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Seht uns an, wir sind nackt, wir lieben es, nackt zu sein.

Stevenson wusste, dass es fettleibige Stripperinnen gibt. Allerdings hatte sie die Frauen nie in den Clubs gesehen, die sie in Los Angeles besuchte.

Als Strip-Enthusiastin, die es schon immer einmal selbst ausprobieren wollte, habe sie sich nie wohlgefühlt bei dem Gedanken mitzumachen – als Frau mit kräftigem Körperbau. 

“Da kam der Impuls her“, erklärt sie: “Weil ich eine Art Instagram-Schlampe bin (sie lacht) und das Gefühl hatte, einen Ort schaffen zu müssen, in dem ich für mich selbst und für Gleichgesinnte strippen kann.“

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Sie tat sich mit Linda Douglas und Elizabeth Flores zusammen, um eine Show zu gründen. Douglas taufte sie “Thicc Strip“. Das wichtigste Element dabei sollten eine kompromisslos positive Haltung zum eigenen Körper sein – und Selbstliebe.

“Ich wollte etwas tun, das dir sofort ins Auge springt“, sagt sie. ”’Seht uns an, wir sind nackt, wir lieben es, nackt zu sein. Wir lieben unseren Körper, wir schämen uns nicht für ihn. Ich dachte, Strippen sei perfekt dafür geeignet.“ 

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"In einer Stadt, in der jeder aussieht, als hätten ihn Götter geformt, freuen sich die Menschen darüber, wenn auch mal Körper sexy dargeboten werden, die weit vom gesellschaftlichen Standard entfernt sind“

Das Trio postete ein Foto, mit dem sie sowohl professionelle Tänzer als auch Amateure einluden, an der Veranstaltung teilzunehmen. Schließlich waren sie eine ansehnliche Gruppe von Frauen. Zusammen nahmen sie, inklusive Stevenson, monatelang Tanzunterricht zur Vorbereitung.

Am 14. Dezember in Los Angeles gab es dann den ersten Auftritt von “Thicc Strip”. Allein schon wegen der Fotos war er ein großer Erfolg. 

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Vanessa Gritton, Komikerin, Schriftstellerin und eine der teilnehmenden Tänzerinnen, sagt der HuffPost, dass die Performance noch dadurch an Bedeutung gewonnen habe, dass sie in der “Stadt der Engel“ [Spitzname für Los Angeles, Anm. d. Red.] stattgefunden habe.

“In einer Stadt, in der jeder aussieht, als hätten ihn Götter geformt, freuen sich die Menschen darüber, wenn auch mal Körper sexy dargeboten werden, die weit vom gesellschaftlichen Standard entfernt sind“, sagt sie.

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Stevenson, Douglas und Flores hatten erwartet, dass die Veranstaltung positiv aufgenommen und erfolgreich sein würde – aber sie ahnten nicht, wie groß und verbreitet die Sehnsucht nach solch einer Show sein würde.

Sie rechneten mit 100 Leuten, am Ende waren es mehr als 300 Menschen, sie mussten sogar einige abweisen.

“Ich habe fast geweint, als ich sah, dass die Schlange weit die Straße hinunter reichte“, erinnert sich Stevenson. “So lange hatte ich mich gefragt, ob ich die Einzige bin, die so etwas sehen will.“

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Nie habe ich mich so selbstbewusst gefühlt wie damals, als ich meinen Mantel auszog und meinen übergroßen, in Dessous gekleideten Körper enthüllte.

Dieses Gefühl ebbte ab, sobald sie den – wie es die Tänzerin Jasmine Newkirk beschreibt – “ohrenbetäubenden“ Jubel hörte. “Nie habe ich mich so selbstbewusst gefühlt wie damals, als ich meinen Mantel auszog und meinen übergroßen, in Dessous gekleideten Körper enthüllte“, sagt Newkirk. “Niemals.“

Es setzte nicht nur bei den Tänzern Kräfte frei. Flores, die sich um den reibungslosen Ablauf der Show kümmerte, beobachtete, dass auch die Zuschauer bewegt waren. “Es gab Leute, die mir unter Tränen sagten, das sei das Inspirierendste gewesen, das sie je gesehen hatten“, sagt sie.

Tänzerin Seraphina Rose waren die Reaktionen des Publikums besonders bestärkend. “Die Zuschauer sagten uns, dass unsere Performance und die Selbstermächtigung unserer Körper sie dazu gebracht hätten, zu Hause nackt vor dem Schlafzimmerspiegel zu tanzen und/oder vor Glück zu weinen“, sagt sie.

Die Tänzerinnen von “Thicc Strips“ führten den Medien vor Augen, wie sehr sie den eingeengten Blick der Gesellschaft auf Schönheit fördern, und sie alle haben eine ähnliche, mitreißende Botschaft: Dass die Medien falsch liegen, dass es an der Zeit ist, Körper so zu sehen, wie sie sind, dass es ein Publikum für sie gibt und dass es höchste Zeit ist, damit aufzuhören, Menschen in Schubladen zu stecken.

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Ich bin dick UND schön!

“Man kann mir nicht sagen, was ich bin und was nicht“, sagt Flores. “Ich bin dick UND schön, und wenn ich auf die Bühne springen und der Welt zeigen will, wozu mein Körper fähig ist, kann mich niemand aufhalten.“

Die Gruppe macht sich Stevenson zufolge bereits Gedanken über eine nächste Veranstaltung und hofft, alle zu erreichen, die Ähnliches erfahren möchten. “Es ist wirklich eine Herausforderung, aber wenn man sie annimmt und sich überwindet, fühlt man sich zehnmal besser“, sagt sie.

“Es ist schwer zu erklären, aber es fühlt sich wirklich so an, als ob man nur deshalb so kräftig geworden ist, um den Leuten seine Titten zu zeigen (sie lacht).“ 

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Dieser Artikel erschien zuerst bei der HuffPost US und wurde von Susanne Raupach ins Deutsche übersetzt. 

(tb)