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09/07/2018 16:30 CEST | Aktualisiert 09/07/2018 16:30 CEST

Der Werdegang eines Wüstlings

Stravinskys Oper ‚The Rake’s Progress’ im Theater Basel

Eigentlich erinnert es an Oscar Wilde’s Geschichte ‚Das Bildnis des Dorian Gray’, die hier erzählt wird: Ein von den Feen an der Geburtswiege reich beschenkter Knabe wächst zu einem verwöhnten Mann heran, dem wiederum das Glück einer reichen, ihn innigst liebenden Erbin als Verlobten winkt. Doch ihm reicht dies nicht und er wünscht sich auch noch mühelos erworbenen Reichtum. Wir bei Goethes ‚Faust’, der momentan überall wieder gespielt wird, erfüllt ihm der Teufel auch diesen Wunsch und verschweigt vorerst den Lohn, den er für seine Mühen schlussendlich einstreichen will.

©Sandra Then
Hailey Clark, Andrew Murphy, Seth Carico, Matthew Newlin

Der Teufel, genannt Seth (nach dem ägyptischen Gott der Unterwelt) Carica führt ‚Rake’ Tom Rakewell von der Verlobten Anne Trulove und dem Lande weg in den Südenpfuhl London und dort in die Bordelle, die Halbwelt und in die kriminellen Kreise. Er bringt ihn dazu Baba the Turk, das bärtige Mannweib, à la Conchita Wurst , zu heiraten und ganz im Sumpf zu versinken. Natürlich verspielt er dabei auch all sein Geld. Anne Trulove taucht in London auf und erinnert ihn an sein früheres Leben und die wirklichen Werte. Er will aussteigen, hat aber seinen Pakt mit dem Teufel noch nicht erfüllt. Ein Kartenspiel soll dies nun richten. Tom Rakewell gewinnt. Doch Seth Carica wird so wütend, dass er ihn mit Wahnsinn schlägt. Doch auch in der Psychiatrischen Klinik besucht und versorgt ihn Anne Trulove.

©Sandra Then
Matthew Newlin, Seth Carico

Die Rückkehr zu den wahren Werte nach dem moralischen Bankrott der Weltkriege war und ist die wirkliche Botschaft dieser Oper. Nach dem Wahnsinn des zweiten Weltkriegs war dieses eines der bedeutenden Themen. Vielleicht auch deshalb stritten sich die Mailänder ‚Scala’ und das venezianische Opernhaus ‚La Fenice’ so sehr um das Recht der Uraufführung von Stravinskys erster abendfüllender Oper, dass die italienische Regierung eingreifen musste. Die ‚Fenice’ gewann, musste aber Personal der ‚Scala’ mit einbeziehen. Die Faszination mit diesem Stoff und Stravinskys Musik war so gross, dass es schliesslich eine international besetzte Uraufführung wurde. Die deutsche Starsopranistin Elisabeth Schwarzkopf, zum Beispiel, sang die ‚Anne Trulove’.

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Matthew Newlin, Hailey Clark

Igor Stravinsky hatte in Hollywood seinen Nachbarn Aldous Huxley, den berühmten Autor, der ‚Schönen Neuen Welt’ um Rat nach einem neuen Stoff, sowie einen Librettisten gefragt. Der hatte ihm seinen britischen-amerianischen Kollegen W.H. Auden empfohlen, eigentlich ein Dichter und bekannt für seine Liebesgedichte, doch hatte er bereits für Benjamin Britten Opernlibretti verfasst und arbeitete später auch für Hans Werner Henze. Mit dem noch im russischen Zarenreich aufgewachsenen Stravinsky, der dann zum gern gut lebenden Weltbürger wurde (Stravinsky: ‚I.S. meine Initialen bilden nicht umsonst das Dollarzeichen’) arbeitete Auden für vielleicht den führenden Komponisten des 20. Jahrhunderts. Für einen unberechenbaren Provokateur und Erneuerer, der sich, entgegen Arnold Schönberg, in keine Gruppe oder Musikrichtung einfügte, sondern aus sich immer wieder neuartige Kompositionen hervorbrachte. Sein 1913 in Paris, seiner künstlerischen Heimat, uraufgeführter ‚le sacre du printemps’ schockiert noch heute und war damals ein echter Skandal.

©Sandra Then
Seth Carico, Matthew Newlin,Theophana Iliewa-Otto, Statisterie des Theater Basel

In ‚The Rake’s Progress’, allerdings, obwohl moralisch auf die Zukunft gerichtet, zitiert Stravinsky viel Vergangenes von verschiedenen Komponisten und stellt es neben modernste Töne. Das daraus entstehende dichte Geflecht auf diversen Ebenen verlangt vom Hörer höchste Konzentration. Gerade glaubt man ein Zitat zu erkennen und identifizieren, ist man schon in einer weiteren modernen Passage drin oder aber einem weiteren etwas verfremdeten Thema eines anderen Komponisten. Vom Dirigenten und Orchester wird deshalb Klarheit verlangt neben der notwenigen Differenzierung.

Konzentriert man sich auf die Musik möchte man von der Handlung auf der Bühne nicht stark abgelenkt werden. Die Zürcher Inszenierung bot dazu ein minimalistisches Bühnenbild und Kostüme, die in der Erinnerung diverse Töne auf der Schwarz-Weiss-Skala beinhalten. Sinnenfreude kam da nicht auf. Doch es half der Musik.

©Sandra Then
Eve-Maud Hubeaux, Matthew Newlin

Die Basler Inszenierung kam von der Amerikanerin Lydia Steier, die in Basel nicht nur mit der Aufführung von Karl-Heinz Stockhausens ‚Donnerstag aus (Licht)’ stark beeindruckt hatte, sondern dafür auch mit dem Titel ‚Aufführung des Jahres’ geehrt worden war. Sie brachte auch diesmal viel fürs Auge und überraschte mit einer üppigen Ausstattung und einem Feuerwerk von Ideen. Dazu sprang die Inszenierung zwischen diversen Epochen hin und her. Einmal war man bildlich in einer Mozartoper, dann in einer Ausstattungs-Operette, Jeff Koons Ästhetik und die Pop Art prägten gewisse Momente, wie auch eine düstere Ausrichtung am Schluss. Es wurde nie langweilig, doch lenkten die stetigen Geschehnisse auf der Bühne von der Konzentration auf die Musik ab. Und dies obwohl die Darsteller nicht magnetisch waren. Matthew Newlin zeichnete Tom Rakewell als schwache und kaum stimmgewaltige Figur, die kaum Impakt hatte. Nick Shadow als Seth Carico, der Teufel, war schon interessanter. Doch stimmlich sowie emotional anrührend war nur Hailey Clark als Anne Trulove. Sie brachte jedes Mal frischen Wind auf die Bühne bei ihren leider wenigen Auftritten. Eine vielschichtige Oper und eine opulente Inszenierung. Vielleicht etwas zu viel Angebot für einen Opernabend?