NACHRICHTEN
07/08/2018 12:20 CEST

Der Weg aus der Hölle: Michael Broussard wurde als Kind missbraucht

Vergessen wird er nie können. Aber er hat seinen Weg gefunden, damit umzugehen.

Michael Broussard wurde als Kind sexuell missbraucht. Der HuffPost erzählt er seine furchtbare Geschichte. Und er spricht über seinen Weg, damit umzugehen.

Michael Broussard war sieben Jahre alt, als ihn sein Stiefvater das erste Mal missbraucht hat. Zuvor, so hat er es auf Fotos gesehen, war er ein “ziemlich glückliches Kind”, sagt er der HuffPost USA. Er lachte und tanzte. Nur erinnern kann er sich an diese unbeschwerte Zeit nicht mehr. “Kindheit war für mich Schmerz und Angst.”

Heute ist Broussard 53 Jahre alt und hat seinen eigenen Weg gefunden, mit dem Unaussprechlichen umzugehen. Er ist damit an die Öffentlichkeit gegangen.

Einer der schwersten Missbrauchsfälle in Deutschland

Das Thema Kindesmissbrauch hat eine fatale Aktualität. An diesem Dienstag hat das Landgericht Freiburg eine Mutter und deren Partner verurteilt, weil sie den heute erst zehn Jahre alten Sohn der Frau mehr als zwei Jahre lang immer wieder vergewaltigt und über das Darknet an Männer aus dem In- und Ausland verkauft haben.

Es ist einer der schwersten Fälle von Kindesmissbrauch, die je in Deutschland aufgedeckt wurden.

Harold, der Stiefvater

Broussard hat Jahrzehnte gebraucht, um einen Weg aus der Hölle zu finden, die in seiner Schule, einer katholischen Einrichtung begonnen hatte, wo sein Stiefvater Harold Hausmeister war.

Eines Samstags, so erzählt Broussard es, war er mit Harold in dessen kleinem Büro in der Schule. Harold habe ihm Geld in die Hand gedrückt, damit er ein paar Donuts kaufte.

Doch Broussard kehrte mit einem Dutzend Donuts und dem Wechselgeld zurück, er war sich nicht mehr sicher gewesen, wie viel er holen sollte. Da “explodierte” Harold. Broussard erinnert sich genau an die “totale, absolute, verstörende Wut”. Und das, was danach kam.

“Als es vorbei war, konnte mein Gehirn gar nicht damit umgehen, dass es passiert war.” Es war der erste Missbrauch, ab da an ging es fast täglich weiter, vier Jahre lang.

Die Scham des Opfers

Broussard konnte niemandem mehr in die Augen sehen. Er fühlte sich, als sei er am Boden einer schwarzen Grube. “Egal, wie sehr ich mich auch anstrengte, ich konnte den Rand nicht sehen. Das war meine Kindheit.”

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) listet für 2017 11.547 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch in Deutschland auf. In 96 Prozent der Fälle, in denen die Polizei einen Verdächtigen hat, steht ein Mann im Visier der Ermittler. Sexuelle Gewalt findet am häufigsten innerhalb der engsten Familie statt. Wie bei Broussard. Und wie im aktuellen Freiburger Fall. Dort war auch die leibliche Mutter des Kindes involviert – das ist sehr selten.

Auch dass ein Junge das Opfer ist, ist seltener als im Fall von Mädchen. Laut PKS sind 69 Prozent der missbrauchten Kinder Mädchen.

Viele erwachsene Frauen, die missbraucht wurden, erzählen, wie schwer es ihnen fällt, über die Tat zu sprechen. Auch Broussard hat das so erlebt.

Wer den Mund aufmacht, sagt er, habe im sozialen Umfeld verloren. Die Opfer lernten, sich zu schämen und schuldig zu fühlen.

Wenn der Angreifer zur Familie gehört

Wie oft warnen Eltern ihre Kinder, sie sollen bloß nicht ins Auto eines Fremden steigen. Die Warnung ist berechtigt. Aber Dreiviertel der Missbrauchsfälle ereignen sich in der Familie oder im nahen sozialen Umfeld der Kinder, im weiteren Familien- und Bekanntenkreis

Die Taten sind besonders perfide, die Kinder haben keinen sicheren Rückzugsort mehr. Ausgerechnet jene, die sie schützen sollten, zerstören sie.

  • In Deutschland gibt es einen Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauch, Johannes-Wilhelm Rörig. Auf der Website wird erklärt, was sexueller Missbrauch eigentlich ist. Die Bandbreite ist groß, sie reicht von verbaler Belästigung, lüsternen Blicken bis zu hin zu schwerer Vergewaltigung.
  • Wer selbst von sexueller Gewalt betroffen, Bekannter oder Angehöriger eines Opfers ist oder Informationen braucht, bekommt sie anonym und kostenlos beim Hilfetelefon unter 0800 22 55 530.

Selbst wenn der Missbrauch lange zurückliegt, kann er die Opfer furchtbar belasten. Broussard erzählt von Flashbacks – also von Situationen, die mit einem Geräusch, einem Geruch oder etwas anderem die Erinnerung an die Situation wachruft.

Die Flashbacks können so intensiv sein, dass die Betroffenen das Drama noch einmal erleben.

“So ein Trauma geht nicht einfach auf wundersame Weise vorbei. Ich bin 53 Jahre alt”, sagt Broussard. “Ich kann noch immer seine dreckigen, schwitzigen, haarigen Finger auf meinen Schultern fühlen, mit denen er mich auf die Toilette drückte”, sagt Broussard.

Die erneute Demütigung

Als dann endlich die Behörden ermittelten, erlebte er auch da Demütigung. Offenbar hatte man bei dem Jungen eine Darmspiegelung durchgeführt, um die Verletzungen zu dokumentieren, und ihm ein Foto des Darms dann gezeigt. Ihm, dem vergewaltigten Junge. “Das kann man mir doch nicht antun.”

Experten sprechen in dem Zusammenhang oft von Retraumatisierung oder sekundärer Viktimisierung.

Auch im aktuellen Freiburger Fall stehen die Behörden in der Kritik. Sie hätten das Martyrium des Jungen wohl früher beenden können – aber das Familiengericht hatte sich offenbar auf die Mutter verlassen und den Jungen nicht befragt.

Broussard sagt, die Gesellschaft sei nicht wirklich darauf vorbereitet, mit ”Überlebenden” umzugehen. Es ist ein ungewöhnliches Wort. Aber es passe aus seiner Sicht gut.

Der Wunsch, dass alles gut werde möge

20 Jahre lang war Broussard immer wieder in Therapie, er erhoffte sich Heilung. Und es war furchtbar für ihn zu erleben, dass sich das, was er sich so erhoffte, nicht einstellte.

Bis er irgendwann, als er schon über 40 war, schließlich Heilung für sich anders definierte. Er schlug seinem Therapeuten vor, eine Show zu entwickeln, in der er anderen erzählte, was er erlebt hatte.

Die meisten Opfer können nicht offen darüber reden, was ihnen widerfahren ist, sagt Broussard. Aber er kann es inzwischen. Aber ich kann es. “Es ist meine Aufgabe, den Mund aufzumachen und es auszusprechen, um ihnen den Weg freizumachen.”

(mf)