POLITIK
02/03/2018 18:34 CET | Aktualisiert 03/03/2018 08:26 CET

Der Fall des Essener Tafel-Chefs zeigt das ganze Versagen der SPD

HuffPost-These.

dpa
Die Tafel in Essen

Deutschlands Armutsproblem bricht derzeit nirgendwo so deutlich wie in Essen hervor. Die dortige Tafel hatte sich in der vergangenen Woche dazu entschlossen, nach einem enormen Anstieg ausländischer Kunden vorerst nur noch Deutsche aufzunehmen. 

Daraufhin prasselte heftige Kritik auf die Ehrenamtlichen ein, vorneweg auf den Essener Tafel-Chef Jörg Sartor.

Was in der nach wie vor anhaltenden Debatte bisher untergegangen ist: Sartors Fall steht symptomatisch für das Versagen der SPD.

Die Situation in Essen:

► Nach eigenen Angaben versorgt die Essener Tafel insgesamt 6000 Menschen

► Laut dem Vorsitzenden Sartor soll dabei der Anteil der nichtdeutschen Kunden seit 2015 von einem Drittel auf drei Viertel gestiegen sein.

Weil sich gerade Ältere nicht mehr zur Essensausgabe getraut hätten, hatte sich die Tafel zu dem umstrittenen Aufnahme-Stopp entschieden.  

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Jörg Sartor, Vorsitzender der Essener Tafel

Der Essener Tafel-Chef und die SPD:

► Kaum jemand versinnbildlicht die gegenwärtige Krise der Sozialdemokraten besser als der Essener Vorsitzende Sartor: “Ich war über 30 Jahre unter Tage”, erzählte der 61-Jährige der Deutschen Presseagentur.

► Seit seinem Ruhestand engagierte sich der Ex-Bergmann bei der Essener Tafel, davon die letzten Jahre als Vereinsvorsitzender – alles ehrenamtlich, meistens sieben Mal in der Woche.  

► Er habe sein Leben lang die SPD gewählt. “Mein Vater war Bezirksvertreter in Gelsenkirchen, meine ganze Familie ist SPD.”

► Doch Sartor ist nun enttäuscht, “für mich hat sich das jetzt erledigt”, sagte er im Gespräch mit der “Westdeutschen Allgemeinen Zeitung” (“WAZ”).

► Nicht nur, dass Sartor täglich die fehlgeleitete Sozialpolitik der großen Koalition vor Augen hat. Für die Entscheidung der Tafel wurde er unter anderem vom Essener SPD-Vorsitzenden Thomas Kutschaty und der NRW-SPD kritisiert. 

► Auch der SPD-Abgeordnete Karl Lauterbach hatte am vergangenen Freitag getwittert, dass ihn die Entscheidung zum Ausländerstopp “nicht überzeugt”. Lauterbach finde es schade, dass Ausländerhass sogar bei den Ärmsten angekommen sei.

► Für Sartor steht fest: Die Politiker versuchten sich auf Kosten der Essener Tafel zu profilieren – “hinauf bis nach Berlin”, wie ihn die “WAZ” zitiert.

Auch Essen hat ein Problem mit der SPD 

► Sartor ist nicht der einzige, der sich in Essen von den Sozialdemokraten abgewendet hat.

► Ein Blick auf die Wahlergebnisse zeigt einen sukzessiven Rückgang der Stimmenanteile für die SPD: Machte Anfang der 2000er Jahre noch fast jeder zweite Wähler in Essen sein Kreuz bei der Partei, halbierte sich der Anteil nahezu bei der Bundestagswahl 2017.  

► Robert Vehrkamp von der Bertelsmann-Stiftung sieht ein Muster: Viele frühere Stammwähler der SPD im Ruhrgebiet, wie Arbeiter und Arbeitslose, wurden erst enttäuschte Nichtwähler, die dann in den vergangenen Jahren mit der AfD sympathisierten, wie er kürzlich der HuffPost erklärte.

Die Ursachen:

► Von knapp 600.000 Einwohnern beziehen etwa 100.000 Menschen in Essen Hartz IV oder die Altersgrundsicherung, berichtet die “Zeit”.

Dazu kommt: In kaum einer anderen Stadt in Nordrhein-Westfalen sind die Menschen länger ohne Job – 2016 betrug die durchschnittliche Arbeitslosigkeit 443 Tage.

“Aus der Hartz-IV-Falle kommt kaum jemand raus. Besonders im Ruhrgebiet haben es die Menschen schwerer, wieder Fuß zu fassen”, erklärte Jürgen Holtkamp von der Caritas im Bistum Essen dem Nachrichtenportal “Der Westen”.

► Viele machen dafür die SPD verantwortlich: “Trotz der Tatsache, dass die Bundesrepublik so reich wie nie ist, ist es nicht gelungen, die Armut in Deutschland abzubauen, die sich nach wie vor auf dem höchsten Stand seit der Wiedervereinigung befindet”, hatte der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider, der GroKo schon im vergangenen September vorgehalten.

Schneider warf den SPD-geführten Ministerien in der HuffPost vor, die Zuwendungen an die Ärmsten bei den neuen Hartz IV-Regelsätzen “willkürlich kleingerechnet” zu haben. 

► “Hartz IV und Altersgrundsicherung schützen auch nach vier Jahren SPD an der Spitze des Arbeitsministeriums nicht vor Armut”, betonte Schneider.

dpa
Ein Fahrzeug der Essener Tafel ist mit dem Wort "Nazis" beschmiert worden.

Die Zahlen verdeutlichen:

Jahrelang hielt der Essener Tafel-Chef zur SPD – nun ist Schluß. Neben der Kritik vieler Sozialdemokraten am Aufnahme-Stopp, dürfte ihm vor allem die fehlgeleitete Sozialpolitik frustriert haben.

Der Fall zeigt, wie die Partei ihre Kernwählerschaft verprellt hat.

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(ll)