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12/11/2018 20:35 CET | Aktualisiert 20/11/2018 12:49 CET

Der Öko-Dschihad: Wie der Glaube an Gott unser Klima retten kann

Im Kampf gegen den Klimawandel ist es kurz vor 12. Darum rufen Muslime zum Öko-Dschihad auf.

Will van Wingerden

Dass ausgerechnet Religion unser Klima retten könnte, daran glauben wohl die wenigsten – egal ob selbst religiös oder nicht. Denn wer würde sich schon beim Pfarrer, Rabbi oder Imam Tipps und Tricks holen, um grüner, bewusster und nachhaltiger zu leben?

Große Organisationen wie Greenpeace, wissenschaftliche Institute, die zum Klimawandel forschen – die Frontkämpfer präsentieren sich allesamt als säkular. Das fällt ihnen meistens sicher gar nicht auf. Doch bei rund 84 Prozent der Weltbevölkerung, die als religiös gelten, drängt sich die Frage auf: Kann Religion in der Klimakrise eine entscheidende Rolle spielen?

Oder noch kontroverser gefragt: Steuert die Menschheit überhaupt erst auf die Klimakatastrophe zu, weil viele die spirituelle Verbindung mit der Natur – der Schöpfung – gekappt haben? Nicht nur in den drei Religionen Judentum, Christentum und Islam gibt es die Vorstellung, dass Gott den Menschen zum Hüter der Schöpfung erklärt hat. Warum dann dieser Raubbau an der Natur?

Über solche ethischen Fragen ist in der Forschung zur “spirituellen Ökologie” ein leidenschaftlicher Diskurs entbrannt.

Luis Del Río Camacho

Dem christlich-jüdischen Glauben gab der amerikanische Wissenschaftshistoriker Lynn White vor 50 Jahren sogar die Schuld an der ökologischen Krise. Im Christen- und Judentum habe in den letzten Jahrhunderten der Anthropozentrismus – der Mensch als Maß aller Dinge – Überhand genommen. Das erkläre laut White, warum die Erde für den Menschen mehr eine Ressource als ein schützenswerter Lebensraum sei.

Religiös sein heißt nicht automatisch umweltbewusst leben – denkt man an die Müllberge, die sich entlang der Pilgerwege nach Mekka oder auf dem Petersplatz auftürmen. Doch es wachsen Bewegungen, die die spirituelle Tradition reaktivieren wollen, um den Klimawandel aufzuhalten. 

Sie gehen gegen Gewohnheiten, Bequemlichkeit und die Verschwendung von Ressourcen an. Dazu zählt eine Bewegung von Muslimen, die den sogenannten Öko-Dschihad kämpft. Ihre Zielgruppe: 1,8 Milliarden Menschen.

Können die Spirituellen den Bewusstseinswandel einleiten, den sämtliche wissenschaftlichen Argumente bisher nicht hervorrufen konnten?

Was ist Öko-Dschihad?

Ein muslimischer Kalender aus Filz, Halal-Kosmetik oder eine Fahrradtour mit Gebetsunterbrechung – wer sucht, der findet im Internet eine große Bandbreite an muslimischen Aktionen, Produkten und Anleitungen zum Selbermachen, die allesamt umweltfreundlich sind.

Doch das ist bei Weitem nicht alles, was in Sachen Nachhaltigkeit und Islam passiert. In Europa und den USA sind in den letzten Jahrzehnten viele religiöse Organisationen mit Tausenden Mitgliedern entstanden, die sich weltlicher Umweltprobleme annehmen – dazu aufrufen, weniger Plastik zu konsumieren oder Wasser aus der Leitung statt aus Flaschen zu trinken.

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Wie sich die Bewegung seit den Anfängen vor gut 40 Jahren entwickelte, hat die in Österreich lebende Islamwissenschaftlerin Ursula Kowanda-Yassin in ihrem Buch mit dem provokanten Titel ”Öko-Dschihad. Der grüne Islam – Beginn einer globalen Umweltbewegung” aufgeschrieben.

Während im Hintergrund aus einer Uhr der islamische Gebetsruf hallt, erzählt sie im Skype-Interview, dass offensichtlich nicht alle mit dieser Bezeichnung einverstanden waren.

Ich sehe die Rolle des Islam auf jeden Fall als entscheidend für den Klimawandel an. Weil ich glaube, man muss die Menschen da ansprechen, wo sie zugänglich sind. Ursula Kowanda-Yassin, Islamwissenschaftlerin
privat
Ursula Kowanda-Yassin

Ursula Kowanda-Yassin studierte in Wien Islamwissenschaften. Seit dem Jahr 1999 arbeitet sie in der Erwachsenenbildung und als freiberufliche Autorin. In den Jahren 1997–2014 war sie maßgeblich am Aufbau der islamischen Seelsorge in österreichischen Gefängnissen beteiligt.

“Muslime und Nicht-Muslime fanden, dass Dschihad einen negativen Beigeschmack hat. Dabei beschreibt er eine wirklich intensive Bemühung für eine gewisse Sache. Ich wollte den Begriff nicht vermeiden, nur weil er irgendwie heikel ist”, sagt die Islamwissenschaftlerin und erklärt weiter, dass ”Öko-Dschihad” gar nicht oft von muslimischen Aktivisten benutzt werde.

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Zero Waste, Minimalismus oder Decluttering – eigentlich bräuchten Muslime keinen Nachhaltigkeitstrends hinterherlaufen, denn der Islam und Umweltschutz sind untrennbar miteinander verbunden. So stehen Begriffe wie ”Öko-Islam” oder “Grüner Islam” nicht für eine bestimmte Strömung, sondern betonen nur eine Zusammengehörigkeit. Doch es gibt auch konkrete Prinzipien, auf die sich Öko-Muslime berufen und die weitergetragen werden.

Im Jahr 2015 organisierte unter anderem die britische islamische Umweltorganisation Islamic Foundation for Ecology and Environmental Sciences (IFEES) das Internationale Islamische Symposium zum Klimawandel in Istanbul. Dort versammelten sich Wissenschaftler, Theologen und Aktivisten, um Wege zu besprechen, die islamische Umweltethik ins Bewusstsein der Gläubigen zu bringen.

In einer Abschlusserklärung riefen sie die Industrieländer dazu auf, sich um die Einhaltung der Klimaziele zu bemühen, und erinnerten Muslime an ihre Rolle auf Erden:

Perspective Daily
Kleines Wörterbuch des Öko-Dschihad.

Doch auch hier gilt wie für jeden Islamdiskurs: Den grünen Islam mit den Prinzipien gibt es nicht. Ein Irrtum, dem Kowanda-Yassin ständig begegnet:

“Der Koran ist kein Gesetzestext. Man kann nicht sagen, Umweltschutz steht in dieser Form darin. Man geht eher der Frage nach: Was gibt es im Islam, das uns dahin bringt, die Natur zu bewahren?”

Genauso müssen die Prinzipien auf die Gegenwart anwendbar sein, obwohl sie vor 1400 Jahren aufgeschrieben wurden.

“Wir schauen in die Zeit des Propheten und sehen, dass er sehr wenig Fleisch konsumiert hat, ein schlichtes, einfaches Leben führte. Heute ist die Situation sicher eine andere. Aber trotzdem können wir versuchen, nicht verschwenderisch zu leben und nicht mehr zu konsumieren, als wir brauchen.”

An Solarzellen auf Moscheen hat im 7. Jahrhundert sicher auch niemand gedacht. Aber so sieht Öko-Islam in der Praxis heute aus.

So sieht grüner Islam aus

Der Aufruf zum Öko-Dschihad richtet sich nicht nur an die Klimasünder China und westliche Industrienationen, sondern auch an mehrheitlich muslimische Länder. Schlechtes Ressourcenmanagement, hoher Import, Müllkrisen und Smog in den arabischen Metropolen und in Indonesien, wo rund 200 Millionen Muslime leben, ersticken die Umwelt.

Wenn der Klimawandel weiter voranschreitet, gehören diese Länder zu den ersten, die teilweise unbewohnbar werden. Die Wissenschaftler Jeremy Pal und Elfatih Eltahir prophezeien bis Ende des Jahrhunderts Temperaturen von bis zu 60 Grad Celsius am Persischen Golf.

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Um gegen letzteres anzukämpfen, muss der CO2-Ausstoß überall radikal eingedämmt werden. Den Umweltschutz in den mehrheitlich muslimischen Ländern kann der Öko-Islam vorantreiben.

Hier sind zwei Beispiele:

Grüne Moscheen Wer aus dem Flugzeug bei Nacht auf eine arabische Metropole schaut, dem strahlen grün beleuchtete Moscheen entgegen. Doch das macht noch keine “grüne Moschee” aus. 

Marokko, das den ersten Schritt zur Energiewende bis zum Jahr 2030 vollziehen will, stattet immer mehr Moscheen mit Solaranlagen aus. Über 100 sind es bereits. 51.000 Moscheen gibt es im Land. Obwohl das Projekt nicht direkt mit Öko-Islam gelabelt ist, so arbeiten doch die marokkanischen Religions- und Umweltministerien zusammen.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit arbeitet im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung an der grünen Wende mit. 500 Imame und Mourchidas – weibliche Religionsgelehrte – wurden bereits in Sensibilisierungsworkshops ausgebildet, um Umwelt- und Ressourcenschutz in ihren Gemeinden zu vermitteln.

GIZ Photographer Adnane Azizi
Solaranlage auf einer Moschee in Marokko: Schon bis zum Jahr 2020 sollen 42 Prozent der marokkanischen Stromerzeugung durch erneuerbare Energien abgedeckt werden. Gleichzeitig will das Land seine Energieeffizienz um zwölf Prozent steigern.

Die grüne Pilgerreise Jedes Jahr brechen Millionen Muslime zu heiligen Pilgerstätten auf, die größte Pilgerreise ist wohl die Richtung Mekka in Saudi-Arabien. Doch dabei wächst der CO2-Fußabdruck jedes Pilgers. Der “Green Guide for Hajj” ist eine Broschüre, die Gläubigen ganz praktische Tipps gibt, wie sie ihre Reise vorab und währenddessen grüner gestalten.

Darunter die Klassiker wie bio und lokal konsumieren, weniger Fleisch essen, Müll trennen und Wasser sparen – konkret für die Pilgerreise sollen Muslime Flugreisen vermeiden. Nach Mekka selbst sollen sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln wie Zügen, Bussen und Straßenbahn fahren, statt einen privaten PKW zu mieten.

Diese Projekte zielen zwar auf den arabischen Raum, aber gerade in westlichen Ländern ist der Öko-Islam besonders verbreitet. Allen voran in Großbritannien. Dort gründete der Öko-Theologe Fazlun Khaled – die Koryphäe der Bewegung – im Jahr 1994 die muslimische Umweltorganisation IFEES. Warum dort, wo weniger Muslime leben, mehr Öko-Islam gepredigt wird, erklärt Ursula Kowanda-Yassin so:

Wir sind die Sklaven der Wegwerfgesellschaft. In vielen anderen Ländern wurde nie so verschwenderisch gelebt wie hier. Viele Muslime, die in Europa aufwachsen, beschäftigen sich mit dem Thema Klimawandel und haben eine bereits bestehende nachhaltige Infrastruktur wie öffentliche Verkehrsmittel oder Mülltrennung. Ursula Kowanda-Yassin

Doch die Motivation, den Öko-Dschihad zu führen, ist überall die gleiche: die Religion. Hilft die, am Ball zu bleiben, wo viele säkulare Öko-Kämpfer aufgeben?

Spiritualität hilft, am Ball zu bleiben

Auch in Deutschland gedeiht der Öko-Islam. Im Jahr 2013 stand der jährliche “Tag der offenen Moschee”, an dem Interessierte in die islamischen Gotteshäuser eingeladen werden, unter dem Motto “Umweltschutz – Moscheen setzen sich ein”. Ganzjährig kümmern sich darum muslimische Vereine wie Nour Energy und Hima.

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Hima ist ein islamischer Begriff, der heute frei als “Naturschutzgebiet” übersetzt werden kann. Mit 10 Ehrenamtlichen organisiert der Verein Veranstaltungen, auch mit christlichen, jüdischen und säkularen Organisationen und Parteien wie den Grünen, und stellt Infomaterial zum Umwelt- und Naturschutz aus islamischer Perspektive zusammen.

Wir wollen Muslimen zeigen, dass Umweltschutz nichts Neues, Hippes oder Trendiges ist, sondern zu unserem Religionsverständnis dazugehört. Und wir doch immer die Erfahrung machen, dass das komplett in Vergessenheit geraten ist. Ilhaam El-Qasem

Ilhaam El-Qasem ist Vorsitzende von Hima und weiß, wie schwierig ein nachhaltiges Leben für jeden Menschen ist – egal ob religiös oder nicht:

“Ich hatte mich vor meinem Eintritt bei Hima viel mit dem Thema Kleidungsindustrie befasst, sodass ich nicht mehr entspannt shoppen konnte.”

Deshalb machte sie eine Ausbildung zur Designerin, um ihren Kleiderschrank mit eigenen Kreationen zu bestücken. Außerdem achtet sie darauf, Gemüse und Obst nur saisonal und lokal einzukaufen. “Dann gibt es halt manchmal wochenlang keine Tomaten, aber dafür Kürbis und Kohl”, lacht sie.

privat
Ilhaam El-Qasem und der Hima-Verein kooperieren auch international mit muslimischen Verbänden, um Bewusstsein für die Umwelt und das Klima aus islamischer Perspektive zu schaffen. Dabei achten sie darauf, auf Grundlage der Primärquellen, also Koran und Sunna, zu argumentieren.

Erst als El-Qasem über Plastikkonsum spricht, bringt sie ihren Glauben zurück ins Spiel:

“Ich fühle mich schlecht, dass ich für mein erstes Kind Wegwerfwindeln benutzt habe, auch wegen meiner Religion. Weil ich mir vorstelle, dass ich am Ende meiner Tage gefragt werde und weiß, die Windeln brauchen 300 bis 500 Jahre, um zu verrotten.”

Die Vorstellung vom Jenseits spielt eine große Rolle für Gläubige, die umweltfreundlich leben wollen. “Das Paradies ist ja auch keine Großstadt. Das Paradies ist ein Garten”, setzt El-Qasem hinzu.

Rechenschaft über sein Leben abzulegen, ist sicher ein überwältigendes Argument – doch warum kann nicht einfach das Wissen überzeugen, dass der Klimawandel unseren Planeten zerstören wird?

Im Gespräch mit Ilhaam El-Qasem und Ursula Kowanda-Yassin wird deutlich: Die rein wissenschaftliche Ebene, das Bewusstsein, dass etwas getan werden muss, macht noch nicht greifbar, was individuell getan werden kann.

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Spiritualität im weitesten Sinne als Naturverbundenheit zu deuten, kann auch außerhalb von religiösen Grundsätzen wirken. Wenn man so will, haben auch die Aktivisten im Hambacher Forst eine Verbundenheit und Verantwortung gegenüber ihrer Umwelt gezeigt, die Spiritualität sicher sehr nah kommt.

Wiederbelebte Traditionen und Sinnbilder – damit argumentieren nicht nur Öko-Muslime, sondern auch Öko-Christen und Öko-Juden. Und auch in anderen Religionen wird im Schatten der Klimakrise die Pflicht zum Umweltschutz betont. Jetzt braucht es laut Kowanda-Yassin Durchhaltevermögen, Vernetzung und mehr Konferenzen, die Aktivisten zusammenbringen, um gemeinsam am Ball zu bleiben.

Perspective Daily

Weitere Informationen zu dieser Förderung findest du hier!

Dieser Artikel ist zuerst bei Perspective Daily erschienen.

(ujo)