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19/04/2018 13:54 CEST | Aktualisiert 19/04/2018 13:54 CEST

Der Krieg der Königinnen

Donizettis Kampf um Herrschaft und Liebe zwischen Elisabeth I und Maria Stuart in einer Neuinszenierung am Zürcher Opernhaus

Man spürte förmlich wie die Lasten von Diana Damraus Schultern fielen: Der letzte Ton der Oper verklang, der Vorhang senkte sich, ein Moment der Stille trat ein; doch dann anerkennende Rufe und rauschender Applaus. Beides war ihr heute Abend gelungen: Das Rollendebüt in Gaetano Donizettis ‚Maria Stuarda’ wie auch ihr erster Auftritt in Zürich vor einem Publikum, das die Nachfolgerin ihrer hochverehrten Edita Gruberova sucht. Beides muss sie doch belastet haben, denn anfangs sang die Sopranistin eher verhalten, zuweilen fast zögernd. Ein bemerkenswerter Unterschied zu den Rollen an ihrer ‚Heimbühne’ München, wo sie ihre Rollen in den Richard Strauss Opern und vor allem die Lucia in Gaetano Donizettis ‚Lucia die Lammermoor’ mit einer selbstverständlichen Selbstsicherheit und bezwingenden Bühnenpräsenz gegeben hatte. Vielleicht aber wollte sie ihre Aufgabe langsam angehen oder aber mit ihrer Zurückhaltung die  Lage ganz unter der Herrschaft von Elisabeth I stehenden Maria Stuarts symbolisieren. Sie war hilfesuchend zu ihr geflüchtet, ist nun aber gefangen gehalten und vollständig von deren Willen  abhängig und zur Passivität verurteilt.

So gehört der erste Teil der Oper Elisabeth I , von der italienischen Sopranistin Serena Farnocchia stimmlich wie darstellerisch grossartig verkörpert. Die Ausübung der totalen Macht, die Strenge und die Disziplin, die dazu gehören, bringt sie uns mit ihrer mächtigen Stimme nah, die Härte und Durchhaltevermögen zum Klingen bringt. Ihre Dominanz, ihr Herrscherwillen, dem sie alles unterordnet, sind in jedem Augenblick zu spüren. Keiner würde sich widersetzen. In der elisabethanischen Zeit muss sie als Mann in Frauenkleidern gesehen worden sein. Zumindest ein Mischwesen. Daher vielleicht die Mär von der ‚jungfräulichen Königin’. Immerhin vertritt sie in ihrem Verhalten das männliche Prinzip.

Ganz anders aber Maria Stuart. Sie führte ein Leben, das oft noch heute als typisches Frauenleben angesehen wird. Schon früh zur Fortführung der Dynastie ausgewählt wurde sie Ehefrau und Mutter. Sie regierte nicht, sie repräsentierte. Um sich Handlungsfreiheit  oder so etwas wie Macht zu verschaffen, musste sie auch als Gattin eines Machthabers indirekt vorgehen. Es galt ihre Schönheit, ihren Charme und Ränke anzuwenden, auch wenn sie selbst von hoher Geburt war. Dazu hatte sie am französischen Hof sicher entsprechende Lehrmeister und Anschauungsunterricht. Sie schien eine begabte Schülerin zu sein. So versucht sie sich in Schottland und dann als Gefangene der Königin auch wieder durch Männer ein Überleben zu sichern. Der willfährige Graf von Leicester, in Zürich verkörpert vom immer wieder erfolgreich agierenden jugendlichen Tenor Pavol Breslik,

ihr ganz ergeben, mag da auch nur ein Werkzeug gewesen sein. Der Librettist Donizettis Giuseppe Bardari mag ihn als entscheidenden Streit der beiden Königinnen gesehen haben. Doch zeigt er nur die diametral entgegengesetzte Vorgehensweise der beiden Frauen. Diese Oper als ‚Stutenbeissen’ zu inszenieren wie in Zürich geschehen, scheint mir deshalb ein Irrtum. Immerhin geht es um zwei hochgeborene Frauen mit legitimen Machtansprüchen, die  sich in die Quere kommen. Nicht umsonst wurden in anderen Dynastien eventuelle Rivalen getötet wenn einmal der Herrscher erkoren war. Die potentielle Gefahr eines das Reich destabilisierenden Machtkampfes wurden so gebannt.

Ob es diesen Graf von Leicester überhaupt gegeben hat, ist historisch nicht eindeutig belegt. Die Verkörperung des männlichen und des weiblichen Prinzips der Machtausübung, die sich aneinander reiben, ist und bleibt jedoch universell.

Die Zürcher Inszenierung David Aldens stellt dies zurück, hat jedoch andere Qualitäten: So ist die Interaktion der Charaktere fein orchestriert und Gideon Davey’s Bühnenbild und hochkarätig. Das Bühnenbild lässt viel Raum und konzentriert sich auf die wichtigsten Elemente. Diese aber sind klar ausgedacht und von hoher Ästhetik. Bei den Kostümen wurde hier eine interessante Technik angewandt. Moderne Normkleidung wurde mit Elementen elisabethanischer Mode gespickt und liess durch diese Konnotation den Zuschauer nie die Zeit der Handlung vergessen.

Der eigentliche Höhepunkt aber war zweifellos die Leistung Diana Damraus. Nach einem zurückhaltenden Anfang steigerte sie sich zusehens. Zuerst als sie Elisabeth I in ihrer gemeinsamen Szene, der von ihr erhofften Aussprache, nicht nur Paroli bietet, sondern, tief in ihrem Stolz getroffen, diese wüst beschimpft. Doch zu wirklich bezwingender Darstellung und Gesang kommt sie als sie ihr Todesurteil mit Würde empfängt und sich ruhig und gelassen auf ihren Tod vorbereitet. Hier wird sie zu einer wahren Herrscherin und zeigt Grösse. Die Innerlichkeit und vielfarbigen Facetten  ihrer Emotionen sind so meisterlich dargebracht, dass sie wirklich unter die Haut gehen.

Nach dem Tod dieser ‚Maria Stuarda’ brauchte man wirklich einen Moment um wieder in die Wirklichkeit zu kommen.