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19/02/2019 12:21 CET | Aktualisiert 19/02/2019 12:21 CET

Der Klimawandel bedroht Hamburg – doch Stadtplaner kämpfen dagegen an

Städte sind der beste Ort, um schnell gegen die Folgen des Klimawandels vorzugehen.

  • Hochwasser, Hitze, Starkregen: Hamburg leidet immer mehr unter den Folgen des Klimawandels
  • Stadtplaner und Meteorologen entwickeln Maßnahmen dagegen

Zerstörte Häuser, umgedrückte Bäume, Menschen, die sich auf Hausdächer retten, Wasser überall. Wohl jeder Hamburger kennt die Bilder der Sturmflut 1962:

ullstein bild via Getty Images
Auf einem Dach wartet ein Überlebender der Flutkatastrophe auf seine Rettung aus dem Hochwassergebiet

Der Orkan Vincinette löste die bislang größte Flutkatastrophe an der Nordseeküste aus. 315 Menschen verloren damals ihr Leben.

Eine solche Naturkatastrophe könnte sich wiederholen. Auf diese Art oder eine andere. Hitzeperioden, Stürme, Starkregen oder eben Sturmfluten.

Schuld daran ist der Klimawandel, der die Hansestadt immer stärker trifft.

Bis zum Ende des Jahrhunderts wird es im Winter in der Region Hamburg bis zu 40 Prozent mehr regnen als bislang, im Sommer dafür um bis zu 40 Prozent weniger. Dadurch kommt es zu immer mehr und stärkeren Extremwetterereignissen.

► Die Folgen davon machen Hamburg schon jetzt schwer zu schaffen. 

Hitzeperioden gefährden die Gesundheit von älteren und kranken Menschen und zerstören Bäume und Pflanzen, Hochwasser bringen den Verkehr zum Erliegen, fluten Häuser, zerstören Gebäude.

Und: Das Problem wird noch größer. Schließlich zieht es immer mehr Menschen in die Städte. Fast 80 Prozent der Deutschen werden im Jahr 2030 in Städten leben – damit liegt die Bundesrepublik weit über dem weltweiten Durchschnitt von 60 Prozent. 

Es wird immer wärmer

Generell ist es in Städten immer wärmer als in ländlichen Regionen. Das liegt daran, dass es kaum unbebaute Flächen und wenig Vegetation gibt. Denn von Straßen und Gebäuden wird Sonneneinstrahlung absorbiert, sprich: Sie speichern die Wärme.

Damit erwärmen sich Städte tagsüber stärker als ländliche Regionen und kühlen nachts langsamer aus. Auch die Emission von Schadstoffen und Abgasen und die Tatsache, dass es weniger Wind gibt, verstärken den Effekt. So entsteht die sogenannte städtische Wärmeinsel. 

Aber das Gute ist: Städte sind  gleichzeitig auch der beste Ort, um schnell und effektiv gegen die Folgen des Klimawandels vorzugehen.

“Weil der Unterschied von Städten im Vergleich zum Umland Menschen gemacht ist, können wir hier schneller Dinge ändern”, sagt David Grawe. Denn so schnell wie Gebäude gebaut würden, könnten sie auch wieder abgerissen werden.

“Sehen Sie den Gras-Parkplatz da drüben? Ein super Beispiel, der ist auch bei Regen befahrbar.” Grawe zeigt aus dem Fenster im 16. Stock des meteorologischen Instituts der Universität Hamburg. Ein kleiner grüner Punkt, drumherum eine endlose Betonwüste aus Straßen und Gebäuden.

Grawe beschäftigt sich mit dem Stadtklima der Hansestadt, vor allem mit der Temperaturentwicklung. “Seit 1990 ist die Durchschnittstemperatur rasant gestiegen”, sagt der Meteorologe.

Bis 2100 wird sich die Durchschnittstemperatur in Hamburg um bis zu 4,7 Grad Celsius erhöhen. “Besonders wenn es nachts im Sommer nicht kälter wird, ist das gefährlich”, erklärt der Meteorologe. Wenn es nachts nicht unter 20 Grad abkühlt, sprechen Experten von tropischen Nächten. Heute sind das in Hamburg bis zu acht im Jahr. Für 2050 prognostizieren Forscher bis zu 18.

Die Hitze trifft vor allem ältere und kranke Menschen. Aber auch Bäume und Pflanzen leiden in Dürreperioden.

Mit mehr Grün wäre es kühler in der Stadt

Um den steigenden Temperaturen entgegenzuwirken, bräuchte es vor allen Dingen eins: mehr Grün. “Am besten geeignet ist die sogenannte intensive Dachbegrünung. Eine bewässerte Grünfläche, die Regenwasser zurückhält, ein bisschen isoliert und beim Runterkühlen hilft”, erklärt Grawe. Wie auch der Parkplatz vor seinem Fenster.

Grawe und seine Kollegen haben anhand von Modellen errechnet, welchen Effekt es haben könnte, wenn 80 Prozent aller möglichen Flächen – seien es Industriedächer oder Privathäuser – intensive Dachbegrünung hätten.

“Selbst wenn gleichzeitig mehr Menschen nach Hamburg ziehen und dadurch auch mehr gebaut würde, würde sich die Stadt so deutlich weniger erhitzen”, sagt Grawe.

Mehr zum Thema: Der Klimawandel findet vor unserer Haustür statt – so können wir dazu beitragen, ihn aufzuhalten

► Doch es hapert an der Umsetzung. “Insgesamt gibt es in Hamburg ehrlich gesagt sehr wenig, was schon gemacht wird”, sagt Grawe. Obwohl es das Wohnen auch lebenswerter macht, ist Begrünung vielen Hausbesitzern zu teuer oder zu pflegeintensiv.

Und auch die Stadt hält sich eher zurück mit der Förderung. 

Doch die Temperatur ist nicht alles, was Städte wie Hamburg beschäftigt. Neben Hitze und Trockenheit ist es vor allen Dingen Wasser.

► Hamburg ist eingekesselt zwischen Nordsee und Elbe – eine doppelte Belastung. Sturmfluten bedrohen die Hansestadt aus der Nordsee, Überschwemmungsgefahr aus dem Landesinneren.

“Wir Hamburger sind für Hochwasser schon immer sensibilisiert. Aber es ist wirklich ganz deutlich zu spüren, dass es die vergangenen zehn Jahre mit dem Hochwasser und Starkregen schlimmer wurde”, sagt Helga Schenk. Sie ist Expertin für Klimafolgenanpassung bei der Hamburger Behörde für Umwelt und Energie.

Uschi Jonas
Stadtplaner Siegfried Krauß und Klima-Expertin Helga Schenk

Sie sagt, die Hochwassergefahrenlage ist in vielen Stadtteilen akut. So zum Beispiel in Wilhelmsburg. Die Elbinsel ist von einem fast 24 Kilometer langen Ring aus Hochwasserschutzanlagen umgegeben.

Hochwasserschutz für Privathaushalte ist nicht schwer

Ohne die Deiche würden weite Teile der Insel zwei Mal am Tag vom Wasser der Elbe überspült, bei jedem Tidehochwasser von Neuem.

Die Schutzanlage schützt jedoch nicht zwingend gegen Starkregen und Sturmflut.

“Eine Bekannte von mir, die in Wilhelmsburg wohnt, hatte nach dem letzten Starkregen schlimmes Hochwasser im Keller. Jetzt hat sie einen Schaden von mehreren Hunderttausend Euro”, sagt Schenk.

Dabei sei es gar nicht schwer, etwas zu tun.

► Wohngebäude bräuchten beispielsweise Abflüsse mit Rückstau-Ventilen. Dann kann das Wasser rausfließen, aber nicht mehr rein. Und Schutztore für Fenster oder Keller seien wichtig. Aber es ist ein mühsamer Weg, die Stadt, Immobilienbesitzer und Privathaushalte dahin zu bringen, sagt Schenk.

“Der Hamburger macht nicht zuallererst und von Herzen gern etwas rein aus gesetzlicher Verpflichtung. Hier sagt man gerne, ‘wir sind doch alles ehrenhafte Kaufleute, wir machen das alles freiwillig, wir brauchen dafür keine Gesetze oder Regeln.’”

Die Hafencity ist für den Klimawandel gewappnet

Jede zweite der 76 deutschen Großstädte (mehr als 100.000 Einwohner) hat eine Strategie veröffentlicht, wie sie plant, mit den Folgen des Klimawandels umzugehen. Auch für Hamburg gibt es einen solchen Klimaplan. Dort steht, dass die Stadt eigentlich Vorbild sein müsse. Doch Schenk schafft es nicht einmal, eine verpflichtende Begrünung für Schuldächer im Senat durchzuboxen.

“An sich sind wir in Hamburg recht gut aufgestellt gegen den Klimawandel, in vielen Köpfen ist es angekommen, dass wir uns anpassen müssen. Aber das Mitdenken in der Planung gelingt noch nicht in allen Stadtvierteln.” 

► Ein positives Beispiel ist die Hafencity.

“Früher war das eine verlorene Ecke mit ein bisschen Natur”, sagt Stadtplaner Siegfried Krauß. 

Inzwischen ist der Stadtteil aber Vorbild in Sachen Klimaanpassung.

Uschi Jonas
In der Hafencity gibt es Brücken, die auch bei Hochwasser nutzbar sind

► Straßen wurden so gebaut, dass es ein Gefälle gibt, damit Wasser abfließen kann. Es gibt extra Brücken, die auch bei Hochwasser begehbar sind. Kaimauern wurden erhöht, Treppen gebaut, die die Wasser-Wucht bei einer Sturmflut bremsen sollen.

► Dachbegrünung für neue Gebäude ist hier Vorschrift. Und es gibt hermetische Tore vor tief liegenden Hauseingängen und Kellern, die im Falle einer Sturmflut schnell geschlossen werden können.

Die Hafencity boomt. Restaurants, Cafés, Souvenir-Läden reihen sich aneinander. Und gleichzeitig ist der Stadtteil klimamäßig für die Zukunft gerüstet. Es geht also. Man muss nur wollen.

Uschi Jonas
Heute gibt es vor den Geschäften hermetische Schutztore