HuffPost
GOOD
24/02/2019 12:14 CET | Aktualisiert 24/02/2019 20:22 CET

Der Inselstaat Vanuatu macht vor: Das passiert, wenn ein Land Plastik verbietet

Vanuatu hat eines der strengsten Plastik-Verbote der Welt – und das Gesetz soll noch schärfer werden.

Auf einem geschäftigen Markt sitzen Frauen in gemusterten Kleidern unter freiem Himmel. Auf den Tischen vor ihnen liegen ein Dutzend verschiedener Bananenarten, Chips aus der violetten Tarowurzel und Berge von roten Chilis. 

Das ist der wichtigste Knotenpunkt für Lebensmittel in Port Vila, der Hauptstadt des kleinen Inselstaates Vanuatu im Südpazifik. Hier kaufen die Einheimischen alle Produkte, die zur Saison angeboten werden. Es gibt jede Menge Pomelos und smaragdgrüner Avocados.

Nur eines gibt es hier nicht: Plastik-Tüten. Nicht hier oder an irgendeinem anderen Ort in Vanuatu.

Der Staat hat Einweg-Plastiktüten, Trinkhalme und Styroporbehälter bereits im vergangenen Juli verboten. Es ist der Versuch, den dramatischen Strom von Müll von den Küsten des Landes in den Ozean zu stoppen.

“Wir wollen unsere Umwelt schützen”, sagt Ellen Jimmy, die an sechs Tagen in der Woche Produkte auf dem Markt in Port Vila verkauft. Das Verbot von Plastik habe ihrem Geschäft nicht geschadet. Die meisten Kunden würden ihre Papayas unterm Arm nach Hause tragen, wenn sie keine Tasche hätten.

Premierminister Charlot Salwai gab Unternehmen und Käufern gleichermaßen nur wenige Monate Zeit, sich vorzubereiten. Verstöße werden nun mit hohen Geldstrafen zwischen 175 und 900 US-Dollar geahndet. Die Einwohner haben die Maßnahme überraschend gut aufgenommen. Die Regierung Vanuatus bereitet nun noch mehr Einschränkungen für Einwegprodukte vor. Das weltweit wohl schärfste Plastikverbot wird so noch schärfer werden. 

Auch wenn die Gesetze von Vanuatu nicht unbedingt auf andere Nationen aufgrund der Größe des Inselstaats übertragbar sind – Vanuatu kann als eine Art Labor funktionieren, wie sich der Kampf gegen das Plastik führen lässt und welche Fallstricke Verbote mit sich bringen.  

Das schärfste Plastikverbot der Welt wird noch schärfer 

Der Außenminister des Landes, Ralph Regenvanu, kündigte am 17. Februar das verschärfte Müll-Verbot an. Es trifft Einwegwindeln, Kunststoffbesteck und Lebensmittelverpackungen wie Netz- und Klapphüllen. Im Dezember soll das Verbot in Kraft treten.

Plastik im Ozean ist zu einem dramatischen Problem rund um den Globus geworden. Der Müll schwimmt in den entlegenen Meeren vor Hawaii und in den Eisfeldern der Antarktis. Das Plastik richtet verheerende Schäden unter den Meerestieren an und verschmutzt sogar unsere Nahrungskette.

Die Vereinten Nationen haben dem Plastik in den Meeren kürzlich den “Krieg erklärt”. Laut ihren Berechnungen landet jede Minute ein ganzer Müllwagen aus Kunststoff in den Ozeanen.

Auf den 83 Inseln von Vanuatu leben nur etwas mehr als 275.000 Einwohnern. Der kleine Staat ist nur für weniger als 0,1 Prozent aller Kunststoff-Abfälle in den Weltmeeren verantwortlich.

Und dennoch: Kein Staat setzt auf ein so striktes Plastik-Verbot wie Vanuatu. Die Regierung erhofft sich, mit ihren Gesetzen einen neuen Standard zu setzen – dem der Rest der Welt folgen könnte. 

Wie der Rest der Welt gegen Plastik kämpft

Auch die Europäische Union hat den Kampf gegen den Müll aufgenommen. Bis 2021 werden viele Einwegprodukte verboten sein. 

Doch in vielen Ländern der Welt ist die Politik noch nicht so weit gekommen. Niemand verbraucht so viel Kunststoff wie die USA. Die Amerikaner benutzen jedes Jahr etwa 100 Milliarden Plastiktüten, von denen nur ein kleiner Teil recycelt wird.

Aber US-Politiker tun sich schwer, das zu ändern. New York versucht seit Jahren, Plastiktüten zu verbieten. Gouverneur Andrew Cuomo betonte vergangenen Monat, dass er 2019 erneut darauf drängen werde. Bisher war nur das von Demokraten regierte Kalifornien in der Lage, ein eigenes Verbot zu verabschieden, auch in Hawaii sind Plastiktüten de facto untersagt. 

Hintergrund: Argumente, die gegen Plastikverbote sprechen

In ganz Europa bejubeln Umweltschützer, dass Besteck und Teller, Trinkhalme und Haltestäbchen für Luftballons bald nicht mehr aus Wegwerf-Plastik gemacht sein dürfen. Die Regelung hat allerdings ihre Grenzen.

1. Von Verboten allein werden die Weltmeere nicht sauberer.

In vielen Ländern gibt es keine Entsorgungs- oder gar Recyclingsysteme wie in Europa. Der Unternehmensberater McKinsey kommt in einer neuen Studie zum dem Schluss: “Trotz aller politischen Anstrengungen und Verordnungen wird sich weltweit die Menge an Plastikmüll bis 2030 um bis zu 80 Prozent erhöhen.”

2. Die Alternativen sind auch nicht immer umweltfreundlich.

Das Argument taucht auf, wenn es um Plastiktüten geht. Eine Tüte aus Papier herzustellen, braucht viel Energie, Wasser, Chemikalien. Mit Plastikersatz aus Holz, Bambus, Glas und anderen Materialien ist das ähnlich.

Lisa Maree Williams
Vanuatus Außenminister Ralph Regenvanu. 

Am Anfang am Kampf gegen den Plastik stand ein Pärchen

In Vanuatu begann der Krieg gegen das Plastik mit einer Kampagne bei Facebook.

Christielle Thieffry und Georges Cumbo starteten im März 2017 in dem sozialen Netzwerk eine Seite und forderten ein Verbot für Plastiktüten. Die beiden sind gebürtige Franzosen, aber leben seit mehr als zwei Jahrzehnten in Vanuatu. Mit wachsender Sorge beobachteten sie, wie der Müll an den Stränden von Port Vila immer mehr wurde. 

Als sie in den 1990er Jahren nach Vanuatu kamen, sei der Ort noch “ziemlich unberührt” gewesen, sagt Thieffry. “Wir sahen, wie sich die Dinge zu ändern begannen, es wurde immer mehr Müll angespült. Plastik überall an den Stränden.”

Die Facebook-Seite fand schnell Anhänger. Das Paar startete auch eine Petition und sammelte innerhalb von Wochen rund 2000 Unterschriften.

Auch die Regierung wurde auf die Bemühungen von Thieffry und Cumbo aufmerksam. Im Juli 2017 sagte der Premierminister in der jährlichen Rede zum Unabhängigkeitstag, dass das Land Plastiktüten innerhalb des nächsten Jahres abschaffen würde. Das Gesetz wurde im Januar 2018 formell eingeführt und trat im folgenden Juli in Kraft.

Warum sich Vanuatu einfach tat mit dem Plastikverbot 

“Die Sache ist: Wir importieren 95 Prozent unseres Mülls. Wir machen ihn nicht hier”, erklärt Außenminister Regenvanu. “Deshalb bin ich leidenschaftlich für Verbote, weil man so einfach verhindern kann, dass der Müll hereinkommt. Wir werden so viele Dinge verbieten, wie wir verbieten können.”

Aber nicht überall nehmen die Menschen Plastikverbote so gut auf wie in Vanuatu. Als die beiden größten Einzelhandelsketten Australiens beschlossen, Plastiktüten abzuschaffen, überrollte sie der Zorn. Einige wütende Kunden gingen Kassierer heftig an, sodass sich die Supermärkte gezwungen sahen, ihre Maßnahme zurückzunehmen und eine Frist für die Abschaffung der Plastiktüten anzusetzen. 

In Vanuatu war es einfacher. Hier ist der Respekt vor der Umwelt offenbar noch größer. Seit Generationen gibt es auch eine florierende Handwerksindustrie, die Alternativen zu Kunststoff-Einwegartikeln herstellt.

Das trug dazu bei, dass die Abschaffung von Einweg-Plastiktüten nicht nur schmerzlos verlief, sondern auch beliebt wurde.

Und die Änderung hatte sofort sichtbare Auswirkungen: Die Einheimischen weisen gerne darauf hin, dass es in den Straßen der Innenstadt von Port Vila praktisch keinen Müll mehr gibt.

Lisa Maree Williams
Rebecca Bula, Mitglied und ehemalige Vizepräsidentin einer lokalen Handwerksgenossenschaft, an ihrem Stand auf dem Markt von Port Vila.

Die alternativen Tüten der “Mamas”

“Der Unterschied ist sehr groß”, sagt Rebecca Bula, Mitglied der Bulvanua Arts and Crafts Cooperative. “Als Bürgerin bin ich wirklich stolz darauf, einen sauberen Ort zu sehen. Keine Plastiktüten am Strand, die herumfliegen. Es hat wirklich geholfen.”

Bula ist eine von vielen Frauen, die immer noch auf den Verkauf von traditionellem Kunsthandwerk vertrauen. Sie verkauft Taschen aus Pandanuswurzeln, den Blättern eines palmenartigen Baumes in Vanuatu. Für Menschen hier sind sie eine beliebte Alternative zu Einwegplastik. Die Taschen gibt es mit komplexen Mustern. Sie halten jahrelang und sind vollständig biologisch abbaubar.

Weberinnen wie Selina Kalsong, im ganzen Land bekannt als “Mamas”, haben ihre Kunst von der vorherigen Generation gelernt und werden sie an die nächste weitergeben.

Bula erklärt, dass das Plastikverbot ein Segen für die “Mamas” im ganzen Land gewesen sei. In den vergangenen sechs Monaten verzeichneten sie einen Anstieg der Verkäufe. Mit der Ausweitung des Verbots hofft Bula, dass sich dieser Trend fortsetzt. 

Selina Kalsong, die im Dorf Mangaliliu lebt, braucht etwa einen Tag, um eine solche Tasche herzustellen. Die Frauen in ihrem Dorf haben einen Laden direkt an der Hauptstraße, wo sie Taschen, Körbe, Behälter und Tischsets für etwa 15 bis 35 Dollar verkaufen. Die gesteigerten Erträge halfen Kalsong kürzlich, endlich eine Stromleitung für ihr Haus zu installieren. 

Einheimische zahlen selten so viel wie Touristen und fragen oft ein Familienmitglied, eine der Taschen für sie zu machen. Die Taschen sieht man in Vanuatu überall.

LISA MAREE WILLIAMS

Doch noch immer gibt es Plastikberge in Vanuatu

Aber Plastik ist in Vanuatu noch nicht ganz verschwunden. Einweg-Wasserflaschen gibt es noch immer, sie sind nicht von dem aktuellen Verbot betroffen. In Vanuatu gibt es außerdem nur ein relativ junges Programm für Recycling. Die Bewohner schimpfen gerne darüber. Obwohl es ein Rückgabesystem für Falschen gibt, landen die Wasserflaschen dennoch oft auf lokalen Müll-Deponien

Auf der Bouffa-Deponie, der Deponie für Port Vila und den Rest der Insel Efate, ist Plastikmüll noch überall zu sehen. 

Roy Alick, der seit 10 Jahren auf der Müllhalde arbeitet, sagt, dass es früher allerdings noch schlimmer war. Er bemerkte sofort die Auswirkungen des Verbots: Fast über Nacht habe sich weitaus weniger Einweg-Plastik im Müll befunden, sagt er.

“Wir haben die Plastiktüten bereits verboten, aber es gibt Dinge, die man hier drin immer finden kann. Die müssen wir stoppen”, sagt Alick und stupst mit seinem Fuß einen alten Schuh und das Gehäuse einer Mikrowelle vor sich an. 

Lisa Maree Williams
Eine Frau aus der Region sucht auf der Bouffa-Deponie nach recycelbaren Gegenständen.

An den Stränden landet der Müll aus Indonesien

Es gibt auch neue Einwegprodukte in Vanuatu, die durch das Anti-Kunststoff-Gesetz rutschen. Auf dem Markt dürfen bestimmte Obst- oder Gemüsesorten in Kunststoffnetzen verpackt sein. Auch die Lebensmittelkette Au Bon Marche hat damit begonnen, Obst und Gemüse in Netze zu verpacken – und das, obwohl das Unternehmen bei der ersten Ankündigung des Verbots schnell alle Plastiktüten entsorgte.

Außenminister Regenvanu sagt, dass künftige Versionen des Verbots auf einige dieser neuen Produkte abzielen werden.

“Für uns in der Regierung ist das wie eine Übung. Die Leute warten mit neuen Dingen auf, die wir dann verbieten müssen”, sagt er.

Trotz aller Bemühungen Vanuatus gammeln an den Ständen noch immer alte Flaschenverschlüsse und Chips-Packungen vor sich hin. Regenvanu gibt dafür den Nachbar-Inseln die Schuld, die verantwortungslos mit ihren Müll-Bergen umgehen würden. 

“Es gibt einige Länder, die den Müll geradezu ausstoßen”, sagt der Minister und weist auf die Philippinen und Indonesien hin, zwei der weltweit größten Quellen für die Verschmutzung der Meere durch Kunststoffe. Diese Länder haben in den vergangenen Jahren ein starkes Wirtschaftswachstum erlebt, und mit ihm die zunehmende Produktion und Verwendung von Kunststoff.

Lisa Maree Williams
Marie Norway erwartet die Kunden an ihrem Obst- und Gemüsestand. Sie verkauft sie in Kunststoffnetzen auf dem Markt von Port Vila. Künftige Versionen des Kunststoffverbots werden auch diese Art von Netzen einschließen. 

Was wir von Vanuatu lernen können

Umweltgruppen sagen, dass zwar Anstrengungen zur Entwicklung besserer Abfallmanagement-Systeme wichtig seien, aber die Industrie einen Großteil der Schuld für das Müll-Problem in den Ozeanen trage. 

Unternehmen hätten lange Zeit die Schuld von sich gewiesen und stattdessen die Verbraucher in die Verantwortung genommen, sagt Mirjam Kopp, Leiterin eines globalen Projekts bei Greenpeace zur Kunststoffvermüllung.

Ihre Kritik: Das Problem mit den Kunststoffen werde von Konzernen verursacht und von Regierungen schlecht verwaltet. “Die Verbraucher für die Verschmutzung zu beschuldigen und sie zu bitten, ihr Verhalten zu ändern, wird dieses Problem nie lösen. Der einzige Weg, um sicherzustellen, dass Kunststoff nicht in die Umwelt gelangt, ist, es an der Quelle zu bekämpfen und die Produktion einzustellen.”

Außenminister Regenvanu betont, dass Vanuatus Bemühungen womöglich nur in einer kleinen Nation wie dieser wirklich funktionierten. Das Land hat nur ein einziges großes Unternehmen, das Kunststoffprodukte herstellt. Die Politik hat direkt mit dem Unternehmen zusammengearbeitet, um es bei der Anpassung an die neue Politik zu unterstützen.

“Wir sind wie ein kleines Labor, um solche Dinge tun zu können”, sagt der Außenminister.

Aber er weist auch mit Stolz darauf hin: “Einer der Vorteile hier ist, dass man Dinge tun kann, die man an anderen Orten für unmöglich hält.”

Diese Geschichte ist Teil einer Serie über Kunststoffabfälle, die vom US-Konzern SC Johnson finanziert wird. Alle Inhalte sind redaktionell unabhängig, ohne Einfluss des Unternehmens.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der HuffPost US und wurde von Leonhard Landes ins Deutsche übersetzt und editiert.