POLITIK
02/10/2018 19:02 CEST | Aktualisiert 12/10/2018 19:32 CEST

Grünen-Höhenflug in Bayern: Was einen Wahlerfolg jetzt noch gefährdet

Die Grünen erleben vor der Landtagswahl in Bayern ein Umfragehoch. Hält der Erfolg an?

dpa
Erfolgsduo im Bund und Erfolgsduo in Bayern? Die Grünen-Politiker Robert Habeck, Annalean Baerbock, Katharina Schulze und Ludwig Hartmann. 

“Früher hieß es: Du bist gar kein richtiger Grüner”, sagt Erhard Grundl.

Einen Grünen hatten sie sich in Niederbayern offenbar anders vorgestellt als Grundl, der im tiefsten Dialekt poltern kann, wenn er will.

An diesem Montagabend in Straubing blickt Grundl auf eine kleine Erfolgsgeschichte in der niederbayerischen Provinz zurück. Nachdem er 2004 den Kreisverband aufbaute, schaffte es der groß gewachsene Bayer 2008 in den Straubinger Stadtrat und im vergangenen Jahr in den Bundestag. 

Grundl erzählt diese Geschichte vor rund 15 Menschen im Café Steiningers, unweit des barocken Stadtplatzes von Straubing. Es ist die letzte Veranstaltung des Kreisverbands vor der anstehenden Landtagswahl. Die meisten Gäste sind Parteimitglieder, einige aber sind Wähler. Sie wollen den vier Kandidaten des Kreisverbands Fragen stellen.

Die Stimmung ist gelöst. Die Menschen trinken Saftschorle, leichtes Weißbier oder Helles. Ein grünes Banner steht in der Ecke. Auf einem Pappaufsteller liest man den Wahlkampfslogan der bayerischen Grünen: “Mit uns die Zukunft”. 

Es läuft gut für die Grünen. Auch in Bayern, wo die Partei seit Monaten in den Umfragen zweitstärkste Kraft ist. Grundl sagt den Mitgliedern, er sei zuversichtlich. Warnt aber auch: Jetzt nicht ausruhen. 

Denn: Es wäre nicht das erste Mal, dass die Grünen bei einer Wahl überraschend einbrechen. Vor der letzten Landtagswahl 2013 erreichte die Partei in einer Umfrage 12 Prozent, am Ende machten 8,6 Prozent der Wähler ihr Kreuz bei den Grünen. Wie stabil also ist der Hype?

“Jetzt will ich was Neues” 

Sicher ist: Die Grünen in Bayern profitieren von den Streitereien der Union und der SPD auf Bundesebene. Das zeigen auch die Erfahrungsberichte der Grünen-Wahlkämpfer an diesem Abend in Straubing.  

Anita Karl ist Kreisrätin für die Grünen, engagiert sich ehrenamtlich für Flüchtlinge. Sie berichtet von einer “neuen Bewegung”, die sie an den Wahlkampfständen spüre. Es gebe mehr Menschen, die nach 20 oder 25 Jahren CSU sagten: “Jetzt will ich was Neues.” 

Leonhard Landes
Grüne-Politiker des Kreisverbands Straubing-Bogen: Erhard Grundl, Anita Karl, Bastian Kulzer, Feride Niedermeier und Matthias Ernst. 

Gegenüber von ihr sitzt Matthias Ernst. Mit seinen 24 Jahren ist er einer der jüngsten Listenkandidaten in Bayern. Er fordert zu Beginn Jugendparlamente und die Möglichkeit, schon mit 16 Jahren wählen zu können. 

Ernst glaubt, für die Grünen zahle sich ihre Positionierung gegen die CSU aus. Die Partei habe an humanitären Werten festgehalten. “Das honorieren viele Menschen”, sagt er. 

Unterwegs im tiefschwarzen Niederbayern 

Niederbayern ist traditionell ein schwieriges Terrain für die Grünen. Bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr erreichten die Grünen im Stimmbezirk Straubing 3,6 Prozent. Für ganz Bayern lag das Ergebnis bei neun Prozent. Niederbayern ist tiefschwarz. Die CSU besetzt die Rathäuser und die Direktmandate. 

Das sieht auch Feride Niedermeier als Herausforderung für ihre Partei. Sie ist die Grünen-Direktkandidatin für den Landtag im Stimmkreis. “Niederbayern ist seit Jahrzehnten ‘kohlrabenschwarz’ – gewesen”, sagt sie und fügt hinzu: “Aber ich habe das Gefühl, dass die jungen Wähler nun mehr an ihre Zukunft denken.”

► Noch immer ist Zuwanderung für die Wähler in Bayern eine der drängendsten politischen Herausforderungen. Laut dem Bayerntrend des Bayerischen Rundfunks gaben das 44 Prozent der Befragten im September an. 

Im Café Steiningers jedoch fragt kaum jemand danach. Die Themen hier sind die Wohnungsnot, mangelnde Gleichberechtigung, Bildung, der Flächenverbrauch – und vor allem die Frage, ob die Grünen mit der CSU, dem Hauptfeind im Wahlkampf, koalieren würden.

Die Ökopartei macht keine Politik für die sogenannten besorgten Bürger, die zu den Wahlkampfveranstaltungen der CSU und vor allem der AfD kommen. Abschiebungen nach Afghanistan oder eine Abschiebehaft etwa lehnen die Grünen ab.

Wie wackelig ist der Grünen-Erfolg?

Zwei weitere Faktoren machen der Partei in Niederbayern das Leben schwer: Als ökologische Partei hat sie hier mit der ÖDP Konkurrenz. In Bayern holte die Kleinstpartei bei der Kommunalwahl 2014 immerhin 380 Mandate, die Grünen 1800. 

Außerdem sind die Grünen weniger stark in den bayerischen Gemeinden vernetzt als die CSU. Zwar decken Kreisverbände der Grünen den gesamten Freistaat ab, 2.853 Ortsverbände wie die CSU haben sie aber nicht vorzuweisen. 

In Niederbayern zeigt sich also, dass der gegenwärtige Erfolg der Grünen durchaus auf wackligen Beinen steht. Die Partei ist stark in den Städten, schwächelt allerdings in den ländlichen Regionen. 

Laut der Beratungsagentur Wahlkreisprognose dürfen die Grünen derzeit auf drei Direktmandate aus München und eines aus Nürnberg hoffen. Die CSU steht hier bei 87 Direktmandaten. 

“Die Menschen wollen nicht, dass nur eine Partei entscheidet”

Und dennoch: Auch die Grünen in Straubing merken, dass sich in Bayern gerade etwas verschiebt. Der CSU droht mit derzeit 35 Prozent in den Umfragen das schlechteste Wahlergebnis seit Jahrzehnten.  

Landtagskandidatin Niedermeier etwa gibt zu bedenken: “Wir haben Themen, die die Bürger interessieren. Wohnungsnot, Pflege, Infrastruktur, Klimawandel.”

Tatsächlich sind das Themen, die den Menschen in Bayern laut dem Bayerntrend während des Wahlkampfes wichtiger geworden sind. Im Juli war für 17 Prozent die Wohn- und Mietfrage das drängendste Problem, aktuell sind es 22. Migration sank im selben Zeitraum von 52 auf nun 44 Prozent.

► ”Die Menschen wollen Veränderung in der Politik. Sie wollen nicht, dass nur eine Partei entscheidet”, beschreibt Kreisrätin Anita Karl das Gefühl, das für sie nach diesem Wahlkampf bleibt. 

Vor der Landtagswahl in Bayern ist HuffPost-Reporter Leonhard Landes zurück in seine niederbayerische Heimat gezogen. Diese Texte sind bisher erschienen:  

“Warum ich für die Bayern-Wahl in mein Heimatdorf zurückziehe”

“Ich war in Niederbayern beim AfD-Wahlkampf – und verstehe jetzt, warum die Partei in Bayern so erfolgreich ist”

 

(ben)