POLITIK
12/03/2019 15:06 CET | Aktualisiert 12/03/2019 15:14 CET

Der größte Kampf in den USA findet nicht zwischen links und rechts statt – sondern zwischen alt und jung

Wähler im Rentenalter werden die US-Politik noch mindestens bis 2060 maßgeblich prägen.

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Dank höherer Lebenserwartung, geringeren Geburtenraten und der schieren Größe der Babyboomer-Generation bestimmten ältere Wähler in den USA so lange die Politik im Land, wie keine Generation vor ihr.

Die Wählerschaft in den USA ist so alt wie nie zuvor. Und sie wird noch über mindestens vier Jahrzehnte immer älter werden

Der demographische Wandel ist auf Hochtouren. US-Bürger im Alter von über 65 Jahre sind mittlerweile die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe im Land. Laut Daten der Regierung wird die Generation im Rentenalter ab 2035 zum ersten Mal in der Geschichte der USA größer sein, als jene unter 18. 

Die jüngere, multikulturelle Generation mag in der Berichterstattung über die US-Politik dominieren – doch es sind die ältesten Wähler, die diese am entscheidendsten bestimmen. 

“So sehr die Vielfalt in den USA auch wächst, die Babyboomer-Generation hat noch immer sehr viel finanzielle und politische Macht”, sagt William Frey, Demograph an der Brookings Institution der HuffPost US. “Der Fokus in den Medien liegt auf der jungen Generation, aber diese wächst tatsächlich sehr viel langsamer als die ältere.” 

Eine solche Bevölkerungszusammensetzung ist in der Geschichte der USA einzigartig, sagt Frey. Dank höherer Lebenserwartung, geringeren Geburtenraten und der schieren Größe der Generation zwischen 55 und 73 haben ältere Wähler in den USA so lange die politische Gestaltungsmacht im Land, wie keine andere Generation vor ihr.

1950, als der Boom begann, waren nur acht Prozent der US-Bürger über 65; es gab mehr Menschen unter 25 als über 45. Ab 2010, als die Babyboomer begannen, in Rente zu gehen, haben sich diese Zahlen umgekehrt. Die Zahl der Rentner hatte sich um 50 Prozent erhöht. 

Die älteren Menschen in den USA wählen weit häufiger, als die jüngeren, gerade bei Zwischen- und Vorwahlen. Sie spenden drei mal häufiger an politische Organisationen. Außerdem leben sie vor allem in ländlichen und spärlich besiedelten Gegenden, was ihnen eine überproportionale Repräsentation im Kongress verschafft. Der durchschnittliche Bundesabgeordnete ist im Schnitt 58,6 Jahre – etwa zehn Jahre älter als der Bevölkerungsdurchschnitt. 

Ohne eine dramatische Zunahme der Migration oder eine plötzliche Verdopplung der Geburtenrate, wird diese demographische Entwicklung weiter anhalten. Der Anteil der alten Bevölkerung wird noch bis mindestens 2026 wachsen. Forscher erwarten, dass die Zahl der US-Bürger über 65 sich ab 2050 verdreifacht haben wird, während die Zahl der Unter-20-Jährigen weiter sinken wird. 

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Dieser Trend hat Auswirkungen auf sämtliche Institutionen der USA, am allermeisten auf die Politik selbst. Ältere Wähler teilen Eigenschaften und Interessen, die weit über die politische Aufteilung in Demokraten und Republikaner hinaus gehen. Daraus ergeben sich Bedürfnisse, die immer drängender werden, je mehr Babyboomer in Rente gehen. 

Für Politiker und Politikerinnen, die 2020 oder darüber hinaus ins Weiße Haus einziehen wollen, ergibt sich daraus ein paradoxes Problem. Die am meisten diskutierten Reformen – Zuschüsse für Kinderbetreuung, bezahlte Elternzeit, ein Solidarsystem in der Gesundheitsvorsorge – adressieren allesamt die Belange der jungen Bevölkerungsschichten. Die Wahlen werden aber vermutlich von Wählern entschieden, die von diesen Reformen nur wenig profitieren. Ob diese die Kosten für die Reformen tragen wollen, bleibt fraglich. 

“Die Alten setzen zu einem großen Anteil die politische Agenda”, sagt Andrea Campbell, Politikwissenschaftlerin am Massachusetts Institute of Technology, der HuffPost US. “Sie sind für beide Parteien extrem wichtig. Politiker vermeiden es deshalb, ältere Wähler abzuschrecken.” 

Und das wird wahrscheinlich noch eine sehr lange Zeit so bleiben. 

Die wachsende wirtschaftliche Ungleichheit 

Was alte Wähler einzigartig macht, ist nicht unbedingt ihre Parteizugehörigkeit. Ja, alte US-Bürger wählen eher die Republikaner. Aber die Zustimmung zur Grand Old Party ist mal stärker, mal schwächer.

Bei der Wahl im Jahr 2000 teilten sich die Wähler zwischen 18 und 29 sowie jene über 60 fast gleichmäßig auf die Demokraten und Republikaner auf. Im Jahr 2008 bevorzugten ältere Bürger um 8 Prozentpunkte den Republikaner John McCain, bei Mitt Romney waren es 2012 12 Prozentpunkte, bei Trump in 2016 nur 7 Prozentpunkte

Bei den Midterms im November war das Ergebnis noch knapper: Die älteren Wähler entschieden sich mit 50 Prozent für die Republikaner, 48 Prozent wählten die Demokraten. 

Die Wahlergebnisse zeigen laut Experte Frey, dass beide Parteien darum bemüht sind, die ältere Generation der Wähler für sich zu gewinnen, indem sie auf deren konkrete Probleme und Wünsche eingehen. Diese unterscheiden sich jedoch von den Bedürfnissen der jungen Menschen.

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Die älteren Wählergenerationen haben sehr viel höhere Einkommen und Vermögen zur Verfügung, als die jüngeren. Von fünf Familien in höherem Alter haben vier ein Haus. Bei jüngeren Familien tut das nur jede vierte.

Die meisten alten Wähler besitzen Aktien, viele sind Geschäftsinhaber. Einer aus neun Haushalten der älteren Generation verfügt über ein Millionenvermögen; seit 1989 hat sich laut einer Studie aus dem Jahr 2015 nur das Netto-Vermögen der Älteren in den USA erhöht. 

Politisch bedeutet das, dass diese alten und vermögenden Haushalte einen ganz anderen Blick auf die US-Wirtschaft haben, als alle anderen.

Denn die Einkommen der Generation X und der Millenials stagnieren, ihre Lebenshaltungskosten explodieren. Diese jungen Menschen stimmen deshalb für Politiker, die Probleme wie hohe Bildungsschulden oder Einkommensungleichheit angehen wollen. 

Ältere Wähler aber wählen eher Kandidaten, die die Börse in Schwung bringen, die Steuern senken und Immobilienwerte steigern. 

Diese wachsende Kluft zwischen den wirtschaftlichen Realitäten der alten und jungen Wähler könnte zu einer der bestimmendsten Aspekte der US-Politik werden. Laut einer Studie aus dem Jahr 2018 sterben die ärmsten US-Bürger schätzungsweise 12,7 Jahre früher als die Reichsten. Das bedeutet, dass mit der Zeit viele arme alte Menschen sterben, während viele reiche alte Menschen in den Ruhestand gehen. Die Regierung wird also zunehmend viel Geld für soziale Sicherungssysteme ausgeben, die vor allem dem reichsten Teil der Bevölkerung zu Gute kommen werden. 

Dadurch werden allerdings nicht nur die sozialen Sicherungssysteme zunehmend belastet, die USA werden auch einige harte Entscheidungen in Sachen Besteuerung und Verteilung treffen müssen. Die Politikwissenschaftlerin Campbell warnt, dass dies für Spannungen sorgen wird – zwischen dem, was das Land braucht und dem, was die dominante alte Wählergruppe zu akzeptieren gewillt ist. 

Laut Campbell muss die US-Regierung den älteren Bürgern bessere und günstigere Versorgungsangebote machen. Selber für diese aufkommen, wollen sie offensichtlich nicht. Ihre politischen Entscheidungen erhöhen eher den Druck auf die Politik, vor allem die Jungen und die Armen höher zu besteuern. 

“Wenn alte Menschen gefragt werden, ob sie soziale Sicherheit und eine gute Gesundheitsvorsorge auch für ihre Enkelkinder wollen, sagen sie ja”, sagt Campbell. “Doch ihre Wahlentscheidungen werden das womöglich verhindern.” 

Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit

Die größten Unterschiede zwischen den alten und jungen Wählern werden beim Thema Minderheiten deutlich.

Fast 80 Prozent aller US-Bürger über 65 sind weiß, bei den Menschen zwischen 6 und 21 sind es 52 Prozent. Eine Umfrage aus dem Jahr 2017 kam zu dem Ergebnis, dass einer von fünf älteren Befragten einer Heirat eines Familienmitglieds mit anderem ethnischen Hintergrund als der eigenen widersprechen würde. Bei den befragten Millenials war es nur einer von 20

Dieser Umstand spricht Bände über die politische Lage, in der sich die Vereinigten Staaten im Moment und wohl auch in Zukunft befinden. Studien und Umfragen zeigen wieder und wieder, dass die ältere Generation der US-Bürger weitaus fremdenfeindlicher ist, als die junge. 

“Ethnische Identität spielt eine weit größere Rolle als wirtschaftliche Überlegungen”, sagt Ashley Jardina, Politikwissenschaftlerin an der Duke University, der HuffPost US.

“Die Einstellung der Menschen gegenüber anderen Ethnien, aber auch der eigenen, bestimmt, wie sie sich Gedanken über Politik machen. Ältere Wähler nehmen sehr viel häufiger eine weiße Identität an. Dadurch sind fremdenfeindliche Einstellungen in dieser Gruppe wahrscheinlicher.” 

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Campbell weist auch darauf hin, dass ältere Wähler ihre Einstellungen zur Politik nur noch sehr selten ändern. Nur ein Drittel der älteren US-Bevölkerung unterstützt so etwa die gleichgeschlechtliche Ehe. Findet doch eine Veränderung der politischen Meinung statt, dann meist eher in eine Richtung, die den Status Quo verteidigt

“Soziale Veränderung tritt vor allem dann auf, wenn Generationen von Menschen sterben”, sagt Politikwissenschaftlerin Jardina. Wenn es keinen gesteigerten Austausch zwischen verschiedenen kulturellen Strömungen gibt, “dann sollten wir auch keine großen Veränderungen im Verhalten älterer Wähler erwarten.” 

Experte Frex, bereits 71, ist da optimistischer. Er glaubt daran, dass die Babyboomer in ökonomischen und ethnischen Fragen flexibler werden können. 

“Wir leben in unvorhersehbaren politischen Zeiten”, sagt er. “Vor den Babyboomern hat es keine gebildetere Generation gegeben, die so ein hohes Alter erreicht hat. Sie haben das Civil Rights Movement erlebt und mehr Frauen in Arbeit gebracht, als jede Generation zuvor. Wenn irgendwer sich an neue Zeiten anpassen kann, dann sind es sie. 

Dieser Text erschien zuerst in der HuffPost US und wurde von Josh Groeneveld übersetzt und editiert.  

(vw)