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19/04/2018 17:20 CEST | Aktualisiert 19/04/2018 17:20 CEST

Der Geschlechterkampf als Fest der Sinne

John Crankos Ballett ‚Der widerspenstigen Zähmung’ entzückt München

wilfried Hösl, Staatsballett München
Choreographie: John Cranko, Ausstattung Jürgen Rose

Ein hochvergnügliches Spektakel und ein Stimmungsbooster, war die 131. ! Aufführung von John Crankos ‚Der widerspenstigen Zähmung’ in der Ausstattung von Altmeister Jürgen Rose. Die Musik von Kurt-Heinz Stolze nach Domenica Scarlatti liess Frühlingsgefühle aufkommen, das Feuerwerk von tänzerischen Ideen John Crankos begeisterte, und die unerwarteten komödiantischen Fähigkeiten des ganzen Corps de Balletts verleiteten immer wieder zu anerkennendem Staunen und grosser HeiterkeitDie Primaballerina hier. Natalia Osipova als Katherina, entzündete alles als sie mit ungebändigter Energie und komödiantischer Verve die Bühne stürmte. Ihre tänzerische Meisterschaft und ihr interpretatorischer Funke trug sich auf alle über und schien auch ihre Kollegen zu beflügeln. Alle tanzten, spielten und gaukelten in ansteckender Begeisterung.

Wilfried Hösl, Staatsballett München
Sergei Polunin (links) und Natalia Osipova (rechts)

Nur der Star nicht. In dieser Aufführung wurde der ‚Zähmer’ Petrucchio von Sergei Polunin getanzt. Das ehemalige Wunderkind aus Russland, der einst am Londoner Royal Ballet begeisterte und als neuer Nurejew gehandelt wurde, schlich schlaff auf die Bühne; Keine Körperspannung, kein Muskeltonus, wabbelnde Hinterbacken. Offenbar viel zu wenig Training. Ein Juror des Nachwuchswettbewerbs ‚Prix de Lausanne’, von grossen Maurice Béjart initiiert, sagte mir einmal: ‚Wenn jemand auftritt und die Hinterbacken wackeln, dann wird er sofort ausgeschlossen. Denn das heisst, er ist nicht fit.’

Sergei Polunin hat offenbar seit seiner überraschenden Defektion beim Londoner Ballett nicht mehr ausreichend trainiert. Er hatte das Ballett verlassen, weil er – wie er in seinem Film aussagte – als Tänzer nicht genug verdiene, eigentlich nie tanzen wollte, und ausserdem die Schauspielerei vorzöge’. Das mit der Schauspielerei hat nicht geklappt, diverse private Projekte mit und ohne neue Freundin sahen nie das Licht des Tages, und so muss er halt wieder tanzen um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Widerwillig? Schon in seinem im Internet sehr erfolgreichen Modern Dance Video ‚Take me to the Church’, - aufgenommen und produziert vom berühmten Photographen David LaChapelle-, einer ‚totaler Befreiung’ wie er meinte, sah man, dass Vieles nicht mehr ganz rund lief. Doch was er sich hier erlaubte, war doch bemerkenswert, denn jeder Solist war besser als er. Bei den Sprüngen liess der Erste noch einstige Grösse erahnen, der Zweite war dann schon mit gebogenen Knien und ab dem Dritten, dahingepfuschten Aufbäumen landete er unkontrolliert. Aber dass er die Primaballerina fast durchrutschen liess und sich auch unkonzentriert anstellte und damit als Partner zur Gefahr wurde ist unentschuldbar. Eine russische Dame, die schon mal mit ihrem Mann für eine Polunin Vorstellung von Monaco nach New York geflogen war, meinte schneidend: ’Er war immer schon labil. Aber was er sich jetzt erlaubt im Sinne – hier fresst das ihr wisst es ja sowieso nicht besser - zeugt von Verachtung dem Publikums und seiner Kunst gegenüber.’ Leider bejubelte ihn das Publikum auch dieses Mal. Vielleicht wegen seiner komödiantischen Momente. Eine gewisse Begabung dazu hat er ja.

Wilfried Hösl, Staatsballett München
Yonah Acosta als Petrucchio

Bitte lassen Sie sich deshalb nicht davon abzuhalten dieses Ballettereignis zu geniessen. Vielleicht nicht unbedingt mit Polunin in der Rolle des Petrucchio. Yonah Acosta, der sie auch tanzt scheint mir viel dynamischer.