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14/05/2018 16:38 CEST | Aktualisiert 14/05/2018 17:19 CEST

Der gefährliche Irrglaube, dass Technologien den Klimawandel aufhalten

Geo-Engineering ist eine vielversprechende Chance – wenn wir die Risiken kennen.

Jose A. Bernat Bacete via Getty Images
Gletscher schmelzen, es gibt immer weniger Schnee – wie hier in den Pyrenäen.

Regen machen, Sonnenstrahlen blocken, CO2 aus der Luft saugen und verhindern, dass die Ozeane versauern. 

In Zeiten des Klimawandels denken viele Forscher groß. So groß, dass sie Gott spielen wollen. 

Sie wollen die globale Erwärmung stoppen und schädliche Klimaveränderungen umkehren – mit Hilfe von Technik. Im Rahmen von Geo-Engineering wollen sie großflächig und vorsätzlich in geo- und biochemische Kreisläufe eingreifen.

Das bietet viele Chancen – und genauso viele Risiken und Ungewissheiten.

► So diskutieren Wissenschaftler seit Jahren über “Solar Radiation Management”. Eine Form des Geo-Engineerings, um die Erderwärmung zu mindern.

Einer dieser Wissenschaftler ist Wake Smith. Der ehemaliger Geschäftsführer einer Fluggesellschaft und plant nun Flugzeuge, die nicht viel größer sind als eine Boeing 757 und eine Flughöhe von 18.000 Metern erreichen können. Hoch genug, dass Leute an Bord die Erdkrümmung sehen können. Diese Flugzeuge sollen Gas in die untere Stratosphäre abgeben.

In fünfstündigen Missionen würden sie den Himmel mit einer Schicht aus klarem, stinkendem, aerosolisiertem Schwefeldioxid bedecken. Über Jahre hinweg würden sie so 100.000 Tonnen Schwefeldioxid in der Erdatmosphäre verteilen. Das Ziel: Mit dem Gas die Sonne abschirmen und so die Temperatur auf der Erde senken.

Vorbild für diese Idee sind Vulkane. Auch sie stoßen bei jeder Eruption Schwefeldioxid aus und sorgen so für eine Abkühlung der Temperatur. So hatte der Ausbruch des Pinatubo-Vulkans auf den Philippinen 1991 kurzzeitig die weltweite Durchschnittstemperatur um ein halbes Grad Celsius gesenkt. 

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Gefahr, dass Schurkenstaaten und skrupellose Organisationen mit dem Klima spielen

AleksandarGeorgiev via Getty Images
Kan Geo-Engineering die Erdatmosphäre reparieren?

Forscher aus angesehen Instituten schenkten Smiths Idee Beachtung. Angespornt von der Aufmerksamkeit für seine Arbeit entwickelte Smith einen Zehn-Jahres-Betriebsplan für Flugzeuge, die ab dem Jahr 2023 das Schwefeldioxid versprühen könnten.

Smith sagt, dass das Ganze viel günstiger und einfacher sei, als er es erwartet hatte. Es gebe keine wirklichen Hindernisse, meint er. Der Gesamtpreis des Projekts? Lumpige 3,5 Milliarden Dollar, schätzt er.

“Ich glaube, es ist schlecht, dass es so billig ist”, erzählte Smith vergangenen Monat einer kleinen Gruppe im Konferenzsaal im “Harvard Center for the Environment”.

► Smith argumentiert, dass für so wenig Geld auch Schurkenstaaten, skrupellose Organisationen oder Einzelpersonen die Möglichkeit hätten, mit dem Klima zu experimentieren.

Auch in Asien beschäftigen sich Wissenschaftler mit Geo-Engineering. Auf der tibetischen Hochebene baut China derzeit Öfen, deren Schornsteine künftig Silberiodid ausstoßen sollen. Das Silberiodid gelangt über den Aufwind der Berge in die Wolken und bringt sie dann dazu, zu regnen. Wasser, dass die Wolken zuvpr über dem Golf von Bengalen und dem Südchinesischen Meer aufgenommen haben.

Regen machen und Kohlenstoff aufsaugen

► Chinas Ziel: Das Regenvolumen im Land um zehn Milliarden Kubikmeter jährlich steigern. Wenn es funktioniert, würden so etwa sieben Prozent des Wassers, das China nutzt, aus künstlich erzeugtem Regen stammen.

Auf der ganzen Welt forschen Experten auch an einer möglichen Nutzung von Geo-Engineering zu Rettung der Weltmeere. Beim sogenannten marinen Geo-Engineering sollen Substanzen im Wasser verteilt werden, die das Wachstum von Algen fördern.

Algen könnten Kohlenstoff binden und sich so positiv auf das Klima auswirken. Geforscht wird auch an Möglichkeiten, mit Mineralstoffen die Versauerung der Meere umzukehren.

Beim Geo-Engineering wird über verschiedene Verfahren diskutiert und an verschiedenen Stoßrichtungen geforscht. Sie lassen sich in drei Kategorien einordnen:

► Natürliche Verfahren: Das Ziel hierbei ist, dass die Erde selbst wieder mehr Kohlendioxid aus der Luft nimmt und im Boden speichert. Helfen könnte der Mensch dabei, indem er Wälder aufforstet oder Feuchtgebiete renaturiert.

► Carbon Dioxide Removal (CDR): Kohlendioxid und andere Treibhausgase sollen aus der Atmosphäre entfernt werden. Zum Beispiel haben Wissenschaftler die Idee, Gestein zu zermahlen und zu verstreuen, das die Gase chemisch bindet.

Die natürlichen Verfahren und die CDRs werden auch als negative Emissions-Technologien (NET) bezeichnet.

► Solar Radiation Management (SDR): Die Idee ist, mit technischen Verfahren in den Strahlungshaushalt der Erde einzugreifen – zum Beispiel durch das Versprühen von Gasen in der Atmosphäre.

All das klingt verlockend. Die Idee: Was der Mensch kaputt gemacht hat, soll die mit Technik wieder reparieren.  

Geo-Engineering ist darauf ausgelegt, global Probleme zu beheben. Doch genau dort liegt die Gefahr: Die weitreichenden Auswirkungen von Geo-Engineering sind unbekannt. 

Modelle über die Auswirkungen von Geo-Engineering prophezeien Beunruhigendes

Paul Souders via Getty Images
Gletscher und Polkappen auf der ganzen Welt – hier ein Eisberg in Kanada.

► Aber Modelle prophezeien Beunruhigendes: Geo-Engineering könnte den Niederschlag weltweit mächtig durcheinander bringen oder die Ozonschicht zerstören.

Hinzu kommt: Wenn ein bereits gestartetes Geo-Engineering-Projekt einfach abgebrochen würde, könnte das zu einer rapiden Erderwärmung, Artensterben und einer Beschleunigung des Klimawandels führen, fasst eine Studie der US-amerikanischen Rutgers University die Problematik zusammen. Wer einmal etwas in der Natur verändert, kann das nicht mehr rückgängig machen. 

Unklar ist auch, wie effizient die Projekte in ihrer Umsetzung wirklich wären.

Geo-Engineering muss weiterentwickelt werden – aber nur mit den Risiken im Blick

► Dennoch sind sich einige Forscher sicher: Wenn die globale Erderwärmung weiter zunimmt, müssen wir uns dringend mit Geo-Engineering beschäftigen.

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Helene Muri ist Geowissenschaftlerin an der Universität in Oslo. Sie glaubt, dass Geo-Engineering vielversprechende Chancen bietet, um die Schäden durch den Klimawandel zu reduzieren – nur jetzt noch nicht.

“Wir müssen mehr über die Risiken herausfinden, bevor wir Gewissheit haben, dass die Nutzung – wenn überhaupt – sicher ist”, sagt sie. “Solar-Geo-Engineering ist in keinem Fall ein Ersatz dafür, dass wir CO2-Emissionen senken müssen.”

Wie uns der Klimawandel bedroht

Die Vereinten Nationen prognostizieren, dass sich das Weltklima bis zum Jahr 2100 um drei Grad Celsius erhöhen wird. Die Folgen einer solchen Erwärmungen wären katastrophal: Dürren, Tsunamis, Orkane und Überschwemmungen würden große Teile der Menschheit bedrohen. 

Klimawissenschaftler verschiedener Universitäten sind überzeugt, dass eine Erwärmung von 3,5 Grad Celsius das Fortbestehen der menschlichen Zivilisation gefährden würde.

Verbraucht die Menschheit weiter so viel Energie und produziert so viel CO2, dann steht ihr Ende wohl irgendwann im 22. Jahrhundert bevor. 

Aber mit jedem Jahr und jeder Klima-Konferenz werden Geo-Engineering-Projekte wahrscheinlicher. Denn es gibt nahezu keine Vorschriften, die ein Land oder ein Individuum davon abhalten würden, es zu versuchen, sagt Michael Gerrard, Direktor des Sabin Center for Climate Change Law an der Columbia Universität.

Gesetzliche Regelungen sind dringend notwendig

Aus rechtlicher Sicht sei es einfacher, die Stratosphäre mit einem Gas zu übersäen, als die Genehmigung für eine Hausrenovierung zu bekommen, betont er. ”Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass sich jemand an Geo-Engineering versucht”.

► Deshalb müsse es dringend gesetzliche Regelungen geben, sagt Gerrard. Gemeinsam mit Tracy Hester von der Universität des Houston Law Centers, hat er das Buch “Climate Engineering and the Law” veröffentlicht.

Das Ziel: politischen Entscheidungsträgern, Technologen und Rechtsanwälten ein besseres Verständnis für geltende Bestimmungen und wissenschaftliche Erkenntnisse über Geo-Engineering-Projekte liefern.

Issarawat Tattong via Getty Images
Durch den Klimawandel leiden immer mehr Regionen der Erde unter Dürren.

Die Frage ist: Wann und von wem wird ein derartiges zuerst Projekt gestartet? Gerrard stellt sich ein Szenario vor, in dem ein Land keinen anderen Ausweg mehr vor der vernichtenden Klimakatastrophe sieht.

“Man stelle sich vor, in Indien würde sich eine Klima-Katastrophe ereignen und das Land würde befürchten, dass eine weitere passiert. Dann könnte Indien mit Hilfe von Geo-Engineering versuchen, sich zu schützen. Das ist ein ziemlich plausibles Szenario”, sagt Gerrard.

Bundesregierung und Weltklimarat beschäftigen sich mit Geo-Engineering

Daher brauche es eine globale Regelung und staatliche Gesetze. Alles andere könnte letztlich in einem Krieg enden, warnt er. Würde nämlich ein Land voreilig ein Projekt starten, hätte würde das dem Klima auf der ganzen Welt schaden.

Wie “Spiegel Online” berichtet, arbeitet die Bundesregierung momentan immerhin an Regelungen, die das marine Geo-Engineering betreffen. Demnach soll ein Gesetz entworfen werden, das “das Einbringen von Stoffen in die Hohe See” zu “Zwecken der wissenschaftlichen Forschung” regelt. Forschung in deutschen Gewässern soll dann in Zukunft einem “Erlaubnisvorbehalt” unterliegen.  

“Nach den vorgesehenen Neuregelungen soll die Erlaubnis in Übereinstimmung mit den Vorgaben des internationalen Rechts nur erteilt werden dürfen, wenn der Vorhabenträger unter anderem ein hohes Schutzniveau für die Meeresumwelt und die menschliche Gesundheit gewährleistet”, sagt Florian Pronold, Parlamentarischer Staatssekretär im Umweltministerium.

Auch der Weltklimarat IPCC beschäftigt sich mit Geo-Engineering. Im Herbst wird ein Sonderbericht des Rats zum Erreichen des Zwei-Grad-Ziels erwartet. In einem vorab geleakten Entwurf des Reports wurde deutlich, dass kein Szenario geplant ist, das ohne NET, also das bewusste Entfernen von CO2 aus der Atmosphäre funktionieren würde. Doch die Umsetzung wurde auch in dem geleakten Entwurf als “zweifelhaft” bezeichnet, wie das Wissenschaftsmagazin “Spektrum” berichtet.

Eine differenzierte Debatte fehlt

► Ein Geo-Engineering-Projekt in großem Maßstab mag kurz bevorstehen. Doch dafür braucht es dringend eine seriöse, differenzierte Debatte.

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Schreitet die globale Erwärmung voran, wird es immer häufiger und heftigere Naturkatastrophen geben – hier Hochwasser im ukrainischen Odessa.

In den USA sind es ironischerweise derzeit gerade die Politiker, die lange Zeit die Wissenschaft hinterfragt und attackiert haben, die jetzt von schnellen Lösungen für den Klimawandel sprechen.

In einem Gastbeitrag für die konservative Nachrichtenseite “The Daily Caller”, hat kürzlich der Vorsitzende des Wissenschaftsausschusses, Lamar Smith (ein Republikaner aus Texas), Geo-Engineering als “Forschungsfeld” bezeichnet, “das viel zu lange nicht beachtet wurde”.

Dabei ist er ein bekennender Skeptiker der globalen Erwärmung. Smith schreibt, statt “vager, erdrückender, uneffektiver behördlicher Vorschriften” um ein “willkürliches Klimaziel” zu erreichen, solle man mit Hilfe von Technologie, Lösungen finden.

“Indem sie der Technologie die Zügel überlassen, wie in der Vergangenheit auch schon, werden die Amerikaner ihren Nutzen daraus ziehen und eine bessere Lebensqualität genießen können”, schreibt er.

Geo-Engineering ist der einfachere Weg

► Geo-Engineering lässt sich gut verkaufen. Wer sich darauf verlässt, dass die technologische Lösung schon am Horizont wartet, umgeht die Mammut-Aufgabe, fossile Brennstoffe abzuschaffen.

Auch müssen sich nicht hunderte Länder über die Reduzierung von CO2-Emissionen streiten oder eine gesamte Zivilisation dazu bringen, ihr Konsumverhalten zu ändern. Das sind komplexe Systemabläufe, die tief in unserer Wirtschaft und Kultur verwurzelt sind.

Gletscher abzustützen, damit der Meeresspiegel langsamer steigt, Eisenstaub über die Meere zu streuen, um das Plankton-Wachstum anzuregen und so Kohlenstoff zu binden, oder den Himmel einzusprühen, um die Hitze der Sonne abzuschirmen, erscheint zunehmend einfacher. Und auch immer plausibler.

Wir müssen Wachstum von Fortschritt abkoppeln

John Ehrenfeld ist ehemaliger Direktor des MIT-Programms für Technologie, Wirtschaft und Umwelt. Er bedauert, dass die jetzige Diskussion über Geo-Engineering nicht die ursächlichen gesellschaftlichen Probleme anspreche. 

“Es ist ein Fehler, die Komplexität des Systems zu akzeptieren, wenn das System Menschen enthält”, sagt Ehrenfeld. Jahrzehntelang hat der Wissenschaftler, der heute im Ruhestand ist, das Konzept der Nachhaltigkeit erforscht und vorangetrieben.

Ein Problem zu bewältigen, das so tief verwurzelt ist wie die Klimaerwärmung, erfordert es, dass die Menschheit sich mit einer existentiellen Frage auseinandersetzt, für die Geo-Engineering alleine nicht die Antwort sein kann: Sind wir gewillt, den Wachstum aufzuopfern, um das Überleben der Spezies zu gewährleisten?

“Wir werden nicht zum Kern des Problems vordringen, wenn wir es nicht schaffen, den Wachstum vom Fortschritt abzukoppeln”, warnt Ehrenfeld.

Dieser Artikel ist der HuffPost US erschienen und wurde von Patrick Steinke aus dem Englischen übersetzt und von Uschi Jonas bearbeitet und ergänzt.

(ujo)