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18/02/2018 19:05 CET | Aktualisiert 18/02/2018 19:05 CET

Der geborene Verführer

Countertenor Franco Fagioli glänzt und verzaubert in der Stadtkirche Liestal

PHOTO BY T. BRUNNSCHWEILER
Der argentinische Countertenor Franco Fagioli

Liestal ist mit 14'900 Einwohnern der Hauptort des Schweizer Halbkantons Basel-Land. Eines Kantons, der als früheres Hinterland der Stadt Basel vorwiegend rural geprägt war und trotz starkem Industrieaufkommens immer noch sehr ländlich geprägt ist. Gesellschaftliche Beziehungen und finden oft in Vereinen und Gesellschaften statt. Weltstars der Kultur gastieren eher im nahen Basel.

Doch diesen Vorweihnachtsabend strebten Ströme von Menschen durch den Lichter geschmückten Weihnachtsmarkt der evangelischen Stadtkirche zu. Dort, im kargen Ambiente des Protestantismus, sollte einer der grössten Stars der Countertenors gastieren: Der Argentinier Franco Fagioli. Sein Berufsstand feiert seit der wiederaufgekommenen Popularität der Barockmusik eine neue Glanzzeit wie zu Zeiten Porporas, Cavallis und Händels. Die damaligen Komponisten hatten den Kastraten, den Popstars der Epoche, nur die Strukturen der Arien gegeben um ihnen die Möglichkeiten zu öffnen ihr immenses gesangstechnisches Können in unzähligen Improvisationen und Variationen zu zeigen. Schliesslich hatten viele von Ihnen in den Gesangsschulen in Neapel von Kindesbeinen an bis zu zwölf Stunden am Tag Tonleitern, Koloraturen und akrobatische Gesangsfiguren geübt und waren begierig darauf ihre Kunst zu demonstrieren und sich dabei gegenseitig auszustechen. Ein Wettsingen zwischen Farinelli und Cafarelli müsste ein schwindelerregendes Erlebnis gewesen sein. Georg Friedrich Händel begann dann dichter zu komponieren und darauf zu bestehen, dass die Interpreten diese Noten auch sangen. Damit zog er die Wut der Gesangsstars auf sich, die sich in ihrer hitzigen Rivalität ihrer Waffen beraubt sahen.

Der Wettbewerb unter den Sängern war damals wie heute sehr lebhaft. Heute, allerdings , müssen diese Stimmakrobaten die besonderen Möglichkeiten ihrer Stimmbänder nicht mehr mit dem Verlust eines Teils ihrer Männlichkeit bezahlen. Dafür gib es nun Techniken; ‚Es ist ähnlich wie Jodeln’, meinte der frühere Leiter der Schola Cantorum Basiliensis auf Nachfrage.

‚Wer glauben Sie ist denn heute der beste Countertenor ?’, fragte mich die amerikanische Krimiautorin Donna Leon nach den letzten Händelfestspielen auf dem Bahnsteig in Karlsruhe. ‚Andreas Scholl ?’, ich nannte meinen Lieblingssänger wegen seiner warmen Stimme und dem differenzierten emotional intensiven Vortrag. ‚Zu alt’, kam die Replik der Expertin, die schon einige Barockproduktionen angestossen und finanziert hat. ‚Philippe Jaroussky’ schlug ich weiter vor , dessen silberhelle Bubenstimme und sein bis in die zeitgenössische Musik reichendes Repertoire mich beeindruckt hatten. Frau Leon schnitt ein zweifelndes Gesicht und schlug dann vor: ‚Und Valer Sabadus, was halten Sie von dem ?’ Wir einigten uns auf den rumänisch-deutschen Sänger, der die Titelpartie des ‚Teseo’ am Staatstheater Karlsruhe so eindrücklich gegeben hatte.

Aber da hatte ich noch keinem Solokonzert von Franco Fagioli beigewohnt. In Opern ist er offenbar durch die Grenzen der darzustellenden Figur in seinen vielfältigen Möglichkeiten eingeschränkt. In diesem Konzert, obwohl er nur Händelarien sang, zeigte er ein Füllhorn von Facetten, die erstaunten und begeisterten. Begleitet vom einfühlsam agierenden Kammerorchester Basel demonstrierte Fagioli nicht nur die über drei Oktavenreichende Spannweite seiner Stimme, sondern auch die verschiedendsten Färbungen, die sie bieten konnte. Vor allem aber kann Franco Fagioli Emotionen übermitteln: Sein Lyrisches ‚Lascia ch’io pianga’ wie auch die andere Arie aus der Oper ‚Rinaldo’ Cara Sposa gelangen so inniglich eindringlich, dass sie von vielen Zuhörern nur mit geschlossenen Augen gelauscht werden konnten. Doch der Samt seiner Stimme konnte sich in der Rolle des Giulio Cesare auch in Stahl und Lava verwandeln. Besonders beeindruckend seine perlenden Koloraturen, seine fehlerlos gesetzten Töne, die Beweglichkeit seiner Stimme, die sämtliche Ornamente der darin reichen Barockmusik erlaubt und in ihrer Perfektion noch erhöht. Ein Wechselbad der Gefühle jagte das nächste .verbunden mit einem dankbaren Staunen darüber, dass man diesem einzigartigen Konzert beiwohnen durfte. Das Publikum wurde Wachs in seinen Händen. Fagioli war nicht nur darstellerisch ein in jeder Mutation überzeugendes Chamäleon, auch die vielen glänzend vorgeführten Facetten seiner Stimmen machten diesen Auftritt zu einem vielfarbigen Feuerwerk.

PHOTO BY T. BRUNNSCHWEILLER
Franco Fagioli mit dem Kammerorchester Basel

Am Ende applaudierte das Baselbieter Publikum enthusiastisch; Bravorufe wechselten sich ab mit Komplimenten. Schliesslich gab es sogar eine ‚Standing Ovation’. ‚Die Baselbieter stehen nicht so schnell für jemanden auf’, meinte mein Nachbar anerkennend. In diesem Fall, schon.