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28/03/2018 20:10 CEST | Aktualisiert 28/03/2018 20:10 CEST

Der Fuß-Fehler

Wavebreakmedia via Getty Images

Wenn barfußlaufen so viele Probleme löst, warum macht es dann keiner? Und wieso bringen Ärzte dir das nicht bei?

Weil sie es nicht wissen! Und wieso das so ist, dieser Frage widme ich mich in diesem Artikel. Zunächst werde ich allerdings ein wenig ausholen und etwas zu meiner Person und zu meinem Ansatz sagen. Ich will nämlich nicht zu irgendwelchen Aluhutträgern gezählt werden, die die Pharma-Lobby, eine Weltverschwörung oder etwas anderes für alles Elend dieser Welt verantwortlich machen. Ich bin von Hause aus Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler. Ich bin also jene Sorte Mensch, die gelernt hat wissenschaftlich zu arbeiten.

Ich habe mein gesamtes Studium gelernt meine Hypothesen kritisch zu hinterfragen.

Wer selbst etwas mit Gesellschaftswissenschaftlern zu tun hat, der weiß, dass im Gegensatz zu den Naturwissenschaftlern, die durch Experimente, Empirie versuchen die Welt zu erklären und dann Gesetzmäßigkeiten aufstellen, wir uns ständig für unsere Hypothesen rechtfertigen müssen. Beispiel Newton und der fallende Apfel: Physik, der Apfel wird immer wieder fallen, egal wie oft man ihn auf den Baum trägt: Gesetz!

Wenn du aber jetzt einen Menschen auf den Baum trägst, heißt das nicht unbedingt, dass er auch herunterfällt.

Es gibt also in der Medizin eine Hypothese, bzw. eine Beobachtung: Der menschliche Fuß hat eine gewisse Form, die Normalform.

Was aber wenn diese Hypothese falsch ist? Und was ist, wenn alle Ärzte, Orthopäden, Physiotherapeuten, Sanitätshäuser und wer sich sonst noch so alles mit dem menschlichen Fuß auseinandersetzt, diese falsche Hypothese als Grundlage für ihre Behandlungen nehmen? Das wäre irgendwie fatal.

Das wäre irgendwie fatal, welches Schuhwerk ich schon alles ausprobiert habe erfährst du hier.

Viel wichtiger ist die Frage, was bedeutet es, dass sich Schuhhersteller an einem Fußmodell orientieren, dass vielleicht falsch ist?  Sie bauen schlechte Schuhe! Selbst, wenn sie Barfußschuhe herstellen, wenn das Modell nicht passt, dann kann das Produkt auch nur falsch werden.

Wie komme ich zu dieser Behauptung?

Ich habe einen Haufen Bücher gelesen, seit ich den Weg des Barfußläufers eingeschlagen habe: Keines dieser Bücher erklärt mir die Funktion des Fußes beim Laufen. Mit Ausnahme von Marquarts: Natural Running widmen alle Bücher mindestens ein Kapitel der Auswahl des richtigen Schuhwerks, aber keines dem Fuß. Auch wenn es um die Lauftechnik geht, kommt maximal die Empfehlung hin und wieder mal Barfuß zu laufen, um die Fußmuskulatur zu kräftigen. Leider hat auch Marquart seine Grenzen, ob das mit der Asics Partnerschaft zu tun hat sei an dieser Stelle mal dahingestellt. Wie auch fast alle Barfußbücher vergisst er den “Großen Onkel”, wie wir ihn als Kinder liebevoll genannt haben, bevor wir versucht haben, ob wir ihn zwischen die Zähne bekommen.

Der großen Zeh dient als einer der wesentlichen Druckabnehmer bei der Lauf- und Gehbewegung.

“Vor allem für unseren großen Zeh ist dies fatal, denn er hat eine sehr wichtige Funktion als Anker und stabilisierendes Element für unsere gesamte Körperstatik und hat sogar Einfluss auf die Fehlbelastung unserer Knie, der Hüfte und des Rückens. Und als wäre das nicht genug, können sich daraus auch Spätfolgen wie Hallux Valgus, Neurome, Arthrosen und ähnliche bilden. Bei langer Belastung können auch Marschfrakturen (feine Brüche im Mittelfußknochen) im 2. oder 3. Strahl auftreten.
Dass es sich überhaupt um eine Verformung handelt, ist kaum Jemandem bewusst – so normal ist dieser Anblick geworden.” (Emanuel Bohlander)

Und leider ist Emanuel einer der wenigen Menschen in Deutschland, die sich die Frage stellen, warum Füße so aussehen, wie sie aussehen und warum sie sich vielleicht so entwickelt haben. Mehr dazu findest du hier.

Ich gehe noch ein Stück weiter als Emanuel. Es wird in der Medizin davon ausgegangen, dass es keine Verformung ist. Der Halux Valgus als die Großzehen-Nach-Innenverlegung beginnt erst, dort, wo es die natürlich Beweglichkeit  überschreitet.

Okay, dass kann ja jetzt jeder behaupten, wie kommt der da drauf?

Es gibt da dieses Buch: “Born to Run” da behauptet einer, wenn wir laufen, wie die Tarahumara Indianer, dann könnten wir auch ewig laufen. Seitdem wird diskutiert und herumgedoktort, aber eine wirklich befriedigende Antwort haben noch wenige geben können. Ganz viele Bücher sind einfach schlecht und die Studien bewegen sich hart an der Grenze der Wissenschaftlichkeit. Meistens sind sie leider von Schuhherstellern finanziert, die überproportionale Erwähnung des Markennamens deutet auf “Partnerschaften” hin. Es ist nicht leicht Studien zu finden, die sich wissenschaftlich damit auseinander setzen. Einer der wenigen, der es mit der Wissenschaftlichkeit genau nehmen ist Daniel E. Lieberman der sich mit der Frage aus evolutionsbiologischer Sicht auseinandersetzt: Er hat also die Druckabnahme beim Laufen vermessen und dabei deutliche Unterschiede zwischen Läufern in Schuhen und Barfußläufern festgestellt. Ich möchte das ganze an dieser Stelle nicht weiter vertiefen.

Ich möchte auf eine Studie von 1905 hinaus. Diese Studie beinhaltet beachtenswerte Erkenntnisse! Hoffman 1905: “Conclusions drawn from a comparative study of the feet of barefooted and shoe-wearing peoples”. Eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse dieser Studie gebe ich euch hier: Der Author vergleicht die Füße von Barfußvölker, mit denen von Schuhtragenden Völkern und stellt fest, dass die Füße der Barfußvölker eine andere Fußform aufweisen. Nämlich viel mehr die eines V, als die eines Fußes, wie er in einem modernen Medizinbuch abgebildet ist. Ich habe zuhause den Prometheus Lernatlas Anatomie ein Standardwerk für Mediziner und habe in dem Buch nicht eine Abbildung eines natürlichen Fußes gefunden. Hoffmann vergleicht und vermisst die Füße von Schuhtragenden und Barfuß-Völkern hinsichtlich Länge Breite und Gewölbe. Dabei sind die Füße in Proportion zur Körpergröße bei den Versuchsgruppen sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern gleich. Er stellt jedoch fest:

“The shape of the foot and its range of voluntary and passive motion are practically the same in barefotted and shoewaring races up to the time of the use of footwear, that copresses and splints the foot, usually about the end of the first year, after which, in shoe-wearers, ther is progressive narrowing of the anterior portion of the foot and diminiution in the range of motion fo its phalangeal, tarsal and ankle joints.” (Hoffmann 1905:106)

Frei übersetzt bedeutet das: Unsere Füße sind solange gleich, wie die von Barfußvölkern, bis wir sie ein Jahr lang mit unserem Schuhwerk verformt haben. Danach sind bereits signifikante Änderungen in den Gelenken vorzufinden.

Beweist diese Studie nun etwas?

Nicht direkt. Aber sie wirft zumindest die Frage auf, ob die Hypothese, die die moderne Medizin über die natürliche, bzw. die Normalform des Fußes aufgestellt hat so haltbar ist. Ich habe in meiner Einführungsvorlesung von Prof. Haas in Göttingen in der Einführung in die Geschichtswissenschaft gelernt, dass nur weil es schwarze und weiße Schwäne gibt und ich das beobachten kann, es nicht heißt, dass es nicht etwa blaue Schwäne geben könnte. Das wäre ein sogenannter “induktiver Fehlschluss” eine vorschnelle Verallgemeinerung. Wir Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler fürchten soetwas, weil uns davor sehr eindringlich bereits im ersten Semester gewarnt wird.

Was aber wenn die Medizin, genau einem solchen induktiven Fehlschluss unterliegt?

Das wäre eine Frage, die eine medizinhistorische Arbeit klären müsste. Sie müsste die Medizinbücher betrachten und müsste fragen, ob die Medinziner nicht den bereits vom Schuhtragen verformten Fuß betrachtet haben und auf Grund der Tatsache, dass Füße von erwachsenen Menschen, die ihr Leben lang Schuhe getragen haben. Darüber hinaus müsste eine medinizische Studie ernsthaft und langfristig testen, ob dieser induktive Fehlschluss tatsächlich vorliegt. Sofern es bei der Medizin um eine ernstzunehmende Wissenschaft handelt. (Ja das ist Polemik, aber es ist etwas wahres dran.) Sollten Mediziner sofern eine ihre grundlegenden Hypothesen derart in Frage gestellt werden in der Lage sein, sie zumindest kritisch zu untersuchen!

Schuster bleib bei deinen Leisten!

Ich selbst bin Historiker/Politikwissenschaftler und habe politische Theorie und mir fehlt ganz ehrlich gesagt. Die disziplinäre Verwurzelung, um einer solchen Frage wirklich tiefgreifend nachzugehen. Aber es ist auch nicht meine Aufgabe dies zu tun. Manchmal kann der interdisziplinäre oder gar fremde Blick unvoreingenommen kritisch sein und die Diszplin erhellen. Diese Rolle des naiven Kritikers maße ich mir an dieser Stelle an. Ich maße mir jedoch nicht an, ein abschließendes Urteil zu fällen. Ich bin jedoch hocherfreut über Rückmeldungen von Kollegen aus der Medizin, die meinem beschränkten Wissen auf diesem Gebiet mit Studien und wissenschaftlichen Argumenten auf die Sprünge helfen können.

PS: Ich betreibe auf meinem Blog weiter meine ganz persönlichen Experimente. Das faszinierende an der Therorie ist, dass sie auch praktisch angewendet zu funktionieren scheint. So hat sich seitdem ich mit Sandalen oder barfuß laufe, mein Fuß wieder langsam zu einem V entwickelt, auch wenn die Deformation am kleinen Zeh noch zu erkenne ist, scheint vor allem mein großer Zeh sich merklich verändert zu haben.