WIRTSCHAFT
22/03/2018 18:04 CET | Aktualisiert 22/03/2018 18:07 CET

Der Facebook-Skandal zeigt, wie verlogen die Ideologie des Silicon Valley ist

Mark Zuckerberg sagt sorry – mehr nicht.

Getty
Sein Unternehmen steckt in einer Krise: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. 

“Wir haben Fehler gemacht.”

Vier Wörter, die einem Kniefall gleichkommen.

Ein Kniefall von einem der erfolgreichsten Unternehmer der vergangenen Jahre. Gesagt hat sie Mark Zuckerberg, der Facebook-Chef, als Reaktion auf den beispiellosen Datenskandal, der das Unternehmen aktuell erschüttert.  

Es geht um den Wahlsieg Donald Trumps, die Frage, wie weit Tech-Firmen unsere Daten missbrauchen und um eine eventuelle Regulierung eben dieser Giganten wie Facebook, Google, Apple und Co.

Das Ende der “guten” Technik

Die Folgen des Datenskandals könnten gar das Ende von Facebook bedeuten, wie wir es kennen. 

Was drastische Auswirkungen auf den technischen Fortschritt in naher Zukunft haben könnte und zugleich in der aktuellen Diskussion aus dem Blick gerät: Mit dem Datenskandal bei dem sozialen Netzwerk sind auch die Welterlösungsfantasien des Silicon Valley abrupt an ein Ende gekommen. 

Die Tech-Giganten haben ihre Unternehmen, ihre Innovationen immer auch als Baustein für eine bessere Welt verkauft. Um die ganze Tragweite des Facebook-Skandals zu verstehen, lohnt es sich, in der Geschichte ein paar Jahrzehnte zurückzugehen. 

Vor genau 50 Jahren trat die Hippie-Generation ihren “Marsch durch die Institutionen” an.

Die Folge: Mit Bill Clinton und Barack Obama schafften es zwei Ex-Kiffer bis ins Weiße Haus, mit Joschka Fischer wurde ein früherer Sponti deutscher Außenminister.

Die großen Internetkonzerne haben die alten Hippie-Ideale gekappert

Doch in der Popkultur spielt der optimistische Wunsch nach einer besseren Welt voller Liebe und Frieden, den die Studenten von 1968 leben wollten, heute keine große Rolle mehr. Die Zeiten sind düster geworden.

Es gibt nur eine Ausnahme: Und das ist ausgerechnet die turbokapitalistische Welt des Silicon Valley. Facebook, Google, Apple. Die großen Internetkonzerne haben schon früh die alten Hippie-Ideale gekapert.

Und der esoterische 68er-Slang von Selbstfindung, Miteinander und Gerechtigkeit ist Teil dessen geworden, was diese Firmen nach außen darstellen wollen.

“Don’t Be Evil” (“Sei nicht böse”) war bis 2015 das offizielle Motto von Google. Seit der Neuordnung des Unternehmens unter dem Namen Alphabet heißt es: “Do the Right Thing” (“Tue das Richtige”).

Apples erfolgreichste Kampagne folgte dem Slogan “Think different”, also: “Denk anders”. Und Facebook wirbt mit derzeit dem Satz: “Bring the world closer together” (“Bringe die Welt näher zusammen”).

Was Kapitalisten und Hippies gemeinsam haben

Es ist durchaus kein Zufall, dass Hippie-Ideologie und Turbokapitalismus im Silicon Valley eine folgenreiche Beziehung eingegangen sind.

Die frühen Tech-Pioniere waren inspiriert von der alternativen Jugendbewegung. San Francisco, Sehnsuchtsort von Hunderttausenden Hippies in ganz Amerika, liegt nur wenige Kilometer vom Valley entfernt.

Und die im Gefolge der 68er-Generation aufkommende New-Age-Bewegung hatte mit ihren Bezügen zur Übersinnlichkeit und zum Individualismus großen Einfluss auf das Denken über Technik

Bernard Bisson via Getty Images
Der verstorbene Ex-Apple-Chef Steve Jobs bei einer Präsentation im Jahr 1997

Kapitalisten und Hippies, so verschieden sie auch waren, hatten überdies eine große Gemeinsamkeit: Sie misstrauten dem Staat. Die Friedensbewegten agitierten gegen den “militärisch-industriellen Komplex” und gegen die “Maschine” in Washington.

Die Unternehmer wollten möglichst ungestört Gewinne machen, wie Thomas Wagner in seinem Buch “Robokratie” schreibt.

So fand sich, was eigentlich nicht zusammenpasste. Und die “Silicon-Valley-Ideologie” wurde zu einer der größten Erfolgsstorys der jüngeren Wirtschaftsgeschichte.

Die Internet-Giganten machen die Welt nicht besser

Der Gedankenkosmos der Millennials etwa wäre ohne diese Melange aus Individualismus, Kapitalismus und Weltverbesserung kaum denkbar.

Doch wenn es die Konzerne mit ihrem Gerede von Miteinander und Nähe jemals ernst meinten, dann sind sie spätestens seit dem jüngsten Skandal um die Weitergabe von Facebook-Daten als Heuchler überführt.

Die Internet-Giganten machen diese Welt zu einem schlechteren Ort. Sie wissen es. Und sie wollen es auch nicht verhindern.

Es ist ja nicht so, dass man dies nicht schon früher hätte ahnen können.

Apple, Amazon, Facebook und Google bezahlen in Europa derart wenig Steuern, dass sie es sogar namentlich in den neuen Koalitionsvertrag von Union und SPD geschafft haben. Nun soll es eine Initiative für eine gerechtere Besteuerung von multinationalen Tech-Konzernen geben.

Facebook ist zur Angstmaschine geworden

Und dass Facebook zur Brutstätte für den politischen Extremismus auf der ganzen Welt geworden ist, wurde spätestens mit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten deutlich.

Mehr zum Thema: Angstmaschine Facebook – eine HuffPost-Analyse zeigt, wie sich Hassmeldungen in dem sozialen Netzwerk immer stärker verbreiten

Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass es Teil von Facebooks Geschäftsmodell war, radikale politische Strömungen zu fördern. Wahrscheinlich wollte Mark Zuckerberg einfach nur so viel Geld wie möglich verdienen.

Dazu setzte er den amerikanischen Begriff von Meinungsfreiheit als Standard: Der kennt nämlich kaum Beschränkungen – außer nackte Haut.

So konnte sein Unternehmen “skalieren”, also ohne große Zusatzinvestitionen auf neue Märkte vordringen und wachsen. Weil es jedoch kaum Grenzen gab, fühlten sich all jene von dem sozialen Netzwerk angezogen, die in den klassischen Medien keinen Raum fanden, ihre Positionen zu verbreiten.

Brutkasten für autoritäre Bewegungen

In jüngster Zeit haben sich viele prominente Wissenschaftler mit den Mechanismen auseinandergesetzt, die zum Erfolg der Radikalen bei Facebook geführt haben.

Yascha Mounk schrieb in seinem Buch “Der Zerfall der Demokratie” über die Möglichkeiten, mit der sich jede politische Gruppe bei Facebook isolieren und eigene Bezugsquellen aufbauen kann.

Zygmunt Bauman widmete sich in “Retrotopia” der Kraft des “Likes” bei Leuten, die bisher für ihre wahnwitzigen Ideen aus guten Gründen keinen Zuspruch bekommen haben.

Mehr zum Thema:  Cambridge Analytica - wie eine dubiose Datenfirma weltweit Wahlen manipuliert

Facebook wurde so zum Brutkasten für autoritäre Bewegungen.

Aber als ob das noch nicht genug wäre, kommt nun auch noch heraus, dass Facebook dabei zugeschaut hat, wie Cambridge Analytica (CA)– nach Aussage des früheren CA-Firmenchefs im Auftrag von Donald Trump – bis zu 50 Millionen Datensätze über eine bekannte Sicherheitslücke mittels einer Quiz-App abgeschöpft und für kommende Wahlkämpfe nutzbar gemacht hat.

Das alles war Facebook seit 2015 bekannt, wie Mark Zuckerberg am Mittwochabend selbst zugab. Alles, was dem Unternehmen dazu einfiel, war die Quiz-App zu sperren und den Betreiber der App höflich zu bitten, die damit abgeschöpften Daten doch bitte zu löschen.

Ohne das später zu kontrollieren.

Kein Unternehmen hatte je so viele Daten über Nutzer

Es ist also nicht nur so, dass Facebook den rechten Hetzern in Amerika eine einmalige Kommunikationsarchitektur zur Verfügung gestellt hat, weil das Unternehmen aus Gründen der Gewinnmaximierung darauf verzichtete, dem politischen Diskurs Grenzen zu setzen.

Als ob das noch nicht genug wäre, lässt Facebook es zu, dass dubiose Politikberater hinter dem Rücken der Nutzer ihr manipulatives Spiel treiben. Kein Unternehmen in der Weltgeschichte hatte jemals so viele Informationen über so einen großen Teil der Weltbevölkerung gesammelt.

Das wird nun dafür genutzt, um die Welt zu spalten.

Wer da noch mit Slogans wie “Bring the world closer together” (“Bringe die Welt näher zusammen”) operiert, macht sich lächerlich. Aber womöglich ist dieser Skandal auch ein Wendepunkt in der Geschichte des Silicon Valleys.

Wer seine Ideale verrät, dem traut niemand mehr über den Weg. Da kann Herr Zuckerberg gerne mal bei den Hippies nachfragen.

(mf)