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24/08/2018 13:04 CEST | Aktualisiert 24/08/2018 14:59 CEST

Der Brief einer Biene an die Menschheit: "Lasst uns nicht sterben!"

"Es rollt eine Katastrophe auf uns zu."

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Liebe Menschen,

ich möchte mich kurz vorstellen, bevor ich mich mit Erklärungen und einer dringenden Bitte an euch wende.

Ich bin eine Honigbiene der Rasse Carnica und mein Name tut nichts zur Sache. Wir Bienen haben es nicht so mit Namen, wir fühlen uns eher wie ein Gesamtorganismus, in dem Sonderwünsche und Einzelindividuen nicht sonderlich gefragt sind. Eher nach dem Motto: Einer für alle und alle für einen.

So bin ich aufgewachsen und kann mir ein anderes Leben nicht vorstellen. Vielmehr macht mir die Vorstellung, auf mich alleine gestellt zu sein, Angst. Aber das nur am Rande.

Damit ihr meinen Appell zum Ende des Briefes auch versteht, muss ich erst einmal ein paar Dinge erklären. Ich lebe mit meinen Artgenossen in einer sogenannten Beute, dem Bienenstock. Außer mir gibt es jetzt im Sommer ungefähr 40.000 Mitbewohnerinnen.

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Ein Bienenstock

Ja, ihr lest richtig, wir sind fast ein reiner Weiberhaushalt. Auch unser Chef ist eine Sie, die außer Königin von den Menschen auch Weisel genannt wird. Sie ist unsere Mutter, außer Eierlegen kann sie nichts. Ist aber ok, wäre kein Job für mich oder hättet ihr Spaß daran, jeden Tag im Sommer 2000 Stück davon zu legen?

Kaum sind wir auf der Welt, fangen wir an zu arbeiten

Natürlich gibt es auch ein paar Männer, unsere Drohnen. Die sind aber relativ unnütz, weil sie nicht mal alleine fressen können. Die Herren schlafen gerne lange und werden erst gegen Mittag munter, um dann gemütlich auszufliegen – immer auf der Suche nach Jungköniginnen, die sie begatten können. Nur Sex im Kopf – aber den bezahlen sie auch mit ihrem Leben. Denn beim Akt reißt ihnen das Geschlechtsteil ab. Autsch!

Innerhalb unseres Stockes ist Sex tabu. Wir haben schließlich genügend Anderes zu tun. Je nach Alter und Entwicklungsstand unserer Drüsen haben wir unterschiedliche Aufgaben.

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In den ersten drei Tagen nach dem Schlüpfen putzen wir den Stock. Wenn unsere Futtersaftdrüsen entwickelt sind, können wir die Maden, unseren frisch geschlüpften Nachwuchs, füttern und werden so zum Kindermädchen. Dann reifen die Wachsdrüsen und wir werden zu Baumeisterinnen und können Waben bauen.

Im Alter von etwa 16 Tagen fängt unsere Giftdrüse an, sich zu füllen und wir werden Wächterinnen. Ich bin schon 20 Tage alt, bei mir hat sich die Futtersaftdrüse bereits umgewandelt und somit bin ich in der Lage, Nektar zu sammeln, um Honig daraus zu produzieren.

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Eine Honigbiene gibt gesammelten Nektar an eine Wabe ab.

Ich bin jetzt also eine Sammlerin. Über den Daumen gepeilt habe ich jetzt noch zehn bis 15 Tage Zeit zu leben und zu arbeiten. Denn im biblischen Alter von nur 35 Tagen werde ich sterben. Mit 35 Tagen (im Winter werden wir 6 Monate alt, aber das ist eine andere Geschichte) sind wir Honigbienen einfach platt. 35 Tage durchgearbeitet ohne Pause, vielleicht heimlich ein paar Nickerchen.

Von daher hoffe ich, dass ihr den Ernst der Lage versteht und meinem Hilferuf Beachtung schenkt – schließlich opfere ich für meinen Appell wichtige Lebenszeit.

Ich war berauscht von der Schönheit der Welt – aber es gibt auch viele Gefahren

Als ich 20 Tage alt war, durfte ich zum ersten Mal aus dem Stock, um mich in der Welt umzusehen. Fantastisch, was für eine wunderbare Welt das da draußen ist. Nachdem ich 20 Tage meines Lebens fast ausschließlich im Stockdunkeln verbracht hatte, habe ich zum ersten Mal die Sonne und Blumen gesehen. Und ich habe viele unserer Verwandten, die Wildbienen, kennengelernt.

Ich war die ersten Tage betrunken vor Glück, der Nektar schmeckt einfach göttlich und Fliegen ist klasse, der Blick von oben ist atemberaubend. Gerüche und Düfte sind so berauschend, dass es einem den Kopf verdreht.

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Eine Honigbiene sammelt Nekatr an einer Lavendelblüte

Aber es gibt auch Gefahren, die ich erst lernen musste, richtig einzuschätzen. Wir werden nicht einzeln angeleitet oder trainiert, der erste Flug ist wie ein Sprung ins kalte Wasser.

Ich habe mich verzweifelt an eine alte Sammlerin gehängt, um nicht völlig alleine in der Luft herumzutrudeln. Sie hat mich zu einer wunderschönen Blumenwiese geleitet, an der wir dann gemeinsam Nektar, den süßen Zuckersaft aus den Blüten, gesammelt haben.

Ich war noch so begeistert von meinem Ausflug, dass ich gar nicht gemerkt habe, dass ich auf einmal ganz alleine war. Aber warum auch immer, ich wusste wie ich nach Hause komme, dank unserem Körper eigenen GPS.

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Zuhause habe ich pflichtbewusst meinen Nektar an eine Lagerarbeiterin abgegeben, die ihn dann zur Weiterverarbeitung in die Honigzellen gebracht hat. Kaum entleert, bin ich wieder los.

Anfangs war alles faszinierend, aber nach ein paar Tagen fingen die Probleme an.

Ihr habt mich und den Nektar vergiftet – und damit auch das, war ihr essen wollt

Mittlerweile war ich ein Vollprofi, Blumen suchen – kein Problem, Nektar nach Hause bringen – schaffe ich locker, Spinnennetzen und Vögeln ausweichen – mache ich mit links.

Aber dann bin ich mal ein bisschen weiter als mein Zielgebiet geflogen und das hätte ich beinahe mit meinem Leben bezahlt. Eigentlich fliegen wir nur wenige Kilometer weit vom Stock weg, aber mich hat dieses knallgelbe Feld interessiert und es duftete so herrlich, also hin da.

Hinterher habe ich von einer älteren Kollegin erfahren, dass es ein Rapsfeld war. Also in den Sturzflug und Landung auf einer Blüte. Rüssel angesetzt und saugen. Hmmmm, lecker! Ich habe mir dann den Magen vollgeschlagen und habe vor lauter Eifer den Lärm nicht gehört, der schnell näher kam. Plötzlich wurde es dunkel und nass.

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Ein Landwirt spritzt Insektizide auf seinem Acker.

Als ich wieder trocken war, bin ich mit meinen beschaulichen 30 Stundenkilometern nach Hause geflogen. Im Stock wurde ich nicht sonderlich begeistert empfangen, ich musste erst einmal in die Reinigung und dann zum Rapport.

Wo ich gewesen wäre und so weiter. Eine ältere Biene hat stenografiert, alles muss seine Richtigkeit haben. Mir wurde dann mitgeteilt, dass ich Pflanzenschutzmittel abbekommen hatte und mein mitgebrachter Nektar deshalb qualitativ minderwertig war.

Na klasse, also all meine Arbeit umsonst.

Ich wollte zu einem Maisfeld – aber alles dort ist toxisch für uns Bienen

Das Pilzbehandlungsmittel, das der Bauer auf die Blüten gespritzt hatte, führt zu Rückständen im Honig. Was passieren würde, wenn wir Maden damit füttern oder wir im Winter davon essen, kann man sich ja ausmalen – gesundheitsfördernd ist es sicherlich nicht.

Warum macht ihr Menschen so etwas? Ihr esst unseren Honig doch selber? Vertragt ihr die Pestizide? Merkwürdige Typen seid ihr.  

Ich habe mich dann jedenfalls ein wenig ausgeruht, aber dann wollte ich wieder los.  

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Dieses Mal bin ich bei einem Feld mit Pflanzen ohne Nektar gelandet. Dieselben Pflanzen weit und breit – leider ohne Nektar, aber ich hatte fürchterlichen Hunger.

Ich habe mir die Pflanzen ganz genau angesehen und wirklich keinen Nektar gefunden, aber in den Blattachseln glänzte ein Tropfen und davon wollte ich mal kosten, vielleicht macht der wenigstens satt, dachte ich.

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Maisfelder sind meist gespritzt und gefährlich für Bienen und andere Insekten.

Als ich aber meinen Rüssel hineinstecken konnte, hörte ich ein lautes “NEIN, TU es NIIIIIICHT”. Und bevor ich den Kopf einziehen konnte, schubste mich eine andere Biene von dem Blatt runter. Blöde Nuss, was soll denn das?

Nachdem wir beide auf dem Boden gelandet waren, stellte sie sich formvollendet vor. Sie sei eine Blattschneide-Biene und fügte hinzu, wenn ich lebensmüde wäre, dürfte ich gerne von dem Tropfen kosten. Er wäre toxisch, würde mich aber nicht sofort töten, sondern mein GPS quasi deinstallieren, sodass ich nicht mehr nach Hause zu meinem Volk finden würde. Das käme einem Tod auf Raten gleich.

Warum vergiftet ihr eure eigene Nahrung?

Ups, da hatte ich gerade noch einmal Glück gehabt. Die Blattschneide-Biene hatte noch etwas Zeit und erzählte mir dann die ganze Geschichte. Die Pflanzen mit den giftigen Tropfen waren Mais.

Um die vor störenden Insekten zu schützen, sprüht ihr Menschen sie mit giftigen Pflanzenschutzmitteln ein. Und auch die Flüssigkeit, die die Maispflanze über Nacht aussondert und die ich fast getrunken hätte, ist davon belastet und vergiftet.

Na prächtig, ihr Menschen habt doch wirklich einen Knall, vergiftet euch selber die Nahrung?

Aber damit nicht genug. Die Biene hat mir dann nämlich noch erzählt, dass ihr ständig eure Felder vergrößert und dafür Wiesen und Auwälder weichen müssen. Damit verschwindet der Lebensraum für abertausende Insekten – von den Kleinsäugern und Vögeln mal ganz abgesehen.

Ihr baut vor allem in Deutschland auch größtenteils nur noch Energie-Pflanzen wie Mais an. Die erntet ihr nicht, um sie zu essen, sondern um sie zu Biogas zu verarbeiten. Was für ein Wahnsinn, da bleiben wir Insekten ja total auf der Strecke, denn mit Mais können wir überhaupt nichts anfangen.

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Es gibt immer weniger Blumenwiese – schlecht für Bienen und andere Insekten

Wir Bienen brauchen viele verschiedene Pflanzen mit Nektar und möglichst das ganze Jahr hindurch. Ist euch eine abwechslungsreiche Ernährung nicht wichtig? Uns schon.

Es rollt eine Katastrophe auf uns zu

Uns geht es schlecht. Wir sind nicht nur belagert von Parasiten wie der Varroa-Milbe, gegen die wir uns nicht wehren können. Sondern unsere Nahrung wird durch eure Monokultur einseitig, oder so minimiert, dass wir Hunger leiden. Und dann vergiftet ihr auch noch unsere Nahrung, die zu eurer wird?!

Da rollt eine riesige Katastrophe auf uns zu. Ich kann mich durch vorzeitiges Ableben bequem aus der Misere ziehen, aber wie sieht es bei euch aus?

Wer bestäubt denn bitte schön eure Pflanzen, wenn es uns nicht mehr gibt? Wie sollen Obst und Gemüse wachsen, wenn wir alle tot sind? Weltweit bestäuben wir über 80 Prozent aller angebauten Feldfrüchte und das völlig umsonst!

Wollt ihr so enden wie die Chinesen, die in einer Obstanbauregion schon selber in Bäume klettern müssen und die Früchte mit der Hand bestäuben, weil irgendein Depp vor Jahrzehnten alle Insekten nachhaltig vergiftet hat?

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Eine Biene bestäubt eine Pfirsichblüte.

Was würde also passieren, wenn ihr es wirklich schafft, uns alle zu töten? Wir Bienen befruchten Obstblüten, Blüten von Feld-und Gemüsepflanzen, von Früchten und Wildpflanzen.

Ohne Bienen gäbe es kein Obst, kaum Gemüse, Fleisch, Milchprodukte

Wenn wir unsere Arbeit erledigt haben, entstehen Früchte und Samen. Die Früchte esst ihr, aus den Samen der Ölpflanzen gewinnt ihr Öl oder Vögel ernähren sich davon. Wenn diese Nahrungskette intakt ist, haben Schweine und Kühe Klee und Luzerne als Grünfutter zu fressen. Wenn ihr nicht gerade Vegetarier seid, dürft ihr euch dann über Schnitzel, Würste und Steaks freuen. Wenn Kühe gut im Futter stehen, habt ihr Milch und könnt daraus Käse und Joghurt machen.

Wir sichern eure Nahrungsmittelversorgung. Und wenn es uns nicht mehr gäbe? Keine Bestäubung, keine Früchte, ihr würdet bald keine Vögel mehr zwitschern hören, denn die wären innerhalb kürzester Zeit verhungert. Ohne Grünfutter gibt es auch keine Schweine und Kühe mehr, kein Fleisch, keine Milchprodukte. Eine Katastrophe.

Ein Leben ohne uns scheint mir schlichtweg unmöglich

Die Bevölkerung auf der Welt wächst momentan immer weiter, aber ohne uns würdet ihr nicht mehr satt werden.

Als alternative Nahrungsmittel würde es nur noch Getreide und Reis geben, weil die vom Wind befruchtet werden. Eure Ernährung würde einseitig werden, Mangelerscheinungen würden innerhalb kürzester Zeit auftreten, weil in eurer Ernährung lebenswichtige Vitamine und Mineralstoffe fehlen würden.

Ein Gruß an die Vegetarier unter euch, auch Sojabohnen werden von uns Bienen bestäubt – also auch kein Tofu mehr. Und auch Baumwolle. Fast alle Pharmazie- und Kosmetikprodukte enthalten Bienenwachs.

Ein Leben ohne uns scheint mir wirklich kaum vorstellbar – oder schlichtweg unmöglich.

Ich habe einen Appell an euch: Lasst uns nicht sterben, macht doch endlich die Augen auf und hört auf, eure eigene und unsere Welt zu vergiften!

Bitte denkt über meine Worte nach. Ich verabschiede mich jetzt. Nur noch fünf Tage sind übrig von meinem Leben und die würde ich ganz gerne meinem Volk und dessen Überleben widmen.

Es grüßt euch ganz herzlich, in der Hoffnung, dass mein Appell gehört wird: Eine sehr besorgte Biene, die zu viel von der Welt gesehen hat und sich große Sorgen macht! Tschüß!

Der Text aus der fiktiven Sicht einer Biene wurde verfasst von Undine WestphalSchulimkerin GS-und Stadtteilschule Bergstedt, Autorin und Dozentin im Landesverband Schleswig Holsteinischer und Hamburger Imker e.V.

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Um besser zu verstehen, welche Konsequenzen das Insekten- und Bienensterben mit sich bringt, was das für die Zukunft bedeutet und vor allem, wie wir etwas dagegen unternehmen können, hat die HuffPost mit Bundesagrarministerin Julia Klöckner, Wissenschaftlern, Imkern, Umweltschützern und Landwirten gesprochen.

Was sie prognostizieren und welche Lösungsvorschläge sie haben, lest ihr die ganze Woche im Rahmen eines Themenschwerpunkts zum Kampf gegen das Bienensterben auf www.huffpost.de.