POLITIK
20/10/2018 12:39 CEST | Aktualisiert 20/10/2018 13:07 CEST

Der Brexit verunsichert Millionen Europäer: Diese 5 Geschichten zeigen, wieso

Hochzeiten, Umzüge, Karrierechancen: Unzählige Menschen stehen ohne Brexit-Einigung vor einer unsicheren Zukunft.

HuffPost UK
Brexit oder doch nicht? Vor allem: wann und wie? Sie alle stehen vor ungeklärten Fragen.

Während die Politiker versuchen, einen Deal in der Brexit-Frage auszuhandeln, leben Millionen von Menschen im Vereinigten Königreich in Unsicherheit. Sie müssen abwarten, was ihnen die Zukunft bringt.

Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union haben sich am Mittwoch zum Brexit-Gipfel in Brüssel getroffen. Die lang erwartete “Stunde der Wahrheit“ blieb aus.

Während die britische Premierministerin Theresa May und die EU-Politiker  Gespräche führten, traf HuffPost UK sich mit Menschen, die wegen des Brexits zutiefst verunsichert sind – und deshalb wichtige Lebensentscheidungen wie Hochzeiten und Umzüge auf Eis legen.

Die Krankenschwester, der Veteran, die Kleinunternehmerin und der EU-Bürger, der im Vereinigten Königreich lebt, sprechen über die Auswirkungen der anhaltenden Brexit-Unsicherheit.

Und über die wichtigen Entscheidungen, die sie treffen müssen, während sich Großbritannien auf den EU-Austritt am 29. März 2019 vorbereitet.

“Wir werden als Druckmittel benutzt“, kritisieren viele von ihnen. Sie appellieren an die Politiker an beiden Seiten des Verhandlungstischs, endlich einen Durchbruch zu erzielen.

Rumänische Krankenschwester: “Meine Hochzeit liegt auf Eis“

Emma Young
Krankenschwester Angi Cioabla hat  Hochzeit und Hauskauf wegen der unklaren Folgen des britischen EU-Austritts auf unbestimmte Zeit verschoben.  

Die rumänische Krankenschwester Angi Cioabla hat ihre Hochzeit verschoben, weil sie nicht weiß, ob sie im Vereinigten Königreich bleiben und ihre Karriere fortsetzen kann.

Die 32-jährige Endoskopie-Krankenschwester lebt seit vier Jahren in Großbritannien. Erst arbeitete sie zwei Jahre lang am staatlichen Castle-Hill-Krankenhaus in Hull im Osten von Yorkshire. Danach wechselte sie an die London Clinic, die größte Privatklinik des Vereinigten Königreichs. Ihre Ausbildung machte sie in ihrem Heimatland, später arbeitete sie in Italien.

“Ich kam nach Großbritannien, um neue Erfahrungen zu sammeln“, sagt Cioabla. „Ich wollte ein weiteres Land kennenlernen.“

Als sie herzog, war das Brexit-Referendum nicht auf der politischen Tagesordnung. Doch nach der Abstimmung wurde ihr schnell klar, dass das Ergebnis direkte Auswirkungen auf ihr Leben haben würde.

Sie arbeitet seit weniger als fünf Jahren in Großbritannien und muss also den “Pre-Settled“-Status beantragen. Damit könnte sie erst einmal weitere fünf Jahre im Land bleiben. Die Unsicherheit hat sie dazu veranlasst, wichtige Lebensentscheidungen aufzuschieben.

“Ich hatte geplant, ein Haus zu kaufen, aber das wird jetzt sehr schwierig“, sagt sie.

“Meine Hochzeit ist auch verschoben. Ich habe im August geheiratet, aber nur standesamtlich. Die richtige Feier steht noch aus. Ich muss erst abwarten, wie sich die Dinge entwickeln. Ich würde gerne ein Haus kaufen. Aber was ist, wenn etwas passiert und ich Großbritannien verlassen muss?”

Sie erzählt weiter: “Dann wird das hart für uns. Es ist echt schwierig, weil du nicht weißt, was du tun sollst. Was ist, wenn ich mein Erspartes für die Hochzeitsfeier ausgebe – und dann passiert etwas, ich muss umziehen und brauche das Geld, um mir anderswo ein neues Leben aufzubauen? Ich weiß gerade wirklich nicht, was ich tun soll.“

Selbst wenn sie in Großbritannien bleiben kann, ist da noch die Sorge, dass es für ihre Familie schwieriger werden könnte, sie zu besuchen. Deshalb überlegt sie, als EU-Bürgerin von der Freizügigkeit Gebrauch zu machen und nach Deutschland überzusiedeln.

Endoskopie-Schwester Cioabla, die bei der Behandlung von Patienten mit Darm- und Magenkrebs sowie Morbus Crohn hilft, arbeitete am Castle Hill Hospital in Hull mit vielen anderen EU-Bürgern zusammen. Sie alle fragten sich nach dem Referendum, wie es für sie weitergehen würde.

“Mir ist die Brexit-Politik egal, ich verfolge die politischen Nachrichten nicht, sie interessieren mich nicht“, sagt sie.

“Aber ich mache mir Sorgen darum, was der Brexit mit meinem Privatleben macht, mit meiner Arbeit und allem anderen. An meinem jetzigen Arbeitsplatz sind wir 27 Kollegen. Was meinen Sie, wie viele davon Briten sind? Zwei. Wenn die Briten dort arbeiten wollen – warum sind wir dann nicht zwei Osteuropäer und 25 Briten? Statt dessen sind wir aus 25 verschiedenen Ländern. Die Briten brauchen uns anscheinend mehr als wir euch, denn wir können immer noch in anderen Ländern arbeiten. Aber der Nationale Gesundheitsdienst hier tut sich so schwer, Krankenschwestern und Ärzte zu finden. Der Bedarf ist riesig.“

Veteran: “Ich habe gedient, warum lässt mich mein Land im Stich?“

HuffPost UK
Veteran Duncan Hodgkins und seine Frau Wilma.  

Auch Veteranen haben die Regierung kritisiert, weil sie es nicht geschafft hat, die Bleiberechte von EU-Bürgerinnen und -Bürgern abzusichern, die mit britische Armeeangehörigen verheiratet sind.

Der ehemalige Soldat Duncan Hodgkins hebt die Fälle von Offizieren im aktiven Dienst hervor, die Auslandseinsätze ablehnen mussten, weil sie befürchteten, dass ihre europäischen Ehepartner nach dem Brexit im März nicht mehr mit ihnen ins Vereinigte Königreich zurückkehren können.

Hodgkins ist Sprecher der Gruppe “Veterans in Europe“, die für den Verbleib Großbritanniens in der EU ist. Von ihren 170 Mitgliedern haben 70 bis 80 Prozent europäische Ehepartner.

“Bei Soldaten im aktiven Dienst muss man bei Namensnennungen vorsichtig sein, da die  Militärbestimmungen ihnen verbieten, sich politisch zu äußern“, sagt Hodgkins der Huffpost UK.

“Aber in einem der mir bekannten Fälle wurde der Ehemann für drei Jahre ins Ausland entsendet. Er hätte seinen Familie mitnehmen können. Doch seine Frau ist EU-Bürgerin. Wäre sie mit ihm gegangen, hätte sie höchstwahrscheinlich ihr Niederlassungsrecht im Vereinigten Königreich verloren und nicht mehr zurückkommen können. Also konnte sie ihn nicht begleiten. Wir hatten daher die perverse Situation, dass ein Brite im Ausland in der Armee diente und seine EU-Frau im Vereinigten Königreich bleiben musste. Das klingt nach einer Lösung, aber das ist sicher keine ideale Situation für ihn. Und das ist nur ein Beispiel von vielen.“

Der Veteran aus Stratford-Upon-Avon lernte seine niederländische Frau Wilma kennen, als er mit der britischen Armee in Deutschland stationiert war. 1992 zog das Paar nach Großbritannien, wo es ein Jahr später heiratete.

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Seine Frau lebt seit 25 Jahren in England. Doch bis vor Kurzem erlaubten die Niederlanden keine doppelte Staatsbürgerschaft, weshalb sie keine Britin ist.

Das Paar hat die Angelegenheiten “selbst in die Hand genommen“. Für etwa 2000 Pfund beantragt seine Frau nun die britische Staatsbürgerschaft. Aber den Umzug von Stratford-Upon-Avon nach Schottland, den sie geplant hatten, haben sie auf Eis gelegt.

“Wir hatten überlegt, umzuziehen. Aber wir hörten Horrorgeschichten von Leuten, die mit einem EU-Bürger verheiratet sind, denen Hypotheken verweigert wurden”, sagt Hodgkins.

“Als wir das von jemand hörten, dem die Hypothek verweigert wurde, entschieden wir uns, das zu lassen. Wir wohnen deshalb immer noch in dem Haus, aus dem wir vor drei Jahren ausziehen wollten. Wir leben also in der Warteschleife. Wir wollen in einen anderen Landesteil ziehen. Aber wir glauben, dass wir das nicht können, bis die Situation meiner Frau geklärt ist.“

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Duncan Hodgkins diente ein Jahrzehnt lang in der Armee und lernte seine Frau kennen, als er in Deutschland stationiert war.  

Nach einem Jahrzehnt im Dienst der Armee verließ Hodgkins diese 1992. Heute betreibt der 54-Jährige einen Vintage-Shop im Internet und verkauft seine Ware auf Antiquitätenmärkten. Seine 46-jährige Frau ist Inhaberin eines Reinigungsunternehmens.

“Wir sind beide schlecht ausgebildet und schlecht bezahlt“, sagt Hodgkins. Ob er das Gefühl hat, dass ihn das Land, dem er früher gedient hat, jetzt im Stich lässt? - “Absolut“, sagt Hodgkins.

Deutscher Arzt: “Vielleicht ziehe ich nach Irland“

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Der deutsche Hausarzt Dr. Hubertus von Blumenthal überlegt, nach 25 Jahren das Vereinigte Königreich zu verlassen.

Der deutsche Allgemeinmediziner Dr. Hubertus von Blumenthal (57) ist seit 1997 Arzt. Bis heute arbeitet er in seiner Praxis in Gamlingay in der Grafschaft Cambridgeshire, wo er sich 1999 nierderließ. 1989 war er im Rahmen des EU-Rechts auf Freizügigkeit nach Großbritannien gezogen.

Der vierfache Vater ist deutscher Staatsbürger und Besitzer eines deutschen Passes. Bis zum Brexit-Entscheid hätte er nie gedacht, dass er eines Tages eine Erlaubnis beantragen muss, um im Vereinigten Königreich bleiben zu dürfen.

“Ich habe über 27 Jahre in Großbritannien gelebt, länger als in Deutschland“, sagte er. “Im Grunde genommen werde ich einen Antrag stellen müssen, um einige meiner bisherigen Rechte zu behalten - und einige von ihnen zu verlieren. Für dieses Privileg werde ich auch noch bezahlen müssen. Und das alles, um in meiner Heimat zu bleiben, denn hier ist schließlich mein Zuhause.“

Nach dem Entwurf der britischen Regierung zum “settled status“, der die schätzungsweise 3 Millionen EU-Bürgern betrifft, die im Vereinigten Königreich zu leben, dürfte von Blumenthal zwar bleiben.

Doch das habe seinen Preis, sagt der Arzt. Zum Beispiel dürfe er künftig bei Kommunalwahlen nicht mehr abstimmen. Er ärgert sich, dass er ihm so viele Steine in den Weg gelegt werden. Insbesondere, weil er so viele Jahre der britischen Bevölkerung gedient hat.

“Viele Menschen begreifen nicht, dass ich die meiste Zeit meines Lebens in Großbritannien verbracht habe. Ich hätte gedacht, dass ich in diesem Land einen wertvollen und geschätzten Beitrag geleistet habe“, sagt er.

“Und plötzlich heißt es, dass ich einen Antrag stellen muss, Hürden nehmen und obendrein bezahlen muss für das Recht, dort zu bleiben, wo ich bin. Ich denke, das widerspricht allem, worauf die Briten sonst so stolz sind. Das britische Gerechtigkeitsgefühl ist eindeutig den Bach runtergegangen.“

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Zu den Rechten, die er verliert, gehören Ansprüche, die Verwandte betreffen, die in der Europäischen Union leben. Zum Beispiel eine Arbeitspause zu nehmen, um Verwandte auf dem Festland zu pflegen.

Zwar kann er bei Kommunal- und Europawahlen wählen, nicht aber bei Parlamentswahlen im Vereinigten Königreich und vor allem nicht bei einem Brexit-Referendum.

Die Gemeinschaftspraxis, in der von Blumenthal Partner ist, betreut 12.000 Patienten in der ländlichen Region von Cambridgeshire. Der Hausarzt sagt, dass es schwer würde, Ersatz für ihn zu finden, sollte er sich schweren Herzens entscheiden, das Vereinigte Königreich nach dem Brexit zu verlassen.

“Ich kenne Praxen, die geschlossen oder aus Ärztemangel übernommen werden müssen“, sagt er. “Wenn ich das Land verlassen muss oder in Rente gehe, wird sich unsere Praxis hart tun, einen Vollzeitersatz für mich zu finden. Ich kann mir nicht vorstellen, nach Deutschland zurückzukehren. Doch da meine Frau Irin ist, ist Irland eine Option, über die ich ernsthaft nachdenke. Das werde ich wohl bis April wissen.“

Was müsste sich ändern, damit er im Vereinigten Königreich bleibt? Entweder ein Aufschub des Artikels 50, der Großbritanniens EU-Austritt auslöste, oder dass der Brexit komplett zurückgenommen wird, sagt von Blumenthal.

Er hat vier Kinder im Alter von 29 bis 35 Jahren und zwei Enkelkinder. Sie alle sind deutsche Staatsbürger, obwohl sie ihr ganzes Leben lang in Großbritannien gelebt haben. So stecken drei Generationen seiner Familie im selben Dilemma. Sie alle werden sich um den “settled status“ bewerben müssen, sofern sie in Großbritannien bleiben wollen - oder das Land verlassen.

“Ich denke oft, dass ich als Deutscher hier zur Premier League der Ausländer zähle, worauf ich mir sicher nichts einbilde“, sagt er. 

“Ich fühle mich auf einer Ebene mit Rumänen, Bulgaren und Polen. Egal ob sie Mediziner sind, Regale auffüllen oder Erntehelfer sind. Ich denke, es wäre eine Schande, hier Unterschiede zu machen. Deshalb ärgert es mich auch so sehr, wenn Leute sagen: ‚Oh, sie brauchen dich, bei dir wird alles gutgehen, sie brauchen dich‘.“

Geschäftsinhaberin: “Die Herstellungskosten sind hoch“

Emma Youle
Melanie Goldsmith, Mitbegründerin des Lebensmittelunternehmens Smith & Sinclair.  

 Kleinunternehmerin Melanie Goldsmith sieht das alles etwas positiver. Trotzdem hat auch sie festgestellt, dass die Brexit-Unsicherheit ihre  Zukunftsplanung erschwert.

Die 29-jährige hat vor viereinhalb Jahren zusammen mit der gleichaltrigen Emile Bernard das Süßwarenunternehmens Smith & Sinclair gegründet. Die Firma produziert alkoholhaltige Süßwaren und hat sich rasant entwickelt. Mittlerweile beschäftigt sie 14 Mitarbeiter, hat mehrere Niederlassungen in Südlondon und erzielte in diesem Jahr einen Umsatz von 1,2 Millionen Pfund.

Das Referendum zum EU-Austritt fand etwa 18 Monate nach der Firmengründung statt, sagt Goldsmith. Es habe Entscheidungen zur Herstellung beeinflusst.

“Was wir tun, ist technisch sehr schwierig. Deshalb haben wir bewusst lange Zeit im eigenen Haus produziert, um die Qualitätskontrolle zu gewährleisten”, sagt sie.

“Doch jetzt wird die Menge langsam zu groß, als dass wir weiterhin in unserem eigenen Werk produzieren könnten. Möglicherweise hätten wir längst versucht, die Produktion auszulagern. Aber wir wussten nicht, ob die EU-Länder plötzlich ihre Herstellungskosten für britische Unternehmen verdoppeln würden.“

Goldsmiths Mutter ist Amerikanerin, ihr Vater ist Deutscher. Er kam während des Zweiten Weltkriegs mit dem Kindertransport-Programm nach Großbritannien. Goldsmith sagt, sie sich europäisch fühlt und großen Wert auf eine vielfältige Belegschaft legt.

“Ein großes Risiko besteht darin, dass dieses Land wichtige, talentierte und hart arbeitende Einwanderer verliert“, sagt sie. „Die Leute, die Vollzeit in unserem Büro arbeiten, sind seit mehr  als zehn Jahren hier. Wir hoffen also, dass alle Versprechen eingehalten werden und unsere Mitarbeiter vom Brexit unberührt bleiben. Aber wir sorgen uns um unsere Freunde und die Menschen wie unsere Teilzeitkräfte, die uns im Alltag unterstützen.“

Zu den Herausforderungen für das Unternehmens gehört, die richtigen Produktionsentscheidungen zu treffen. Seit zwei Jahren erschweren starke Preisschwankungen dies. Allerdings sagt Goldsmith deutlich, dass die Gründe dafür vielschichtig sind und nicht nur mit dem Brexit zu tun haben.

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Smith & Sinclair stellt alkoholische Gummibonbons und andere Produkte her.  

Sie glaubt, dass die größte Herausforderung für Unternehmen darin bestehen wird, auf Brexit-Entscheidungen zu reagieren, die in letzter Minute getroffen werden.

“Man kann nicht reagieren, wenn noch nichts entschieden ist. Für mich persönlich und für andere Unternehmen im Vereinigten Königreich wäre es furchtbar, wenn es in letzter Minute zu einer wirklich schockierende Entscheidung käme -  dass es noch ein Referendum gibt oder eine andere extreme Änderung.“

Goldsmith ist Mitglied einer Gemeinschaft namens “Young Foodies“, die sich im vergangenen Jahr gründete. Ihre Mitglieds-Unternehmen sind alle Lebensmittel- und Getränke-Start-ups und setzen gemeinsam mehr als 100 Millionen Pfund in Großbritannien um. Goldsmith würde sich mehr Unterstützung für Start-ups und Kleinunternehmen wünschen, und dass die Regierung die britischen Produktionskosten wettbewerbsfähiger macht.

“Für Kleinunternehmen ist der Brexit ein Riesenthema. Ich denke, es ist wirklich wichtig, dass die Leute anfangen darüber zu reden, was was man verbessern könnte anstatt darüber, was schlecht läuft“, sagt sie.

Übersetzer: “Das EU-Chaos hat mich hierher gebracht“

Peio Astigarraga arbeitet als Übersetzer beim Nationalen Gesundheitsdienst (NHS). Er überlegt, nach Spanien zurückzugehen, wenn Großbritannien aus der EU austritt.  

Peio Astigarraga arbeitet als Übersetzer beim Nationalen Gesundheitsdienst (NHS). Seit 25 Jahren lebt er in London. Er war nach dem EU-Beitritt Spaniens nach Großbritannien gezogen. Jetzt, Jahrzehnte später, erschüttert wieder eine Veränderung seine europäische Identität.

“Spanien befand sich nach seinem EU-Beitritt in einer ziemlichen Krise“, sagt er.

“Es gab damals kaum Arbeit, die Aussichten waren ziemlich düster und mein Englisch war ziemlich gut. Also landete ich hier. Wenn ich fließend Französisch oder Deutsch gesprochen hätte, wäre ich nach Frankreich oder Deutschland gegangen.“

Auf die Frage, wie er über seine eigene Identität denkt, antwortet er: „Ich bin Baske, wir unterscheiden uns sehr von der spanischen Kultur. Aber ich bin mit Haut und Haar Londoner. Ich lebe hier seit 25 Jahren, hier ist mein Zuhause. Ich bin hier geblieben, weil ich  wunderbare Freunde gefunden habe, die mir zu einer Zweitfamilie wurden.“

 

Trotzdem denkt der 53-Jährige, der im Stadtteil Hackney lebt, jetzt ernsthaft über eine Rückkehr nach Spanien nach, weil die Zukunft in Großbritannien unsicher geworden ist. Unterdessen liegen der geplante Anbau seines Hauses und seine Karrierepläne auf Eis.

“Ich wollte mich in das nationale Register für Dolmetscher eintragen lassen und werde jetzt abwarten, was passiert. Vielleicht belege ich stattdessen einen Englischlehrer-Kurs, gehe nach Spanien zurück und starte eine komplett neue Karriere“, sagt er.

“Wahrscheinlich treffe ich die Entscheidung in der Weihnachtszeit. Angeblich sollen wir bis Ende Dezember endlich genau wissen, wie die Bedingungen sind und was passieren wird. Es kommt darauf an, wie sich die Dinge hier entwickeln.“

Peio Astigarraga will keinen britischen Pass beantragen oder der Königin die Treue schwören.  

Astigarraga, der Vorsitzende der “London Basque Society“ ist, ist wütend auf das Vereinigte Königreich, weil es das europäische Projekt verlässt, nachdem es die Funktionsweise Europas wesentlich verändert hat.

“Großbritannien hat Europa mit zu dem gemacht, was es heute ist. Das waren nicht nur Deutschland oder Frankreich“, sagt er. “Ich fühle mich gewissermaßen von Großbritannien verraten. Es ist, wie wenn du irgendwo hingehst, ein Chaos anrichtest und dich dann aus dem Staub machst anstatt mutig zu sein. Wenn sich Europa ändern muss, dann verändere es von Innen heraus.“

Er glaubt, dass die britische Öffentlichkeit beim Brexit durch eine “unermüdliche Medienkampagne“ manipuliert wurde. Die Fremdenfeindlichkeit habe spürbar zugenommen.

Daher ist er besorgt darüber, dass die “settled status“-Rechte der EU-Bürgern im Vereinigten Königreichs nicht gesetzlich garantiert sind. Mehrere seiner Freunde hätten deshalb bereits das Land verlassen.

„Die Vereinbarung dazu sollten wir längst haben, aber die Regierung hat das immer noch nicht geschafft. Sie haben gesagt, dass es bis Ende Oktober erledigt sein würde. Ursprünglich sollte es viel früher sein. Also ist alles noch in der Schwebe. Diese Ungewissheit ist ziemlich beängstigend.“

Die Antwort der Regierung: “EU-Bürger können bleiben“

ASSOCIATED PRESS

 

Premierministerin Theresa May unterzeichnet das offizielle Schreiben an den Präsidenten des Europäischen Rats, Donald Tusk. Damit löst sie Artikel 50 des EU-Vertrags aus – und den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union.

Die Regierung sagt, dass der im März veröffentlichte Entwurf der Brexit-Vereinbarung die Rechte von EU-Bürgern und ihren Familienangehörigen, die im Vereinigten Königreich leben, gewährleisten wird, sowie von britischen Staatsangehörigen, die in der EU leben.

Und während ihrer Rede im vergangenen Monat bestätigte Premierministerin Theresa May: Selbst wenn Großbritannien zum Stichtag ohne Abkommen aus der EU austritt, dürften alle EU-Bürger bleiben, die vor dem 29. März 2019 im Vereinigten Königreich ansässig waren, ihre Rechte würden geschützt.

Ein Sprecher des britischen Innenministeriums ergänzte: 

“Die Regierung ist sich bewusst, dass die EU-Bürger eine wichtige und positive Rolle in unserer Wirtschaft und Gesellschaft spielen. Wir wollen, dass diejenigen bleiben, die sich hier ein Leben aufgebaut haben. Bürgerrechte zu sichern war stets unsere Priorität, und wir haben diese Verpflichtung erfüllt. Bei der Vorbereitung der Umsetzung des EU-Bleiberecht-Systems haben wir große Fortschritte gemacht. Das wird es EU-Bürgern erleichtern, den Status zu bekommen, den sie benötigen. Das Verfahren ist besonders einfach und kostenlos für EU-Bürger, die einen gültigen Daueraufenthalt oder eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis nachweisen können.“

Im Rahmen dieser EU-Bleiberecht-Systems, das am 30. März 2019 in Kraft tritt, müssen EU-Bürger drei Schritte durchlaufen: Sie müssen ihre Identität nachweisen, zeigen, dass sie im Vereinigten Königreich leben, und alle Vorstrafen offenlegen.

Das Innenministerium teilte HuffPost UK mit, dass sich das System derzeit in einem “gelenkten Live-Test“ befindet.

EU-Bürger, die bei zwölf Gesellschaften des Nationalen Gesundheitsdiensts NHS arbeiten, sowie Studenten und Mitarbeiter dreier Universitäten in Liverpool seien eingeladen worden, Anträge über das neue Onlineportal zu stellen.

Alle, die erfolgreich sind, bekommen den “settled status“ gewährt, also das unbegrenzte Aufenthaltsrecht.

Die Rechte der EU-Bürger und ihrer Familienangehörigen bleiben bis Ende des Umsetzungszeitraums am 31. Dezember 2020 bestehen.

Der Artikel erschien zuerst bei der HuffPost UK und wurde von Katharina Wojczenk aus dem Englischen übersetzt.