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07/02/2018 14:40 CET | Aktualisiert 08/02/2018 16:39 CET

Der Brandbrief eines Münchner Grundschullehrers an die Politik

Das Umfeld, in dem meine Schüler aufwachsen, ist weder kindgerecht, noch fördert es ihre Entwicklung.

Ich sitze auf meinem Fahrrad. Der Weg zur Schule ist immer derselbe. Ich fahre an der S-Bahnstation vorbei. Dann biege ich ab. Um mich herum stehen Einfamilienhäuser. Sie erscheinen ganz klein zwischen den vielen Hochhäusern. Früher gab es die mehrstöckigen Gebäude noch nicht.

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In den Hochhäusern befinden sich viele Sozialwohnungen. Dort wohnen die Kinder, die jeden Tag in meinem Klassenzimmer sitzen. Ich bin Grundschullehrer. Seit 15 Jahren unterrichte ich an einer Münchner Problemschule. In meiner Klasse sitzen fast nur Kinder aus sozial schwachen Familien.

Als ich dort angefangen habe, war vieles anders.

Fluchen, schimpfen, schlagen steht bei uns auf dem Tagesprogramm

Die Klassen waren damals gemischter. Ungefähr die Hälfte der Klasse kam aus der Mittelschicht, die andere Hälfte aus bildungsfernen Familien. Das hat sich total geändert. Kinder aus der Mittelschicht gibt es nur noch vereinzelt. Der Großteil der Schüler kommt aus sozial schwachen Familien.

Zudem schätzen die Eltern unsere Arbeit weniger. Das merke ich in solchen Momenten, wenn mir die Tür fast ins Gesicht schlägt, weil sie mir nicht mehr aufgehalten wird oder Eltern einfach durch mich hindurch sehen. Mich gar nicht wahrnehmen.

Auch unter den Schülern ist der Umgangston rauer geworden. Fluchen, schimpfen, schlagen - das steht bei uns auf dem Tagesprogramm. Manche Beleidigungen treiben mir die Schamesröte ins Gesicht. Doch am schlimmsten ist es, wenn Kinder sich gegenseitig schlagen bis einer blutend auf dem Boden liegt.

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Viele Eltern interessieren sich gar nicht für ihre Kinder

Das Problem sind die Eltern. Sie sind meist sehr mit sich selbst beschäftigt, leben oft am Existenzminimum. Sind selbst in sozial schwachen und bildungsfernen Familien groß geworden. Das Umfeld, in dem meine Schüler aufwachsen, ist weder kindgerecht, noch fördert es ihre Entwicklung.

Bei einigen Familien läuft morgens schon der Fernseher. Bücher gibt es kaum. Das einzige was sie lesen, sind WhatsApp-Nachrichten oder das Fernsehprogramm.

Die Eltern interessieren sich oft gar nicht dafür, was ihre Kinder machen. Manche habe ich noch nie auf einer Schulveranstaltung gesehen. Andere kennen nach anderthalb Jahren noch nicht einmal meinen Namen, obwohl ich der Klassenlehrer ihres Kindes bin.  

Das tut mir für die Kinder sehr leid.

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Lehrer schaffen nicht alles alleine

Um diese Kinder aufzufangen, sind wir auf Schulsozialarbeiter angewiesen. Ohne ihre Arbeit, würde die Situation eskalieren.

Die Sozialarbeiter beraten, klären auf, versuchen Konflikte zu lösen, haben ein offenes Ohr für die Probleme der Schüler und helfen ihnen, wenn nötig, einen Therapeuten zu finden.

Schulsozialarbeiter sind das Bindeglied zwischen uns, den Schülern und den Eltern. Wir brauchen sie, denn Lehrer schaffen nicht alles allein.

Außerdem haben die Schulsozialarbeiter und wir Lehrer wahnsinnig viel mit Therapeuten aller Art zu tun und leiern auch Therapien an. Das Problem ist auch, dass die Eltern es aufgrund zeitlicher oder sprachlicher Defizite nicht schaffen, einen passenden Therapeuten für ihr Kind zu finden. Deshalb müssen sich oft die Schulsozialarbeiter einschalten.

Es gibt zu wenige Schulsozialarbeiter

Schulsozialarbeiter gibt es zwar schon an einigen Schulen in München, aber immer noch an zu wenigen. Doch wir brauchen sie an allen Schulen.

Es steht und fällt mit der Schulleitung. Stellt der Direktor Anträge und zeigt, dass der Bedarf massiv ist, dann bekommt man meist auch Hilfe. Kümmert sich die Schulleitung nicht darum, dann sind die Lehrer auf sich allein gestellt. Das darf nicht sein.

Deshalb ist es unumgänglich, Schulsozialarbeiter an allen Schulen einzusetzen - unabhängig von den Bemühungen der Schulleitung.

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Es liegt am sozialen Hintergrund der Famile

Wobei ich hier unbedingt sagen möchte, dass es kein Gradmesser ist, ob ein Kind einen Migrationshintergrund hat. Es kommt allein auf den sozialen Hintergrund der Familie an. Und der kann in einer Migrantenfamilie besser sein als in einer Mittelschichtfamilie.

Ein Kollege, der an einer anderen Schule Flüchtlingsklassen unterrichtet, hat mir erzählt, dass die Kinder dort Erstaunliches leisten. Innerhalb von wenigen Monaten konnten sie sich bereits auf Deutsch verständigen.

Und der Zusammenhalt ist sehr stark unter den Kindern.

Das Protokoll wurde aufgezeichnet von Katharina Hoch.

Ingo Huber ist ein Pseudonym. Der wirkliche Name ist der Redaktion bekannt. 

(ks)