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01/06/2018 14:21 CEST | Aktualisiert 01/06/2018 14:21 CEST

Der Brad Pitt des Jazzsaxophones

Das Ausnahme- und Allroundtalent Marius Neset

©Roar Vestad
Marius Neset

‚Ich kann einem Saxophonspieler nicht widerstehen’ seufzte Marilyn Monroe im Film ‚Some like it Hot’ und schmachtete Tony Curtis an, der das Instrument allerdings gerade in Frauenverkleidung spielte. Auch Frauenbewunderer Bill Clinton weiss um die Magie dieses Instruments und spielte selbst als US Präsident bei jeder Gelegenheit. Wie narkotisch muss dieser Klang erst wirken, wenn jemand das Saxophon nicht nur mit grösster Meisterschaft, sondern dabei auch noch nach überraschend neuartige Kompositionen spielt?

Mit Marius Neset könnte man dieses Experiment wagen. Dieses musikalische Wunderkind von 32 Jahren, das sich beim Aufblitzen eines spitzbübischen Grinsens in einen Teenager verwandelt, ist im norwegischen Bergen aufgewachsen und lebt nun in Kopenhagen als Musiker, Komponist und Produzent. Als Vollblutmusiker spielt er  Tenor- und Sopransaxophon in einer selbstverständlichen Symbiose mit dem Instrument als ob er schon als Baby nicht an der Brust seiner Mutter genuckelt, sondern an einem Mundstück gesaugt hätte. Als Komponist verwebt er Jazz und moderne Klassik nahtlos zu neuartigen potenten Klängen und verachtet dabei auch stark Emotionales nicht. Auch das Nordische, Klänge wie das helle silbern aufstrahlende Nordlicht, das auch bei Edvard Grieg und Jan Garbarek aufblitzt, setzt Akzente. Und dann die Repetition. Ein Stück, hier mit der Basler Sinfonietta gespielt, doch aufgenommen mit dem London Symphonie Orchestra, bietet Anklänge an Bachsche Fugen.

Den rauschenden Applaus für diese Komposition mag der Musiker Neset aber nicht entgegennehmen. Mit seiner Band hinter dem Orchester platziert und während des Spiels in gerader Linie hinter dem Dirigenten gänzlich verborgen, folgt er auch dessen deutlichen Gesten sich zu präsentieren nicht. Man applaudiert sozusagen ins Leere. Doch nach der Pause kommt der Moment der Wahrheit. Marius Neset, steht ganz alleine auf der Bühne und spielt ein Solo. Vor Blicken immerhin teilweise geschützt durch die Notenständern des Orchesters. Doch neu strategisch platziert erkennt man ihn als ganz in Schwarz gewandete attraktive schlanke Gestalt mit oben offenem Hemd und zerwühlten blonden Haaren. Die Füsse streng zusammen beschreibt der Körper geschmeidige Schlangenlinien, zieht sich zusammen, dehnt sich ruckartig wieder aus, schwingt von links nach rechts und krümmt sich oft vertikal zusammen, was den Eindruck erzeugt, dass diese leidenschaftlichen und mit höchster  Hingabe gespielten Töne nur mit grösster Anstrengung produziert werden können. Und irgendwie wird man davon mitgerissen, leidet, verspannt sich, triumphiert, freut sich mit, und ist am Ende dieses Solos zwar Teil dieser Klänge, - aber auch erschöpft. Neset hingegen spielt weiter. Nach und nach kommen die Bandmitglieder auf die Bühne, Ivo Neame (Piano), Petter Eldh (Bass), und Anton Eger (Drumms)  und stimmen ein. Auch hier verbeugt sich Neset - ob des Applaus’ heftig errötend - halb verborgen von hinten und versucht dabei seine Kollegen hervorzuheben. Dabei braucht er sich wirklich nicht zu verstecken. Wenn man ihn dann einmal sieht, erinnert er sehr an Bratt Pitt zur Zeit seines ersten Erfolgsfilms ‚Aus der Mitte entspringt ein Fluss’ als dieser selbst als neuer Robert Redford gefeiert wurde. Doch vielleicht ist Marius Neset gerade das unangenehm. Ihm scheint daran zu liegen Charakteristiken diverser Musikstile zu verschmelzen und somit musikalische Grenzen auszuloten und weiter voran zu treiben. Und sicher will er auch sein Solistentum zu immer neuen Höhen treiben.  Er wird schon seit zwei Jahren in Europa als Phänomen gefeiert. Das ist ihm offenbar nicht genug. Sein Drang treibt ihn weiter. Zu unserer Freude und sicherlich zu weiterem Erstaunen.

OFFBEAT FESTIVAL BASEL
Marius Neset mit Saxophon