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10/03/2018 13:13 CET | Aktualisiert 10/03/2018 13:13 CET

"Der beste Abend ihres Lebens": Wie ein Kochabend aus Fremden eine Gemeinschaft macht

Jess bringt in London Flüchtlinge und Einheimische zusammen, bei dem, was alle lieben: Essen.

Im 12. Stock eines Hochhauses in der Nähe des Londoner Barbican Centres schieben junge Menschen in einem Wohnzimmer drei ungleiche Tische aneinander. Überall stehen frische Zutaten, Töpfe, Pfannen, Küchenutensilien und Kochplatten herum.

Jess Thompson bereitet dort einen Kochkurs vor. Einen von 50, die sie seit Juli vergangenen Jahres für die gemeinnützige Organisation Migrateful – eine Wortschöpfung aus den Begriffen migration (Migration) und grateful (dankbar) –organisiert hat.

Asylbewerber, Flüchtlinge und Migranten in London leiten die Kurse und zum Schluss essen alle gemeinsam zu Abend. 

An diesem Abend steht ein Fortgeschrittenenkurs in persischer Küche auf dem Programm, unter der Anleitung des Mutter-Tochter-Gespanns Elahe und Parastoo.

FEDERICO RIVAS
Parastoo, Jess and Elahe (von links)

Kochen und erzählen

Jemand hat freundlicherweise seine Wohnung für den Abend zur Verfügung gestellt, damit die beiden Frauen uns drei Stunden lang das Kochen beibringen, ihre Geschichten erzählen und ein wenig Geld verdienen können.

Elahe und Parastoo sind weit weg von zuhause. Für Asylbewerber, die keinen Job finden oder auf Sozialhilfe angewiesen sind, ist das Leben ziemlich hart.

Elahe ist ausgebildete Psychologin und damit hochqualifiziert. Doch sie findet trotzdem keine Stelle, weil ihre Qualifikationen in Großbritannien nicht anerkannt werden. Außerdem kämpft sie mit Verständigungsschwierigkeiten.

Doch die Kochkurse von Migrateful helfen ihr, diese Probleme zu überwinden.

Zwiebelduft in der Luft

Als ich zum ersten Mal durch die Tür trete, liegt starker Zwiebelgeruch in der Luft. Jess ist damit beschäftigt, ein Bettlaken auf dem Teppich auszubreiten, damit er nicht schmutzig wird.

Elahe und Parastoo kommen kurz aus der Küche und begrüßen mich, bevor sie sich wieder an ihre Vorbereitungen machen. Alle sind schwer beschäftigt.

Als der Rest der Gruppe ankommt, liegen alle Zutaten vorbereitet auf dem Tisch und warten darauf, in leckere Gerichte verwandelt zu werden.

Getränke bringt jeder selbst mit

Jeder Teilnehmer bringt selbst etwas zum Trinken mit. Als jeder Gast ein Getränk hat, stellen sich Elahe und Parastoo stolz vor die Gruppe und erklären, was sie heute kochen werden.

Parastoo steckt voller Energie und sie übernimmt zumeist das Reden. Ihre Mutter hingegen ist zurückhaltender.

Sobald die beiden mit ihren Erläuterungen fertig sind, waschen alle sich die Hände und nehmen ihre Positionen ein – die Teilnehmer sind so motiviert, als würden sie an einer Kochsendung teilnehmen.

Einige von ihnen beginnen, Quitten aufzuschneiden, während andere Fleischbällchen formen. Die Kochplatten werden eingeschaltet.

Über den Abend hinweg erklären uns die beiden Frauen Schritt für Schritt, wie man Gerichte kocht, die sie selbst besonders gerne mögen: Beh Aloo und Adas Polo.

Mittlerweile hat auch Elahe ihre Stimme wiedergefunden und beginnt, lautstark Anweisungen zu erteilen. Sie schaut den Teilnehmern über die Schulter und nickt ihnen aufmunternd zu. Parastoo macht Fotos. Dann schaltet sie persische Musik an und überwacht die Zubereitung des Salats.

Etwa 40 Euro Teilnahmegebühr

Menschen aus allen möglichen Gesellschaftsschichten nehmen an dem Kochkurs teil – von Marketing-Managern bis hin zu Filmproduzenten.

Die Teilnahme am Kurs kostet 35 britische Pfund, umgerechnet knapp 40 Euro. Die Köche erhalten 10 Pfund pro Stunde. Der Rest des Geldes geht für die Ausstattung, die Zutaten (in etwa 70 Pfund), die Reisekosten und die Ausbildung der Köche drauf (sie kostet 300 Pfund pro Woche).

Jess, die Migrateful im Juli 2017 gegründet hat, sagt, so komme sie etwa bei Null raus. Sie arbeitet ohne Bezahlung und organisiert die Abende in ihrer Freizeit. Tagsüber ist sie bei einer Wohltätigkeitsorganisation für Obdachlose beschäftigt.

Flüchtlinge und Einheimische schenken sich Zeit und Wissen

Jess hat Migrateful ins Leben gerufen, nachdem sie einige Zeit in Flüchtlingslagern in Marokko und anschließend im französischen Dünkirchen verbracht hatte.

Nach ihrer Rückkehr nach Großbritannien nahm sie an einem Kurs zur Gründung von sozialen Unternehmen teil. “Ich habe ein Zeitbankprojekt bei einer Flüchtlingsorganisation betreut. Im Rahmen dieses Projekts wurden innerhalb der Gemeinschaft verschiedene Fähigkeiten ausgetauscht. Im Sinne von: Ich gebe dir eine Stunde meiner Zeit, um dir etwas beizubringen, und du gibst mir dafür eine Stunde deiner Zeit.

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Das Kochen verbindet alle

“Diese Flüchtlingsfrauen waren alle hochqualifiziert. Doch sie waren arbeitslos, weil ihre Qualifikationen nicht anerkannt wurden und weil sie nicht besonders gut Englisch sprachen. Sie kamen alle zu dieser Zeitbankorganisation und wollten ihre Kochkünste teilen. Denn das war eine Fähigkeit, die jede von ihnen besaß und die ihnen bereits von Kindesbeinen an beigebracht wurde.”

Jess stellte damals fest, dass andere Menschen diese Kochkünste und Rezepte gerne erlernen würden. Und so wurde Migrateful geboren.

“Ich begann damit, die Frauen zu mir nach Hause einzuladen. Außerdem lud ich ein paar Freunde ein. Und so konnten die Frauen uns beibringen, wie man bestimmte Gerichte kocht. So hat sich das Projekt dann entwickelt.” 

FEDERICO RIVAS
Elahe nimmt ein Blech Auberginen aus dem Ofen.

Glücklich mit Vielfalt

Der Hauptfokus von Migrateful liegt auf Integration und Ausbildung. Alle lernen etwas, alle kommunizieren miteinander. Und daraus entsteht eine sehr lebendige Atmosphäre.

Jess glaubt, dass man im Vereinigten Königreich sehr viele Menschen glücklicher machen könnte, wenn man die Kulturen der Einwanderer feiern und Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten dazu ermutigen würde, sich miteinander zu beschäftigen.

Vom Brexit-Ergebnis erschüttert

“Als die Abstimmung über den Brexit stattfand und ich feststellte, dass 52 Prozent der Briten mit der Zahl an Zuwanderern nicht einverstanden sind und überall eine sehr fremdenfeindliche Stimmung herrschte, war ich wirklich erschüttert. Denn ich konnte mich mit dieser Einstellung selbst überhaupt nicht identifizieren”, erzählt Jess.

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“Die Zahl der Zuwanderer hat sich in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt. Es gibt jedoch nicht viele Initiativen, die den Austausch von unterschiedlichen ethnischen Gruppen fördern. Und deshalb entsteht immer mehr Rassismus und Ignoranz.”

“Je mehr es uns also gelingt, unterschiedliche Menschen miteinander zu verbinden, desto glücklicher wird unsere Gesellschaft sein.”

 “Man muss persisches Essen einfach mögen”

Elahe sagt, die Leitung der Kurse habe ihr dabei geholfen, ihr Vertrauen und ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Außerdem glaubt sie jetzt mehr an ihre eigenen Fähigkeiten. “Ich koche wieder mit Liebe und Leidenschaft, genau so wie früher”, erzählt sie. “Man muss persisches Essen einfach mögen.”

In der typisch persischen Küche kombiniert man Reis mit Fleisch, Gemüse und Nüssen. Die Gerichte schmecken oft süß und werden mit Früchten angereichert, beispielsweise mit Pflaumen, Granatäpfeln, Quitten und Aprikosen.

Zu den verwendeten Kräutern und Gewürzen zählt Safran, Zimt, Kurkuma, Koriander und Petersilie. Während wir kochen, ist der Raum von allen diesen Düften erfüllt.

Vor Stunden noch Fremde, jetzt eine Gemeinschaft

Sobald das Essen fertig ist und Elahe ihr Okay gegeben hat, räumt die Gruppe die Tische ab. Alle nehmen Platz und lassen sich die reichhaltige Mahlzeit schmecken.

Das Essen ist köstlich: Es gibt Fleischbällchen auf einem Bett von Zimtreis, dazu ein Gericht aus Knoblauch und Tomaten. Außerdem gibt es noch verschiedene süße Quitten, die mich von den Socken hauen.

Menschen, die vor wenigen Stunden noch Fremde waren, sitzen zusammen und unterhalten sich, während sie gemeinsam das Essen genießen, das sie zubereitet haben. Dabei loben sie Elahe und Parastoo, die ein wahres kulinarisches Wunder erbracht haben. Am Ende helfen alle beim Aufräumen mit. Im Nu ist der Abend auch schon wieder vorbei.

Der beste Abend ihres Lebens

Für Jess bedeutet jeder dieser Kochkurse sehr viel, denn sie weiß, dass sie Leben verändern können. “Die Köchinnen scheinen es total genossen zu haben”, erzählt sie am nächsten Tag. “Elahe und Paratoo haben mir gestern nach der Veranstaltung eine Nachricht geschickt, dass sie den besten Abend ihres Lebens hatten und dass sie gar nicht abwarten können, wieder einen Kurs geben zu dürfen.”

Denn sie haben nicht nur ihre Kochkenntnisse geteilt. Sondern vor allem Wertschätzung erfahren.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der HuffPost UK und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt. 

(sk)