GOOD
26/03/2018 20:24 CEST | Aktualisiert 27/03/2018 08:30 CEST

Depressionen sind zur Volkskrankheit geworden: Eine App soll helfen

Es braucht nur ein Smartphone.

martin-dm via Getty Images
Weniger Schlaf, bessere Stimmung
  • Schlafstörungen sind eine der häufigsten Begleiterscheinungen von Depressionen
  • Mit der App “Get.Up” soll den Betroffenen langfristig geholfen werden

Angelika Schwenke muss aufstehen und zu einer Fortbildung fahren. Doch ihr Körper hält sie zurück.

Ihr fehlt die Motivation, die Hoffnung, die Kraft. Sie schleppt sich aus dem Bett, so kaputt, als hätte sie schon zwölf Stunden gearbeitet.

Und das war nicht nur an einem Tag so – sondern mehrmals die Woche. Furchtbar sei das gewesen, sagt Schwenke im Gespräch mit der HuffPost. “Ganz furchtbar.”

Nach dem Aufstehen war die Tortur noch nicht zu Ende. Vor dem Spiegel ging es weiter. Die 64-Jährige wollte sich einen Zopf machen. Eigentlich eine Aufgabe von fünf Minuten.

Doch dann schaute Schwenke auf die Uhr: “Was? Schon eine halbe Stunde vergangen?”

Mal wieder wird sie zu spät kommen. Mal wieder nahm ihr die Antriebslosigkeit die Zeit.

Heute weiß Schwenke, dass es sich nicht um ihr persönliches Versagen handelte, sondern um eine Krankheit. Dass es die Depression war, die ihr jedwede Kraft raubten.

Vor zehn Jahren bekam die Kommunikationstrainerin die Diagnose. Mittlerweile geht es ihr besser. Schwenke nutzt eine App – sie könnte auch tausend weiteren Menschen in Deutschland helfen. 

Volkskrankheit Depression

Vier Millionen Menschen in Deutschland leiden an Depressionen, wie Zahlen der “World Health Organisation” belegen.

Vielen der Betroffenen geht es wie Schwenke: Sie fühlen sich antriebs- und hoffnungslos, können sich nicht konzentrieren und empfinden keine Freude. Angst sowie Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle bestimmen ihren Alltag.

Mit furchtbaren Folgen: Nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe lässt sich ein Großteil der in etwa 10.000 Suizide pro Jahr hierzulande auf eine Depression zurückführen.

Schwenke versuchte durch Klinikaufenthalte, Therapien und Medikamente die Depressionen in den Griff zu bekommen. Nichts half.

Dann fand sie eine Mail vom “Deutschen Bündnis gegen Depression” in ihrem Posteingang. Dort wurde sie auf eine Studie aufmerksam, durch die ihr geholfen werden konnte.

Weniger Schlaf, bessere Stimmung

Im Sommer 2016 startete Ulrich Hegerl, Leiter der “Stiftung Deutsche Depressionshilfe” in Leipzig, und sein Team eine neue, noch laufende Studie – genannt “Get up”, auf deutsch: Steh auf!

► Anhand einer für die Studie entwickelten App wollen die Forscher herausfinden, wie viel Schlaf Depressiven wirklich gut tut.

Die Informationen und Anweisungen der App sollen die Teilnehmer nutzen, um aus eigener Kraft zu einem normalen und erholsamen Schlaf zurückfinden zu können.

Denn Schlafprobleme zählen zu einem der häufigsten Restsymptome der Krankheit. 2003 fanden Forscher der Universität in Bristol, Großbritannien, in einer klinischen Studie heraus, dass über 80 Prozent der depressiven Patienten unter Schlafstörungen litten.

Das Prinzip von “Get up” ist einfach: Die Zeit, die Depressive im Bett verbringen, soll langfristig verkürzt werden – das heißt, später schlafen gehen und früher aufstehen.

Mehr zum Thema: Ich wünsche mir, dass alle Menschen diese 10 Dinge über Depressionen wissen

“Das klingt erstmal seltsam: Schlafentzug, um Schlaf zu fördern”, sagt Hegerl. Jedoch würden Menschen, die seit Monaten in einer Depression stecken, durch einen Schlafentzug merken, wie die Depression abklingt.

Einer der Gründe dafür könnte die Produktion des Glückshormons Serotonin sein. Während des Schlafs schüttet der Körper weniger Serotonin aus.

Bleiben die Betroffenen jedoch länger wach, wird das Hormon weiter produziert. Somit fühlen sich Depressive in der Früh besser, ihre Stimmung steigt. 

Die App gegen die Depression

Wenn Schwenke in der Früh aufstand, nahm sie als erstes ihr Handy in die Hand. “Wie lange habe ich geschlafen? Wie fühle ich mich heute Morgen? Kam ich gut aus dem Bett?”, diese Fragen sollte sich die 64-Jährige stellen und ihre Antworten anschließend in die App eintragen.

Jedes mal, wenn sie sich hinlegte, dokumentierte es Schwenke. Auch bei einem Nickerchen am Nachmittag.

Aus den gesammelten Informationen erstellte die App dann eine Stimmungskurve. Dadurch konnte die 64-Jährige sehen, wann sie wie lange geschlafen hatte und wie sie sich danach fühlte.

Aus der Verbindung zwischen Schlaf und Stimmung gab es von der App schließlich Empfehlungen, die Schlafzeiten entsprechend anzupassen.

Mehr zum Thema: Die Ursache von Depressionen geht auf fünf Erfahrungen aus der Kindheit zurück

“Um elf Uhr klingelte mein Handy und sagte zu mir: ‘Zeit ins Bett zu gehen’. Für mich war dann klar, ich tippe jetzt noch die Information ein und dann heißt es ‘Gute Nacht!’”, erzählt Schwenke.

Nicht jede Empfehlung der App war von Anfang an passend für Schwenke. Erst im Verlauf der sechswöchigen Studienzeit stellte sie fest, dass sie etwas mehr Schlaf brauchte, als ursprünglich empfohlen.

Generell sei die App kein Ersatz für eine Therapie, erklärt Studienleiter Hegerl. Daher dürfe keiner der aktuell 190 Teilnehmer sich in einer stationären Behandlung befinden oder noch das passende Medikament suchen.

Bei “Get.Up” geht es um eine Art Selbstmanagement, welches den Teilnehmern helfen soll, die Begleiterscheinungen von Depressionen – wie Schlafprobleme oder ein fehlender Antrieb – zu bekämpfen. 

Michael Bader
Stimmungskurve der "Get.Up"–App

Wachtherapie gegen Depressionen

Dass es einen Zusammenhang zwischen Schlaf und Depressionen gibt, wissen Forscher schon lange.

Patienten, die sich in einer stationären Behandlung befinden, wird daher unterstützend zu einer medikamentösen und einer psychotherapeutischen Behandlung oft die sogenannte “Wachtherapie” angeboten.

Dabei sollen Depressive genau das machen: Wach bleiben.

Diese Form der unterstützenden Therapie weist bis heute jedoch einige Haken auf: Einerseits hält der positive Effekt nur ein bis zwei Tage an. Patienten wären gezwungen, regelmäßig auf Schlaf zu verzichten.

Mehr zum Thema: Die Wahrheit über weibliche Depression

Andererseits muss Wachbleiben geübt sein. “Diese Form des Schlafentzugs zuhause durchzuführen, sich alleine irgendwo wach zu halten, ist sehr schwer”, erklärt Hegerl.

Langfristig weniger schlafen

Mit der “Get up”-App wollen die Forscher die Probleme des stationären Schlafentzugs angehen.

Michael Grözinger, Psychiater am Universitätsklinikum Aachen, sieht in der “Get up”-Studie einen guten Ansatz: “Eine Schlafrestriktion lässt sich viel leichter ohne äußere Hilfe durchführen, als ein vollständiger oder partieller Schlafentzug.”

Zu den Forschungsschwerpunkten des Psychiaters gehören ebenfalls die Schlafphysiologie und Schlafmedizin. Falls sich herausstellt, dass sich die Schlafeinschränkung positiv auf depressive Patienten auswirkt, könne dies den Betroffenen helfen, sagt er.

“Die Patienten könnten durch ihr eigenes Verhalten den Krankheitsverlauf beeinflussen und so zu ihrer Genesung beitragen.”

 “Wow, ich war optimistisch?”

Die simple Methode sprach auch Angelika Schwenke an.

Oft sei sie in früheren Behandlungen vom Arzt aufgefordert worden, ihre Gedanken aufzuschreiben “und dann fühlte ich mich ertappt: ‘Scheiße, ich habe doch gar keine Gedanken, ich fühle mich einfach elend.’ Dann kam gleich wieder das Gefühl des Versagens in mir hoch”, sagt sie.

Mit der “Get up”-App musste Schwenke ihre Gefühle nur verschiedenen vorgegebenen Emotionen zuordnen.

Nach einiger Zeit stellte sie fest, dass in ihrer Stimmungskurve auch mal Wörter wie “optimistisch” vorkamen. “Wow, ich war optimistisch? Mensch, da gab es sogar mal ein kleines Hoch!”, erinnert sie sich zurück.

Die geregelten Bettzeiten gaben Schwenkes Leben neue Struktur. Wenn sie heute in eine Krise oder in ein Tief rutscht, kann die 64-Jährige sich mit den Erkenntnissen aus der Studie leichter wieder rausholen.

Noch suchen die Forscher weitere 60 Teilnehmer, um die Studie abschließen zu können. Mit den Ergebnissen erhofft sich Hegerl die Lebensqualität von Menschen mit Depressionen zu verbessern:

“Wenn man gelernt hat, den Schlaf zu regulieren, kann man den Teufelskreis durchbrechen und sich morgens wieder gut fühlen.” 

Für die “Get up”-Studie werden aktuell noch weitere Teilnehmer gesucht. Mitmachen kann jeder, der volljährig ist, eine leichte bis mittelgradige Depression und Schlafstörungen hat. 

Für Informationen zur Teilnahme und der Studie, einfach eine Mail mit dem Betreff/Stichwort “HuffPost” an forschungszentrum@deutsche-depressionshilfe.de schicken.

Weitere Informationen zur Studie gibt es hier.