LIFE
30/07/2018 18:04 CEST

Depressionen: Warum die Krankheit im Sommer besonders schlimm ist

Für manche Menschen geht es allein darum, die Zeit bis zum Herbst zu überstehen.

  • Laut einer Studie aus den USA steigt die Anzahl an Selbstmordversuchen in der Sommerzeit stark an.
  • Menschen mit Depressionen würden stärker während des Sommers leiden und erzählen nun, wie sie die heißen Tage überstehen.

Die Sonne scheint, der Himmel erstrahlt in einem leuchtend hellen Blau und die Tage sind wieder länger. Die meisten Menschen empfinden diese Jahreszeit als willkommene Abwechslung zur Trostlosigkeit des Winters.

Es gibt jedoch auch Menschen, für die der Sommer unerträglich ist. Denn in der warmen Jahreszeit wird von ihnen erwartet, dass sie glücklich sein sollten.

“Ich versuche, Minute für Minute zu überstehen”

Kenneth Caldwell

Der 53-jährige Kenneth Caldwell aus Glasgow in Schottland lebt bereits seit über 30 Jahren mit Depressionen. Er sagt, dass seine Erkrankung in den Sommermonaten immer am schlimmsten sei. “Wenn die anderen die Sonne genießen, laufe ich in einer komplett dunklen Welt herum”, erklärt Caldwell, der beruflich als Sachverständiger tätig ist. “Dadurch fühle ich mich gleich noch zehnmal schlechter. Andere machen Pläne, um die Sonne genießen zu können. Ich hingegen versuche nur, Minute für Minute irgendwie zu überstehen.”

“Sie verstehen mich nicht und dadurch fühle ich mich noch ausgeschlossener.”

Mehr zum Thema: “Ihr könnt euch nicht vorstellen, was ich am Wochenende mache” – die Wahrheit einer Depressiven

In dieser Woche wurde eine Studie veröffentlicht, die einen Zusammenhang zwischen den steigenden Temperaturen und einem Anstieg an Selbstmordfällen in den USA und in Mexico herstellte.

“Wärmere Temperaturen stellen sicherlich nicht den einzigen und auch nicht den wichtigsten Risikofaktor für Selbstmorde dar”, räumte Marshall Burke, der Hauptautor der Studie, ein. Er arbeitet als Wirtschaftswissenschaftler an der Stanford University. “Unsere Erkenntnisse weisen jedoch darauf hin, dass die sommerlichen Temperaturen überraschend große Auswirkungen auf das Selbstmordrisiko haben.

Dieses Wissen hilft uns dabei, psychische Erkrankungen besser verstehen zu können. Außerdem können wir uns so besser auf eine mögliche Zunahme von Selbstmordfällen bei wärmer werdenden Temperaturen einstellen.”

“Ich kann keine Freude empfinden”

Obwohl Depressionen das ganze Jahr über auftreten, können die drückend heißen Temperaturen das Problem jedoch noch weiter verschärfen. Die momentane Hitzewelle mit Temperaturen bis zu 35°C habe seine Angststörungen verschlimmert, berichtet Caldwell.

Denn wenn er schwitze, erinnere ihn das an die Symptome, die er während Panikattacken wahrnehme. Ebenso kann die Hitze auch das Gefühl der Erschöpfung bei den Betroffenen verschlimmern. Darüber hinaus wirkt sich die nächtliche Schlaflosigkeit, die die Hitze mit sich bringt, ebenfalls negativ auf die Stimmung der Betroffenen aus.

“Wenn ich sehe, dass die Sonne scheint, wird mir bewusst, dass ich keine Freude empfinden kann”, erklärt Caldwell weiter. “Und durch Erinnerungen an bessere Zeiten fühle ich mich noch schlechter.”

Die Medizinmeteorologin Christina Koppe vom Deutschen Wetterdienst kennt die Problematik. Sie sagte der “Welt” bereits im Jahr 2012: “Depressive neigen dazu, sich mit anderen zu vergleichen, deren gehobene Frühjahrsstimmung ihre eigene noch dunkler aussehen lässt, und fühlen sich tiefer im Keller”. 

“Ich bin dem Sommer gerade noch einmal entkommen”

Beki Morgan
Beki Morgan (l) mit einer Freundin.

Die 29-jährige Master-Studentin Beki Morgan aus Kent hat ihre ersten Erfahrungen mit Ängsten und Depressionen mit 13 Jahren gemacht. Sie sagt, sie habe in den vergangenen Jahren so etwas wie eine “umgekehrte Winterdepression” erlebt. Denn ihre Angststörungen seien in den Sommermonaten immer am schlimmsten.

Statt sich mit Beginn des Sommers energiegeladener zu fühlen, erinnere diese Jahreszeit sie an einschneidende Ereignisse in ihrem Leben. Und dies würde wiederum dazu führen, dass ihre Gedanken in dunklere Bereiche abdriften.

Letzten Sommer konnte Morgan wegen ihrer Ängste kaum das Haus verlassen. “Ich war oft nachts wach, wenn alles ein bisschen ruhiger und kühler war. Und wenn ich weniger den Zwang verspürte, etwas unternehmen zu müssen”, erklärt die Studentin. “Meist schlief ich tagsüber. Denn so musste ich mit niemandem reden und ich litt nicht unter dem Druck, aus dem Haus gehen zu müssen. Wenn ich mich zum Herbstanfang hin allmählich wieder besser fühlte, hatte ich das Gefühl, dass ich dem Sommer gerade noch einmal entkommen war.” 

Sie ist traurig darüber, dass sie nie dabei sein konnte, wenn alle anderen Spaß hatten. Doch sie sagt auch, dass es ihr einfach nicht gut genug gegangen sei, um irgendetwas anderes zu unternehmen: “Als die Temperaturen wieder kühler wurden, war ich einfach nur dankbar, dass ich den Sommer überlebt hatte.”

Bilder in sozialen Medien verschlimmern das Gefühl

Jayne Hardy

Auch Jayne Hardy von der Wohltätigkeitsorganisation The Blurt Foundation lebt mit Depressionen. Sie weiß nur zu genau, welche Herausforderungen die warme Jahreszeit mit sich bringt und wie sehr Betroffene gerade in dieser Zeit unter ihren widersprüchlichen Gefühlen leiden.

“In den Sommermonaten fühlt man sich meist energiegeladener, wilder und lebendiger. Oft steht dieses Lebensgefühl jedoch im Widerspruch zu den Emotionen, die wir empfinden, wenn es uns nicht gut geht”, erklärt Hardy.

“Wenn wir Einladungen zum Grillen, zu Strandausflügen oder zu anderen geselligen Aktivitäten ablehnen, fühlen wir uns meist noch schlechter, sobald Bilder von diesen Veranstaltungen in den sozialen Medien auftauchen.

Andererseits schotten viele von uns sich auch von der Außenwelt ab und werden gar nicht erst zu solchen Veranstaltungen eingeladen. Auch das kann sehr verletzend sein und es verdeutlicht uns noch einmal, wie einsam viele von uns sich fühlen.”

“Im Sommer fällt es mir schwer, meine Gefühle zu verbergen”

Für die Inspizientin Philippa Smith-Aitchison aus Manchester, die Theaterveranstaltungen koordiniert, ist der Sommer in beruflicher Hinsicht eine ruhige Zeit. Dass sie nichts anderes tun kann, als Däumchen zu drehen, gibt ihr das Gefühl, keine richtige Aufgabe im Leben zu haben. “In diesem Jahr war es besonders schwer”, sagt die 39-jährige, die seit 13 Jahren mit Depressionen lebt. “Wenn ich mich zurückziehe und zuhause bleibe, weil ich meine Gefühle zu verstecken versuche, wird das im Winter sehr viel mehr akzeptiert. Im Sommer fällt es mir schwerer, diese Gefühle vor anderen zu verbergen.”

Sie räumt jedoch ein, dass diese Unfähigkeit, ihre inneren Konflikte zu verbergen, auch eine positive Seite hat. Denn dadurch wird sie dazu gezwungen, das Problem beim Schopf zu packen. “In diesem Jahr bin ich zum ersten Mal zu meinem Hausarzt gegangen, um mich darauf vorzubereiten, dass es mir im Sommer wieder schlechter gehen wird. Dort haben wir gemeinsam eine Art Maßnahmenplan entworfen”, erklärt sie.

Im Rahmen dieses Planes wurde ihre Medikation noch einmal angepasst. Außerdem überlegte sie sich gemeinsam mit ihrem Arzt ein paar kostengünstige und einfache Aufgaben und Aktivitäten, mit denen sie sich beschäftigen konnte, die ihr jedoch auch noch genug Zeit übrig ließen, um sich zwischendrin auszuruhen.

“Ich habe den Eindruck, dass es mittlerweile mehr Aufklärung über saisonal-affektive Störungen (SAD) gibt und das ist toll. Doch für mich steht das ‘S’ in saisonal eben für Sommer, und diese Tatsache darf nicht übersehen werden”, erklärt Smith-Aitchison weiter.

Wechsel der Jahreszeiten kann Depressionen auslösen

Bei saisonal-affektiven Störungen handelt es sich um eine Art von Depression, die bei den Betroffenen zu einem bestimmten Zeitpunkt oder zu einer bestimmten Jahreszeit eintritt. Stephen Buckley, Head of Information bei der britischen Wohltätigkeitsorganisation Mind, die sich um psychische Erkrankungen kümmert, erklärt: “Wenn man unter saisonal-affektiven Störungen leidet, wirkt sich der Wechsel der Jahreszeiten stärker auf die eigene Stimmung und das persönliche Energie-Level aus. Dies kann unter Umständen Depressionen auslösen, die wiederum einen großen Einfluss auf das Alltagsleben der Betroffenen haben.

Bei den meisten Menschen treten saisonal-affektive Störungen zwischen Dezember und Februar auf, wenn die Tage kürzer sind. Es gibt jedoch auch Menschen, die im Sommer unter SAD leiden.”

Betroffene von saisonal-affektiven Störungen leiden oftmals unter Energielosigkeit, Essanfällen, Depressionen und/oder Ängsten oder unter einem allgemeinen Interessensverlust. “Die Betroffenen fühlen sich oft hoffnungslos, hilflos und wertlos. Dies kann dazu führen, dass sie ihren Freunden und Verwandten aus dem Weg gehen, anstatt sie um Hilfe oder Unterstützung zu bitten”, erklärt Buckley weiter. “Doch eigentlich würden sie genau in diesem Moment die Hilfe und Unterstützung ihrer Mitmenschen am dringendsten benötigen.”

 

Betroffene immer wieder einladen

Hardy findet, dass Menschen mit Depressionen andere um Hilfe bitten sollten. Gleichermaßen sollten jedoch auch die Angehörigen von Betroffenen “nachhaken”, wenn sie wüssten, dass ein Mensch in ihrem Umfeld Probleme hat.

Um den Betroffenen helfen zu können, müssten sie viel Geduld aufbringen und sich besser über die psychische Erkrankung informieren. Außerdem sollten sie keine Angst davor haben, Fragen zu stellen. Denn damit könnten sie zu einem erhöhten Bewusstsein für psychische Krankheiten beitragen, rät Hardy. 

“Außerdem sollten unsere Mitmenschen verstehen, dass wir nicht unzuverlässig sind und dass wir sie auch nicht zurückweisen. Stattdessen versuchen wir einfach nur, unsere psychische Stabilität zu bewahren.”

Hardy empfiehlt Angehörigen, die betroffene Person zu einem Videoabend, einem Spaziergang mit dem Hund oder einfach nur zu einem gemütlichen Beisammensein einzuladen. Und auch wenn sie eine Absage für ihre Einladung erhalten, sollten sie auf keinen Fall damit aufhören, die betroffene Person erneut einzuladen.

Morgan sagt, dass solche kleinen Dinge für depressive Menschen oft die Welt bedeuten.  “Ich kann verstehen, dass Freunde keine Lust haben, einen Bekannten, der unter Depressionen leidet, zu Hause zu besuchen, wenn es so schön draußen ist”, erklärt sie.

“Uns Betroffenen bedeutet es jedoch oft unglaublich viel, jemanden zu haben, der einfach nur die Vorhänge aufzieht, das Fenster aufmacht und eine Tasse Tee mit uns trinkt. Selbst wenn es nur ein kurzes Treffen ist.”

“An guten Tagen sind wir unglaublich glücklich darüber, wenn wir jemanden haben, der einen kleinen Ausflug in den Park mit uns unternimmt. Denn wenn wir sehen, dass alle anderen gerade Spaß haben, fühlen wir uns nicht ausgeschlossen. Und das bedeutet uns wirklich viel.”

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der HuffPost UK und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

 

Hinweis der Redaktion: Wenn ihr selbst betroffen seid oder mehr Informationen zum Thema Depressionen einholen wollt, könnt ihr euch an die Deutsche Depressionshilfe wenden. Telefonisch erreicht ihr die Experten unter 0800 / 33 44 533.

(nc)