LIFESTYLE
11/06/2018 13:23 CEST

Depression: Berührender Post zeigt, wie es ist, mit der Krankheit zu leben

"Wenn du Depressionen hast, ist es, als würde es jeden Tag schneien."

Anthony Lee via Getty Images
Menschen mit Depressionen können sich ein Leben ohne die Krankheit gar nicht mehr vorstellen (Symbolbild).
  • Nach dem Suizid von TV-Koch Anthony Bourdain sind Depressionen erneut in den Fokus der Öffentlichkeit gelangt. 
  • Wie es sich anfühlt, mit Depressionen zu leben, zeigt ein besonders einfühlsamer Facebook-Post, der Tausende Menschen berührt hat. 

Depressionen sind schrecklich. Düster. Schmerzhaft. Lähmend. Sie können ein ganzes Leben einnehmen und lassen positiven Gedanken und Gefühlen keinen Platz.

Egal wie sehr man gegen sie ankämpft – sie kommen immer wieder zurück. Manchmal ganz plötzlich. Manchmal auf langen, verschlungenen Pfaden.

Es ist schwer, Depressionen vollständig abzuschütteln. Ist man einmal von der Dunkelheit umfangen, wird es immer schwieriger, das Licht zu sehen, das die ganze Zeit da ist.

Depressive Menschen können keine Hoffnung empfinden

Constance Imbault von der kanadischen McMaster University konnte in einer Studie nachweisen, warum das so ist:

► Depressiven Menschen ist die Fähigkeit abhanden gekommen, sich ein Leben ohne die Krankheit vorzustellen. Sie können schlichtweg nicht hoffnungsvoll in die Zukunft blicken.

Mehr Menschen sind davon betroffen als wir vielleicht glauben. Die allermeisten sind sehr gut darin, sie zu verbergen.

Anthony Bourdain hat eine “endgültige Lösung” gewählt

Und manchmal begehen Menschen dann scheinbar aus heiterem Himmel Selbstmord, lassen Freunde und Verwandte ratlos zurück.

So auch im Fall von Anthony Bourdain. Der bekannte TV-Koch und Reiseexperte nahm sich vor wenigen Tagen im Alter von 61 Jahren das Leben.

Viele haben nicht verstanden, warum er – wie die US-Schauspielerin Rose McGowan es in einem Social-Media-Post ausdrückte – eine “endgültige Lösung für ein temporäres Problem” gesucht hat. 

Die Gefühlswelt depressiver Menschen verstehen

Das mag daran liegen, dass Menschen, die noch nie unter Depressionen gelitten haben, sich kaum vorstellen können, wie es sich anfühlt.

Damit wir Menschen, die unter dieser schrecklichen Krankheit leiden, besser nachvollziehen können, ist es wichtig, sich in ihre Gefühlswelt hineinzuversetzen.

► Einem anonymen Autor ist dies nun auf sehr treffende Weise gelungen. Seine Worte, die Facebook-Nutzerin Charlene Nguyen auf ihrer Seite veröffentlicht hat, haben tausende Menschen berührt.

Wir haben den einfühlsamen Text aus dem Englischen übersetzt. Er bringt auf den Punkt, wie es ist, mit einer Depression zu leben. Und er macht auch deutlich, was alle anderen Menschen tun können, um Menschen mit Depressionen zu unterstützen:

“Jetzt Anthony Bourdain.

Wenn du Depressionen hast, ist es, als würde es jeden Tag schneien.

Manchmal sind es nur ein paar Zentimeter. Es ist nervig, aber du kannst trotzdem zur Arbeit oder in den Supermarkt gehen. Klar, vielleicht schwänzt du das Fitnessstudio oder die Geburtstagsfeier eines Freundes.

Aber es schneit ja auch IMMER NOCH und wer weiß schon, wie schlimm es heute noch wird? Es ist vermutlich besser, einfach nach Hause zu gehen. Dein Freund nimmt es zur Kenntnis, aber glaubt wahrscheinlich einfach, dass du unzuverlässig bist oder ein Arschloch.

Du schaufelst den ganzen Morgen, aber deine Straße wird einfach nicht frei.

An manchen Tagen schneit es einen halben Meter. Du brauchst eine Stunde, um deine Ausfahrt freizuschaufeln und kommst zu spät zur Arbeit. Du gehst auch früher, weil da jetzt wirklich was runterkommt. Dein Chef nimmt es zur Kenntnis.

An manchen Tagen schneit es mehr als einen Meter. Du schaufelst den ganzen Morgen, aber deine Straße wird einfach nicht frei. Du schaffst es nicht zur Arbeit oder irgendwo anders hin. Du bist so erschöpft und müde, dass du einfach zurück ins Bett gehst. Wenn du wieder aufwachst, stellst du fest, dass alles, was du morgens freigeschaufelt hast, wieder zugeschneit ist.

Sie glauben, dass du faul bist oder schwach, obwohl sie das so gut wie nie offen sagen.

Anscheinend hat dein Telefon geklingelt. Menschen fragen sich, wo du bist. Du hast keine Kraft, zurückzurufen, bist zu müde von all dem Schaufeln. Außerdem haben sie nie so viel Schnee vor ihren Häusern, deshalb verstehen sie nicht, warum du immer noch zu Hause festsitzt. Sie glauben, dass du faul bist oder schwach, obwohl sie das so gut wie nie offen sagen.

In manchen Wochen ist es ein ausgewachsener Schneesturm. Wenn du die Tür öffnest, siehst du nur eine Wand aus Schnee. Der Strom flackert, dann geht er aus. Es ist zu kalt, um im Wohnzimmer zu sitzen, deshalb gehst du mit all deinen Klamotten ins Bett.

Der Herd und die Mikrowelle funktionieren nicht, also isst du eine kalte Waffel und nennst das Abendessen. Du hast seit drei Tagen nicht geduscht, aber wie könntest du auch, an diesem Punkt? Es ist zu kalt, um irgendetwas anderes zu tun, als zu schlafen.

Manchmal werden Menschen über den ganzen Winter eingeschneit. Die Kälte sickert ein. Keine Kommunikation nach innen oder außen. Die Nahrung geht zu Ende. Was kannst du schon tun?

Wenn du an den hellen Tagen aufhörst zu schaufeln, staut es sich zu etwas an, das du an den schweren Tagen nicht bewältigen kannst.

Mit deinen Händen einen Tunnel aus einer zwölf Meter dicken Schneewehe graben? Wie weit ist Hilfe entfernt? Kannst du sie in diesem Schneesturm überhaupt erreichen? Und wenn ja – können sie dir an diesem Punkt überhaupt noch helfen? Vielleicht bedeutet es den Tod, wenn du bleibst. Aber auch da draußen wartet der Tod.

Die Sache ist die: Wenn es die ganze Zeit schneit, wirst du immer weiter abgenutzt. Du bist es leid, ständig zu frieren. Du bist es leid, ständig Schmerzen vom Schaufeln zu haben. Aber wenn du an den hellen Tagen aufhörst zu schaufeln, staut es sich zu etwas an, das du an den schweren Tagen nicht bewältigen kannst.

Du verfluchst den Schnee mit aller Kraft, aber es macht ihm nichts aus, er ist nur blinde Chemie, eine Laune der Natur. Er macht immer weiter, rücksichtslos, gleichgültig und ahnungslos, dass er die ganze Welt begräbt.

Manchmal gibt es eine Lawine, die das Haus von seinem Fundament reißt und dich gleich mit.

Außerdem häuft sich der Schnee auch in Bereichen an, die du nicht freischaufeln, vielleicht gar nicht sehen kannst. Vielleicht ist er auf dem Dach. Vielleicht ist er auf dem Berg hinter dem Haus.

Manchmal gibt es eine Lawine, die das Haus von seinem Fundament reißt und dich gleich mit. Ein regelrechter Akt Gottes, nichts kann dagegen unternommen werden. Die Nachbarn sagen, es sei eine Schande und sie können es nicht begreifen. Er hat sich doch so gut gemacht beim Schaufeln.

Manchmal reicht es nicht, zu schaufeln.

Ich weiß nicht, wie es für Anthony Bourdain oder Kate Spade war. Es sieht so aus, als wären sie von der Lawine erfasst worden. Aber es könnte auch ein langer, langsamer Winter gewesen sein. Vielleicht haben sie geschaufelt. Vielleicht auch nicht.

Manchmal reicht es auch nicht, zu schaufeln. Es ist schwer, das von außen einzuschätzen, aber es ist wichtig, zu verstehen, wie es von innen aussieht.

Ich bin fest davon überzeugt, dass Verständnis und Mitgefühl die Basis effektiven Handelns sein müssen. Es ist wichtig, zu verstehen, was Depressionen sind, wie sie sich anfühlen, wie es ist, mit ihnen zu leben – um Menschen sowohl auf individuelle wie auf politische Weise zu helfen.

Ich will hier keine schwere Kost auftischen, um euch den Tag zu verderben. Ich weiß, es fühlt sich nicht gut an, so etwas zu lesen und es kann auch wirklich unangenehm sein, von so etwas umgeben zu sein. Das ist der Grund, warum Menschen sich manchmal zurückziehen.

Schnappt euch eine verdammte Schaufel und helft euren Nachbarn.

Ich habe keine Botschaft für Menschen mit Depressionen, wie ‘hört nicht auf zu schaufeln’. Es wäre töricht. Natürlich werden sie weiter schaufeln, so gut sie können, bis sie es körperlich nicht mehr schaffen, denn wer will schon in seinem eigenen Haus erfrieren? Wir wissen, was die Herausforderungen sind.

Meine Botschaft richtet sich an alle anderen. Schnappt euch eine verdammte Schaufel und helft euren Nachbarn. Baut euch einen kleinen Schneepflug ans Auto und pflügt eure Nachbarschaft. Fordert eure Stadtverwaltung sozusagen dazu auf, mehr Streulaster anzuschaffen.

Es bedeutet nicht, dass wir hilflos sind.

Depressionen sind blinde Chemie und Physik, wie Schnee. Und wie das Wetter sind sie ein sinnloser Prozess, kraftvoll und unberechenbar mit großem Potenzial, Schäden anzurichten.

Doch genau wie beim Klimawandel bedeutet das nicht, dass wir hilflos sind. Wenn wir verhindern wollen, so viele Menschen an die Krankheit zu verlieren, ist unser Handeln auf jeder Ebene gefragt.”

– Anonym

(ks)