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11/09/2018 16:23 CEST | Aktualisiert 11/09/2018 16:23 CEST

Depression: Wegen meiner Angststörung glaube ich, dass mich alle hassen

Meine Angststörung lässt mich jede Situation überinterpretieren.

Caiaimage/Rafal Rodzoch via Getty Images

Wegen meiner Angststörung nehme ich alles persönlich.

Wenn Freunde ein bisschen zu lange brauchen, um mir auf eine Nachricht zu antworten, fange ich an, mir Sorgen zu machen: “Sie wollen gar nicht mit mir reden. Ich nerve. Sie ignorieren mich absichtlich. Sie mögen mich nicht. Sie hassen mich.”

“Ich fühle mich nicht gesehen”

Ich hasse es, jemanden anzuschreiben, weil eine Chance auf Ablehnung besteht. Zu wissen, dass jemand meine Nachricht gelesen hat, aber nicht antworten will, macht mich krank. Ich fühle mich nicht gesehen.

Sogar, wenn ich nach fünf kurzen Minuten keine Antwort erhalte, hänge ich mich viel zu sehr an Kleinigkeiten auf. Wenn eine Nachricht kurz oder schnippisch ist, habe ich Angst, dass ich ihre Zeit verschwende und sie mir nur antworten, um nett zu sein. Dann rede ich mir ein, dass ich gar nicht erst hätte schreiben sollen.

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Egal, wie lange ich mit jemandem befreundet bin, ich brauche die ständige Bestätigung, dass ich geliebt werde. Sonst gehe ich vom Schlimmsten aus. Ich nehme an, dass ich sie wütend gemacht habe und, dass sie mich nicht mehr um sich haben wollen, dass die Freundschaft beendet ist.

Meine Angststörung lässt mich jede Situation überinterpretieren. Es ist egal, ob jemand am Wochenende keine Zeit für mich hat, weil er arbeiten muss. Ich glaube ihm nicht. Ich rede mir selbst ein, dass er lügt und mich insgeheim nicht sehen will.

Die ganze Welt ist gegen mich

Meine Angststörung lässt mich glauben, dass die ganze Welt gegen mich ist. Ich nehme an: Wenn etwas schlechtes passieren kann, wird es passieren. Es fällt mir schwer, optimistisch zu bleiben, weil ich schon so viele unangenehme Momente erlebt habe und ich mich wieder und wieder blamiert habe.

In sozialen Situationen weiß ich nicht, was ich sagen soll. Ich bin entweder zu ruhig oder zu laut. Ich weiß nicht, wie man sich wie ein “normaler” Mensch verhält. Ich weiß nicht, wie ich mich in Gruppen einbringen soll. 

Es fällt mir schwer mit Familienmitgliedern zu sprechen, die ich schon jahrelang kenne. Von Fremden vor mir an der Supermarktkasse ganz zu schweigen. Ich gehe davon aus, dass mich alle hassen. Ich gehe davon aus, dass sie mich hinter meinem Rücken auslachen.

Geringes Selbstwertgefühl

Deshalb habe ich so große Probleme beim Flirten. Ich gehe nie auf Flirts ein, weil ich annehme, dass diejenigen einfach nur nett sein wollen. Sogar wenn es klar ist, dass sie interessiert sind, mache ich mir keine Hoffnungen.

Ich rede mir ein, dass das nicht lang andauern wird. Sobald sie erkennen, wer ich wirklich bin, werden sie verstehen, dass ich ihre Aufmerksamkeit nicht wert bin und weglaufen. 

Meine Angststörung lässt mich an meinem Selbstwert zweifeln. Das führt dazu, dass ich auch alle meine Mitmenschen anzweifle. Wenn mir jemand Komplimente macht, glaube ich ihm nicht. Wenn mir jemand sagt, dass er mich liebt, glaube ich ihm nicht. Ich glaube nicht, dass das wahr sein kann. Ich verstehe nicht, warum jemand mit mir etwas zu tun haben wollen würde.

Wegen meiner Angststörung erkenne ich meinen Wert nicht. Ich sehen nur eine Million Fehler.  

Dieser Blog erschien zuerst bei “Thought Catalog” und wurde von Moritz Diethelm aus dem Englischen übersetzt.

(chr)