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17/03/2019 09:27 CET

Depression: Über dieses Symptom sprechen wir nie

torwai via Getty Images

Jeder, der schon mal im Straßenverkehr stecken geblieben ist oder seinen Zeh am Tisch gestoßen hat, weiß, wie schnell Wut von null auf hundert kommen kann. Normalerweise ist wütend zu werden einfach ein Teil von uns Menschen. Aber in manchen Fällen könnte ständige Wut ein Anzeichen für etwas Tieferliegendes sein: eine Depression.

Eine Studie aus dem Jahr 2014 zeigt, dass Wut – ganz egal, ob sie offen oder versteckt ausgelebt wird – ein häufiges Anzeichen für mentale Krankheiten ist. Psychologen vermuten, dass Menschen, die Schwierigkeiten haben, mit ihrer Wut umzugehen, ein größeres Risiko haben, eine Depression zu entwickeln. Experten beschrieben die mentale Krankheit sogar als “an sich selbst gerichtete Wut“ oder als “Wut, die sich nach innen kehrt.“

“Das sieht vielleicht nicht immer wie eine Depression aus, aber es ist eine“, sagt Marianna Strongin, Psychologin in New York. Strongin empfiehlt jedem, der sich ständig wütender als normalerweise fühlt, sich Hilfe zu holen und es nicht einfach nicht zu beachten.

“Wütend zu sein ist einfacher als traurig zu sein” 

“Meistens merkt der Patient seine Wut oder zumindest seine Freunde tun es“, sagt sie. “Und obwohl manchmal jemand kommt, um etwas gegen seine Wut zu tun, stellen wir oft fest, dass die Wut tiefer geht und Anzeichen einer Depression ist.“

Anstatt sich traurig oder leer zu fühlen, was wir meistens mit Depressionen verbinden, werden manche Menschen einfach viel schneller wütend als gewöhnlich. Strongin sagt, der Grund sei, dass es einfacher sei, wütend zu sein, als tiefergehende Emotionen zuzulassen.

“Traurigkeit ist schwerer zu erleben“, sagt sie. „Traurigkeit ist eine Phase, Wut nicht – die rauscht durch dich hindurch. Deshalb halten sich Menschen mit Depressionen manchmal davon ab, sich traurig zu fühlen und das steigert die Wut.”

Dem Nationalen Amerikanischen Institut der Mentalen Gesundheit zufolge, sind viele der 16,2 Millionen Amerikaner mit Depressionen Frauen zwischen 18 und 25. Aber die Psychologin Sherry Benton aus Florida sagt, es seien typischerweise Männer, die bei einer Depression Wut entwickeln.

Vor allem Männer zeigen bei einer Depression oft Wut 

“Ihre natürliche Neigung ist in solchen Fällen, sich zu isolieren“, sagt sie. “Damit kommt das Verlangen, sich aus Beziehungen zurückzuziehen, auch aus solchen, die gut für sie sind. Wut ist ein zweites Symptom davon, denn auf jemanden loszugehen, ist eine effektive Methode, Menschen von sich zu stoßen.“

Weil Männer geliebte Menschen so oft von sich stoßen und ihre Depressionen komplett verstecken, ist es für sie wahrscheinlicher, daran zu sterben. Schätzungsweise 17 Prozent der Männer werden mindestens einmal in ihrem Leben eine größere Depression entwickeln. Männer sind viermal so sehr wie Frauen gefährdet, Selbstmord zu begehen, wie eine Studie der Medizinischen Fakultät Harvard ergab.

Doch das heißt nicht, dass Frauen Wut nicht auch als Symptom einer Depression fühlen. Elizabeth, eine Künstlerin aus Orgeon, die eigentlich anders heißt, bekam die Diagnose Depression als sie 19 war und bemerkte Wut als Symptom. Sie merkte, dass sie die Kontrolle über ihre Wut verloren hatte, als sie einen Mitarbeiter bei einem Meeting anschnauzte und das Fenster von ihrem Exfreund einschlug.

“Meine Mutter hatte schon vorher bemerkt, dass ich wütend zu sein schien und dass ich etwas dagegen tun sollte“, erzählt Elizabeth, die heute 29 ist. “Ich denke, das Problem ist, dass ich Depression als eine Schwäche gesehen habe, was ich nun gar nicht mehr glaube, aber das hat mich zögern lassen, das Kind beim Namen zu nennen, als ich jünger war.“

Elizabeth ist es gelungen, ihren Zustand und ihre Wut mit einer Kombination aus Antidepressiva und gesunden Veränderungen ihres Lebensstils zu ändern.

“Ich habe begonnen, Yoga zu machen, als ich vor einem Jahr wirklich große Probleme mit meiner Depression hatte und fühle mich tatsächlich so, als hätte es mein Bewusstsein für meinen Körper und meine Atmung verbessert und das hilft mir jetzt, aus depressiven Stimmungen auszubrechen“, sagt sie.

Psychologin: “Wut ist nie einfach nur Wut”

Zusätzlich zu ihren Medikamenten, Atemübungen und Sport sagt Strongin, auch ein persönliches Journal zu führen, könne dabei helfen, mit Wut besser umzugehen und zu der Wurzel der Depression des Patienten zu gelangen. Sie empfiehlt ihren Patienten, ihre negativen Gedanken aufzuschreiben, sie zu hinterfragen und nach Beweisen zu suchen, ob das, was sie sagen, wirklich wahr ist. 

“Wenn der Gedanke ist: ‚Ich bin nicht gut genug’, würde ich mich zum Beispiel fragen: ‚Warum eigentlich nicht?’ Wenn man unsichere Gedanken über sich selbst hat, sollte man nach Antworten suchen.“

Aber ganz egal, was einem am Ende helfe, am wichtigsten sei es, sich Hilfe zu suchen. Mit einem Fachmann über seine Depression zu sprechen, kann helfen, diese und Begleiterscheinungen wie die Wut, loszuwerden.

“Wut ist niemals einfach nur Wut“, sagt Strongin. „Es ist immer ein Symbol dafür, dass irgendetwas gerade nicht funktioniert.“

Dieser Text erschien zuerst bei der HuffPost US.