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11/06/2018 17:09 CEST | Aktualisiert 11/06/2018 17:09 CEST

Was ich durch meine Depression über Männlichkeit gelernt habe

Rund drei Mal so viele Männer wie Frauen begehen Suizid.

Drew Angerer via Getty Images
Der Selbstmord des TV-Kochs Anthony Bourdain erschütterte viele Menschen – vor seinem Restaurant legen sie Blumen nieder.

Der neue Selbstmord-Bericht des Centers for Disease Control and Prevention (CDC) über Suizide in den USA ist alarmierend. 

Die Suizidrate in den USA ist von 1999 bis 2016 in fast allen Bundesstaaten angestiegen. In lediglich einem einzigen Staat hatte sich die Zahl nicht erhöht. In 25 Staaten begingen 2016 sogar über 30 Prozent mehr Menschen Suizid als noch 17 Jahre zuvor.

Vom CDC heißt es außerdem, dass sich 2016 fast 45.000 Amerikaner das Leben genommen hatten. Insgesamt sind das mehr Menschen, als bei einem ausverkauften Spiel in das Chicagoer Baseball-Stadion Wrigley Field passen würden.

In den vergangenen Wochen war das Thema Selbstmord alles andere als ein vager oder weit entfernter Gedanke: Ende April erschütterte der Tod von Star-DJ Avicii die Welt, vergangenen Dienstag mussten wir vom Tod der beliebten Modedesignerin Kate Spade erfahren. Und am Freitag wurde dann bekannt, dass Starkoch Anthony Bourdain bei Dreharbeiten zu seiner CNN-Serie “Parts Unknown” in Frankreich gestorben war.

28 Frauen, 96 Männer

Plötzlich kannte jeder einen Menschen, der sich selbst das Leben genommen hatte – zumindest aus den Medien. Und mindestens eine Organisation für psychische Gesundheit brachte diese Promi-News mit dem allgemeinen Anstieg an Selbstmord-Fällen in den USA in Verbindung. 

In ihrer Stellungnahme zum Tod von Kate Spade wies der amerikanische Verband für Suizidologie darauf hin, dass in den Vereinigten Staaten jeden Tag 28 Frauen durch Selbstmord ums Leben kämen. In einer weiteren Stellungnahme erklärte die Organisation, sie würde neben dem Tod Bourdains “auch den Tod der 95 anderen Männer betrauern, die an diesem Tag in den USA durch Selbstmord ums Leben kommen werden.”

Als Journalist, der über das Thema psychische Gesundheit schreibt, und als Mann, der selbst lange mit Ängsten und Depressionen zu kämpfen hatte, ist mir beim Bericht des CDC eine erschreckende Tatsache besonders ins Auge gestochen: Bei 84 Prozent der Männer, die sich selbst das Leben genommen hatten, war vorher offiziell keine psychische Erkrankung diagnostiziert worden.

Jungs, wir müssen nicht so weitermachen

Diese Tatsache weist darauf hin, dass tausende Männer im Stillen leiden, bevor sie Selbstmord begehen. In einem im Mai 2018 anonym veröffentlichten Bericht auf der Veteranen-Nachrichtenplattform “Task and Purpose” beschrieb ein an Selbstmordgedanken leidender ehemaliger Marineoffizier diese Tat als “Erlösung von dem Schmerz, der Angst und dem Hass, die mein ganzes Leben beherrscht haben.”

In Deutschland ist die Suizidrate seit den 80er Jahren deutlich gesunken. Allerdings verzeichnet das Statistische Bundesamt seit dem Jahr 2007 wieder einen leichten Anstieg. Im Jahr 2015 nahmen sich in Deutschland 10.078 Menschen das Leben. Das Geschlechterverhältnis ist ähnlich wie in den USA: Ungefähr drei Mal so viele Männer wie Frauen begehen Suizid. 

► Jungs, wir müssen wirklich nicht so weitermachen. Und ich spreche dabei aus eigener Erfahrung.

Vor genau einem Jahr wurde mein Leben durch eine ganze Reihe dramatischer Ereignisse erschüttert: Erst kam eine Trennung, und dann musste ich innerhalb von zwei Monaten auf drei Beerdigungen gehen. Dazu kam beruflicher Stress, der sich über mehrere Jahre hinweg aufgestaut hatte und der durch meinen Hang zur Arbeitssucht noch verschlimmert wurde. Schließlich verfiel ich in schwere Depressionen.

Ich war zwar nicht selbstmordgefährdet, doch ich war alles andere als gesund. Am 29. Mai schrieb ich in mein Tagebuch, dass ich momentan “total durch den Wind” war. Am 1. Juni schrieb ich, dass ich den Druck der Abgabefrist für einen Artikel “kaum mehr aushalten” konnte. Zwei Tage später schrieb ich: “Momentan befinde ich mich in einer dieser Phasen, in denen sich jeder einzelne Tag wie ein Kampf anfühlt.”

“An alle Männer: Eine Therapie wegen psychischer Probleme ist keine unbegreifliche und befremdliche Angelegenheit, die anderen Menschen in irgendeinem Krankenhaus passiert.”

Ich würde mich selbst als ziemlich sensiblen, gut informierten und fortschrittlich denkenden Mann beschreiben, der nicht allzu stark von toxischer Männlichkeit belastet ist. Doch wenn ich jetzt im Nachhinein über die Ereignisse nachdenke, die meine depressive Phase ausgelöst haben, wird mir klar, dass ich es viele Jahre lang kaum aushalten konnte, andere Menschen um Hilfe bitten zu müssen.

Es fiel mir schwer, mich in Therapie zu begeben, obwohl ich ein paar Monate vor Ausbruch meiner depressiven Phase bereits eine Therapie gemacht hatte. Es fiel mir jedoch auch bei weniger bedeutsamen Dingen bereits schwer, mir Hilfe zu holen. Ich bat Freunde und Kollegen ungern um einen Gefallen und ich schaffte es nicht einmal, anderen Menschen zu gestehen, dass ich gerade eine schwierige Phase durchmachte.

Es gibt so viele Menschen, die dir helfen wollen

Geht es den Männern, die Selbstmord begehen, ohne vorher mit einer psychischen Erkrankung diagnostiziert worden zu sein, vielleicht ähnlich wie mir damals?

► Und wissen diese Männer über die allgemeinen Behandlungsmöglichkeiten bei psychischen Erkrankungen Bescheid?

Falls ja, ist dies einer der seltenen Fälle, in denen ich Männer dazu auffordern möchte, viel mehr auf sich selbst zu achten. An alle Männer: Eine Therapie wegen psychischer Probleme ist keine unbegreifliche und befremdliche Angelegenheit, die anderen Menschen in irgendeinem Krankenhaus passiert. Es geht um euch, selbst wenn ihr noch niemals auf der Couch eines Psychotherapeuten gelegen habt.

Du kannst ein Lastwagenfahrer aus Nevada, ein Börsenmakler aus Chicago, eine Küchenhilfe aus Florida, ein Polizist aus Topeka, ein Arbeitsloser aus Dallas oder ein Millionär aus Seattle sein. Ganz egal, wer du bist: Es gibt einen kompletten Industriezweig an Menschen, die dir helfen wollen.

Ich spreche dabei von den tausenden intelligenten, einfühlsamen Menschen, die jahrelang studieren und sich ausbilden lassen, die Konferenzen besuchen, Bücher lesen und Artikel verfassen. Und das alles nur, um dir helfen zu können. Sie haben in ihrem Terminkalender noch einen Platz frei, um dir helfen zu können.

Verletzbarkeit sehe ich jetzt als Zeichen von Stärke

Und falls nicht, überweisen sie dich an einen zuverlässigen Kollegen, der diese Aufgabe übernehmen kann. Ihre Praxen sind sichere und diskrete Orte, an denen du weinen, Dampf ablassen und vielleicht sogar über Dinge sprechen kannst, die du noch niemals irgendjemandem erzählt hast.

In meinem Fall hat eine kontinuierliche Kur aus Therapie, Selbstbeobachtung und Selbstfürsorge nicht nur entscheidend zu meiner Genesung beigetragen. Mit der Zeit hat diese Kur mir auch dabei geholfen, mein Verständnis von Männlichkeit neu zu überdenken.

Inzwischen betrachte ich Verletzbarkeit als eine Form von Stärke, obwohl ich meine eigene Verletzbarkeit vorher so lange Zeit zu verbergen versucht habe. Mittlerweile erachte ich es als ein Zeichen von Stärke, wenn man sich Hilfe holt. Ich bin zwar in beidem noch nicht besonders gut, doch immerhin arbeite ich daran. Und ich habe den Eindruck, dass diese Arbeit mich bereits zu einem besseren Mann gemacht hat.

Neben allen diesen Tragödien der vergangenen Wochen gibt es jedoch auch eine Meldung, die uns Hoffnung schöpfen lässt. Nach Angaben des National Institute of Mental Health könne man Selbstmorden in vielen Fällen vorbeugen.

Eine wichtige Maßnahme zur Vorbeugung ist Aufklärung. Und die hilfreichsten Quellen, die ich gefunden habe, sind durchaus nicht nur dicke Psychologie-Lehrbücher. Stattdessen gibt es den TED-Talk von Andrew Solomon zum Thema Depressionen oder Matt Haigs Buch “Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben.”

Wenn du dich lieber durch offizielle Quellen informieren möchtest, kannst du dir auch den Eintrag zu schweren Depressionen im Diagnose-Leitfaden für psychische Störungen der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft durchlesen. Der aktuelle CDC-Bericht enthält darüber hinaus wertvolle praktische Informationen, wie beispielsweise Tipps zur Erkennung von Warnzeichen für einen bevorstehenden Selbstmord.

“Selbstmordgedanken sind immer ein Zeichen für eine Krankheit”

Aufklärung ist eines der wichtigsten Waffen zur Bekämpfung des Stigmas, mit dem Männer mit psychischen Erkrankungen konfrontiert werden.

Heute habe ich mir meine alten Tagebuch-Einträge mit einem gewissen Staunen und Dankbarkeit noch einmal durchgelesen. Ich bin von meinen Ängsten und negativen Gedanken zwar noch nicht “geheilt”, doch es geht mir bereits viel besser.

Nachdem ich mich monatelang wie erstarrt gefühlt habe, kann ich mittlerweile wieder meine komplette Bandbreite an Gefühlen wahrnehmen. Ich habe wieder mehr Energie und neue Ziele. Ich verfüge wieder über viel mehr Neugier, Wut und geistige Klarheit und über so viele andere Gefühle, die einem Depressionen rauben können.

Als Reaktion auf die Berichte über Bourdains Tod veröffentlichte der Journalist Zack Beauchamp vergangenen Freitag einen Artikel über seine eigenen Erfahrungen mit psychischen Problemen und über seinen Weg der Genesung. Dieser Weg begann damit, dass er “aufhörte, seine Gefühle zu verstecken, und die Menschen, die ihn liebten, in seine Probleme einweihte”. 

Der US-Moderator Peter Sagal veröffentlichte zur selben Zeit einen Artikel, in dem er erklärte, welche zentrale Rolle Antidepressiva bei der Behandlung seiner psychischen Störungen gespielt hätten. Für den Autor des oben erwähnten Artikels auf der Plattform “Task & Purpose” spielte vor allem die Aussage eines Oberfeldwebels eine entscheidende Rolle: “Selbstmordgedanken weisen immer auf einen medizinischen Notfall hin.

Bei mir kam der Wendepunkt dadurch, dass meine Depressionen und mein Burnout so schlimm wurden, dass ich mir selbst nicht mehr heraushelfen konnte.

Die Geschichten über den Genesungsprozess nach einer psychischen Erkrankung werden bei jedem Mann ein wenig anders aussehen. Doch sie alle beginnen an irgendeinem Punkt damit, dass die Betroffenen anfangen, über ihre Probleme zu sprechen.

Und wie der CDC-Bericht deutlich macht, sind nicht nur die Betroffenen für die Entstehung solcher Gespräche verantwortlich. Unter der Überschrift “5 Schritte, wie du einer selbstmordgefährdeten Person helfen kannst” findet sich ein einfacher Vorschlag:

► “Frag nach.”

Hinweis der Redaktion: Wenn du das Gefühl hast, dein Leben macht keinen Sinn mehr, wende dich bitte an die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.

Beim Jugendinformationszentrum München findest du zudem persönliche und telefonische Beratung für Kinder und Jugendliche. Telefonnummer: 089 550 521 50 (Sprechzeiten: Montag bis Freitag von 13 – 18 Uhr). 

Dieser Blog erschien ursprünglich bei HuffPost US und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.