POLITIK
24/04/2018 18:27 CEST | Aktualisiert 26/04/2018 15:58 CEST

Die Deppen der Nation: Warum mir Deutschlands Soldaten nur noch leid tun

Viele Meldungen über die Bundeswehr könnten Satire sein.

Oben im Video: Ex-Bundeswehr-General Klaus Naumann – “Wir leben in einer Welt ohne Sicherheit.”

Nehmen wir kurz an, die Polizei müsste in deutschen Großstädten mit jahrzehntealten VW-Käfer-Modellen auf Verbrecherjagd gehen. Nur eines von vier Fahrzeugen wäre überhaupt fahrbereit, die anderen dienten als Ersatzteillager.

Die Polizisten würden immer noch mit analogen Funkgeräten arbeiten, die ziemlich einfach von interessierten Kreisen abzuhören sind. Und in der Kantine wäre so weit gespart worden, dass eine ausreichende Verpflegung nicht mehr gewährleistet werden könnte.

Wer würde dann heute noch gern Polizist werden? Und würden wir das genauso regungslos hinnehmen wie die nunmehr schon seit mehreren Jahrzehnten dauernden Sparmaßnahmen bei der Bundeswehr?

Es ist in Deutschland nicht sonderlich populär, sich zu den Streitkräften zu bekennen. Schnell wird man als Militarist gebrandmarkt, als Kriegstreiber und Befürworter des Wettrüstens. Leidenschaftliche Anwälte haben die deutschen Soldaten nur wenige. Und die haben zu allem Übel mitunter auch noch zweifelhafte politische Motive, so wie die AfD.

Die Bundeswehr soll ein Grundbedürfnis erfüllen: Sicherheit

Eigentlich ist die Sache einfach: Der gesetzliche Auftrag der Bundeswehr ist die Wahrung von Deutschlands äußerer Sicherheit.

Sicherheit ist ein menschliches Grundbedürfnis. Und auch Staaten müssen ein Gefühl von äußerer Sicherheit nach innen kommunizieren können. Die Diplomatie spielt dabei eine wichtige Rolle. Aber ohne Militär geht es eben nicht. Das gilt umso mehr, seit Deutschland in Bündnissen kollektiver Sicherheit aktiv ist.

Die Soldaten haben mehr Loyalität verdient

Leider läuft der Diskurs hierzulande nicht so einfach. Der Bundeswehr wird allerhand unterstellt: Im Jahr 2014 beispielsweise raunten sich die deutschen Friedensaktivisten zu, dass die Bundeswehr Teil eines geplanten Angriffskrieges gegen Russland sei.

Und nach den Luftschlägen in Syrien hieß es wieder, dass die “Kriegstrommeln“ zu hören seien.

Im Ernst: Bei einer Armee, die noch über gut 100 einsatzbereite Kampfpanzer verfügt, gehört schon sehr viel Alltagsradikalismus dazu, um sich das Szenario einer neuen Ostfront vorstellen zu können. Wen auch immer die deutsche Friedensbewegung da trommeln hört – das Heeresmusikkorps ist es nicht.

Eigentlich hätten deutsche Soldaten mehr Loyalität verdient. Die Bundeswehr war jahrzehntelang auch deswegen eine deutsche Erfolgsgeschichte, weil sie als Parlamentsarmee in der Gesellschaft verankert war.

Sie hat kein Eigenleben entwickelt, so wie die Reichswehr in der Weimarer Republik, und sie hat sich nicht als Gegenentwurf zum Zivilleben stilisiert, so wie die Kaiserliche Armee unter Wilhelm II. Eigentlich müsste dem Staat viel daran liegen, diesen sehr gelungenen Entwurf einer demokratischen Armee zu pflegen.

Bundeswehr-Meldungen, die fast schon Satire sein könnten

Doch der derzeitige Zustand der deutschen Streitkräfte ist besorgniserregend. In einem Klima, das zwischen unfreundlichem Desinteresse und falsch verstandener Friedensliebe pendelt, erreichen uns aus der Bundeswehr Meldungen, die fast schon als Satire durchgehen könnten.

► Die Marine etwa hat derzeit sechs U-Boote. Keines davon ist derzeit einsatzbereit, weil es an Ersatzteilen fehlt.

► Früher gab es große Materiallager, doch die wurden aufgelöst – weil die Politik es für eine tolle Idee hielt, die Ersatzteile von der Industrie “just in time“ liefern zu lassen. So spart man dann auch die Kosten für das Lager. Und die Friedensbewegung ist happy, weil der Wehretat sinkt.

► Ab 2019 soll die Panzerlehrbrigade 9 aus Munster die Führung der Landstreitkräfte innerhalb der “Speerspitze der Nato“ übernehmen. Das sind Truppenteile, die in Notfällen zwischen 48 und 72 Stunden verlegt werden können.

Doch den Soldaten stehen derzeit nur neun von 44 Kampfpanzern des Typs Leopard 2 zur Verfügung.

Die heruntergewirtschaftete Sowjetarmee hatte am Ende des Kalten Krieges eine bessere Quote bei der Einsatzbereitschaft. Damals ging man davon aus, dass nur zwei Drittel der Panzer im Ernstfall liegen geblieben wären.

► Aber vielleicht ist es auch besser, dass die Soldaten in der Kaserne bleiben. “Ohne Mampf kein Kampf“, lautet eine alte Soldatenweisheit. Und im Februar wurde bekannt, dass der Bundeswehr die Einmannpackungen, vulgo “Marschpakete“, ausgehen.

► Das sind nur einige Beispiele aus einer ganzen Kette von Vorfällen. Es fehlt an Schutzwesten, an Nachtsichtgeräten, Zelten.

► Die Funkausrüstung ist in vielen Truppenteilen Jahrzehnte alt und entspricht nicht den Nato-Standards. 

► Über den Nachfolger des Gewehrs G36 ist immer noch nicht entschieden worden. Jahre, nachdem Mängel beim Einsatz in Afghanistan bekannt wurden.

► Und die Bundeswehr musste erst kürzlich einen Vertrag mit dem ADAC abschließen, damit die Hubschrauberpiloten auf die nötigen Flugstunden kommen.

Wir brauchen einen höheren Wehretat

Der Nachwuchsmangel bei der Bundeswehr ist eine direkte Folge solcher Possen. Wer will schon zu einem Arbeitgeber, der seine Beschäftigten nicht nur verhältnismäßig schmal entlohnt, sondern auch mit völlig veralteter Technik arbeiten lässt? Wer will schon im Ernstfall sein Leben riskieren, wenn er sich dringend benötigte Technik noch selbst hinzu kaufen muss?

Hier sind wir alle gefragt, als Gesellschaft: Denn wer sich für diesen Staat einsetzt, der darf nicht so sträflich alleine gelassen werden mit allen Problemen. Eine Erhöhung des Wehretats ist fällig.

Nicht, um”aufzurüsten“. Sondern allein schon deswegen, damit die gröbsten Mängel beseitigt werden können, die in der Zeit entstanden sind, als wir uns an der so genannten “Friedensdividende“ beschwipst haben.

(sk)