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13/04/2018 18:34 CEST | Aktualisiert 18/04/2018 14:36 CEST

Wie ein fränkischer Bürgermeister den Bevölkerungsschwund bekämpft

Seit 2008 sorgen die Maßnahmen des CSU-Politikers Wolfgang Borst selbst in Asien für Aufsehen.

Marco Fieber / HuffPost
Bürgermeister Wolfgang Borst an seinem Schreibtisch im Rathaus von Hofheim in Unterfranken.

Der Blick streift über Wiesen und frisch bestellte Felder. Dazwischen strecken sich immer wieder kleine Wäldchen empor. In unregelmäßigen Abständen wippen Hügel auf und ab.

Gerade Touristen schätzen die Abgeschiedenheit und Ursprünglichkeit des Hofheimer Landes, einer Region zwischen Schweinfurt und Bamberg, direkt an der Grenze zu Thüringen. Doch die Orte dort haben ein Problem: Junge Menschen verlassen die Gegend in Scharen, die Alten sterben weg. 

“2006 kam das Thema Demografie auf den Tisch”, erinnert sich Wolfgang Borst, Bürgermeister von Hofheim in Unterfranken. Die Experten prognostizierten für den Regierungsbezirk einen Bevölkerungsrückgang von etwa 10 Prozent innerhalb von 20 Jahren. “Hier, in der Peripherie und an der ehemaligen innerdeutschen Grenze, rechneten sie gar mit 15 Prozent Rückgang”, erinnert sich Borst. 

► Zum Vergleich: In Südbayern soll die Bevölkerung hingegen um mehrere Prozent wachsen.  

Doch seit nunmehr zehn Jahren stemmt sich der CSU-Politiker gegen den Trend – und sorgt mit einer Reihe von Gegenmaßnahmen nicht nur deutschlandweit, sondern sogar in Ostasien für Aufsehen.

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Das Ortseingangsschild von Hofheim in Unterfranken

“Nur wenn sich der gesamte Ort einbringt, sind wir erfolgreich”

Wer Borst in seinem Büro besucht, der sieht zuerst den massiven Schreibtisch, übersäht mit Unterlagen. Auch auf dem Besprechungstisch, an den er bittet, stapeln sich die Papiere.

Borst ist offensichtlich vielbeschäftigt. Trotzdem nimmt er sich die Zeit, um das Konzept, sein Konzept gegen den Bevölkerungsschwund zu erklären. 

Als er damals die Zahlen zur Abwanderung sah, war für ihn klar: “Ich muss etwas tun. Gerade im nördlich Teil unseres Landkreis – mit einer noch schlechteren Infrastruktur – wird die Demografie hart zuschlagen.”

Die Voraussetzungen in Hofheim und den umliegenden Gemeinden, etwas gegen die Abwanderung zu tun, waren denkbar schlecht. Und sie sind es nach wie vor.

Für große Industrieunternehmen sind die wichtigen Verkehrsanbindungen zu weit weg, Mittelstand und Handwerksbetriebe stellen das Gros der Arbeitsplätze. Viele Arbeitnehmer pendeln auch ins eine halbe Autostunde entfernte Schweinfurt oder ins noch weiter entfernte Bamberg.

“Es gibt viele Förderprogramme, aber wir müssen beim Einfädeln helfen, sonst funktioniert es nicht”, erklärt Borst. Weil die Konzepte “nicht vom Himmel fallen”, wie er es ausdrückt, hat sich der heute 65-Jährige 2008 selbst daran gemacht eines zu entwickeln.

Die zwei zentralen Ziele seiner Initiative:

► Kein Haus in den Gemeinden sollte mehr leerstehen.

► Die Infrastruktur und Nahversorgung müsse ausgebaut werden.

Was ersteinmal unspektakulär klingt, hatte erstaunliche Effekte. 

Um die Ziele umzusetzen, hat sich Hofheim zusammen mit sechs Nachbargemeinden im Landkreis zur Hofheimer Allianz zusammengeschlossen. Borst steht dem Zusammenschluss vor.

Er und die anderen Bürgermeister haben den Bürgern Fördermöglichkeiten aufgezeigt und sie bei Anträgen unterstützt. In einigen Orten stellte die Gemeinde ihren Bürgern zudem nicht mehr benötigte öffentliche Gebäude zur Verfügung. Des Weiteren haben Borst und seine Mitstreiter eine Nachbarschaftshilfe auf- und den Bürgerservice ausgebaut. Ebenso entwickelte die Allianz ein Förderprogramm für die lokalen Handwerksbetriebe, so bekommen deren Azubis beispielsweise Wohnraum zur Verfügung gestellt.

Klar war: “Das erste Projekt musste sitzen, sonst wäre am Stammtisch nur noch geschimpft worden”, blickt Borst auf die unsichere Anfangszeit zurück. Doch die hat er mittlerweile gemeistert. 

In den vergangenen Jahren sind überall mehrere Dorfläden und Gemeinschaftshäuser (siehe Karte) sowie zahlreiche kleine Bürgerinitiativen entstanden, von einer Brauerei über Dorfvereine bis zu einer Brotbackgemeinschaft. 

“Alle Maßnahmen sind nur erfolgreich, wenn sich der ganze Ort einbringt, auch finanziell”, betont Borst. “So haben wir es geschafft, die Gemeinschaft zu reaktivieren.”

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Alte Häuser auf Ebay Kleinanzeigen

Bei der Bekämpfung der Leerstände ging Borst einen gänzlich neuen Weg. “Es ist nicht zu verantworten, neue Baugebiete zu schaffen. Jeder Bürgermeister, der das tut, macht seinen Ort und sein Zentrum vorsätzlich kaputt”, schimpft der CSU-Politiker. Denn das “bläht nur die Infrastruktur auf”, was das Wohnen für alle Bürger wiederum teurer mache.

► Das Gegenrezept: Wenn ein Haus durch Wegzug oder den Tod des Eigentümers leer wird, wird sofort gehandelt. Denn wenn erst einmal mehrere Häuser nebeneinander leer stehen, sinkt die Attraktivität weiter ab – und die Chance einen Käufer zu finden.

Jeder Bürgermeister im ländlichen Raum, der neue Baugebiete schafft, macht seinen Ort und sein Zentrum vorsätzlich kaputt. Woflgang Borst

Um neue Interessenten, gerade junge Familien, auf die Häuser aufmerksam zu machen, setzte Borst von Anfang an auf das Internet – und persönliche Unterstützung. 

“Ich bin die Zentrale”, erklärt Matthias Hirschmüller. Von Borsts Nachbarzimmer aus verwaltet Hirschmüller alle Leerstände in den sieben beteiligten Gemeinden der Hofheimer Allianz in einer gemeinsamen Datenbank, gegenwärtig etwa zwei Dutzend. 

Sobald ein Haus nicht mehr bewohnt ist, versucht der Leerstandsmanager den Eigentümer vom Verkauf zu überzeugen. Etwa jeder fünfte wolle sofort verkaufen. “Gerade in der Peripherie sind aber alle verkaufsbereit – ansonsten regelt das oft der Preis”, sagt Hirschmüller.

Gibt der Besitzer sein Einverständnis, werden die Häuser fotografiert und auf einem eigenen Portal und bei Ebay Kleinanzeigen inseriert. Sogenannte Leerstandslotsen, Bürgermeister Borst und von der Allianz beauftragte Architekten schätzen den Verkaufspreis.

“Manchmal steht das Haus kaum im Netz, schon haben wir einen Zuschlag”, erzählt Hirschmüller. In der Regel finde sich aber spätestens nach einem halben Jahr ein Käufer. Vermutlich auch, weil keine Provision anfällt. Denn das Ziel ist, “die Dinger möglichst schnell zu beleben”, betont Hirschmüller.

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Der Marktplatz in Hofheim in Unterfranken

“Können wir das stemmen?”

Ganze acht Jahre stand das Haus leer, in das Familie Vierneusel vor zwei Monaten zog. Die Eltern zweier kleiner Kinder träumten von einem alten Fachwerkhaus. “Wir hatten ein spezielles Haus im Kopf”, sagt Simone Vierneusel. “Bevor wir 2014 den Hof in Hofheim entdeckt haben, suchten wir zwei Jahre lang vergeblich.”

Simone und ihr Mann Bernd haben beide in der Nähe von Stuttgart studiert, wollten aber nach dem Abschluss wieder zurück nach Unterfranken. 

Vom Tag, an dem sie das Haus auf der Webseite der Hofheimer Allianz entdeckte, bis zum abgeschlossen Kaufvertrag dauerte es nur wenige Monate, erzählt die Ingenieurin. 

Die Bezeichnung “Haus” ist allerdings untertrieben: Das Anwesen der Vierneusels ist ein Dreiseitenhof mit Scheune und vielen Nebengebäuden. Der gesamte Gebäudekomplex stammt aus dem Jahr 1794 und umfasst 1200 Quadratmeter – und wurde nie saniert.

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“Es ist ein riesiges Projekt”, sagt Vierneusel. “Wir haben uns anfangs natürlich gefragt, ob wir das wirklich stemmen können.” Aber die Rahmenbedingungen hätten gestimmt.

“Die Hofheimer Allianz und Herr Borst haben von Anfang an hinter uns gestanden”, berichtet Vierneusel. Sie sagt: Die Beratung, sei es bei der Denkmalpflege oder der Statik, “war schon sehr wichtig”.

Die Familie habe von Beginn an gewusst, wie groß die finanzielle Belastung wird. Allein die Analysen, bevor die umfangreichen Umbauarbeiten überhaupt beginnen konnten, dauerten ein Jahr. Die eigentliche Bauphase noch einmal zwei Jahre.  

Wegen des Denkmalschutzes hätte sich alles verschoben. “Wir hätten nie so gebaut – aber der Hof und das Ambiente leben davon, das alles so erhalten bleibt.”

Privat
Das denkmalgeschützte Anwesen der Familie Vierneusel vor Beginn der Umbaumaßnahmen

Fachwerkhaus nicht teurer als ein Neubau auf der grünen Wiese

Natürlich hat nicht jeder Leerstand einen solchen Sanierungsumfang wie bei Familie Vierneusel. “Aber bei jedem einzelnen Projekt muss man die Vorteile herausarbeiten”, bemerkt Bürgermeister Borst. Das Bauen und Renovieren der alten Häuser dürfe nicht teurer sein als ein Neubau.

So wurden bei den Vierneusels rund 70 Prozent der Baukosten durch externe Förderungen gedeckt. Dadurch sei die Sanierung nicht teurer als ein neues Haus auf der grünen Wiese gewesen, rechnet Borst vor.

“Wir sehen, dass zunehmend Familien aus den Ballungszentren hierher ziehen – allein in den letzten Monaten fünf Familien aus München, freut sich der Bürgermeister. Damit die auch von der unterfränkischen Provinz aus arbeiten können, sollen zeitnah alle Dörfer eine Internetverbindung mit mindestens 50 Megabit bekommen.

Seit 2008 konnten mehr als 230 leerstehende Gebäude an neue Bewohner vermittelt werden. Gerade im Norden der Hofheimer Allianz, an der Grenze zu Thüringen, “wäre ohne das Programm nichts gelaufen”, glaubt Borst. “Dort wäre die Bevölkerung vermutlich schon jetzt um ein Fünftel geschrumpft.”

Ein Blick auf die Zahlen zeigt den Erfolg von Borsts Maßnahmen: Zwar geht die Bevölkerung in den meisten Gemeinden der Allianz noch zurück, allerdings nur leicht. Und längst nicht so massiv wie prognostiziert. 

Allein durch den Wegzug von Abiturienten und Studenten verlieren die sieben Gemeinden jährlich etwa 150 Bewohner. Doch diese Abwanderung kann mittlerweile durch Zuzüge ausgeglichen werden.

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Anmerkung: Das Wanderungssaldo betrachtet nur die Zu- und Wegzüge, nicht hingegen Verstorbene. Für die Hofheimer Allianz heißt das, dass in den vergangenen Jahren mehr Menschen in die Region gezogen, als abgewandert sind.

“Es ist erst die Spitze des Eisberges, die wir gerade sehen”

Und auch die Aufmerksamkeit gibt Borst recht: In regelmäßigen Abständen kommt eine Delegation aus Südkorea ins Hofheimer Land. Gemeinden auf dem Land in dem ostasiatischen Staat haben mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie Borst. 

Aber auch in Deutschland hat sich Borst einen Namen gemacht. Das ganze Jahr über kamen Gemeindevertreter nach Unterfranken, um sich die Allianz anzuschauen. Der Andrang war in der Vergangenheit gar so groß, dass die Anfragen nun gesammelt bearbeitet werden. In jedem Quartal findet eine Gruppenführung durch die Orte statt. 

Borst selbst war schon in der Slowakei, neulich in Brüssel und selbst an der TU München hat er schon ein Seminar zu seinem Vorhaben gegeben.

“Obwohl wir hier von einem Erfolg sprechen können”, erklärt Borst, blicke er dennoch skeptisch in die Zukunft. “Es ist erst die Spitze des Eisberges, die wir gerade sehen. Die große Welle kommt erst noch.”

Denn Borst weiß, dass viele der älteren Menschen in Hofheim und den Nachbargemeinden nur noch alleine in ihren Häusern wohnen. Viele der Anwesen könnten schon bald leer stehen.

Immerhin: Besser als Borst könnte ein Bürgermeister kaum darauf vorbereitet sein.