BLOG
29/07/2018 16:22 CEST | Aktualisiert 29/07/2018 16:22 CEST

Dematerialisierung: Chance zu mehr Nachhaltigkeit durch Digitalisierung

Interview mit dem Techniksoziologen Felix Sühlmann-Faul

In der Soziologie spricht man von “technological fixes”: Hier wird ein soziales Problem durch eine technische Lösung ersetzt. Weshalb gelingt dies meistens nicht?

Das ist eine Strategie, die es zwar schon immer gegeben hat, jedoch durch die Rationalisierung, Säkularisation und Technisierung (Weber: “Entzauberung der Welt”) zur gängigen Praxis geworden ist. Man nehme ein soziales Problem und setzt dann Technologie zu dessen Lösung ein. Meistens geht das schief, und es ist auch klar, warum: soziale Probleme sind überaus komplex und Einflussfaktoren meist nicht komplett ersichtlich. Sie finden nicht in einem geschlossenen System statt, sondern beeinflussen viele andere Ebenen.

Soziale Probleme sind häufig auch nicht letztendlich „gelöst“, sondern verringern sich oder wandeln sich. Technische Lösungen können daher jeweils Symptome bekämpfen, aber eigentlich nie den Ursprung. Um es konkret zu machen: Kriminalität wird nicht durch Videoüberwachung „abgeschaltet“. Vorratsdatenspeicherung erzeugt mehr Daten, aber keineswegs mehr Information. Mehr Straßen entzerren nicht den Verkehr - die Verkehrsmenge steigt parallel zur „Straßenmenge“. Zudem tendieren technische Lösungen im sozialen Kontext dazu, Nebenfolgen zu erzeugen, die häufig negative Auswirkungen haben.

Welche sind das?

Das Auto macht uns alle mobiler und revolutionierte gesellschaftliche und geografische Strukturen, macht uns aber auch alle krank und zerstört die Umwelt. DDT ist ein effektives Pestizid, erzeugt jedoch alle möglichen Krebsarten. Und zuletzt verhindern manchmal technische Lösungen sogar grundlegenden Wandel. Beispiel Geo-Engineering. Hier wird u.a. durch große Spiegel versucht, die Sonneneinstrahlung auf die Erde zu reduzieren und so die Erderwärmung zu reduzieren. Oder die Entwicklung, dass vor kurzem ein Enzym entdeckt wurde, das Plastik in Erdöl zurückverwandeln kann. Diese Entwicklungen verhindern ein grundsätzliches Umdenken und lassen uns im Status Quo verharren - es wird ja sicher schon irgendeine technische Lösung geben, die das Problem regelt.

Seit wenigen Jahrzehnten entspringt diese Form von Arroganz, die Soziosphäre genauso wie die Technosphäre steuern zu wollen, vielen wichtigen Köpfen aus Silicon Valley. Aufgrund des Erfolgs der Big Tech-Konzerne ist ein Umdenken hier aber nicht in Sicht. Hatespeech und Fake News sollen bei Facebook per KI identifiziert und gelöscht werden. Entfernt das auch die dahinter steckenden Motive?

Zudem gibt es auch technische Lösungen für Probleme, von denen wir bisher gar nicht wussten, dass wir sie haben…

Per Telefon einen Friseurtermin zu vereinbaren oder einen Tisch für vier in einem Restaurant zu reservieren war bis vor kurzem selbst für fortgeschrittene Soziophobiker*innen durchaus zu bewältigen. Aber Google Duplex ist zur Stelle und regelt das mittels KI. Eine große Menge von Dienstleistungsmodellen der Plattformen Google, Amazon, Apple, Facebook etc. bestehen darin, uns technologische Lösungen für bislang ungekannte Probleme zu liefern. Dahinter steckt natürlich das Interesse, mehr Verhaltensdaten zu sammeln.

Warum liegt eine wichtige Chance für mehr Nachhaltigkeit durch Digitalisierung in der Dematerialisierung?

Die Ersetzung physischer Objekte und Produkte durch etwas Digitales hat ein enormes Potenzial, Energie und Ressourcen zu sparen. Paradoxerweise tritt trotz der überragenden Fähigkeit der Digitalisierung zur Effizienzsteigerung keine Senkung von Energie- und Materialfluss ein. Vielmehr steigt der Energieverbrauch von Elektrogeräten sowie Abbau und Transport von Rohstoffen ständig und die steigende Menge an E-Waste beweist eine Erhöhung des Materialverbrauchs. Daher ist die fortschreitende technologische Entwicklung eine notwendige aber nicht hinreichende Komponente, um den Grad der Dematerialisierung und damit der Nachhaltigkeit für eine vermehrte Nachhaltigkeit zu steigern.

Deshalb muss die Digitalisierung so genutzt werden, dass die Einsparungen auf Ebene von Energieverbrauch und Materialfluss durch die Digitalisierung größer sind als der Verbrauch durch ihren Einsatz.

Das bedeutet?

Technologische Lösungen müssen physische Lösungen, die einen hohen Energieverbrauch haben und/oder mit viel Materialeinsatz entstehen, entweder ersetzen oder optimieren. Ersatzstrategien sind z.B. PDF statt Papier, aber in deutlich größerem Umfang ist das Überspringen eines technischen Entwicklungsschritts in den Ländern des globalen Südens ein Beispiel für eine Ersatzstrategie: Die Nutzung von Mobilfunk statt dem teueren und energieintensiven Verlegen von Landleitungen.

Welche Beispiele können Sie für Optimierungsstrategien nennen?

Zwei Beispiele dafür sind a) Nachhaltigkeitsvorteile für die Länder des globalen Südens mittels intelligenter Vernetzung lokaler, dezentraler alternativer Energieerzeugung, um den ressourcenintensive Transport der Energie aus zentralen und emissionsintensiven Kohlekraftwerken zu vermeiden. b) kann man intermodale Mobilität in urbaner Umgebung nennen. Hier bietet sich eine große Menge an Möglichkeiten, durch digitale Strategien die drei erforderlichen Ziele der urbanen Mobilität effizient und mit maximaler Nachhaltigkeit zu erreichen: Vermeidung von Verkehr (z.B. Reduzierung von Wegen), Verlagerung von Verkehr (z.B. intermodale Lösungen) und Kontrolle des Verkehrs (optimierte Ausnutzung der Fläche mit Verkehrsvolumen). Und das geht theoretisch ohne jedes Zusatzgerät, Anzeigetafeln oder Faltpläne per Smartphone.

Wo kommt das Nachhaltigkeitspotenzial am Beispiel Streaming zur Geltung?

Streaming bietet im Vergleich zum Leihen eines Videos in der Videothek per Auto tatsächlich einen gewissen Nachhaltigkeitsvorteil. Dies liegt aber in der Transportfrage. Die Dematerialisierung - sprich die Nutzung eines Datenstroms statt der Herstellung eines physischen Datenträgers - fällt nicht ins Gewicht. Leider ist Streaming eher ein Beispiel für ein Nachhaltigkeitsdefizit der Digitalisierung. Das liegt am niedrigschwelligen Zugang: ohne sich vom Sofa zu erheben lässt sich ein Netzflix-Abo abschließen und sofort im Anschluss können theoretisch über Stunden und Tage Serien und Filme en masse konsumiert werden. Das lässt zu einem übermäßigen Konsum bis hin zum Binge Watching (‘Komaglotzen’) ein. Das Nachhaltigkeitsdefizit besteht darin, dass der Datenstrom aus Datenzentren stammt, die einen erheblichen Anteil am Stromverbrauch und dadurch an den menschlich erzeugten Emissionen haben, die die Herstellung und Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) erzeugt.

Es gibt Schätzungen, die davon ausgehen, dass durch die Verbreitung von IKT sich der heutige Energiebedarf bis ins Jahr 2030 verdoppelt. Der zentrale Faktor der Nachhaltigkeit ist eben die Suffizienz, also die Reduzierung des Konsums und Lebensstils. Vor dem nächsten Serienmarathon sollte also daran gedacht werden, dass dieser einen kleinen Anteil der Erderwärmung ausmacht.

Felix Sühlmann-Faul

Foto und Copyright: Felix Sühlmann

Felix Sühlmann-Faul, geboren 1979, ist freier Techniksoziologe mit Spezialisierung auf Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Er studierte Soziologe, Germanistik und Politikwissenschaftler und war drei Jahre Versuchsleiter in der Daimler Kundenforschung. Dort verfasste er auch seine Magisterarbeit über ökologisches Mobilitätsverhalten. Danach war er sechs Jahre Projektleiter für sozialwissenschaftliche Begleitforschung am Institut für Transportation Design in Braunschweig zu Themen wie alternativer Energieerzeugung, autonomem Fahren und intermodalen Verkehrskonzepten. Zuletzt verfasste er eine Studie zu den Nachhaltigkeitsdefiziten der Digitalisierung und möglichen Handlungsempfehlungen im Auftrag des WWF Deutschland und der Robert Bosch Stiftung. Aktuell promoviert er über das Thema Plattformkapitalismus. Im dritten Quartal 2018 erscheint das Buch “Der blinde Fleck der Digitalisierung” von Felix Sühlmann-Faul und Stephan Rammler im Oekom Verlag.

Weiterführende Informationen:

CSR und Digitalisierung. Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer. SpringerGabler Verlag. Berlin Heidelberg 2017.