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09/11/2018 11:50 CET | Aktualisiert 09/11/2018 12:35 CET

DDR-Bürgerrechtler 9. November: "Mit 'Wir sind das Volk' werden heute Andersdenkende diffamiert"

In der HuffPost äußern sich ehemalige DDR-Bürger zum Jahrestag des Mauerfalls dazu, wie sich ihre Heimat seither verändert hat.

Marco Fieber / HuffPost
Frank Richter in der Altstadt von Meißen.

Das Jahr 1989 ist zu einem Fixpunkt geworden. Es ist ein Datum, welches das Ende des verkürzten 20. Jahrhunderts und der bipolaren Welt bedeutete – und damit nicht nur für Deutschland, sondern auch für Europa und die ganze Welt wichtig ist.

Äußerlich hat Ostdeutschland den Anschluss an das 21. Jahrhundert gefunden. Innenstädte, Straßen, Brücken oder auch die digitale Infrastruktur: Manches ist heute schöner und funktionaler als im Westen.

Auch die Umwelt und die Natur sind nicht mehr mit ihrem Zustand in der DDR zu vergleichen. Die Deutsche Demokratische Republik war am Ende in vielerlei Hinsicht ein sterbendes Land.

Der Umbau der ostdeutschen Gesellschaft, der Wirtschaft und der Politik erfolgte tiefgreifend und umfassend. Viele Dinge änderten sich so schnell, dass es schwierig war, diese überhaupt zu erfassen. Für viele Menschen erfolgte diese Transformation alles andere als problemlos.

Wenn wir heute die Gesellschaft in den neuen Bundesländern betrachten, sehen wir noch immer viele Verwerfungen, die Unzufriedenheit und die politischen Probleme haben zugenommen.

Wir müssen uns gegen die Feinde der Demokratie stellen

Vielerorts taucht dieser Tage auch wieder ein Ruf auf: “Wir sind das Volk”. Doch wenn heute diese Losung von 1989 erneut auf Demonstrationen gerufen wird, sehe ich das ambivalent: Wir haben den Ruf bei der friedlichen Revolution verwendet, um Freiheit zu erringen, dazu gehörte auch die Demonstrations- und Meinungsfreiheit.

Und wir haben damals “Wir sind das Volk” gerufen, damit auch heute jeder rufen kann, was er möchte. Deshalb können wir uns eigentlich nicht beschweren.

Auf der anderen Seite war es natürlich der Ruf der Opposition in einer Diktatur gegen die Staatsmacht.

Der Ruf war verbunden mit Gewaltlosigkeit, Friedfertigkeit und er war eine Einladung an die DDR-Führung in Verhandlungen zu treten. Heute ist der Ruf eine Ausladung an demokratisch gewählte Politiker, er dient auch der Diffamierung Andersdenkender.

Ja, diese Ambivalenz müssen und können wir aushalten. Klar ist aber auch: Wir müssen uns gegen die Feinde der Demokratie stellen.

“Wir sind das Volk”: HuffPost-Aktion zum 9. November

 

Zum Jahrestag des Mauerfalls spricht die HuffPost mit Zeitzeugen, die die friedliche Revolution in der DDR miterlebt haben. Sie blicken zurück auf die Wendezeit und wie sich Ostdeutschland seitdem entwickelt hat. Unter diesem Link findet ihr den Überblick mit allen Zeitzeugen. Das sind die einzelnen Beiträge:

 

Der Text wurde von Marco Fieber protokolliert.